Latein im VatikanDie Zeiten ändern sich

Latein wird in Zukunft nicht mehr die allein verbindliche Sprachnorm im Vatikan sein. Das klingt nach bald 2000 Jahren revolutionär – ist es aber nicht.

Porträt Ulrich Fricker
Uli Fricker, Freier Journalist© Privat

Papst Leo XIV. ist ein Mann der leisen Überraschungen. Auch der neue Spracherlass für die Arbeitnehmer der Kurie zählt zur Sorte unauffälliger Coups. Wollte man höher stapeln,  könnte man auch sagen: Das Verwaltungsdekret setzt pfingstliche Akzente, und das am Ende des Kirchenjahres. Laut dem Schreiben soll die Grammatik der alten Römer nicht mehr verbindliche Amtssprache sein. Auch andere Sprachen werden zulässig sein, wenn sich die kuriale Verwaltung austauscht.

Diese Neuerung wird im aktuellen „Regolamento“ festgeschrieben, wie das im Italienischen heißt (in keinem anderen Land hat die Bürokratie so schöne Wörter in Beschlag genommen). Was für Traditionalisten wie ein Einknicken vor dem Zeitgeist aussieht, ist der Realität geschuldet: Der Vatikan ist kulturell ein Teil Italiens. Alle sprechen dort die Landessprache – von der Reinigungskraft bis zum Pontifex. Die Spitzenleute im Kirchenstaat sind zwar keine Muttersprachler, doch haben sie inzwischen Italienisch gelernt. Man erinnert sich gerne an den trockenen Akzent von Joseph Ratzinger, bei dem man stets etwas vom Münchener Viktualienmarkt heraushören konnte.

Noch etwas: Vokabeln wie Cappuccino oder Spaghetti kannten weder Cicero noch Vergil. Solche feinen Sachen werden am Mittelmeer erst seit der Neuzeit aufgetischt. In der zutreffenden Beschreibung des modernen Alltags ist der antike Cäsar-Code beschränkt – eben weil es diese Dinge oder Kulturtechniken noch nicht gab. Tempora mutantur –  die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen. Es spricht für den verhaltenen Reformwillen der Römer, wenn das auch in ihrer Kommunikation zum Tragen kommt. Im Übrigen: Die Verkündigung des Namens eines neuen Papstes von der Loggia des Petersdoms wird lateinisch bleiben. Bei dieser feierlichen Gelegenheit ist der Klang der alten Sprache kaum zu überbieten.

Anzeige: Menschenrechte nach der Zeitenwende. Gründe für mehr Selbstbewusstsein. Von Heiner Bielefeldt und Daniel Bogner
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