Am 28. Februar begannen unter den martialisch klingenden Codebegriffen „Brüllender Löwe (Israel) sowie „Epischer Zorn" (USA) die strategisch geplanten, koordinierten Angriffe Israels und der USA auf den Iran. Erklärtes Ziel der Operationen ist zum einen, die Raketen- und Militärkapazitäten des Iran zu zerstören, zum anderen die Entwicklung von Nuklearwaffen durch den Iran auf Dauer zu verhindern und schließlich hochrangige iranische Amtsträger und Militärführer auszuschalten. Nachdem die politische Führung des Iran bereits zu Beginn der militärischen Auseinandersetzung getötet wurde, warb US-Präsident Donald Trump für einen Regimewechsel. Er bot Mitgliedern der Islamischen Revolutionsgarden Straffreiheit bei Waffenabgabe an, drohte aber bei Widerstand mit dem „sicheren Tod“. Der Iran reagierte im Rahmen seiner Operation „Wahres Versprechen“ (True Promise 4) mit einem militärischen Rundumschlag und griff israelische Ziele sowie US-Stützpunkte in Katar, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Irak, Jordanien, Kuwait und weitere Staaten an. Selbst zivile Infrastruktur im Oman, der zuvor neutral vermitteln wollte, wurde mit Drohnen angegriffen.
Visitenkarte der Geheimdienste
Die Präzision des Militärschlags, mit der es gelang, direkt in den ersten Tagen den Obersten Führer Ali Chamenei, Verteidigungsminister Asis Nassirsadeh, Revolutionsgarde-Kommandeur Mohammad Pakpour, Verteidigungsratsvorsitzenden Ali Schamchani und Generalstabschef Abdolrahim Mousavi zu töten, zeugt von einer exakten strategischen Planung ebenso wie von den genauen Informationen, die den US-amerikanischen und israelischen Geheimdiensten vorliegen. Wie schon die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar vermuten ließ, verweist die Tötung des Obersten Führers des Iran im Februar darauf, dass insbesondere die US-amerikanischen Geheimdienste über eine verlässliche Struktur von Informanten im unmittelbaren Umfeld der Staatschefs verfügen, die solche Operationen überhaupt erst möglich machen. Hier zeigt sich einerseits das Potenzial der beiden Geheimdienste. Andererseits entlarvt der geplante amerikanische Angriff im Nahen Osten den von Donald Trump unmittelbar vor dem Militärschlag einberufenen Friedensrat als Farce: Während der amerikanische Präsident die Teilnehmer seines Friedensrates in einer fahrigen Rede begrüßte, hatte er schon längst Flugzeugträger in den Nahen Osten dirigiert und konzentrierte sich tatsächlich auf die Strategie für einen komplizierten Militärschlag gegen den Iran.
Umbau des Nahen Ostens
Die Militäraktion kann als Teil eines derzeit zu beobachtenden geopolitischen Umbaus des Nahen Ostens betrachtet werden. Dabei ging es zunächst darum, die proiranischen Huthi zu schwächen. Um deren vor allem über Somalia laufenden Waffennachschub zu unterbinden, suchte Israel Ende 2025 die Nähe zum separatistischen Somaliland, das am 26. Dezember von Israel als erster Staat überhaupt anerkannt wurde. Ziel dieses diplomatischen Zugeständnisses durch Israel ist es, am Horn von Afrika einen Stützpunkt im Kampf gegen die iranischen Waffenlieferungen in den Jemen aufzubauen.
Im Folgeschritt kam es Ende des vergangenen Jahres 2025 im Südjemen zu einer Auseinandersetzung zwischen der dortigen Separatistenbewegung und den von Saudi-Arabien unterstützten Truppen. Ursprünglich waren Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Südjemen im Kampf gegen die Huthi im Norden vereint. Zugleich konkurrieren die beiden einflussreichen Staaten aber um die Kontrolle über die strategisch wichtigen Hafenanlagen im Süden des Landes, die für die Seeverbindung entlang der jemenitischen Küste durch den Golf von Aden bis ins Rote Meer bedeutsam sind. Nachdem die mit den Vereinigten Arabischen Emiraten koalierenden Separatisten, der sogenannte „Südliche Übergangsrat“ (STC), die südjemenitische Hadramaut im vergangenen Dezember zunächst im Eiltempo überrannt und erdölreiche Gebiete eingenommen hatte, ging Saudi-Arabien mit massiven Militärschlägen gegen die Separatisten vor, drängte sie zurück und veranlasste ihren Führer Aidarus al-Subaidi, den Südjemen fluchtartig zu verlassen. Der STC wurde für aufgelöst erklärt. Damit verloren die Vereinigten Arabischen Emirate ihren Einfluss auf den Südjemen an das Regime in Riad.
