In den letzten vier Jahren haben rund 1,5 Millionen Menschen unsere Kirche offiziell verlassen. Die Zahl derer, die sich innerlich entfremdet und zurückgezogen haben, dürfte wohl noch deutlich höher liegen. Hinter dieser Zahl steht eine Fülle von Einzelschicksalen, von ernüchternden Erfahrungen, von tiefen Verletzungen, enttäuschten Sehnsüchten und unerfüllten Hoffnungen. Erst am Ende eines oft langen Entfremdungsprozesses haben diese Menschen irgendwann die Reißleine gezogen.
Beim letzten Katholikentag in Erfurt wurden wir auf einem Podium gefragt, welche Zielgruppe in der Kirche uns die wichtigste sei. Ich antwortete damals sehr spontan: die Ausgetretenen. Denn die sind nach meiner Erfahrung die am meisten vernachlässigte Gruppe in unserer Kirche. Ja, sie erhalten in der Regel nach Bekanntwerden ihres Austritts einen offiziellen Brief ihres Pfarrers – mal in nüchtern sachlichem Informationsstil, manchmal aber auch, Gott sei Dank, in persönlicher Form. Zu direkten Gesprächen kommt es eher selten, sei es, weil diejenigen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, erst einmal nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, sei es, weil die verantwortlichen Pfarrer die persönliche Begegnung und Konfrontation scheuen. Was bleibt, ist dann für manche ein Gefühl der Befreiung, für andere aber auch oft eine schwer erträgliche Leere und Heimatlosigkeit. Orte, wo Ausgetretene aufgefangen werden, oder gar inhaltliche Angebote für die, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, gibt es praktisch nicht.
All dies ging mir durch den Kopf, als ich spontan „die Ausgetretenen“ ins Wort brachte. Ich kannte schon damals viele, wusste um ihre Fragen und Nöte, wusste auch, dass oft genau sie es sind, die sich Jahre und Jahrzehnte in der Kirche engagiert hatten und denen ihr Glaube nach wie vor die entscheidende Richtschnur für ihr Leben ist. Karl Rahner hätte sie „anonyme Christen“ genannt. Als ich vom Katholikentag nach Hause kam, wollte ich meinen Worten Taten folgen lassen und schlug meiner Gemeinschaft vor, ein Angebot für Ausgetretene zu entwickeln. Klöster sind bekanntermaßen Orte, die zwar als katholisch wahrgenommen werden, aber nicht als Teil der Hierarchie. Orte der Gastfreundschaft und der Offenheit, an denen jeder willkommen ist. Deshalb sind sie für viele Menschen auf der Suche nach Halt und Sinn auch zunehmend Anlaufpunkte und Ankerplätze auf Zeit. Bei unseren Mitschwestern stieß mein Gedanke auf positive Resonanz. Schwester Petra Knauer war spontan bereit, zusammen mit mir einen Gesprächskreis zu gründen. Wir gaben ihm den Namen TROTZDEM. Seit einem Jahr gibt es nun inzwischen diesen Kreis. Wir setzten unser Angebot auf die Homepage unserer Abtei und druckten einen kleinen Flyer. Wir fragten Interessierte:
- Sind Sie aus der Kirche ausgetreten und trotzdem ein gläubiger Christ geblieben?
- Sind Sie auf Distanz zur Kirche gegangen und trotzdem ein Suchender?
- Sind Sie von der Institution oder einzelnen Vertretern verletzt worden und wollen trotzdem nicht aufgeben?
- Haben Sie vielleicht ihren Glauben gänzlich verloren, sind aber trotzdem auf der Suche nach Sinn?
Danach folgte die eigentliche Einladung: Wir Schwestern möchten Ihnen einen Raum bieten,
- wo sie mit Gleichgesinnten zusammentreffen können
- wo Sie sich Ihre Sorgen, Ihre Enttäuschungen und Ihren Frust frei von der Seele reden können
- wo Ihnen jemand vorurteilsfrei zuhört
- wo Sie sich geschwisterlich angenommen fühlen dürfen und
- wo sich für Sie vielleicht neue Perspektiven eröffnen.
Wir laden Sie ein: zu Zeiten des Austauschs, zu Zeiten der Stille, zu Zeiten für alles Mögliche, vielleicht auch für Gebet. Seien Sie uns herzlich willkommen!
