Nun liegt es bereits seit einigen Monaten in Gestalt des dritten Bandes vor: das neue Lektionar. Viel ist bereits darüber gesagt und geschrieben worden. Vorliegende Überlegungen, die aus meiner praktischen Tätigkeit als Kirchenmusiker entstanden sind, wollen die Einführung der neuen Lektionar-Bände zum Anlass nehmen, über die Wirkung einer musikalischen Dramaturgie des Wortgottesdienstes in der sonntäglichen Messfeier bzw. der Verkündigung des Wortes Gottes in der Wort-Gottes-Feier zu reflektieren.
Ausgehend vom Kreuzzeichen über die Christusakklamationen der Kyrie-Rufe hebt sich der Spannungsbogen des Eröffnungsteils der Messfeier und der Wort-Gottes-Feier bis hin zum Gloria-Hymnus. Nach dieser dramaturgischen – auch musikalischen – Klimax des Gloria ist nun eine Zäsur spürbar, denn nach dem Tagesgebet setzen sich die liturgischen Dienste und die Gemeinde, um das Wort Gottes zu hören – und der Spannungsbogen des Wortgottesdienstes beginnt.
Erste Lesung und Psalm
Nach der Ersten Lesung folgt nach einer kurzen Stille der vom Ambo aus vorzutragende Antwortpsalm. Er bildet das „Band zwischen den verschiedenen Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament“ (Missel noté, 1990, S. 116). Das Orgelvorspiel zum Kehrvers (Orgel meint im Folgenden auch immer andere musikalische Besetzungen) sollte daher der vorhergehenden Lesung und dem Charakter des Kehrverses und Psalms „abgehorcht“ sein: Die musikalische Färbung des Vorspiels zu „Sende aus deinen Geist“ (GL 312,2 / KG 489) wird allein schon wegen der ausholenden melodischen Geste ein anderer sein müssen als bei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (GL 293 / KG 608). Die an vielen Orten zu hörende Praxis einer lediglich kurzen Orgelintonation mit einer möglichst leisen und unauffälligen Klangfarbe nach dem Motto „Es ist halt nur ein Kehrvers“ wird dieser Aufgabe nicht gerecht und degradiert das Orgelspiel auf ein rein funktionales Niveau. Aber welche Wirkung kann sich umgekehrt vollziehen, wenn der Heilige Geist im Vorspiel wie mit Feuerzungen (Zungenregister der Orgel) in die Welt einfällt oder Christus aus seiner gefühlten Gottverlassenheit in einer klagenden Soloregistrierung (Vox humana mit Tremulant) selbst zur Gemeinde spricht? Auch die Begleitregistrierung für die Gemeinde darf an Pfingsten eine „stürmischere“ sein (Prinzipale) als am Palmsonntag (Grundstimmen). Differenzieren kann auch die Begleitung der Vorsängerverse: Im Freiburger Kantorenbuch beispielsweise begleiten fallende Wassertropfen (kurze Achtelnoten) die Textstelle „Ihr werdet Wasser schöpfen mit Freude“ (nach Jes 12,3 EÜ 1980), und nach dem in Moll gehaltenen Sündenbekenntnis des Psalmisten in Psalm 32 hellen sich die zuversichtlichen Verse am Ende nach Dur auf und lassen selbst bei Unkenntnis des Textes eine inhaltliche Progression erkennen. Gerade die Psalmen mit ihren Kehrversen bieten ein Füllhorn an Bildern, die der Fantasie, diese Bilder in Töne umzusetzen, kaum Grenzen setzen – zumal an einem Instrument wie der Orgel, die zu diesem Zweck verschiedene Klangfarben bereithält.
Das neue Lektionar bietet übrigens wie bisher eine Beilage mit Vorschlägen zu Kehrversen aus dem „Gotteslob“ und dem „Katholischen Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz“. Neuerdings gibt es zusätzlich ein Blatt, auf dem die Psalliermodelle von Heinrich Rohr abgedruckt sind. Wäre es nicht möglich, dass die Kantorin ab und an den Antwortpsalm direkt aus dem Lektionar und nicht aus einem Kantorenbuch vorträgt? Dies würde das Lektionar als Verkündigungsbuch mehr ins Bewusstsein bringen – auch das könnte dramaturgisch gewinnbringend sein.
Zweite Lesung
Es folgt die Zweite, neutestamentliche Lesung, die uns inhaltlich bereits in „Rufnähe“ der Frohen Botschaft führt. Die Grundordnung des Römischen Messbuchs sieht hier (wie bereits nach der Ersten Lesung) einen kurzen Moment der Stille vor, in dem „durch das Gnadenwirken des Heiligen Geistes das Wort Gottes im Herzen aufgenommen und die Antwort darauf durch Gebet vorbereitet werden soll“ (Nr. 56). Vielleicht kann dieses Ziel aber auch erreicht werden, indem das eine oder andere Mal aus inhaltlichen Gründen von dieser an sich sinnvollen Praxis abgewichen wird: Wohl niemand wird sich der großartigen Wirkung entziehen können, wenn in der Osternacht unmittelbar nach dem letzten Satz der Epistel (die Schlussakklamation ist nicht verbindlich!) „… die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus“ die Orgel durch ein festliches Vorspiel die „zum Leben erwählten Glieder Christi“ förmlich von den Plätzen hochreißt und ihnen gar keine andere Alternative lässt, als in den Jubel des – über Wochen verstummten – Halleluja einzustimmen!
