Neurodivergente Kinder in der Kita: Manche Gehirne funktionieren anders

Neurodivergente Kinder erleben und verarbeiten ihre Umwelt oft anders. Mit klarer Kommunikation und verlässlichen Strukturen können Fachkräfte Barrieren abbauen und Teilhabe im Kita-Alltag ermöglichen.

Kindergesichter
© SolStock, mediaphotos/GettyImages

Neurodivergente Kinder erleben und verarbeiten ihre Umwelt oft anders. Mit klarer Kommunikation und verlässlichen Strukturen können Fachkräfte Barrieren abbauen und Teilhabe im Kita-Alltag ermöglichen.

Jedes Gehirn ist so einzigartig strukturiert wie ein Fingerabdruck. Kinder, die sich anders entwickeln, gab es schon immer. Mit einigen Begriffen wie neurotypisch oder neurodivergent versucht man aktuell, dieser Tatsache besser gerecht zu werden (siehe Seite 14). Die Ursachen für neurodivergente Entwicklungen sind zum größten Teil genetisch bedingt und beginnen bereits im Mutterleib.
Eine Ausnahme ist FASD (Fetale Alkohol-Spektrum-Störung), die immer auf den Konsum von Alkohol während der Schwangerschaft zurückzuführen ist. Das Erziehungsverhalten der Eltern hat keinen Einfluss auf die Entstehung von Autismus oder ADHS. Auch Ernährung, Impfungen, Vitamine oder ein ausgedehnter Medienkonsum spielen keine Rolle. Laut WHO ist ein Medienkonsum von mehr als einer Stunde täglich für Kinder im Kindergartenalter zwar schädlich.1 Ein ausgedehnter Medienkonsum führt allerdings nicht zur Entstehung von Autismus oder ADHS. Interessant ist auch, dass neurodivergente Entwicklungsformen oft gemeinsam auftreten, beispielsweise Autismus und ADHS.
Auch im Kita-Alltag treffen Fachkräfte vermehrt auf Kinder, bei denen Autismus oder ADHS vermutet wird. Um sich sicher zu fühlen und kooperieren zu können, sind neurodivergente Kinder auf Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit angewiesen. Das bedeutet nicht, möglichst viele Pläne zu haben, sondern die richtigen. Eine Infotafel im Eingangsbereich des Gruppenraums kann Fotos der anwesenden Fachkräfte zeigen. Wenn ein Geburtstag gefeiert wird, kann eine Krone an der Infotafel dies ankündigen. Was könnten Sie noch an der Infotafel visualisieren? Schulkooperation, Turntag, Essen und alles, was den heutigen Tag betrifft. Eine Schachtel im Regal kann alle Bilder enthalten, die heute nicht gebraucht werden.
Neurodivergente Kinder sind oft nicht sehr flexibel und benötigen mehr Zeit, um sich auf Situationen einzustellen. Darum ist es zu spät, diese Informationen erst im Morgenkreis gemeinsam zu erarbeiten. Auch den Eltern sollte klar sein, dass Zuverlässigkeit absolut wichtig ist, zum Beispiel in Abholsituationen. Natürlich ist Vorhersehbarkeit nicht immer realistisch: Fachkräfte werden krank, das Wetter spielt nicht mit und so weiter. Deshalb sollten alle Erwachsenen bemüht sein, überall dort Vorhersehbarkeit und Zuverlässigkeit herzustellen, wo es ihnen möglich ist.