Die Reaktionen kamen prompt und waren überraschend zahlreich. Inzwischen finden sich 20 bis 25 Personen an jedem ersten Freitag im Monat in unserer Abtei ein, in wechselnder Zusammensetzung, da nie alle gleichzeitig den Termin wahrnehmen können. Sie kommen aus der näheren und auch aus der ferneren Umgebung. Manche nehmen lange Anfahrtswege in Kauf, um teilnehmen zu können. Die Gruppe ist bewusst offen für jedermann. Immer wieder kommen neue hinzu, weil sie erst jetzt – meist durch die Medien, die von Beginn an großes Interesse zeigten – davon gehört haben. Zu Beginn hat jede und jeder im geschützten Raum zunächst einmal die eigenen Erfahrungen in und mit der Kirche ins Wort gebracht. Vieles an Verletzungen, Enttäuschungen, Frustration und auch Wut kamen hier zum Ausdruck. Erschütterndes haben wir da gehört, Trauriges, kaum zu Glaubendes, das uns zum Teil fassungslos machte. Zugleich erfuhren wir aber von einem langen inneren Ringen, von Entwurzelung und Heimatlosigkeit, von Sehnsucht und Hoffnung. Vor allem auch von der Suche nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Offenheit, Freiheit des Geistes, Ehrlichkeit und Transparenz, kurzum von der Suche nach einem authentisch gelebten Christsein in unserer Zeit. Es war und ist uns ein Anliegen, den Teilnehmenden Raum zu geben für alles, was sie bewegt. Im persönlichen Leben, in Familie und Freundeskreis, aber auch in Politik, Gesellschaft und Kirche. So finden auch aktuelle Themen und Sorgen immer wieder Eingang in die Gespräche. Keineswegs zuletzt schauen wir auch regelmäßig in die Heilige Schrift, üben uns im Bibelteilen und im Hören darauf, wozu Gott uns in diesem Moment oder in jener Situation einlädt. Der Anspruch und Anruf des Evangeliums ist und bleibt – das spüren wir immer neu – auch denen wichtig, die sich von der Kirche entfernt haben. Oder sollten wir sagen: gerade denen?
Als ich den Teilnehmenden vom Interesse der „Herder Korrespondenz“ an unserer Trotzdem-Gruppe berichtete, stieß dies auf positive Resonanz. Gehört und gesehen werden war schließlich das, was vielen jahrelang schmerzlich gefehlt hatte. Spontan fanden sich zehn Mitglieder bereit, selbst von ihren Erfahrungen zu berichten. Diese Zehn sollen nun in aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit zu Wort kommen, selbstverständlich anonym, denn Diskretion gehört zu den Grundpfeilern unserer Zusammenkünfte.
Erstes Beispiel: Mangelnde Wertschätzung
G.: Unsere Pfarreileitung hat sehr engagierte Gemeindemitglieder nicht wertgeschätzt und sogar beleidigt und emotional verletzt. Ich hörte da in meinem Inneren die Worte Jesu: Was Ihr meinen Freund*innen angetan habt, das habt Ihr mir angetan. Beschwerden beim Bischof und persönliche Gespräche mit den Pfarrern waren wirkungslos. Das Verhalten der Pfarrer vor Ort war dann der Tropfen, der schließlich das Fass zum Überlaufen brachte. Die Missbrauchstaten und das Bekanntwerden dessen, wie Kirchenleitung auch mit kirchlichen Mitarbeitenden umgeht, taten ihr Übriges. Um meinen Glauben und meine Gesundheit zu schützen, habe ich die Kirche verlassen. Bei der Trotzdem-Gruppe werden wir alle gesehen, angehört und wertgeschätzt. Wir werden ermutigt unseren Glauben auf vielfältige Weise zu leben. Das tut gut und dafür bin ich sehr dankbar! Bei den Benediktinerinnen von St. Hildegard fühle ich mich im wahrsten Sinne auch zu Hause.
