Aufarbeitung mit deutscher Gründlichkeit?Missbrauch: Bischof Gerber zieht eine kühne Parallele

Gehört es wegen der NS-Vergangenheit zur "kulturellen DNA" der Deutschen, besonders nachdrücklich die "systemischen Ursachen" von Verbrechen zu ergründen? Der Gedanke irritiere internationale Gesprächspartner, berichtet der Fuldaer Bischof. Das ist nicht verwunderlich.

Bischof Michael Gerber
© Synodaler Weg / Marko Orlovic

Ist es angemessen, einen Zusammenhang zwischen der deutschen "Vergangenheitsbewältigung" und der katholischen "Missbrauchsaufarbeitung" herzustellen?

Michael Gerber, der Bischof von Fulda, traut es sich zu. Gerber äußerte sich bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der sechsten Synodalversammlung des Synodalen Weges in Stuttgart und veröffentlichte seine diesbezüglichen Ausführungen anschließend im "Kölner Stadt-Anzeiger". Dort ergänzte er einen wichtigen Satz, der bei der Pressekonferenz fehlte: "Bei allem Erschrecken über das Ausmaß der sexualisierten Gewalt in der Kirche kann kein Vergleich mit den Gräueln der NS-Zeit, insbesondere der Shoah gezogen werden." Immerhin.

Gerber sagte in Stuttgart, "wir" hätten "in Deutschland die kollektive Erfahrung gemacht, dass es beim Neuanfang nach den Gräueln des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs nicht nur genügte, die Schuldigen vor Gericht zu stellen". Die "Mütter und Väter des Grundgesetzes", so Gerber, hätten "verstanden, dass das seine Ergänzung finden muss durch den kritischen Blick auf systemische Ursachen, die den Aufstieg des Nationalsozialismus mit begünstigt haben." "Seitdem", so Gerber, würden "wir in Deutschland" bei "Verbrechen wie dem der sexualisierten Gewalt an Minderjährigen" nicht nur "nach der Verantwortung einzelner Täter" fragen, "sondern auch nach möglichen systemischen Ursachen". Das gehöre "sozusagen zu unserer kulturellen DNA".

Dies habe er, Gerber, auch bei einem der Treffen deutscher Bischöfe mit Kurienvertretern, darunter auch dem heutigen Papst, so erklärt. Allerdings stoße die "Entschiedenheit", mit der die Deutschen "diese systemischen Fragen stellen (…) bei Gesprächspartnern mit anderer kultureller Prägung auf Irritationen". "Bedauerlich" sei außerdem, "dass auch ein Teil der Katholiken hierzulande die systemische Fragestellung so nicht nachvollziehen kann".

Strukturen und Intentionen

Gerber verweist auf das Grundgesetz: Tatsächlich wurde die neue Verfassung so formuliert, dass Mängel der Weimarer Reichsverfassung vermieden wurden und ein Abgleiten in die Diktatur auf "legalem" Wege in Zukunft nicht mehr möglich sein sollte. Von einer Aufarbeitung der "Gräuel des NS-Regimes" konnte jedoch 1949 noch keine Rede sein.

Welche Rolle spielten überhaupt "Strukturen" dafür, dass der Holocaust geschehen konnte? Welche Bedeutung hatten kulturelle und soziologische Bedingungen – etwa antisemitische Traditionen, die Krisenerfahrung der Moderne, autoritäre und bürokratische Staatsstrukturen, die Besonderheiten des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, der Krieg, aber auch fehlende internationale Intervention? All das sind Fragen, die Historiker seit Jahrzehnten kontrovers diskutieren.

So wichtig die Frage nach den "Strukturen" ist, um aus der Vergangenheit zu lernen – sie kann auch eine moralische Entlastungsfunktion haben. 

Daniel Goldhagen löste in den Neunzigerjahren eine heftige Debatte mit seiner These aus, dass die Taten der Deutschen nicht von äußeren Zwängen oder Anreizen herrührten, sondern auf inneren Überzeugungen beruhten. Die Deutschen seien nicht gezwungen worden, Juden zu töten, meinte Goldhagen, sondern hätten es freiwillig getan, seien "Hitlers willige Vollstrecker" gewesen. In der Geschichtswissenschaft stieß Goldhagen weithin auf Ablehnung. Die Zustimmung jedoch, die der Autor in Teilen der Öffentlichkeit erhielt, wurde damals auch als Ausdruck der Unzufriedenheit mit einer vorherrschenden Sichtweise interpretiert, die es schwer machte, im Zusammenhang mit dem Holocaust überhaupt noch über Absichten, Täterschaft und Verantwortung zu sprechen.

