"Das ist für mich ein Kairos-Moment"Wie ich COMMUNIO.de künftig weiterentwickeln möchte

Am 1. November übernimmt der Religionsjournalist Andreas Main die Leitung von COMMUNIO.de. Hier skizziert er, warum ihm das Portal und die Zeitschrift am Herzen liegen - und wie er das Portal weiterentwickeln und neue Schwerpunkte setzen will.

Andreas Main
© privat

Die jungen Leute sprechen von einem Candy-Storm. Es ist wirklich ein Süßigkeiten-Sturm, der mir entgegenbläst, seit bekannt wird, dass ich vom Deutschlandfunk zu COMMUNIO wechsle. Das reicht von DLF-Kollegen und -Kolleginnen, über die COMMUNIO-Herausgeber bis hin zu jüdischen, katholischen oder evangelischen Intellektuellen in der Schweiz, in Österreich und Deutschland.

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen am geschriebenen Wort zweifeln, schlägt meines Erachtens die Stunde des gesprochenen Worts. Nennen wir es Gespräch, nennen wir es Podcast. Egal. Das Gespräch zwischen zwei oder drei klugen oder weisen Menschen ist durch keine Maschine zu ersetzen - zumindest nicht in den kommenden Jahren. Und ich meine nicht das journalistische Interview. Ich meine Vertiefung.

Und zwar im Sinne des Heiligen und Kirchenlehrers John Henry Newman: Cor ad cor loquitur. Er wählte diesen Satz als Wahlspruch für sein Kardinalswappen. "Das Herz spricht zum Herzen" - das beschreibt zwar die persönliche, innere Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wahre religiöse Erkenntnis kommt laut Newman nicht nur aus trockener Theorie, sondern aus der tiefsten inneren Mitte der Person. Aber in diesem Sinne wird auch aus einem Podcast eine Herzens-Sache. Und im Briefwechsel zwischen Paul Celan und Nelly Sachs ist von "Cor-respondenz" die Rede.

Herausforderung Wissenschaftskommunikation

Ich habe noch kein "Regierungsprogramm" für COMMUNIO. Noch bin ich bis Ende September unter Vertrag beim Deutschlandfunk. Da ich loyal bin, erfülle ich meinen Vertrag. Dennoch habe ich schon jetzt wichtige theologische Köpfe - überwiegend römisch-katholische, aber auch evangelische und Personen anderer Konfession - gewinnen können, dass sie sich für COMMUNIO engagieren und Texte liefern oder mitmachen beim COMMUNIO-Podcast Communicatio.

Nun bin ich durchaus mit vielen journalistischen Wassern gewaschen. Was aber dennoch für mich eine Challenge wird: die Wissenschaftskommunikation. Nicht jede und jeder in der Theologie ist als Dichter oder Dichterin geboren. Das wiederum gilt auch für Journalisten. Aber mit Feingefühl und zugleich mit Konsequenz komplexe Sachverhalte so "runterzubrechen", dass normale Menschen dies verstehen und die Expertinnen und Experten sich dennoch in ihrem Text wiedererkennen, darin muss ich Routine gewinnen.

Wenn wir uns häufiger solche Geschichten religiöser Musikalität erzählten, käme mehr Leben in die Bude. Womit ich Theologie und Kirche meine. Diese Lebendigkeit, dieser Geist durchweht schon jetzt COMMUNIO. Aber wir können die Türen noch weiter aufreißen.