Zweites Beispiel: Täterschutz vor Opferschutz
T.: Ich bin wegen des Missbrauchsskandals ausgetreten, da für mich bis heute in vielen Fällen des Missbrauchs, die ich, soweit es mir möglich ist, genau verfolge, der Täterschutz vor dem Opferschutz steht. Es wird nach wie vor vertuscht, verschleiert, vertagt, mit der Taktik, es möge doch alles im Sande verlaufen. Leider weiß ich aus meinem beruflichen Kontext, was ein Missbrauch mit einem Menschen macht. Ich ging, da ich dies nicht weiter ertragen konnte, weil ich einfach nicht glauben kann und will, dass unser liebender Gott eine solche Vorgehensweise dulden kann. Ich bin dann bewusst aus der „Amtskirche“ ausgetreten, da ich fest davon überzeugt bin, dass sich nur etwas ändert, wenn man der Amtskirche das Geld entzieht, und mein Kirchensteueraufkommen ist ja als Arzt nicht unerheblich. Dennoch bin ich mit dem Austritt ein Stück heimatlos geworden, was ich zuvor nicht gedacht hätte. Da hat mich das Angebot einer „Trotzdem-Gruppe“ sehr angesprochen, und ich bin froh, dort Menschen kennengelernt zu haben, denen, wie mir, der Glaube und die Botschaft wichtig sind. Es ist ein ungezwungener Rahmen der Glaubensgemeinschaft, auch wenn mir manchmal zu viele Menschen in unserer Runde sind, die gar nicht ausgetreten sind, aber frustriert sind und in der Gruppe ihre persönlichen Probleme mit der Kirche lösen wollen. Ich bin den Schwestern sehr dankbar, dass Sie dieses Angebot gemacht haben.
Drittes Beispiel: Missstände und Machtmissbrauch
A.: Vor gut einem Jahr habe ich die römisch-katholische Kirche verlassen. Vorausgegangen waren Jahre des vergeblichen Protestes mit Maria 2.0 gegen die bestehenden Missstände. Ausschlaggebend für meinen Schritt war jedoch eine Machtdemonstration des Bischofs aus meinem Heimatbistum, der – so habe ich es empfunden – an mir ein Exempel statuieren wollte. Leicht ist mir der Schritt nicht gefallen – es sind viele Tränen geflossen. Aber ich musste gehen, nicht, weil mir der Glaube unwichtig geworden wäre, sondern weil ich an Gott glaube. Eine Machtkirche, wie sie sich mir darstellte, ist sicherlich nicht im Sinne Jesu. Auch wenn Bischöfe und andere uns einreden wollen, dass wir nun nicht mehr dazu gehören, lasse ich mir die Gemeinschaft derjenigen, die auf die liebende und befreiende Botschaft Jesu vertrauen, nicht nehmen. Ich bin getauft und ich bleibe im besten Sinn katholisch. Diese Gemeinschaft finde ich bei Maria 2.0 – dort leben wir Kirche, die niemanden ausgrenzt. Und ich habe sie auch bei „Trotzdem“ gefunden – bei Menschen, vor denen man sich nicht rechtfertigen muss, die ebenfalls ihre Erfahrungen gemacht haben und denen vielleicht gerade deshalb der Glaube wichtig ist. Danke dafür!
Viertes Beispiel: Gesehen werden
C.: Ich bin in der Trotzdem-Gruppe, weil mein Leben mich an einen Punkt geführt hat, an dem vieles zerbrochen war. Ich war lange Teil der Kirche, habe mich dann aber zurückgezogen. Zu viel ist passiert, zu viel war schwer auszuhalten. Erst durch meine Depression habe ich begonnen, mich wieder zu öffnen – auch für den Glauben. In der Trotzdem-Gruppe habe ich wieder Halt gefunden. Hier muss ich nichts erklären oder beweisen. Ich fühle mich wohl, gesehen und getragen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Fünftes Beispiel: Wenn Vertrauen leichtfertig zerstört wird
S.: Ich hatte ein sehr unangenehmes Erlebnis im Gästehaus eines Klosters, wo ich eigentlich seit 15 Jahren Stammgast war. Ich wurde aus nichtigem Anlass sehr rüde, respektlos und – wie ich es empfand – geradezu hasserfüllt behandelt. Ich hätte so eine Behandlung nie erwartet, für mich ist damit eine Welt zusammengebrochen, weil dieses Kloster bisher eine Art zweite Heimat für mich war. Ich fühlte mich sehr verletzt, und war daher sehr interessiert, vom „Trotzdem“-Angebot in der Abtei St. Hildegard zu lesen, sodass ich dies dann wahrgenommen habe. Durch die persönlichen Gespräche mit den Schwestern dort und auch mit den anderen Teilnehmern der Gruppe konnte ich das Vorgefallene mit anderen teilen und Verständnis für meine Situation finden. Ich bin zwar noch nicht aus der Kirche ausgetreten, stehe ihr aber sehr viel kritischer gegenüber als früher. Auch Ereignisse in meiner Heimatpfarrei haben mich unangenehm berührt, wenngleich nicht so persönlich verletzt wie der zuerst geschilderte Vorfall. Ich bin der Meinung, dass die Kirche lernen muss, dass das Allerwichtigste der gute Umgang mit Menschen ist. Das größte Kapital der Kirche ist Vertrauen. Wenn dieses leichtfertig zerstört wird, setzt die Kirche ihre Existenzberechtigung aufs Spiel. Ich habe den Eindruck, dass ich in unserem Gesprächskreis einen Ort des Vertrauens gefunden habe.