So wichtig die Frage nach den "Strukturen" ist, um aus der Vergangenheit zu lernen – sie kann auch eine moralische Entlastungsfunktion haben. Schon bei den Nürnberger Prozessen beriefen sich die Angeklagten erfolglos auf Befehle von oben, die die eigene Entscheidungsfreiheit eingeschränkt hätten.

Dabei waren es nicht die "Strukturen", die die Vernichtung der Juden geplant und ins Werk gesetzt haben, sondern konkrete Menschen. Deutlich wurde dies auch in der Entwicklung der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen rückten einzelne Täter, Tatorte und Opfer in den Fokus. In Urteilen der jüngeren Vergangenheit genügte dann eine indirekte Mitwirkung am Vernichtungsapparat für eine Strafbarkeit. Zumindest in der Rechtsprechung wurde die Verantwortung des Einzelnen im Laufe der Zeit immer höher gewichtet.

"Systemische Ursachen"

Der Ausdruck "systemische Ursachen", den der Bischof verwendet, dürfte den Urhebern des Grundgesetzes unbekannt gewesen sein; auch in der Holocaustforschung taucht er nicht auf. Umso geläufiger ist er in der Sondersprache des Synodalen Weges. Indem von "Ursachen" die Rede ist, wird eine Kausalität impliziert: Die Verbrechen sind das Resultat von "Fehlern im System". Gemeint sind konkret kirchliche Machtstrukturen und "Klerikalismus", der priesterliche Zölibat, der Ausschluss von Frauen von den Weiheämtern und die Besonderheiten der katholischen Sexualmoral.

Der Synodale Weg fußt auf der Annahme, dass diese Punkte ursächlich für die Fälle von sexuellem Missbrauch und den mangelhaften Umgang damit in der katholischen Kirche sind. Diese Annahme verleiht der Notwendigkeit von Reformen besondere Dringlichkeit. Wer sich hier gegen Änderungen ausspreche, lasse zu, dass der Missbrauch weitergeht, war in der Debatte gelegentlich zu hören.

Genauso wenig, wie die "Struktur" Juden vergast hat, hat jedenfalls das "System" Kinder missbraucht und die Taten vertuscht.

Die Terminologie zeigt, wie deterministisch hier zum Teil argumentiert wurde. Besser wäre wohl von "Faktoren" oder "Bedingungen" zu sprechen, die den Missbrauch begünstigen. Genauso wenig, wie die "Struktur" Juden vergast hat, hat jedenfalls das "System" Kinder missbraucht und die Taten vertuscht.

Welche Zusammenhänge gibt es?

Abgesehen davon halten Kritiker des Synodalen Weges die dort vorausgesetzten Zusammenhänge gar nicht für erwiesen. Sie vermuten eine kirchenpolitische Instrumentalisierung der Verbrechen für ohnehin schon bestehende Anliegen. Neuerdings können sie auf die evangelische "Forum-Studie" verweisen, die im vergangenen Jahr erschienen ist: Für das Problem, das in der evangelischen Kirche in ähnlichen Größenordnungen existiert wie in der katholischen, werden dort ganz andere, teils entgegengesetzte Erklärungen gefunden. Auch die jüngst veröffentlichte Studie über sexualisierte Gewalt in der katholischen Pfadfinderschaft Sankt Georg benennt Faktoren, die beim Synodalen Weg keine Rolle spielten: etwa Verantwortungsdiffusion, föderale Strukturen, fehlende Kontrolle, mangelnde pädagogische Professionalität, eine interne Kultur des Schweigens und die "Hyperinklusion" in eine familienähnliche Gemeinschaft.

Natürlich ist es wichtig zu verstehen, unter welchen Voraussetzungen es wahrscheinlicher ist, dass es zu Missbrauchsfällen kommt. Aber um hier zu verlässlichen Aussagen zu gelangen, braucht es den Vergleich zwischen Organisationen, Gruppen und Zeiträumen. "Die Forschung nach dem Bedingungsgefüge, unter dem Missbrauch stattfinden kann, ist bislang nicht sehr weit gekommen", sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack. Für den Synodalen Weg stand das Ergebnis jedoch immer schon fest.

