Der Populismus ist der schillernde Rand des völkischen Nationalismus“, formulieren die deutschen Bischöfe. Populismus unterscheidet zwischen dem „Volk“ und der korrupten „Elite“. Im Hintergrund lauert das Führerprinzip: „The true leader really knows, what the people really want“ (Tucker Carlson). Es findet eine narzisstische Kollusion statt: Das Volk verbindet sich mit dem populistischen Anführer gegen die Elite. Institutionen, die den Zugang zu Macht durch Verfahren regeln, stören diese innige Verbindung. Deswegen wendet sich der Populismus im Namen der „wahren“ Demokratie gegen die verfasste Demokratie. Unter dem demos sind die Anhänger des charismatischen Anführers zu verstehen. Sie gehören zum „wahren“ Volk. Die finnischen Rechtspopulisten nennen sich nicht zufällig die „wahren Finnen“. So fühlen sich alle Populisten, auch dann, wenn sie sich nicht ausdrücklich so nennen.
In seinem Buch „Regime Change“ (New York 2023) führt der katholische Politikwissenschaftler Patrick Deneen – mit Rückgriff auf Aristoteles – den Begriff des „Aristopopulismus“ ein. Es ist der Versuch, dem Führerprinzip einige inhaltliche Wertvorstellungen zuzuordnen. Eine Allianz von wertkonservativen Eliten und kapitalismuskritischer Arbeiterklasse solle sich gegen die herrschenden Eliten wenden. Der Liberalismus hingegen sei gescheitert, weil er die traditionellen intermediären Größen wie Familie, Kirchengemeinde, Verein, Dorf, Stadt und Nation zersetzt. Der liberale Staat habe sich zu monströser Größe aufgebläht, indem er immer mehr Rechtstitel für immer mehr Individuen und Minderheiten erschaffen hat, die er gegen die Interessen von Familie, Verein und Gemeinde bedient. Dagegen stehe nun die Allianz aus den „áristoi“ und der Arbeiterklasse auf.
Wo Religion und Nation verschmelzen
Man kann auch so formulieren: „Der völkische Nationalismus ist der toxische Kern des Populismus.“ Er ersetzt demos durch ethnos. Ethnos ist durch kulturelle Identität und gemeinsame geschichtliche Erfahrung geprägt. Unbestritten ist, dass Kultur, gemeinsame Sprache und gemeinsame Geschichte kollektive Identität prägen. Aber schon in der Antike verzichtet Cicero darauf, den Ethnos in die Definition eines politischen Volksbegriffes einzuführen. „Die res publica ist die Sache des Volkes, das Volk aber ist nicht jede beliebige Versammlung von Menschen, sondern die Versammlung einer Menge, die durch gemeinsame Rechtsüberzeugung und gemeinsamen Nutzen zusammengehalten wird“ (De re publica, Buch 1, Kap. 39). Modern wird deswegen auch zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit unterschieden. Durch den Besitz des Passes verfügen alle Staatsangehörige ohne Unterschied hinsichtlich ihrer kulturellen oder geschichtlichen Herkunft über alle Rechte und Pflichten, die sich aus der Zugehörigkeit zu dem politischen demos ergeben.
Der völkische Nationalismus durchdringt die Religion. Auch hier wirkt er toxisch. Er macht aus Religion ein Merkmal kulturell-nationaler Identität, und damit auch zu ethnischer Identität. J. D. Vance pries den ermordeten Charlie Kirk als „Held der Nation“ und zugleich als „Märtyrer für den christlichen Glauben“. Das ist die Sprache der Verschmelzung von Religion und Nation. Man kann Religion und Nation auch so verschmelzen, dass der Glaubensakt überflüssig wird. „Wir Russen sind Christen, egal ob wir glauben oder nicht“ (Wladimir Jakunin). Religion als kulturelle Größe mutiert zum Merkmal nationaler Identität und muss dann auch nicht mehr sein als eben dies. Die Verschmelzung greift dann wieder integralistisch auf das Staatsverständnis über. Die Sehnsucht nach dem „christlichen Staat“ erwacht, nicht zuletzt in der Neuen Rechten. Sie befindet sich in einem bedenkenswerten Widerspruch zu kirchenkritischen Äußerungen wie diesen, die „Kirchensteuerkirchen“ seien nichts anderes ist als „staatlich finanzierte Vorfeldorganisationen des linksliberalen Mainstreams“ (Maximilian Krah). Religionspolitische Sprecher der Rechten machen die Verwirrung komplett, wenn sie sich kirchenkritisch zugleich als Verteidiger des christlichen Abendlandes inszenieren. „Die Kirche stirbt – es lebe das Christentum!" (Hans-Thomas Tillschneider).