Sechstes Beispiel: Nicht allein mit meinen Zweifeln
B.: Die „Trotzdem-Gruppe“ zeigt mir, dass ich nicht allein bin mit meinen Zweifeln an der römisch-katholischen Kirche. In dieser Gruppe kann man diskutieren, gerade auch unterschiedliche Ansichten äußern. Meine Zweifel haben nichts mit meinem Glauben, mit Gott zu tun, sondern mit den zum Teil unmenschlichen Regeln des Vatikans, mit einer Hierarchie, die dem, was Jesus gelehrt und gelebt hat, widerspricht. Jesus war bei den Armen, Schwachen und Ausgegrenzten und behandelte alle auf Augenhöhe, egal ob Mann oder Frau, ob Kinder oder Erwachsene. Diese Regeln zwingen Menschen sich zu verstellen. Dazu kommen noch die Missbräuche jeglicher Art, die zum Teil immer noch vertuscht werden, um den äußeren Schein zu wahren.
Siebtes Beispiel: Verkrustete Hierarchien und verlorene Seelen
H.: Zu Beginn meines 58. Lebensjahres bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten, nachdem ich zuvor aktiv in der Gemeinde war als Kommunionhelfer, bei der Firmvorbereitung usw. Der Umgang mit und die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, immer nur so viel zuzugeben, wie sich nicht vermeiden lässt, ein ohnehin schon sehr teures Gutachten nicht zu veröffentlichen, sondern erst ein zweites Gutachten einzuholen, haben mich dazu bewegt, dass ich nicht mehr bereit bin, diesen Irrsinn mit meiner Kirchensteuer mitzufinanzieren. Seit ich Abstand zur Kirche gewonnen habe, frage ich mich, warum ich nicht schon viel früher ausgetreten bin. Irgendwie gingen mir erst im Nachhinein die Augen so richtig auf. Die kirchlichen Hierarchien und Strukturen sind nach wie vor so verkrustet und hierarchisch, dass sie Machtmissbrauch zulassen. Ich habe mich allerdings nur von der Institution Katholische Kirche verabschiedet, nicht vom Glauben. Und bin seither auf der Suche nach Gruppierungen, wo zumindest versucht wird, den christlichen Glauben aufrichtig zu leben und im Alltag umzusetzen. Bei der Trotzdem-Gruppe habe ich Gleichgesinnte gefunden. Menschen, die auch der Kirche den Rücken gekehrt haben. Was uns verbindet: Wir sind verlorene Seelen, die von der Kirche, für die wir uns mal begeistert eingesetzt haben, maßlos enttäuscht sind. Wir sind auf der Suche, wie und wo wir unseren Glauben leben und wo wir ernst genommen werden. In dem geschützten Raum der Trotzdem-Gruppe fühle ich mich wohl, weil die Schwestern, die diese Gruppe initiiert haben, unseren inneren Konflikt verstehen und ernst nehmen und gefühlt wirklich „Seel“-sorge betreiben bei den Menschen, die auf der Suche nach Christus sind. Für die Seelsorge war bei den Hauptamtlichen in unserer Gemeinde kein Platz.
