Neurodivergente Kinder erleben und verarbeiten ihre Umwelt oft anders.
Mit klarer Kommunikation und verlässlichen Strukturen können Fachkräfte
Barrieren abbauen und Teilhabe im Kita-Alltag ermöglichen.
Jedes Gehirn ist so einzigartig strukturiert wie ein Fingerabdruck. Kinder,
die sich anders entwickeln, gab es schon immer. Mit einigen Begriffen wie
neurotypisch oder neurodivergent versucht man aktuell, dieser Tatsache
besser gerecht zu werden (siehe Seite 14).
Die Ursachen für neurodivergente Entwicklungen sind zum größten Teil genetisch
bedingt und beginnen bereits im Mutterleib.
Eine Ausnahme ist FASD
(Fetale Alkohol-Spektrum-Störung), die immer auf den Konsum von Alkohol
während der Schwangerschaft zurückzuführen ist.
Das Erziehungsverhalten der Eltern hat keinen Einfluss auf die Entstehung
von Autismus oder ADHS. Auch Ernährung, Impfungen, Vitamine oder ein
ausgedehnter Medienkonsum spielen keine Rolle. Laut WHO ist ein
Medienkonsum von mehr als einer Stunde täglich für Kinder im Kindergartenalter
zwar schädlich.1 Ein ausgedehnter Medienkonsum führt allerdings nicht
zur Entstehung von Autismus oder ADHS.
Interessant ist auch, dass neurodivergente Entwicklungsformen oft gemeinsam
auftreten, beispielsweise Autismus und ADHS.
Auch im Kita-Alltag treffen
Fachkräfte vermehrt auf Kinder, bei denen Autismus oder ADHS vermutet wird.
Um sich sicher zu fühlen und kooperieren zu können, sind neurodivergente
Kinder auf Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit angewiesen. Das bedeutet
nicht, möglichst viele Pläne zu haben, sondern die richtigen.
Eine Infotafel im Eingangsbereich des Gruppenraums kann Fotos der anwesenden
Fachkräfte zeigen. Wenn ein Geburtstag gefeiert wird, kann eine Krone an
der Infotafel dies ankündigen. Was könnten Sie noch an der Infotafel
visualisieren? Schulkooperation, Turntag, Essen und alles, was den heutigen
Tag betrifft. Eine Schachtel im Regal kann alle Bilder enthalten, die heute
nicht gebraucht werden.
Neurodivergente Kinder sind oft nicht sehr flexibel und benötigen mehr Zeit,
um sich auf Situationen einzustellen. Darum ist es zu spät, diese Informationen
erst im Morgenkreis gemeinsam zu erarbeiten. Auch den Eltern sollte klar sein,
dass Zuverlässigkeit absolut wichtig ist, zum Beispiel in Abholsituationen.
Natürlich ist Vorhersehbarkeit nicht immer realistisch: Fachkräfte werden
krank, das Wetter spielt nicht mit und so weiter. Deshalb sollten alle
Erwachsenen bemüht sein, überall dort Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit
herzustellen, wo es ihnen möglich ist.
Dinge müssen Sinn ergeben
Um kooperieren zu können, sind neurodivergente Kinder auf Transparenz
angewiesen. Nehmen Sie sich deshalb Zeit, um den Kindern die Möglichkeit zu
geben, Situationen wirklich zu verstehen. Je besser Kinder nachvollziehen
können, warum Dinge getan werden, desto eher werden sie kooperieren. Diese zeitliche Investition lohnt sich, um
herausfordernde Situationen zu vermeiden.
Oft verarbeiten neurodivergente Kinder Reize anders. Das kann bedeuten, dass
mehrere Reize im Gehirn gleichzeitig ankommen und das Kind fast willkürlich
entscheidet, worauf es seine Aufmerksamkeit lenkt: die Erklärung einer
pädagogischen Fachkraft, das Geräusch der Autos vor dem Fenster, die eigenen
Gedanken, die Bewegungen und Worte anderer Kinder oder das Flackern des
Lichts.
Zusätzlich werden manche Reize von neurodivergenten Menschen viel stärker
verarbeitet. Dann stören schon das Bündchen an der Winterjacke oder ein Stück
Apfel, das anders geschnitten ist als gestern. Kälte wird manchmal eher als
angenehm empfunden, Hitze dagegen oft als schmerzhaft.