Dass nun wenige Stunden vor dem israelisch-amerikanischen Militäreinsatz mit den afghanischen Taliban ein weiterer Verbündeter des Iran durch eine pakistanische Kriegserklärung militärisch gebunden wurde, wird kein Zufall gewesen sein. Zwar dürfte das militärische Potential des selbsternannten Emirats am Hindukusch nur begrenzt sein. Dennoch spielt es dem Militäreinsatz gegen den Iran in die Hände, dass Afghanistan militärisch an seiner Ostgrenze gebunden wurde. So können Israel und die USA eine Militäraktion ausführen, die letztlich bilateral (als zwischenstaatlicher Konflikt zwischen Israel und Iran), regional (als Konflikt zwischen den regionalen Großmächten Saudi-Arabien und Iran) und auch global (als Konflikt zwischen den USA und dem Iran sowie seinem Verbündeten Russland) einzuordnen ist.
Ein anderes Politikverständnis
Vergleichsweise leise klingen derzeit die Verweise zahlreicher westlicher Staatschefs auf das Völkerrecht. Während sie den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, der sich wenige Tage vor Beginn des Militärschlags gegen den Iran zum vierten Mal jährte, noch deutlich anprangerten, erscheint vielen von ihnen eine ebenso klare völkerrechtliche Einordnung des israelisch-amerikanischen Vorgehens als wenig opportun. Und es stellt sich die Frage, ob das Zeitalter eines Glaubens an das Völkerrecht zu Ende geht und stattdessen eine von Bundeskanzler Friedrich Merz zuletzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz skizzierte Ära der Großmächte begonnen hat.
Dieser „Zeitenwechsel“ wäre Ausdruck eines Politikverständnisses, das endgültig mit einem in den vergangenen Jahrzehnten in Europa und der westlichen Welt kultivierten Verständnis bricht, welches auf überstaatliche Institutionen setzt. Es geht dabei nicht um Putin oder Trump, wie in der Vergangenheit oftmals personifizierend, emotionalisierend und damit simplifizierend suggeriert wurde. Hinter dem hier angedeuteten Zeitenwechsel stehen politische Verständnisse und politikwissenschaftliche Theorien des Institutionalismus, des Funktionalismus und des übergeordneten Ausgleichs staatlicher Interessen. Diesen setzen insbesondere die USA ein neorealistisches Politikverständnis gegenüber, das nicht mehr an die Wirksamkeit überstaatlicher Institutionen glaubt und stattdessen in einem imaginierten, vielleicht sogar realen Kampf ums Überleben auf die eigene militärische Stärke setzt.
Vorsicht bei der Bewertung von Weltbildern
Gerade Europa ist so stark vom Institutionalismus geprägt, dass es einem neorealistischen Politikverständnis fast schon angewidert begegnet. Aber vielleicht wäre etwas mehr Selbstkritik gerade auch mit Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten angesagt. Erinnert werden darf an die europäische Euphorie mit Blick auf den „Arabischen Frühling“ vor rund 15 Jahren. Erhofft wurde seinerzeit der Abgesang zahlreicher Unrechtsregime sowie die Etablierung demokratischer Strukturen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderen arabischen Ländern. Tatsächlich entwickelt haben sich nach dem Sturz der Despoten blutigste Bürgerkriege: die Folgejahre des „Arabischen Winters“ forderten Millionen Todesopfer. Eine demokratische Neuordnung des Nahen Ostens ist in fast allen Staaten gescheitert. Auch die Hoffnung auf Gewährung von Religionsfreiheit hat sich in der Region nicht erfüllt. Obwohl die meisten Staaten sich zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 und insbesondere auch zum völkerrechtlich verbindlichen Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte (IPbpR) aus dem Jahr 1966 bekannt haben, sind dessen Aussagen zur Religionsfreiheit (Artikel 48) in der Region weitestgehend Makulatur.
