Annette Jantzen: Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird, Freiburg i. Br.: Verlag Herder 2026; 304 S.; 24,00 €; ISBN 978-3-451-02546-4
Die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums forderte, dass die „Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden [soll], so dass innerhalb einer bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk vorgetragen werden“ (SC 51). Daraus resultierte 1969 eine neue Leseordnung für die Feier der Liturgie. Allerdings befand sich unter den 150 Beratern für die neue Perikopenzuordnung keine einzige Frau.
Die Theologin Annette Jantzen nimmt in ihrem neuen Buch die liturgische Leseordnung hinsichtlich der Erwähnung von Frauen bzw. der Kürzung von biblischen Erzählungen über Frauen systematisch in den Blick.
Zunächst hält sie fest, dass von den 60 Frauen, die im Alten Testament mit einer erzählenswerten Geschichte vorkommen, nur sehr wenige im sonntäglichen Gottesdienst erscheinen, z. B. Eva, die Witwe aus Sarepta und Sara. Ursache hierfür ist, dass sich die alttestamentlichen Texte auf das Evangelium beziehen. Am Werktag führt die Bahnlesung dazu, dass deutlich mehr biblische Frauen Erwähnung im Gottesdienst finden. Allerdings werden hier Perikopen großzügig gekürzt – mit weitreichenden, inhaltlichen Konsequenzen.
Am Beispiel von Noach, der die Arche verlässt, wird deutlich, dass sich der Eindruck eines alleinigen, männlichen Helden verstärkt, wenn in der Lesung sein Beziehungsgeflecht, d. h. „seine Söhne, seine Frau und die Frauen seiner Söhne“ (Gen 8,18), die ebenfalls die Arche verlassen, unerwähnt bleiben. So wird im Gottesdienst nur gelesen: „Da sprach Gott zu Noach: Komm heraus aus der Arche! Da kam Noach heraus“ (vgl. Mittwoch der 6. Woche im Jahreskreis I).
Doch auch das Gottesbild kann durch solche Kürzungen verzerrt werden, wie das Beispiel von Hagar, der misshandelten ägyptischen Sklavin zeigt. In ihrer Not macht sie eine tiefe Gotteserfahrung mit einem Gott, der sie sieht (Gen 16,13). Diese Dimension Gottes bleibt den Hörerinnen und Hörern im Gottesdienst unbekannt.
Jantzen ist es ein Anliegen, die Geschichten dieser „ignorierten“ Frauen zu erzählen, die sinnbildlich für viele ungesehene und ungehörte Frauen stehen – bis heute. Ihre Biografien sind oft von sexueller Gewalt, Ausbeutung, Betrug oder schwierigen Familienverhältnissen geprägt. Der Umgang der Frauen mit diesen Erfahrungen kann Ressourcen freilegen, wie das Beispiel von Tamar zeigt, die mutig und klug für ihre Rechte als Witwe eintritt (Gen 38). Auch sie kommt nie in der Leseordnung vor.
In den neutestamentlichen Lesungen sind Frauen präsenter, doch sind die Kurzfassungen der Evangelien häufig zu ihrem Nachteil, z. B. Hanna im Tempel (Darstellung des Herrn/Heilige Familie). Auch die Auswahl in den Paulusbriefen spiegelt ein einseitiges Bild der frühen Gemeinden wider, wenn beispielsweise Phöbe, „die Dienerin der Gemeinde“, in der Grußliste des Römerbriefes übersprungen wird und die Lesung erst mit Vers 3 beginnt (vgl. Samstag der 31. Woche im Jahreskreis I).
Ein eindrucksvolles Buch, das einige Fragen aufwirft!
Sr. M. Clarita Born OP, DLI, Trier