Ich habe katholische Theologie und Geschichte in Münster studiert. Der wichtigste Kopf für mich, auch wenn mich Johann Baptist Metz (1928-2019) geprüft hat, war der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt (1934-2021). Für die, die ihn nicht kennen: Er füllte das Audimax mit 400-500 Menschen. In seinen Vorlesungen sagte er damals Mitte der 1980er: "Wenn Sie 15 Minuten Zeit haben, dann lesen die FAZ und verzichten Sie auf die Tagesschau." Vielleicht würde er heute sagen: "Wenn Sie 15 Minuten Zeit haben, dann streamen sie nicht, sondern lesen COMMUNIO." Ich bin sicher, dass ich ihn für uns gewinnen könnte …

Dabei ist mir wichtig, dass theologisches Reflektieren flankiert sein darf von Erfahrung. Ich meine keine platte Bekenntnishuberei. Was ich meine: Ich kann versuchen, die großen Fragen von Glaube, Liebe, Hoffnung mit Lehrsätzen zu beantworten. Ich kann aber auch erzählen von einem Pilgerweg, auf dem ich mich immer mehr getragen fühle. Wenn wir uns häufiger solche Geschichten religiöser Musikalität erzählten, käme mehr Leben in die Bude. Womit ich Theologie und Kirche meine. Diese Lebendigkeit, dieser Geist durchweht schon jetzt COMMUNIO. Aber wir können die Türen noch weiter aufreißen.

Kirchenpolitische Klarheit - diskursoffen und ohne Schaum vor dem Mund

Kirchenpolitisches hingegen muss meines Erachtens dann gemacht werden, wenn es nötig und geboten ist. Dann gern auch pointiert und klar - aber diskursoffen und nie mit Schaum vor dem Mund. Denn es gibt zu viel kirchenpolitische Selbstprofilierung. Wozu das befeuern? Wichtiger erscheint mir, die Communio bei COMMUNIO zu befördern, indem man sich nicht auf eine Seite stellt. Als "Liberal-Konservativer" würde ich gern alle ermutigen, die sich mit COMMUNIO verbunden fühlen, ihre Position zu teilen.

Es muss nicht alles mit Bedenkenträger-Mine hin und her abgewogen werden, bis ein Text seine Ecken und Kanten verliert. Dieses Portal und meine neue Aufgabe bieten die Chance zu zeigen: Katholische Kirche kann auch anders. Sie kann fromm sein - und gesellschaftlich relevant.

Ich bin nicht derjenige, der zu beurteilen hat, was katholisch ist und was nicht. Mit offenen Armen alle in der Herausgeberschaft und alle Freundinnen und Freunde von COMMUNIO zu ermutigen, sich auch für die Plattform zu engagieren, kann nur gelingen, wenn alle Positionen wertgeschätzt werden. Solch ein Diskurs - das Gegenteil von Aktivismus, der sich allenthalben ausbreitet - ist nicht durch KI (siehe oben) zu ersetzen. Und all dies bitte mit offenem Visier! Es muss nicht alles mit Bedenkenträger-Mine hin und her abgewogen werden, bis ein Text seine Ecken und Kanten verliert. Dieses Portal und meine neue Aufgabe bieten die Chance zu zeigen: Katholische Kirche kann auch anders. Sie kann fromm sein - und gesellschaftlich relevant.

Innerlichkeit und Spiritualität sind mir wichtig: Ich habe Benediktinerinnen und Benediktinern, Franziskanern und vor allem auch Jesuiten und Dominikanern und Karmelitinnen sowie den "Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem" in den vergangenen fünf Jahren so viel zu verdanken, dass ich etwas zurückgeben möchte. Es ist gewissermaßen eine Zeit der Orden, um einen uralten Buchtitel von Metz zu zitieren. Ich habe da eine gewisse Neigung, die auch im Deutschlandfunk in den vergangenen Jahren zu hören war. Anfangs dafür belächelt, sehe ich mich zunehmend bestätigt: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz ist Herz-Jesu-Priester, auch Dehonianer genannt, Papst Leo ist Augustiner.

Das ist für mich ein Kairos-Moment. Ich möchte dazu beitragen, dass wir jenseits der ausgetretenen Pfade unterwegs sind. Off the beaten track, wie nicht nur Amerikaner sagen. Und dazu reiche ich gern die Hände und freue mich über möglichst viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

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