In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist das ein Paukenschlag: Nancy Janz tritt als Sprecherin der Betroffenen in der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche zurück. Grund dafür sei der langsame Fortschritt, den die Landeskirchen und Diakonischen Werke bei der Missbrauchsaufarbeitung machten. „Wir sprechen seit Jahren über dieselben Fragen, und dennoch gibt es an vielen Stellen kaum spürbaren Fortschritt für Betroffene“, sagte Janz. „Das tut weh.“ Sie habe oft das Gefühl, dass die Beteiligung von Betroffenen an kirchlichen Gremien zur Aufarbeitung nur eine Alibifunktion habe. Wer Beteiligung ernst meine, müsse auch den Mut haben, Veränderungen zuzulassen.
Bereits im vergangenen Jahr war der Betroffenensprecher Detlev Zander aus ähnlichen Gründen zurückgetreten. In der EKD sollte es zu Jahresbeginn eine einheitliche Anerkennungsrichtlinie geben, die Leistungen an Betroffene einheitlich regelt. In den ostdeutschen Landeskirchen gibt es jedoch weiterhin keine gemeinsame Anerkennungskommission, und auch in Bayern, Niedersachsen und Bremen gelten Sonderregelungen (vgl. HK, Februar 2026, 44). Die in der EKD für das Thema Missbrauchsaufarbeitung zuständige Pfälzer Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst dankte Janz für ihr jahrelanges Engagement. „Ich verstehe ihre Kritik, sehe aber auch, genau wie Nancy Janz, welchen großen Wandel wir in den vergangenen Jahren angestoßen haben“, so Wüst. „Dass Betroffene dennoch mehr Tempo einfordern, nehmen wir sehr ernst und verstehen dies als klaren Auftrag, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.“
Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, kritisierte unterdessen die Form der Beteiligung von Missbrauchsbetroffenen in der EKD. „Es war immer Teil meiner Kritik, dass das Beteiligungsforum, das sich aus Kirchenvertreterinnen und -vertretern und Betroffenen zusammensetzt, für Betroffene extrem herausfordernd ist“, sagte Claus der „Herder Korrespondenz“. Janz habe vor der Herausforderung gestanden, einerseits innerkirchliche Systemlogiken auszuhalten und auch mitzutragen und gleichzeitig gegenüber Betroffenen Rechenschaft abzulegen. All das mit dem Risiko, am Ende keinem zu genügen. „Das waren strukturimmanente Rollenkonflikte, die von Betroffenen so nicht aufgelöst werden können“, erklärte Claus.
Aus ihrer Sicht ist der föderale Aufbau der EKD ein Hauptproblem der Missbrauchsaufarbeitung. „Wenn man weiß, wie die evangelische Kirche aufgebaut ist, dann muss man davon ausgehen, dass die Zusagen, die die EKD dem Beteiligungsforum gemacht hat, nie realistisch waren. Dies gilt insbesondere für das Ringen um einheitliche Anerkennungszahlungen“, so Claus. „Es war immer absehbar, dass einzelne Landeskirchen oder diakonische Werke ausscheren würden.“ Das sei ein Grund dafür, warum es mit den einheitlichen Anerkennungsrichtlinien so lange gedauert habe und von einer einheitlichen Umsetzung heute keine Rede mehr sein könne. „Es ist aus meiner Sicht absolut nachvollziehbar und auch richtig, dass diejenigen, die als Sprecherin oder Sprecher der Betroffenen über Jahre für ein einheitliches Verfahren gekämpft und sich auf Zusagen verlassen haben, nun die Reißlinie ziehen und unter diesen Umständen nicht weiterarbeiten können.“