Selten gab es auch auf einer Vollversammlung der Bischöfe eine Pressekonferenz mit derart geistlichem Gepräge. Als der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz gestern vor die zahlreich versammelten Journalistinnen und Journalisten in Würzburg trat und das Wort ergriff, wurde es hymnisch. Seine ersten Worte entstammten einen biblischen Lobpreis. Mit Heiner Wilmer ist jetzt ein Bischof an der Spitze des Gremiums, der sich dezidiert als Geistlicher versteht. Für ein Setting, in dem oft genug Kirchenpolitik und Gesellschaftskritik das Erste ist, ist das ungewöhnlich genug. Also auch hier jetzt ein Ordensmann, seines Zeichens ein Herz-Jesu-Priester, ein sehr guter Prediger, der das freie Wort pflegt, und ein Theologe voller Intellektualität.
Ganz überraschend ist das freilich nicht. Denn es hatten sich in den vergangenen Jahren der Synodale Weg und die später gestarteten weltkirchlichen synodale Prozesse zwar angenähert. Aber das Narrativ einer katholischen Kirche in Deutschland, die einen Sonderweg eingeschlagen habe, hat sich bis heute ärgerlich hartnäckig gehalten. Insofern war den Bischöfen offensichtlich sehr daran gelegen, jemanden zum Vorsitzenden zu wählen, der römische und andere Bedenken überzeugend zerstreuen kann. Wilmer hatte sich in den vergangenen Jahren und Monaten immer als jemand präsentiert, der den Kirchenkrisen intensiver auch mit spirituellen Impulsen begegnen will, wie das zum Kern des Programms der Weltsynode gehörte. War nicht Wilmer schon damals in der Zeit nach der Vollversammlung vor sieben Jahren in Lingen jemand, der gerne auch das Thema Evangelisierung als wichtige Fragestellung für ein Forum im Rahmen des Synodalen Wegs gesehen hätte?
Ein zweites Plus sprach für ihn, dass gerade angesichts der vergangenen Jahre immer wichtiger geworden ist: Der Mann spricht Italienisch. Wilmer ist nicht nur – neben dem im Katholizismus eher selten zu hörenden Plattdeutsch – grundständig sprachenbegabt, sondern eben auch des Idioms der Römer mächtig. Er hat, bevor er 2018 Bischof von Hildesheim wurde, allein drei Jahre lang als Generaloberer seines Ordens in der Ewigen Stadt gelebt, von da aus aber auch die Weltkirche bereist. Papst Leo XIV. und Bischof Heiner Wilmer sind hier Brüder im Geiste. Als Verantwortliche für ihre Orden haben sie in ihrer Amtszeit gelernt, in welch unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten die jeweiligen Ortskirchen weltweit leben. Zuhören können und differenzieren: Das kann man da lernen.
In einem Gespräch für das Themenheft der Herder Korrespondenz „Fromm und frei. Spiritualität heute“ (HK Spezial, Nr. 2/2021) sagte Wilmer ausdrücklich. „Das Gegenteil von (…) Gehorsam ist die Beratungsresistenz – und das ist eine Katastrophe für jeden. Deshalb müssen sich eine Ordensobere oder ein Bischof beraten lassen, müssen hören können“. Eine solche Haltung hilft am Ende auch, sich sicher auf dem weltkirchlichen Parkett zu bewegen, zu dem eben nicht nur Rom, sondern auch die Ortskirchen in aller Welt gehören.
Drittens schließlich ist Wilmer keinesfalls ein Vergeistigter. Ihn zeichnet eben nicht nur seine sehr bodenständige Spiritualität, sondern auch ein waches Gespür für die gesellschaftlichen Herausforderungen aus. Er war von 2019 bis 2024 Vorsitzender der Kommission „Iustitia et Pax“, deren zentrale Themen die Friedensethik und die Frage nach den Menschenrechten sind. Seit Herbst 2021 war er bis jetzt Vorsitzender der wichtigen Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz. Als Bischof des Diaspora-Bistums Hildesheim wird er gleichermaßen die Einsichten einer Kirche in der Minderheit einbringen und von guten Erfahrungen in der Ökumene, nicht nur mit den evangelischen Partnern in Niedersachsen.
Auch das hat viel mit seinem geerdeten Glauben zu tun. In jenem Gespräch hat er seinerseits mit Blick auf die Herausforderungen zu Protokoll gegeben: „Das Christentum ist keine Religion der Moral, sondern der Erlösung. Unser Problem in der Kirche und in der öffentlichen Wahrnehmung ist, dass wir wahrgenommen werden als eine Institution, die den Menschen Ansagen macht und Ansprüche stellt. In dieser Linie geht es immer darum, den Menschen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, auch im Intimbereich. (…) Hier sind wir schon auf dem Gebiet des Machtmissbrauchs und der sexualisierten Gewalt in der Kirche. Dies ist eine völlige Entgleisung angesichts der Frohen Botschaft Jesu. Immer wieder kommt in der Liturgie der Begriff des Opfers vor. Aber sind wir auch bei den Opfern, bei den Menschen, die an der Kirche gelitten haben? Spiritualität darf nicht zu irgendeiner frommen Flucht werden, sondern kann nur Ehrlichkeit bedeuten, der eignen Schuld gegenüber, der eigenen Fehlbarkeit, der eigenen Verantwortung.“