Reize können aber auch schwächer verarbeitet werden. Dann ist es genau
andersherum: Das Gehirn braucht eine sehr starke Stimulation, damit es
überhaupt reagiert. Ein Beispiel hierfür ist ein Kind, das sich verletzt und
dies kaum wahrnimmt.
Wichtig ist, dass die Art und Weise, wie ein Kind sensorische Reize
verarbeitet, echt ist. Es „stellt sich nicht an“ und muss auch nicht lernen,
dass es „doch nicht so schlimm ist“. Überlegen Sie, wie Sie im Alltag
pragmatisch dieser individuellen Wahrnehmung gerecht werden können:
Schneiden Sie den Apfel immer gleich, bieten Sie Lärmschutzkopfhörer an oder
akzeptieren Sie, dass das Kind in Ihren Augen zu dünn gekleidet ist.
Kommunikationsfallen vermeiden
Gesprochene Kommunikation wird oft nicht differenziert
genug verarbeitet. Es passiert leicht, dass
Erklärungen, Absprachen, Anweisungen oder Erinnerungen
und Ermahnungen nicht vollständig
und korrekt verarbeitet werden. Das führt schnell
zu Missverständnissen und Ärger auf beiden Seiten.
Generell gibt es ein paar „Fallen“:
-
Offene Fragen: sind solche, auf die es viele
Möglichkeiten zu antworten gibt, zum Beispiel:
„Was hast du am Wochenende gemacht?“ Viele
neurodivergente Kinder sind auf Eindeutigkeit
angewiesen. Es gibt ein Gefühl von Sicherheit,
wenn es ein Richtig und ein Falsch gibt. Offene
Fragen sind darum nicht immer hilfreich.
Die Frage „Warst du am Wochenende bei der
Oma?“ ist eindeutig zu beantworten.
-
Ich-Botschaften: sind für Kita-Kinder oft zu
kompliziert und schwer zu entschlüsseln. Ein
Beispiel: „Ich möchte nicht, dass die Legos
durch das Zimmer fliegen.“ Besonders autistische
Kinder entnehmen nicht unbedingt die
enthaltene Botschaft. Ich-Botschaften können
schnell ein Hauch von Adultismus transportieren:
Warum sollen wir das tun, was eine erwachsene
Person möchte, und nicht das, was
wir möchten? Hilfreicher ist es deshalb, genau
das zu sagen, was das Kind verstehen soll: „Die
Legosteine müssen in der Bauecke bleiben, weil
sie sonst die Kinder am Maltisch treffen können.“
-
Sagen statt fragen: Ziehst du bitte deine
Schuhe an?“ Das klingt wie eine Frage, ist aber
keine. Für neurodivergente Kinder ist es nicht
immer eindeutig, wann eine Frage tatsächlich
eine Frage ist und wann etwas nur wie eine Frage
klingt, aber es sich eigentlich um eine Aufforderung
handelt. Eindeutiger wäre: „Wir gehen
gleich in den Garten. Hier sind deine Schuhe,
zieh sie schon mal an.“
Eine sehr hilfreiche Methode, um Konflikte zu
vermeiden oder im Nachhinein aufzuklären, sind
„Soziale Anleitungen“.2 Sie helfen dem Kind, in
einfacher Sprache die benötigten Informationen
zu erhalten, um zu verstehen, welches Verhalten
in bestimmten Situationen passend ist.
Den Kita-Alltag neuroinklusiv anpassen
-
Beim Freispiel sind viele eigene Entscheidungen
nötig. Eventuell brauchen neurodivergente
Kinder nach dem Ankommen eher ein festes
Ritual und nicht die Frage: „Was möchtest du
heute spielen?“
-
Aufräumen: Etwa zehn Minuten, bevor es Zeit
zum Aufräumen ist, könnten Sie ein visuelles
Hilfsmittel wie einen Timer aufstellen, am besten
mit dem Bild oder Piktogramm „Aufräumen“
daneben. Das signalisiert: Wenn das Rote
auf dem Ziffernblatt weg ist, ist Aufräumen
dran. So kann sich jedes Kind orientieren. Für
neurodivergente Kinder sind diese Tools eine
wichtige Grundlage. Nutzen Sie solche Timer so
oft wie möglich, um Übergänge vorzubereiten.
