Die Reise Leos XIV. nach Uruguay, Argentinien und Peru: Ein Papst beider Amerikas

Vom 6. bis 17. November bereist Papst Leo XIV. drei Länder Südamerikas: das säkularste des Kontinents, die Heimat seines Vorgängers und das Land, das er sich selbst zur Heimat gewählt hat. Die Reiseroute sagt viel darüber, welchen Platz Lateinamerika heute in der Kirche und in der Welt einnimmt.

Ein Globus zeigt die Umrisse von Südamerika
© Isabela Kronemberger/Unsplash

Lateinamerika liegt im Herzen der Kirche des 21. Jahrhunderts. Bis 1964 hatte kein Papst Italien verlassen, abgesehen vom Mittelalter, als die Päpste in Avignon residierten, oder als das revolutionäre und napoleonische Frankreich zwei Päpste gefangen fortführte. Paul VI. traf als erster Papst in der Geschichte der Kirche die pastorale Entscheidung, Italien zu verlassen und in die Welt hinauszugehen. Gewiss, die Welt hatte sich stark verändert, und das nicht nur, weil man nun ein Flugzeug besteigen konnte. Seine erste Reise außerhalb Italiens führte ihn 1964 ins Heilige Land. Weitere folgten: nach Indien, zu den Vereinten Nationen in New York, nach Portugal und in die Türkei. Mit ihm kam auch zum ersten Mal ein Papst nach Lateinamerika. Im August 1968 traf Paul VI. in Bogotá (Kolumbien) ein und eröffnete die Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats, die in Medellín stattfinden sollte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil fragten sich alle Bischöfe der Region, wie „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Gaudium et Spes) auch die der Kirche Lateinamerikas sein sollten. Die Option für die Armen wurde zur Synthese einer Kirche, die, ähnlich Paul VI., in die Welt hinausgehen und den Problemen der Menschheit nahe sein wollte.

Als Bote des Friedens

Zur Armut und Ungleichheit Lateinamerikas kam bald ein noch größeres Problem hinzu. Gewalt und Diktaturen durchzogen die Länder und die Kirchen. Der erste Besuch eines Papstes in Argentinien fand während des Falklandkriegs (Malvinas) statt. Johannes Paul II., seit Jahrhunderten der erste nichtitalienische Papst, kam 1982 ins Land – auf einer Reise, die im vatikanischen Kalender nicht vorgesehen war; er kam, wie er selbst sagte, als „Bote des Friedens“.

Die in Medellín ausgebrachte Saat wuchs in den folgenden Jahrzehnten im Leben der Kirche und in den Versammlungen der Bischöfe. Benedikt XVI. reiste 2007 zu einer neuen großen Versammlung der Bischöfe der Region nach Aparecida (Brasilien). Eine zentrale Rolle spielte dort der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Bergoglio. Sechs Jahre später, 2013, wählten ihn die Kardinäle zum Nachfolger Petri. Nun war es nicht mehr der Papst, der in die Welt hinausging, sondern die Welt, die ins Papsttum kam, ins Herz der Kirche. So sagte es Franziskus nach seiner Wahl von der Loggia: „Meine Brüder Kardinäle sind fast bis ans Ende der Welt gegangen, um ihn zu holen.“ Lateinamerika hatte dem Herzen der Kirche nun nicht mehr nur sein Leben und seine Theologie geschenkt, sondern auch einen Sohn seiner Erde als Bischof von Rom, auch wenn der Papst nicht die ganze Kirche ist. Etwas Unerhörtes in mehr als 2000 Jahren Papsttum, und eine ganze Bewegung in kaum einem halben Jahrhundert.

Auch Leo XIV. kommt aus Amerika, aus dem Norden und aus dem Süden. In seinem ersten Gruß von derselben Loggia sagte er: „Der Friede sei mit euch.“ Dass er mehr als zwei Jahrzehnte in Peru verbrachte, zuerst als Missionar und dann als Bischof von Chiclayo, war ein Merkmal, das seine Mitbrüder im Kardinalskollegium bei der Wahl zum Nachfolger von Franziskus schätzten. Auch Leo XIV. kam von weit her. Nur wenige Wochen vor dieser Reise widmete er eine ganze Katechese jenem Wort von Medellín über die Freuden und die Trauer, vor allem der Armen.

