Am 23.1.1945 wurde der Protestant Helmuth James von Moltke in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Ihm folgte am 2.2.1945 der Jesuitenpater Alfred Delp. Die Asche der Leichen wurde – wie die aller Ermordeten des Widerstandes nach dem 20.7.1944 – auf die Rieselfelder verstreut. Heute wird ihrer in der katholischen Kirche Maria Regina Martyrum und in der evangelischen Plötzensee-Kirche in der Nähe der Hinrichtungsstätte gedacht. Die beiden Kirchen sind verbunden durch einen gemeinsamen Glockenturm.
Durch Klopfzeichen von Zelle zu Zelle und während der kurzen Zeiten des Hofgangs hatten sie sich – gemeinsam auch mit Eugen Gerstenmaier – monatelang über die gemeinsame Bibellektüre verständigt.
Der Widerstand (nicht nur, aber auch) von Katholiken und Protestanten führte zur Überwindung trennender konfessioneller und gesellschaftlicher Schranken. Philipp von Boeselager formulierte es in seinem letzten Interview auf die abschließende Frage: "Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?" folgendermaßen:
"Ich hoffe, ich habe das klar gemacht. Ich bin als Nicht-Preuße, Anti-Protestant groß geworden und als Anti-Franzose. Meine Preußenfeindlichkeit hat sich durch Tresckow, Kleist, Oertzen, Schulze-Büttner und diese Kerle gelegt. Ich habe dann die richtigen Preußen kennengelernt. Und besonders die protestantische Kirche, mit denen wir verfeindet waren, schätzen gelernt, und ich behaupte immer, die Ökumene hatte ihren Ursprung im KZ und im Widerstand."1
Es ist wichtig, die Reihenfolge des letzten Satzes zu betrachten: Nicht die ökumenische Gesinnung führte in den Widerstand, sondern der Widerstand brachte die Ökumene hervor.
Una Sancta in Vinculis
Die geistliche Dramatik dieses Geschehens lässt sich besonders deutlich am Blutzeugnis von Helmut James von Moltke und Alfred Delp nachverfolgen. Am 9.1.1945 wurden sie dem Volksgerichtshof vorgeführt. Mehrere Monate lang hatten sie sich im Tegeler Gefängnis auf ihre Verteidigung vorbereitet. Delp hoffte, mit einer Haftstrafe durchzukommen. Moltke war da weniger zuversichtlich. Aber nicht nur das: Durch Klopfzeichen von Zelle zu Zelle und während der kurzen Zeiten des Hofgangs hatten sie sich – gemeinsam auch mit Eugen Gerstenmaier – monatelang über die gemeinsame Bibellektüre verständigt. Delp nannte diese Gebets- und Lesegemeinschaft in Tegel die "una sancta in vinculis" – "die eine heilige (Kirche) in Fesseln". Seine drängenden, mit gefesselten Händen geschriebenen Aufrufe zur Ökumene, die uns erhalten sind, bezeugen die Intensität des Austausches. Sie werfen aber auch ein Licht auf das, was dann in dem Prozess vor dem Volksgerichtshof einige Wochen später geschah.
"Dass ich als Martyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war."
Am Abend des 8.1.1945 erhielten Delp, Moltke, Gerstenmaier und Fugger von Glött die Anklageschriften. Die Anklage lautete generell auf Hoch- und Landesverrat. Der Vorwurf der Beteiligung am Attentat vom 20.7.1944 wurde nicht erhoben. Moltke war seit Januar 1944 in Haft und konnte allein schon deswegen nicht direkt mit dem Attentatsversuch vom 20.7. in Verbindung gebracht werden. Er hatte sich zudem intern zu den militärischen und bürgerlichen Widerstandskreisen kritisch positioniert. Im "Kreisauer Kreis" hatte er Freunde und Gleichgesinnte mit dem Ziel gesammelt, sich Gedanken über die gesellschaftliche Ordnung nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands zu machen. Doch für den Präsidenten des Volksgerichtshofes Freisler bestand unausgesprochen ein innerer Zusammenhang zwischen dem Attentat vom 20.7.1944 und dem Gedankengut des "Kreisauer Kreises". Das zeigte sich dann auch im Laufe des Prozesses.
Nachdem Freisler Delp in einer "Orgie des Hasses" (Delp) niedergeschrien hatte, war Moltke an der Reihe. Die Lage zwischen ihm und Freisler spitzte sich emotional zu, als einzelne Anklagepunkte ins Leere liefen; Moltke wies darauf hin, dass seine Besprechung mit Goerdeler der Polizei und der Gestapo bekannt war.
Da "bekam Freisler Tobsuchtsanfall Nr. 1 ... Er hieb auf den Tisch, lief rot an wie seine Robe und tobte: ‚So etwas verbitte ich mir, so etwas höre ich mir gar nicht an.‘ Da ich ohnehin wusste, was rauskam, war mir das alles ganz gleich: Ich sah ihm eisig in die Augen, was er offenbar nicht schätzte, und plötzlich konnte ich nicht umhin zu lächeln."2
Moltke beschreibt diesen entscheidenden Augenblick nachträglich in seinem Brief an Freya so:
"Ich weiß nicht, ob die Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es war eine Art Dialog – ein geistiger zwischen Freisler und mir, denn Worte konnte ich nicht viele machen -, bei dem wir uns beide durch und durch erkannten. Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt, und von der ganzen Bande ist er auch der Einzige, der weiß, warum er mich umbringen muss."