Achtes Beispiel: Die Kirche hat uns den Rücken gekehrt
A. und I.: Was beziehungsweise wen suchen wir? Andere Menschen, die sich vielleicht auch spirituell heimatlos fühlen. Menschen, mit denen man über Gott und die Welt reden kann. Ideen, wie man „trotzdem“ Glauben lebendig leben kann. Einen Glauben, der alle anspricht. Es ist viel anspruchsvoller, mit „normalen“ Menschen über Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen, als besonders intellektuell zu reden. Was fehlt uns? Ein Ort mit Menschen, die auch Freude am Glauben haben. Menschen, die sich für die Geschichten und Bilder der Evangelien interessieren und die sich auch daran reiben. Menschen, die Gott suchen, sind interessanter als die, die glauben, ihn gefunden zu haben. Und wir suchen einen Ort, wo man hinkommen kann, so wie man ist, und willkommen ist. Finden wir das bei „Trotzdem“? Lassen wir die Frage mal so stehen – wir waren ja bisher erst einmal da. Da gibt es einige, die reiben sich auf mit der Kirche, wie sie ist, und wir verstehen das. Die aber dort dennoch gute Kontakte haben, in Gemeinden oder im Freundeskreis und dort den Geist spüren. Das haben wir, jedenfalls aktuell, nicht. Wir haben der Kirche nicht den Rücken gekehrt. Eher war das andersherum. Eine sinnvoll und an den Menschen orientierte kirchliche Struktur ist eine gute Sache. Nur: Es ist nicht mehr viel da. Glauben und Glaubensweitergabe ist nun mal kein Selbstläufer mehr in der säkularen Gesellschaft. In unserer ländlichen Pfarrei geht fast niemand mehr in den Gottesdienst. Außer der „Grundversorgung“ findet so gut wie nichts mehr statt. Die immer größeren pastoralen Räume beschleunigen den Prozess dramatisch. In absehbarer Zeit ist da gar nichts mehr.
Wir haben jahrzehntelang versucht, dem offene, nicht-ausgrenzende spirituelle Angebote entgegenzusetzen. Kindergottesdienst, Taizé-Gebet, Familienfreizeiten, verschiedene monatliche spirituelle Angebote. Und in Zeiten von Corona, wo in der Kirche gar nichts mehr war, auch Angebote draußen in der Natur, an Weihnachten und Ostern. Immer mit dem Anspruch, jeden mitzunehmen, jedem mit Respekt zu begegnen. Das Interesse des Pfarrers war gleich null, aber zuletzt schrumpfte auch das allgemeine Interesse deutlich. Kaum noch einer geht in den Gottesdienst, aber auch die alternativen Angebote waren kaum noch gefragt. Es liegt bei Weitem nicht alles an „der Kirche“ und den bekannten Missständen. Der gesellschaftliche Druck ist weggefallen. Zudem: Die kirchliche Struktur ist auf die Macht einiger Weniger gebaut, nicht einladend für die natürliche spirituelle Neugier der Menschen. Dabei hat jeder Mensch, getauft oder nicht, Spiritualität, ein angeborenes Suchen nach Gott. Die Kirche (genauer: ihre Menschen) sollte das sehen, aufnehmen und fördern. Kirche sollte eine Plattform sein für das Suchen nach und das Finden von Gott. Kirche sollte offen sein für den Glauben der einzelnen Menschen, nicht Glauben vorschreiben. Dazu ist ein Gottesdienst mit seiner Liturgie hilfreich. Diese muss aber immer wieder erneuert werden. Und soll ruhig vielfältig sein dürfen. Was heute oft fehlt, ist die direkte menschliche Ansprache, eine Möglichkeit zum offenen Diskurs. Die Begegnung mit Menschen auf Augenhöhe. Widerspruch erlauben. Respekt vor jedem. Ein Priester, der zwingend als Vermittler zwischen den Menschen und Gott steht, ist da eher störend. Es ist genau das, was ungute Machtstrukturen zementiert und in schlimmen Dingen wie Missbrauch enden kann. Von der Ausgrenzung der Frauen ganz zu schweigen. Leitungsfunktionen sollten allen offenstehen, Frauen und Männern. Ob es den geweihten Priester überhaupt braucht, darüber sollte man nachdenken dürfen. Wir jedenfalls könnten unseren Glauben gut ohne leben.
Neuntes Beispiel: Ich fühle mich zuhause und angenommen
A: Ich bin nach meinem Kirchenaustritt in die Trotzdem-Gemeinschaft gekommen, weil ich von der rigiden, unbelehrbar reaktionären, in vielerlei Art kriminell ausbeutenden katholischen Kirche sehr enttäuscht bin, die mein Engagement als fünffache Mutter, Firmkatechetin und Jakobspilgerin nicht würdigte. Von Jugend an war ich Feministin und stelle fest, dass die katholische Kirche keinerlei Fortschritte macht, Frauen in allen Ämtern zuzulassen, was sicher Jesu Wille wäre. Weil der Glaube in der Gemeinschaft lebendig ist, fühle ich mich zu Hause und angenommen in unserer Trotzdem-Gruppe.