Die Rolle der Kirche
Vergleichsweise zurückhaltend äußert sich der Vatikan bislang zu dem militärischen Konflikt im Nahen Osten. Es ist – das liegt auf der Hand – sicherlich nicht die Rolle der Kirche, sich für ein neorealistisches Politikverständnis auszusprechen. Weil sie im Gegensatz zu einzelnen Staaten eben keine staatlichen (beziehungsweise „staatsegoistischen“), sondern überstaatliche Interessen vertreten muss. Aber vielleicht ist es auch nicht klug, das militärische Vorgehen aktuell zu stark zu kritisieren. Vielleicht ist derzeit eher die Zeit des ohnmächtigen Schweigens, des leisen Mahnens und des Anbietens diplomatischer Vermittlung im Angesicht von massiver Gewalt. Weil (natürlich nicht mit Blick auf tödliche Gewalt, sondern mit Blick auf die Reaktion der Kirche) das Kohelet-Wort die Richtung weist: „Jegliches hat seine Zeit.“
Dabei darf es bei diesen sich selbst auferlegten leisen Tönen keine Rolle spielen, dass sich in den betroffenen Ländern des Nahen Ostens vergleichsweise wenige Christen aufhalten. Neben einer marginalen Anzahl europäischer Christen mit oftmals geringer religiöser Bindung sind es vor allem christliche Migranten aus den Philippinen, Indien und Bangladesch, die in den Golfstaaten überwiegend unter prekären Bedingungen leben. Vorsichtig äußerten sich in der unübersichtlichen und volatilen Situation bislang auch die Bischöfe von Nord- und Südarabien. So appellierten die Apostolischen Vikare von Nord- und Südarabien zunächst einmal an die Gläubigen, Ruhe zu bewahren und staatliche Sicherheitsanweisungen zu beachten. Aldo Berardi, der Apostolische Vikar von Nordarabien (Bahrain, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien) betonte besonders den Schutz älterer, kranker und vulnerabler Menschen. Bischof Paolo Martinelli, Apostolischer Vikar von Südarabien (Vereinigte Arabische Emirate, Oman, Jemen), hob die Bedeutung des gemeinsamen Gebets für den Frieden hervor.
Eine ähnliche Tonlage schlug auch Papst Leo XIV. an. „Stabilität und Frieden entstehen nicht durch gegenseitige Drohungen oder Waffen, die Zerstörung, Leid und Tod säen, sondern nur durch einen vernünftigen, authentischen und verantwortungsvollen Dialog“, mahnte er im Rahmen des Angelusgebets am Tag nach Kriegsbeginn. Im Spannungsfeld von militärischem Neorealismus und diplomatischem Institutionalismus warb er, ohne große Worte zu machen, für eine Überwindung der Gewalt. „Möge die Diplomatie ihre Rolle zurückgewinnen und das Wohl der Völker fördern, die sich nach einem friedlichen, auf Gerechtigkeit gegründeten Zusammenleben sehnen. Und lasst uns weiterhin für den Frieden beten.“ Deutlichere Worte ließ er wenige Tage später Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin formulieren.
Die Stunde der militärischen Gewalt ist nur bedingt die Stunde der Kirche. Währenddessen kann sie gerade oftmals am ehesten in den diplomatischen Hinterzimmern segensreich wirken. Die Zeit für das Wort der Kirche wird kommen, wenn Waffen (wieder) schweigen. Und selbst dann ist die Kirche gut beraten, in der arabischen Welt nicht allzu laute Töne anzuschlagen. Um sich nicht selbst zu diskreditieren, sondern um als Gesprächspartnerin in einem arabischen Umfeld geschätzt zu werden. Dieses vorsichtige Schweigen angesichts des ohrenbetäubenden Lärms der Gewalt tut weh. Es kann aber notwendig sein, um dann die Stimme wirkmächtig zu erheben, wenn die Waffen schweigen.