Mit wem der rechtspopulistische Integralismus liebäugelt
Warum aber sind nach Auskunft der Deutschen Bischöfe „Völkischer Nationalismus und Christentum … unvereinbar“, auch dann, wenn sich der völkische Nationalismus mit christlichem Vokabular auflädt – und nicht zuletzt deswegen viele Christen anzieht? Die Antwort liegt aus kirchlicher Perspektive zunächst in der Ekklesiologie. Es gilt: „Es gibt nicht mehr Juden und Heiden … alle sind eins in Christus“ (Gal 3,28). Die Kirche versteht sich als Sammlung aller Völker und Kulturen unter dem gemeinsamen Dach des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe. Der ethische Universalismus gehört somit zur DNA des kirchlichen Selbstverständnisses. In diesem Sinne versteht sich die Kirche – im Singular – als „katholisch“. Das mag in der konkreten Umsetzung komplex sein, wie zuletzt der synodale Prozess in Rom gezeigt hat. Aber es ist der Maßstab.
Aus historischer Perspektive wäre es vermessen zu behaupten, dass das Christentum die Schulter sei, auf der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ruhen. Andererseits existieren Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auch nicht einfach aus sich selbst heraus. Dazu ist schon viel gesagt worden. Neu ist, dass die völkischen und integralistischen Vereinnahmungen von Christentum und Kirche im Kontext globaler Krisen wieder an öffentlichem Zuspruch gewinnen. Da verschiebt sich etwas. Es wirft die Kirche zurück auf die Quellen ihres Selbstverständnisses, nicht zuletzt auf die Hinweise in den Evangelien und bei Paulus, bei denen es um das Verhältnis von Staat und Kirche geht.
Der rechtspopulisitische Integralismus liebäugelt mit dem konstantinischen Katholizismus (Peter Thiel und andere). Hans Joas hat kürzlich mit Blick auf die konstantinische Reichstheologie die herausragende Bedeutung von Augustinus hervorgehoben. Es war der Bischof von Hippo, der die entscheidende Abgrenzung vollzog – weswegen gerade er sich nicht für rechtspopulistische Vereinnahmungen eignet. Das soziologische Denken der Spätantike habe, so Joas mit Rückgriff auf Ernst Troeltsch, „aus zwei Hauptformen bestanden, einer Art erweiterten Sippen- und Stammesethos einerseits (das wäre heute das Pendant zum Völkischen [Anmerkung KM]), und einem staats- beziehungsweise imperiumsbezogenen Ethos der Orientierung auf den kaiserlichen Herrscher andererseits (das wäre heute das Pendant zum Neo-Integralismus – [Anmerkung KM]). Beide Ethosformen hätten nun ihre eigenen Formen kultischer Praxis ausgebildet oder seien umgekehrt von ihnen geformt worden. Entscheidend für die Kirche sei, dass es ihr gelungen ist, in ihrer kultischen Praxis beide zu beerben“, in der Eucharistie als „universalistischem Kult“, wie Augustinus sie beschreibt (Hans Joas, Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos, Frankfurt 2025, 314ff). Damit kommt die Kirche als eine eigene, sakramentale Größe in den Blick, die weder im Staat noch im Volk ganz aufgeht, und sich doch zugleich von Staat und Volk nicht isoliert zu einer partikularen Einheit, die sich selbst genügt. Das bleibt aktuell. Unter dieser Voraussetzung kann die Kirche auch heute Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dienen. Sonst nicht.