Die große Lateinamerika-Reise, die am 6. November beginnt, ist Leos erste nach Südamerika als Papst: elf Tage, drei Länder, mehr als ein Dutzend Städte. Die Abfolge der Stationen hat etwas von einer Erzählung. Sie beginnt am Río de la Plata, im säkularsten Land des Kontinents; sie führt durch Argentinien, die Heimat jenes Papstes, der nie dorthin zurückkehrte; und sie endet, fast eine ganze Woche lang, in Peru, dem Land, das Robert Prevost sich zur Heimat gewählt hat.

Uruguay: Glaube im säkularsten Land des Kontinents

Die erste Station der Papstreise ist vom 6. bis 8. November Uruguay. Seit den beiden Besuchen Johannes Pauls II. 1987 und 1988 hat kein Papst das Land betreten. Dass Leos erstes Ziel in Lateinamerika ausgerechnet Uruguay ist, ist kein Nebenaspekt: Es ist das Land, in dem die Trennung von Kirche und Staat am frühesten und am gründlichsten vollzogen wurde. Die Verfassung von 1918 schrieb diese Trennung fest. Ein Gesetz von 1919 benannte die Karwoche in „Woche des Tourismus“ und Weihnachten in „Tag der Familie“ um – Namen, die bis heute im offiziellen Kalender stehen.

In dieser Gesellschaft musste die öffentliche Präsenz der Kirche stets ausgehandelt werden. Als Johannes Paul II. 1987 in Montevideo die Messe feierte, blieb das große, eigens dafür errichtete Kreuz erst nach einer parlamentarischen Debatte im öffentlichen Raum stehen. Fast vier Jahrzehnte später trägt Leos Programm die Züge dieses Gleichgewichts – geplant sind ein Empfang auf der Plaza Independencia, eine Begegnung mit Vertretern des Staates und der Zivilgesellschaft, ein Besuch beim Präsidenten im Edificio Artigas. Auf dem Programm stehen auch der Besuch von Casavalle, eines der ärmsten Viertel Montevideos, wo der Papst die soziale Wirklichkeit und die Arbeit der Kirche kennenlernen soll, ein Besuch der Katholischen Universität von Uruguay, eine Vigil im Estadio Centenario und eine Messe in Paysandú an jenem Fluss, der dem Land seinen Namen gibt.

Sonntag, der 8. November, markiert den Höhepunkt mit einem Besuch in der Kathedrale von Florida und somit im Nationalheiligtum der Jungfrau der Dreiunddreißig, der Patronin des Landes, genau an ihrem Festtag. Das Gnadenbild ist mit den Ursprüngen der Nation selbst verbunden. Ihm empfahlen sich die „Dreiunddreißig Orientalen“ an, die 1825 den Kampf um die Unabhängigkeit begannen. In Florida wurde diese Unabhängigkeit im selben Jahr erklärt. Im säkularsten Land Lateinamerikas beinhaltet die Gründungserzählung also weiterhin eine Volksfrömmigkeit.

Für europäische Katholiken markiert Uruguay vielleicht jenes lateinamerikanische Land, das ihrer gegenwärtigen eigenen Erfahrung am nächsten kommt: Eine Kirche, die nicht auf eine soziologische Mehrheit setzen kann und ihren Platz in einer pluralen Gesellschaft finden muss. Dass Papst Leo XIV. seine Reise dort beginnt, deutet darauf hin, dass sich auch das katholische Lateinamerika wandelt, und dass die Zukunft der Kirche in dieser Region nicht allein von Zahlen abhängt, sondern von ihrer Fähigkeit, dort präsent zu sein, wo das Leben am verletzlichsten ist.

Argentinien: die aufgeschobene Rückkehr

Viele Argentinier haben nie einen Papst in ihrem Land gesehen, und andere müssen fast 40 Jahre von ihrem Alter abziehen, um sich zu erinnern, wo sie 1987 waren, als Johannes Paul II. zum letzten Mal in das damals schon demokratische Land kam. Vielleicht fühlt sich diese lange Zeit nicht so lang an, weil der argentinische Papst Franziskus tiefe Spuren hinterlassen hat. Und obwohl Franziskus nicht in sein Land zurückkehrte – vielleicht weil er sich in seinem Stil der Bescheidenheit verpflichtet fühlte, seine globale Rolle auszuüben – verbindet der Besuch Leos XIV. die Argentinier eng mit Jorge Bergoglio. Der Besuch Leos XIV. stellt zudem die Stabilität zwischen Argentinien und dem Heiligen Stuhl wieder her.