Die ökumenische Wende
An dieser Stelle veränderte Freisler seine Strategie. Er zauberte einen neuen Anklagepunkt aus dem Hut, die ökumenischen Kontakte Moltkes:
"Wer war denn da? (im "Kreisauer Kreis" – KM) Ein Jesuitenpater! Ausgerechnet ein Jesuitenpater! Ein protestantischer Geistlicher. ... Kein einziger Nationalsozialist! ... Ein Jesuitenpater, und ausgerechnet mit dem besprechen Sie Fragen des zivilen Widerstandes! Und einen Jesuitenprovinzial kennen Sie auch, ... einer der höchsten Beamten von Deutschlands gefährlichen Feinden ..."
Diese Wende überraschte auch Moltke. Doch ihre innere Logik leuchtete ihm auf seine Weise ein.
"Letzten Ende entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, dass Freisler eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, dass wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a. gemacht haben, und was b. sich lohnt ... Wir sind nach dieser Verhandlung aus dem Goerdeler-Mist raus, wir sind aus jeder praktischen Handlung raus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben ... Dass ich als Martyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami wird wohl nicht ganz einverstanden sein."
Es bleibt nicht bei diesem Erstaunen. Moltke geht einen entscheidenden Schritt weiter.
"Und dann wird dein Wirt3 ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher – das ist alles ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen -, sondern als Christ und als gar nichts anderes ... Zu welch einer gewaltigen Aufgabe ist Dein Wirt ausersehen gewesen: All die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war."
Moltke deutet also sein Martyrium als Zeugnis für die Einheit der Christen. Im Rückblick bekommt damit sein ganzes Leben seinen Sinn, einen Sinn, der Offenbarungscharakter hat. Er spricht von der Wende des Anklagepunktes als einer "Manifestation Gottes". Und in dem letzten Brief an seine Frau äußert er den Wunsch, dass die "Söhne des Ignatius" diese "Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet" in Erinnerung bewahren und den kommenden Generationen weiter erzählen sollen. Hier schließt sich der Kreis zu Delp. Das Todesurteil über Moltke ratifiziert quasi das Wort Delps von der Una Santa in Vinculis.
In jedem Hochgebet in den Gottesdiensten der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum werden die "Blutzeugen von Plötzensee" erwähnt; die protestantischen Blutzeugen sind dabei immer mitgedacht.
Seligsprechung
Am 2.2.2026 eröffnete Kardinal Marx in der Münchner Jesuitenkirche St. Michael feierlich den Seligsprechungsprozess von Alfred Delp. Die besondere Frage, die sich bei dieser Seligsprechung stellt, betrifft die geistliche und auch ekklesiologische Bewertung der Una Sancta in Vinculis und des Geschehens vor dem Volksgerichtshof durch den Seligsprechungsprozess. "Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war." Wird es gelingen, diesen Sinn sichtbar zu machen, ja sogar ins Zentrum zu stellen, nicht zuletzt bei der liturgischen Feier der Seligsprechung, wenn sie denn kommen wird? Es wiederholt sich jedenfalls – mutatis mutandis – die Konstellation der nur halbwegs gelungenen Seligsprechungsfeier der "Lübecker Märtyrer" vom 25.6.2011, jener drei katholischen Kapläne und des evangelischen Pfarrers, deren Blut sich unter demselben Galgen vermischte, und deren fünfter überlebender (katholischer) Gefährte in seiner Todesstunde auf die Aussage, er dürfe nun seine drei Freunde im Himmel wiedersehen, erwiderte: "Sag niemals drei, sag immer vier."
Sollte Delp tatsächlich seliggesprochen werden, dann übernimmt die katholische Kirche einen Erinnerungsauftrag, der sich nicht auf die Person von Alfred Delp beschränkt. Ob die katholische Kirche das begreift?
In der Krypta der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum befindet sich neben der Gedenkplakette für Alfred Delp (und für Erich Klausener) die Gedenkplakette für Helmuth James von Moltke. In jedem Hochgebet in den Gottesdiensten werden die "Blutzeugen von Plötzensee" erwähnt; die protestantischen Blutzeugen sind dabei immer mitgedacht. In jedem Jahr treffen sich zum Jahresgedenken des Attentates am 20. Juli die Angehörigen der Ermordeten und Überlebenden zu gemeinsamem Gebet in der Gedenkirche. Die Asche ihrer Vorfahren wurde auf ausdrückliche Anweisung Himmlers auf den Rieselfeldern zerstreut, den Anlagen zur Reinigung von Abwässern. Die Krypta ist für die Angehörigen deswegen nicht zuletzt Ersatzort für das verweigerte Grab, der Ort, an dem sie trauern und gedenken können.
Kein Gedenken und Gebet geschieht dort ohne ausdrückliches Vergegenwärtigen der Una Sancta in Vinculis. Es bleibt allerdings die bange Frage, ob die Erinnerung an die Una Sancta in Vinculis in dem Maße verblasst, wie die näheren Angehörigen älter werden und sterben. Jedenfalls: Sollte Delp tatsächlich seliggesprochen werden, dann übernimmt die katholische Kirche einen Erinnerungsauftrag, der sich nicht auf die Person von Alfred Delp beschränkt – einen Auftrag, den bisher vor allem die Familien übernommen haben. Ob die katholische Kirche das begreift?