Dinge müssen Sinn ergeben

Um kooperieren zu können, sind neurodivergente Kinder auf Transparenz angewiesen. Nehmen Sie sich deshalb Zeit, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, Situationen wirklich zu verstehen. Je besser Kinder nachvollziehen können, warum Dinge getan werden, desto eher werden sie kooperieren. Diese zeitliche Investition lohnt sich, um herausfordernde Situationen zu vermeiden.
Oft verarbeiten neurodivergente Kinder Reize anders. Das kann bedeuten, dass mehrere Reize im Gehirn gleichzeitig ankommen und das Kind fast willkürlich entscheidet, worauf es seine Aufmerksamkeit lenkt: die Erklärung einer pädagogischen Fachkraft, das Geräusch der Autos vor dem Fenster, die eigenen Gedanken, die Bewegungen und Worte anderer Kinder oder das Flackern des Lichts. Zusätzlich werden manche Reize von neurodivergenten Menschen viel stärker verarbeitet. Dann stören schon das Bündchen an der Winterjacke oder ein Stück Apfel, das anders geschnitten ist als gestern. Kälte wird manchmal eher als angenehm empfunden, Hitze dagegen oft als schmerzhaft.
Reize können aber auch schwächer verarbeitet werden. Dann ist es genau andersherum: Das Gehirn braucht eine sehr starke Stimulation, damit es überhaupt reagiert. Ein Beispiel hierfür ist ein Kind, das sich verletzt und dies kaum wahrnimmt. Wichtig ist, dass die Art und Weise, wie ein Kind sensorische Reize verarbeitet, echt ist. Es „stellt sich nicht an“ und muss auch nicht lernen, dass es „doch nicht so schlimm ist“. Überlegen Sie, wie Sie im Alltag pragmatisch dieser individuellen Wahrnehmung gerecht werden können: Schneiden Sie den Apfel immer gleich, bieten Sie Lärmschutzkopfhörer an oder akzeptieren Sie, dass das Kind in Ihren Augen zu dünn gekleidet ist.

Kommunikationsfallen vermeiden

Gesprochene Kommunikation wird oft nicht differenziert genug verarbeitet. Es passiert leicht, dass Erklärungen, Absprachen, Anweisungen oder Erinnerungen und Ermahnungen nicht vollständig und korrekt verarbeitet werden. Das führt schnell zu Missverständnissen und Ärger auf beiden Seiten. Generell gibt es ein paar „Fallen“:

  • Offene Fragen: sind solche, auf die es viele Möglichkeiten zu antworten gibt, zum Beispiel: „Was hast du am Wochenende gemacht?“ Viele neurodivergente Kinder sind auf Eindeutigkeit angewiesen. Es gibt ein Gefühl von Sicherheit, wenn es ein Richtig und ein Falsch gibt. Offene Fragen sind darum nicht immer hilfreich. Die Frage „Warst du am Wochenende bei der Oma?“ ist eindeutig zu beantworten.
  • Ich-Botschaften: sind für Kita-Kinder oft zu kompliziert und schwer zu entschlüsseln. Ein Beispiel: „Ich möchte nicht, dass die Legos durch das Zimmer fliegen.“ Besonders autistische Kinder entnehmen nicht unbedingt die enthaltene Botschaft. Ich-Botschaften können schnell ein Hauch von Adultismus transportieren: Warum sollen wir das tun, was eine erwachsene Person möchte, und nicht das, was wir möchten? Hilfreicher ist es deshalb, genau das zu sagen, was das Kind verstehen soll: „Die Legosteine müssen in der Bauecke bleiben, weil sie sonst die Kinder am Maltisch treffen können.“
  • Sagen statt fragen: Ziehst du bitte deine Schuhe an?“ Das klingt wie eine Frage, ist aber keine. Für neurodivergente Kinder ist es nicht immer eindeutig, wann eine Frage tatsächlich eine Frage ist und wann etwas nur wie eine Frage klingt, aber es sich eigentlich um eine Aufforderung handelt. Eindeutiger wäre: „Wir gehen gleich in den Garten. Hier sind deine Schuhe, zieh sie schon mal an.“

Eine sehr hilfreiche Methode, um Konflikte zu vermeiden oder im Nachhinein aufzuklären, sind „Soziale Anleitungen“.2 Sie helfen dem Kind, in einfacher Sprache die benötigten Informationen zu erhalten, um zu verstehen, welches Verhalten in bestimmten Situationen passend ist.

