Geht das nur mir so?: Neuro-was?

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Neu-ro-di-ver-genz. Als ich dieses Wort zum ersten Mal hörte, saß ich nicht im Uni-Hörsaal. Ich lag nach der Arbeit kaputt auf meinem Sofa und doomscrollte durch Social Media. Der Ort, an dem man nach einem Kita-Tag voller Reize zur Ruhe kommen möchte.
Saskia, eine Lehrerin und Content-Creatorin, sprach über ihre eigenen Herausforderungen als neurodivergente Person. Mein Daumen stoppte. Ein seltener Moment. Die Influencerin berichtete, welche Strategien ihr helfen, den Alltag zu meistern. Dabei hatte nicht mal „das ultrablitzschnelle Sauerteigbrot mit Ruchmehl für Faule“ meine abendliche Aufmerksamkeitsspanne von ungefähr drei Sekunden überdauert.
Saskia erzählte von ihren Erfahrungen. Darunter Verhaltensweisen, die mir aus meinem Berufsalltag bekannt vorkamen, die ich aber damals nicht miteinander in Verbindung gebracht hatte. Vieles, was ich bereits kannte und erlebt hatte, bekam mit dem Video einen Namen. Und dabei ging es nicht um das neueste Parfüm von Ariana Grande.
Beim Anschauen des Reels fielen mir direkt Kinder und Situationen ein. Mira, die immer wieder das Spiel der anderen störte. Hiat, der sich im Freispiel regelmäßig die Ohren zuhielt. Natürlich wird ein Studium oder eine Ausbildung nie alles abdecken. Dafür schreitet das Wissen über die kindliche Entwicklung zu schnell voran. Doch ein Grundverständnis von Neurodivergenz hätte ich mir früher gewünscht. Es hätte mir viele Fragezeichen und eine Menge Frustration erspart. Ich hätte früher verstanden, welche immensen Überforderungen der Kita-Alltag für manche Kinder mit sich bringt – und wie ich ihnen besser begegnen kann. Das alles wirft vielleicht erst mal ein schlechtes Licht auf die Ausbildungsstätten, aber immerhin ein gutes auf meinen Algorithmus.
Zwischen Sauerteigvideos und Kochrezepten, die ich fleißig abspeichere, aber nie nachkoche, bekommt mein Bauchgefühl einen Namen und ich ein neues Bewusstsein. Zu alledem ziemlich ironisch, dass ich diesem Begriff mit seiner Bandbreite das erste Mal auf einer völlig reizüberflutenden Plattform begegnet bin. Habt ihr eigentlich schon Reformer-Pilates ausprobiert?
Ja, ich weiß schon: Reels ersetzen keine Fortbildung und sollten immer hinterfragt werden. Im Fall der Neurodivergenz hat es mir den nötigen Anstoß gegeben, meinen eigenen Blick zu verändern. Und das nachhaltiger als jeder Raspberry Danish Latte.
Ich stelle fest: Der eigentliche Wert von Social Media liegt nicht im feierabendlichen Abschalten (Spoiler: klappt sowieso nicht) – sondern vor allem in der Tatsache, dass Wissen, Erfahrungen und Inspirationen so einfach wie noch nie geteilt werden können. Zwischen den abgespeicherten Kochrezepten (Fettuccine mit Cashew-Spinat-Rote- Bete-Pesto!) findet sich schließlich doch viel mehr als das nächste nie nachgekochte Abendessen.

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