Aufräumen gibt keinen „Dopamin-Kick“ und
Unordnung sieht jeden Tag anders aus. Darum
ist die Aufforderung „Wir räumen auf“ oft zu
-
Im Morgenkreiskönnen kleine Warte-Rituale
die Wartezeit überbrücken. Denn innerer
Leerlauf oder Langeweile sind für neurodivergente
Kinder häufig sehr schwierige Situationen.
Wenn ein Kind den gesamten Morgenkreis
nicht durchhält, vereinbaren Sie, wie lange
es dabei bleibt, zum Beispiel bis zum Begrüßungslied
und einem Spiel. Danach darf das
Kind in einen von ihm gewählten Bereich gehen.
Es ist besser, dies im Voraus zu planen, als
zu warten, bis es gar nicht mehr geht, und dann
zu reagieren.
-
Beim Essen könnte das Käsebrot eines anderen
Kindes so stark riechen, dass das neurodivergente
Kind das nicht verarbeiten kann. Zusätzlich
gibt es viele unvorhersehbare Interaktionsmomente:
Wer sieht mich an? Wer lacht, spricht
oder tut sonst etwas und mit wem? Für Kinder,
bei denen ADHS im Vordergrund steht,
ist das geeignet, denn es ist immer etwas los
und wird nicht langweilig. Für Kinder mit Autismus
kann ein gemeinsames Essen eine große
Herausforderung darstellen. Manchmal hilft
es, allein zu essen, zu einer festen Zeit zu essen
oder einen festen Platz am Esstisch zu haben.
-
Langeweile und sich selbst etwas zum Spielen
zu suchen, ist für viele neurodivergente Kinder
sehr ungünstig. Es kann helfen, viele kleine
Aufgaben, kurze Beschäftigungen und Möglichkeiten
zur Abwechslung und Mikrobewegungen
zu schaffen (zum Beispiel Gummi um
Stuhlbeine, Wackelkissen, Materialien holen).3
Unsichtbare Barriere entdecken
Werden neurodivergente Kinder öfter ermahnt
oder zurechtgewiesen, wirkt sich dies ungünstig
auf ihr Selbstwertgefühl aus. Langfristig kann das
zu psychischen Erkrankungen beitragen. Die Barrieren
für Kinder mit Autismus oder ADHS sind
oft unsichtbar. Werden Kinder in bestimmten Situationen
immer wieder negativ kommentiert,
kann das ein Hinweis auf unsichtbare Barrieren
im Kita-Alltag sein.
Reflexionsfragen für Teams
-
Wer im Team hat welches Wissen über Autismus und ADHS? Tauschen Sie sich aus und sammeln Sie.
- Wo sind wir unsicher?
- Welches Fachwissen fehlt uns, um ein neurodivergentes Kind professionell zu begleiten?
- Was ist für uns „normales“ Verhalten, was nicht?
- Was wissen wir sicher über ein Kind und sein Verhalten und was interpretieren wir?
- Welches Kind steht oft im Mittelpunkt – freiwillig oder unfreiwillig?
- Welches Kind bleibt im Hintergrund?
- Wem wird bewusst Aufmerksamkeit geschenkt, wem nicht?
- Wie neuroinklusiv sind unser Tagesablauf, unsere Regeln und Räume?
- Wie gut kennen wir die Perspektive der Eltern, was interpretieren wir?
- Welche Ansprechpersonen und Beratungsstellen gibt es in unserem Netzwerk?
QUELLEN:
1 Vgl. WHO (2019): Guidelines on physical activity, sedentary
behaviour and sleep for children under 5 years
of age. https://iris.who.int/server/api/core/
bitstreams/60a1cbaa-2bef-4251-9557-e52ce22112b3/
content (letzter Zugriff: 24.8.2026).
2 Vgl. Schütz, L. (2024): „Ich will das aber haben!“ Konfliktbewältigung
mit Kita-Kindern. Mülheim an der
Ruhr: Verlag an der Ruhr.
3 Vgl. Schütz, L. (2026): Ich bin ich. Neurodivergente
Kinder begleiten. Stuttgart: Klett Kita.