Zehntes Beispiel: Ich habe eine neue Heimat gefunden
P. Ich habe mich in den letzten Jahren der Kirche immer mehr entfremdet. Die vielen Missbrauchsfälle, die mangelnde Bereitschaft zu lückenloser Aufklärung, die Vertuschung und die mangelnde Reformbereitschaft der Kirche, vor allem in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, haben mich an der Glaubwürdigkeit der Amtsträger zweifeln, ja verzweifeln lassen. In den Corona-Jahren hat sich unser Pfarrer weggeduckt und die Menschen im Stich gelassen. Und noch schlimmer: Er hat uns engagierte Frauen, die etwas tun wollten, daran gehindert, den Menschen nahe zu sein und Trost zu spenden. Für mich klaffte da eine riesige Lücke zwischen dem Evangelium und dem konkreten Leben. Inzwischen kenne ich viele Ausgetretene, die die Botschaft Jesu viel überzeugender leben als die Kleriker. Weil es ihnen um die Menschen geht und nicht um ihr Ansehen, ihre Macht und ihre Karriere. In der Trotzdem-Gruppe habe ich eine neue Heimat gefunden und fahre am Ende der Freitagnachmittage immer gestärkt und ermutigt nach Hause. In meiner eigenen Kirche vor Ort darf ich mich seit meinem Austritt nicht mehr blicken lassen, werde ich ausgegrenzt und gemobbt. In der Trotzdem-Gruppe darf ich sein, wie ich bin, und aussprechen, was ich denke. Hier kann ich durchatmen und innerlich zur Ruhe kommen. Besonders gut gefallen mir die Bibelgespräche. Denn meinen Glauben an Gott habe ich ja nicht verloren.
A: „Glaube verwirklicht sich für mich in Gemeinschaft von Menschen guten Willens. Eine solche Gemeinschaft habe ich in der Trotzdem-Gruppe gefunden.“
Das waren zehn Beispiele von Menschen, die den Mut hatten, über ihre verletzenden Erfahrungen mit der Kirche offen zu sprechen, wenn auch hinter den verschlossenen Türen eines Klosters. Die zehn haben damit einen großen Schritt über sich selbst hinaus getan. Denn sie haben ihren Verwundungen ein weiteres Mal ins Gesicht geschaut und sich damit ihren eigenen (Ohnmachts)-Gefühlen erneut ausgesetzt. Und sie haben andere in ihr Inneres hineinschauen lassen, auch auf die Gefahr hin, missverstanden oder ein weiteres Mal an den Rand gedrängt zu werden. Sie haben gespürt, dass es hilft, Verletzungen beim Namen zu nennen. Denn nur so können diese Schritt für Schritt heilen und neue Türen öffnen. So entstehen dann auch neue Gestaltungsspielräume für das eigene Leben. Und: Gehört es nicht zur Würde des Menschen, sein Leben immer neu in die Hand zu nehmen, zu wachsen und zu reifen und so dem Bild immer ähnlicher zu werden, das Gott von uns hat?
Ich bin diesen zehn Menschen, die stellvertretend für viele andere stehen, zutiefst dankbar. Sie haben die Demut bewiesen, ihre Erfahrungen als zu ihrem Leben gehörend zu akzeptieren, als Aufgabe auch, die das Leben, die Gott selbst, ihnen stellt. Und sie haben gelernt, einander mit all ihren Verletzungen anzunehmen, sich gegenseitig Kraft zu geben und ihre trotz allem verbliebene Freude an der Botschaft des Evangeliums zu teilen. Damit haben sie auch uns, die wir die Trotzdem-Gruppe ins Leben gerufen haben, bereichert und gestärkt. Denn auch wir Klosterleute haben immer wieder Fragen und Zweifel und hadern nicht selten mit unserer Kirche, obwohl wir sie lieben und uns als untrennbarer Teil ihrer verstehen.
Was ich den Leserinnen und Lesern dieser Kurzberichte wünsche, vor allem den Verantwortlichen in der Kirche? Dass auch sie den Mut haben, auszusprechen, was sie belastet, ihre Fragen und Zweifel zuzulassen und so ihr Leben und Denken mit den Menschen wirklich ehrlich zu teilen. Wer weiß: Vielleicht könnten wir so die frohe Botschaft, das Evangelium Jesu Christi, dann auch wieder lebendiger, authentischer und glaubwürdiger bezeugen.
Inzwischen gibt es eine weitere Trotzdem-Gruppe in Dortmund. Ansprechpartnerin dort ist Schwester Ursula Hedrich: srursula.Hedrich@drs.de. Unser Ziel ist es, ein deutschlandweites Netzwerk von Trotzdem-Gruppen aufzubauen. Wir freuen uns über jede diesbezügliche Initiative und Unterstützung!