Den Kita-Alltag neuroinklusiv anpassen

  • Beim Freispiel sind viele eigene Entscheidungen nötig. Eventuell brauchen neurodivergente Kinder nach dem Ankommen eher ein festes Ritual und nicht die Frage: „Was möchtest du heute spielen?“
  • Aufräumen: Etwa zehn Minuten, bevor es Zeit zum Aufräumen ist, könnten Sie ein visuelles Hilfsmittel wie einen Timer aufstellen, am besten mit dem Bild oder Piktogramm „Aufräumen“ daneben. Das signalisiert: Wenn das Rote auf dem Ziffernblatt weg ist, ist Aufräumen dran. So kann sich jedes Kind orientieren. Für neurodivergente Kinder sind diese Tools eine wichtige Grundlage. Nutzen Sie solche Timer so oft wie möglich, um Übergänge vorzubereiten. Aufräumen gibt keinen „Dopamin-Kick“ und Unordnung sieht jeden Tag anders aus. Darum ist die Aufforderung „Wir räumen auf“ oft zu
  • Im Morgenkreiskönnen kleine Warte-Rituale die Wartezeit überbrücken. Denn innerer Leerlauf oder Langeweile sind für neurodivergente Kinder häufig sehr schwierige Situationen. Wenn ein Kind den gesamten Morgenkreis nicht durchhält, vereinbaren Sie, wie lange es dabei bleibt, zum Beispiel bis zum Begrüßungslied und einem Spiel. Danach darf das Kind in einen von ihm gewählten Bereich gehen. Es ist besser, dies im Voraus zu planen, als zu warten, bis es gar nicht mehr geht, und dann zu reagieren.
  • Beim Essen könnte das Käsebrot eines anderen Kindes so stark riechen, dass das neurodivergente Kind das nicht verarbeiten kann. Zusätzlich gibt es viele unvorhersehbare Interaktionsmomente: Wer sieht mich an? Wer lacht, spricht oder tut sonst etwas und mit wem? Für Kinder, bei denen ADHS im Vordergrund steht, ist das geeignet, denn es ist immer etwas los und wird nicht langweilig. Für Kinder mit Autismus kann ein gemeinsames Essen eine große Herausforderung darstellen. Manchmal hilft es, allein zu essen, zu einer festen Zeit zu essen oder einen festen Platz am Esstisch zu haben.
  • Langeweile und sich selbst etwas zum Spielen zu suchen, ist für viele neurodivergente Kinder sehr ungünstig. Es kann helfen, viele kleine Aufgaben, kurze Beschäftigungen und Möglichkeiten zur Abwechslung und Mikrobewegungen zu schaffen (zum Beispiel Gummi um Stuhlbeine, Wackelkissen, Materialien holen).3

Unsichtbare Barriere entdecken

Werden neurodivergente Kinder öfter ermahnt oder zurechtgewiesen, wirkt sich dies ungünstig auf ihr Selbstwertgefühl aus. Langfristig kann das zu psychischen Erkrankungen beitragen. Die Barrieren für Kinder mit Autismus oder ADHS sind oft unsichtbar. Werden Kinder in bestimmten Situationen immer wieder negativ kommentiert, kann das ein Hinweis auf unsichtbare Barrieren im Kita-Alltag sein.

Reflexionsfragen für Teams

  • Wer im Team hat welches Wissen über Autismus und ADHS? Tauschen Sie sich aus und sammeln Sie.
  • Wo sind wir unsicher?
  • Welches Fachwissen fehlt uns, um ein neurodivergentes Kind professionell zu begleiten?
  • Was ist für uns „normales“ Verhalten, was nicht?
  • Was wissen wir sicher über ein Kind und sein Verhalten und was interpretieren wir?
  • Welches Kind steht oft im Mittelpunkt – freiwillig oder unfreiwillig?
  • Welches Kind bleibt im Hintergrund?
  • Wem wird bewusst Aufmerksamkeit geschenkt, wem nicht?
  • Wie neuroinklusiv sind unser Tagesablauf, unsere Regeln und Räume?
  • Wie gut kennen wir die Perspektive der Eltern, was interpretieren wir?
  • Welche Ansprechpersonen und Beratungsstellen gibt es in unserem Netzwerk?

QUELLEN:

1 Vgl. WHO (2019): Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5 years of age. https://iris.who.int/server/api/core/ bitstreams/60a1cbaa-2bef-4251-9557-e52ce22112b3/ content (letzter Zugriff: 24.8.2026).
2 Vgl. Schütz, L. (2024): „Ich will das aber haben!“ Konfliktbewältigung mit Kita-Kindern. Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr.
3 Vgl. Schütz, L. (2026): Ich bin ich. Neurodivergente Kinder begleiten. Stuttgart: Klett Kita.
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