Evangelium
Der Vers zum Evangelium selbst kann da in einer musikalisch schlichten Vortragsweise nach dem begeisterten Singen wieder zum bewussten Hören animieren. Nach dem wiederholten Singen des Halleluja-Rufes durch die Gemeinde lässt unter Umständen der Chor mit einer Halleluja-Coda den Jubel in den Vortrag der Frohen Botschaft münden.
„Der Ruf vor dem Evangelium ist der Begleitgesang zur Evangelienprozession“ (Wort-Gottes-Feier, Trier 2004, Nr. 65) – die zu beobachtende Praxis, dass Diakon oder Priester mit dem Beginn der Prozession warten, bis der Gesang vor dem Evangelium beinahe beendet ist, verschleiert seine Eigenschaft als Begleitgesang. Kann sich daher die Evangelienprozession nicht schon mit Beginn des Vorspiels in Bewegung setzen, sodass das von der Gemeinde wiederholte Halleluja auch sein Ziel trifft: die Frohe Botschaft im erhobenen Evangeliar am Ambo? Dabei sollte gewährleistet sein, dass der Vortrag des Rufes vor dem Evangelium nicht vom Ambo (wo auch nicht dessen liturgischer Ort ist), sondern von einer anderen geeigneten Stelle erfolgt, damit es keine ungewollte Kollision zwischen Kantorin und Diakon gibt.
Sollte die Akklamation zum Evangelium gesungen/kantilliert werden, orientiert sie sich an der Tonhöhe des Halleluja- Rufes: Der Rezitationston sollte entweder identisch sein oder oberhalb des Schlusstons des vorausgehenden Halleluja- Rufes liegen. Dadurch wird auf der musikalischen Ebene intuitiv die Bedeutung des gesungenen Herrenwortes deutlich; gleichzeitig wird damit eine zu tiefe Gesangslage vermieden, die wiederum den feierlichen Charakter der Verkündigung verstellen würde.
Ob das Evangelium an besonderen Tagen kantilliert wird, hängt von den Möglichkeiten vor Ort ab: Ist ein Diakon/ Priester in dieser Praxis bewandert (musikalisch- textlicher Ausdruck, Eignung der Stimme), kann ein kantillierend vorgetragenes Evangelium eine große Bereicherung für die Verkündigung und für die Dramaturgie des Gottesdienstes sein.
Das Lektionar sieht nach dem Evangelium eine nur fakultative Schlussakklamation vor. Diese kann also entfallen und durch die Wiederholung des Halleluja-/Christusrufes nach dem Evangelium ersetzt werden (vgl. Wort-Gottes- Feier, Nr. 66); zusätzlich/alternativ kann vom Chor eine Halleluja-Coda gesungen werden. Damit wird der Zirkel geschlossen, der vor dem Evangelium mit dem „musikalischen Freudentaumel“ begonnen wurde. Zumal wenn das Lektionar/Evangeliar an den dafür vorgesehenen Ort gebracht wird, vermeidet man mit dem nochmaligen Singen nach dem Evangelium ein akustisches Vakuum, das in diesem Falle zu einem dramaturgischen Bruch führen würde – eine bewusste Stille ist hier nicht angebracht.
An dieser Stelle wird auch deutlich, dass etwa das Auslassen einer Lesung „aus pastoralen Gründen“ oder gar das Ersetzen derselben durch andere Texte diese Dramaturgie empfindlich stört und nicht nur wegen der einschlägigen Bestimmungen zu vermeiden ist.
Glaubensbekenntnis und Fürbitten
Der anschließenden Homilie bzw. Auslegung und Deutung folgt eine Stille, um das Gehörte und Gesungene verinnerlichen zu können.
„Im Glaubensbekenntnis stimmt die (…) Gemeinde dem Wort Gottes, wie es in den Lesungen (…) verkündet wurde, zu und gedenkt der großen Geheimnisse des Glaubens“ (vgl. Wort-Gottes-Feier, Nr. 24). Wird es gesungen, sollte die Musik diese Aufgabe des Glaubensbekenntnisses unterstützen und deutlich machen, dass der Spannungsbogen des Wortgottesdienstes bzw. der Verkündigung des Wortes Gottes sich nun nach dem Höhepunkt des Evangeliums wieder neigt. Ein gesungener Fürbittruf wird hier kein dramaturgischer „Ausreißer“ sein, sondern in seiner Schlichtheit appellativ wirken können.