Mit seinem Besuch wird der Papst die Kirche in Argentinien stärken. Seine Route führt an vergessene Orte, ganz im Stil Bergoglios: ein Gefängnis, ein Heim für Menschen mit Behinderung, ein Wallfahrtsort des Volkes – ganz so, als wolle der Papst mit der Reiseroute selbst die Ungleichheit zeigen, die das Land durchzieht, und dass der Ort der Kirche draußen ist.

Diese Orte haben Namen. Das Piccolo Cottolengo des Don Orione in Claypole, im Großraum Buenos Aires, nimmt Menschen mit schweren Behinderungen auf; der Bundesgefängniskomplex wird die erste Station am letzten Tag sein. Die Abschiedsmesse wird in Luján gefeiert, dem großen Marienheiligtum des Landes, zu dem jedes Jahr Hunderttausende junger Menschen zu Fuß pilgern. Das Programm umfasst außerdem eine Messe in Córdoba, im Landesinneren, eine Begegnung mit der Welt der Arbeit an der Katholischen Universität Argentiniens und eine weitere mit Vertretern christlicher Gemeinschaften und anderer religiöser Traditionen. Der Empfang in der Casa Rosada wiederum besiegelt ein Verhältnis, das angespannt war. Als Kandidat hatte Präsident Javier Milei Papst Franziskus in sehr harten Worten herabgesetzt, bevor es letztlich wieder zu Annäherungen mit Rom kam.

Peru: die Heimkehr

Robert Prevost kam Mitte der Achtzigerjahre als junger Augustinermissionar nach Peru, zuerst nach Chulucanas in der Region Piura, dann nach Trujillo; 2014 kehrte er zurück, um die Diözese Chiclayo zu übernehmen, die er bis 2023 leitete, und 2015 nahm er die peruanische Staatsangehörigkeit an. Auch deshalb dürfte der Aufenthalt in Peru vom 11. bis 16. November fast die Hälfte der Reisezeit einnehmen. Leo XIV. ist nicht der erste Papst, der das Land besucht. Johannes Paul II. war 1985 und 1988 dort, Franziskus 2018. Aber er ist der erste, der als einer von hier ankommt.

In Lima beginnt das Programm mit der Politik. Der Papst wird Präsidentin Keiko Fujimori treffen und im Gran Teatro Nacional zu Vertretern des Staates und der Zivilgesellschaft sprechen, in einem Land, das im letzten Jahrzehnt mehr als ein halbes Dutzend Präsidenten und eine nahezu permanente institutionelle Krise erlebt hat. Am folgenden Tag findet vor der Kathedrale eine Begegnung über „die Herausforderungen und Hoffnungen des peruanischen Volkes“ statt, ein für ein Papstprogramm ungewöhnliches Format, das eher zum Zuhören als zum Sprechen gedacht scheint.

Dann folgt ein Aufenthalt in Chiclayo, der Diözese von Prevost. Dort wird er in den Pampas de Pimentel am Pazifik die Messe feiern und privat die Kapelle des heiligen Óscar Romero besuchen, des salvadorianischen Erzbischofs, der 1980 während der Messe ermordet und 2018 von Franziskus heiliggesprochen wurde. Die stille Geste verknüpft die Fäden dieser Geschichte: Medellín, Gewalt und Diktaturen, die Kirche, die den Preis dafür zahlt, auf der Seite der Armen zu stehen. Am nächsten Tag fliegt Leo mit dem Hubschrauber nach Santa Cruz de Succhabamba im Hochland von Cajamarca, wohin er als Bischof jedes Jahr auf dem Landweg zum Fest des Señor del Costado fuhr; die Bewohner erinnern sich, dass er ihnen versprochen hatte, wiederzukommen.

Der Samstag endet mit dem Abschluss des Jubiläumsjahres zum 300. Jahrestag der Heiligsprechung von Toribio de Mogrovejo. Der Erzbischof von Lima aus dem 16. Jahrhundert, der mit dem Dritten Konzil von Lima und dessen Katechismen auf Spanisch, Quechua und Aymara die Reformen des Konzils von Trient in die Anden trug, durchwanderte seine riesige Diözese zu Fuß und starb 1606 mitten auf einer Visitationsreise in Zaña, ganz in der Nähe von Chiclayo.

Der 15. November verdichtet an einem einzigen Tag die Schichten der peruanischen Geschichte. Am Vormittag wird der Papst in Cusco in Saqsaywaman, der alten Inkaanlage über der Stadt, Vertretern der Volksfrömmigkeit begegnen und vor der auf inkaischen Fundamenten errichteten Kathedrale den Angelus beten. Eroberung, Evangelisierung und die Frömmigkeit der Andenvölker, übereinandergeschichtet am selben Ort. Am Nachmittag wird der Papst in Pucallpa, am Ufer des Ucayali, Missionare und Vertreter der amazonischen Völker treffen und die Messe feiern. Es ist die Fortsetzung eines Weges, den Franziskus 2018 in Puerto Maldonado und 2019 mit der Amazonassynode eröffnete – der Regenwald nicht als Rohstoffreserve, sondern als Heimat von Völkern und als theologischer Ort. Die Reise endet in Lima, mit dem Besuch eines Altenheims und einer großen Messe vor dem Rückflug nach Rom.

Eine Stimme in der Welt

Leo XIV. ist der erste in den Vereinigten Staaten von Amerika geborene Papst und zugleich der erste, der den größten Teil seines Erwachsenenlebens in Südamerika verbracht hat. Er kennt die Codes Washingtons wie keiner seiner Vorgänger, ohne je Bischof in seinem Geburtsland oder Teil der Spannungen seiner Kirche gewesen zu sein. Diese kulturelle Nähe bedeutet keine politische Gefolgschaft: Sie erlaubt ihm, auf die amerikanische Macht ohne übertriebene Feierlichkeit, aber auch ohne unnötige Ehrerbietung zu blicken. Wenige Tage nach seiner Wahl zum Papst empfing er im Vatikan US-Vizepräsident J. D. Vance, der ihm eine Einladung Donald Trumps zu einem Besuch in den Vereinigten Staaten überbrachte. Der Papst legte sie auf seinen Schreibtisch und sagte, er werde sie zu gegebener Zeit lesen.

Vom ersten Tag an machte Leo den Frieden zur Achse seines Pontifikats. Er bot den Vatikan als neutralen Ort für Verhandlungen über die Ukraine an und besteht darauf, dass man den Dialog sucht und verhandelt. Der Heilige Stuhl verfügt über keine harte Macht, weder militärische noch wirtschaftliche, wohl aber über historisches Ansehen und ein feinmaschiges Netz an Bischöfen, Nuntien, Ordensgemeinschaften und Pfarreien, das ihm erlaubt, das Leiden der Völker ohne Mittelsmänner zu hören. Südamerika kennt diese Fähigkeit gut. Zwischen 1978 und 1984 verhinderte die Vermittlung Johannes Pauls II. im Streit um den Beagle-Kanal einen Krieg zwischen den Diktaturen Argentiniens und Chiles, im äußersten Süden desselben Kontinents, den nun sein Nachfolger bereist.

Dessen Stimme erklingt in einem Augenblick, in dem die Region wieder umkämpft ist. Washington hat die westliche Hemisphäre erneut zu seiner strategischen Priorität erklärt, gleichsam in einer Neuauflage der Monroe-Doktrin, während China auf dem Kontinent längst Fuß gefasst hat: Der 2024 mit chinesischem Kapital eröffnete Hafen von Chancay nördlich von Lima ist Pekings Tor zum südamerikanischen Pazifik geworden. Das Lithium Argentiniens, das Kupfer Perus, Gold und Holz aus Amazonien: Die drei Länder der Reise stehen im Zentrum dieses Wettbewerbs. Auf diesem Spielbrett kann ein Papst beider Amerikas zu beiden Seiten mit einer Autorität sprechen, die nur noch wenige besitzen.

Doch als Papst ist er auch eine Stimme in der Welt. Vielleicht die einzige, die noch über die Grenzen der Länder hinweg sprechen kann, und sein Wort hat im Gleichgewicht des Friedens weiterhin Gewicht. Seit Beginn des Ukrainekriegs richtet die Welt ihren Blick etwas mehr auf Lateinamerika, vor allem als Handelspartner, da russischer Weizen und russisches Gas fehlen. Vor allem aber rücken die Bodenschätze die Region ins Blickfeld der Vereinigten Staaten und Chinas, mit einem extraktiven Blick. Leo richtet nun den Blick auf Lateinamerika und trägt es zurück ins Herz der Kirche.

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