Persönliche Verantwortung

Wenn Gerber von der großen "Entschiedenheit" spricht, mit der die Deutschen sich mit den "systemischen Ursachen" befassen, dann wirft das die Frage auf, ob mit der gleichen "Entschiedenheit" auch die Täter des Missbrauchs und die Kirchenoberen, die sich im Umgang mit dem Problem schuldig gemacht haben, zur Verantwortung gezogen werden beziehungsweise sich selbst der Verantwortung stellen.

Steht der "Entschiedenheit" der Kirchenleute in der Befassung mit "systemischen Ursachen" möglicherweise eine gewisse "Unentschiedenheit" gegenüber, wenn es um persönliche Verantwortung geht?

Der Vergleich zur deutschen "Vergangenheitsbewältigung" ist, was das betrifft, aufschlussreicher, als es Gerber lieb sein dürfte. Es habe "nicht genügt", die Schuldigen vor Gericht zu stellen, sagt Gerber. Da möchte man einhaken: Sind die Schuldigen denn vor Gericht gestellt worden? Immerhin 6656 NS-Täter wurden in der Bundesrepublik gerichtlich verurteilt, sagen die Historiker, 13 000 in der DDR. Und doch wirkten, wie man weiß, in Justiz, Verwaltung und Polizei zahlreiche ehemalige NS-Funktionäre. In der jungen Bundesrepublik dominierte der Wunsch nach politischer Stabilität und gesellschaftlicher Reintegration. 1953 saßen im Deutschen Bundestag 129 ehemalige NSDAP-Mitglieder. Die Amnestiegesetze von 1949 und 1954 sowie zahlreiche milde Urteile führten faktisch dazu, dass nicht wenige NS-Täter straflos blieben. Die bereits erwähnten Frankfurter Auschwitzprozesse begannen erst 1963.

Steht der "Entschiedenheit" der Kirchenleute in der Befassung mit "systemischen Ursachen" möglicherweise eine gewisse "Unentschiedenheit" gegenüber, wenn es um persönliche Verantwortung geht? Der einzige Bischof, dessen Rücktrittsangebot wegen Versäumnissen im Umgang mit Missbrauchsfällen vom Papst angenommen wurde, war 2023 Franz-Josef Bode in Osnabrück. Auch Kardinal Marx hatte 2021 seinen Rücktritt angeboten; der Papst ging jedoch nicht darauf ein. Der veröffentlichte Brief des Münchner Erzbischofs kreist ebenfalls um dieses Thema: Marx zeigt sich überzeugt, dass es "viel persönliches Versagen und administrative Fehler gab, aber eben auch institutionelles oder 'systemisches' Versagen". Seinen Rücktritt erklärt Marx, weil er sich als Teil des "Systems" sieht: Die Bischöfe stünden "für die Institution Kirche als Ganze". Marx verweist auf das "Wir" der Kirche, sagt: "Wir haben versagt". Aber warum nennt er nicht konkrete persönliche Fehler? Er weiß doch selbst am besten, was er als Bischof von Trier und Erzbischof von München getan und unterlassen hat. Warum lässt er die persönliche Schuld hinter dem "Versagen der Institution" zurücktreten?

Auch die Rücktrittsangebote von Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof Stefan Heße und Weihbischof Dominikus Schwaderlapp nahm Franziskus übrigens nicht an. Wenn wir schon dabei sind, gewagte Vergleiche zu ziehen: Vielleicht dachte der Papst ja wie Adenauer in den Fünfzigerjahren: "Die Leute brauche ich noch!"

Irritationen

Ist die Frage nach Strukturen, Institutionen und Systemen typisch deutsch? Bischof Gerber geht davon aus. "Wir Deutschen" haben den "Gesprächspartnern mit anderer kultureller Prägung" hier offenbar etwas voraus, holocaustbedingt. Auf internationaler Ebene werden deutsche Vertreter oftmals als überheblich und belehrend wahrgenommen. Wie es wohl auf die Kurienvertreter und den heutigen Papst gewirkt hat, dass ein deutscher Bischof auf den angeblich so gelungenen Umgang der Deutschen mit der NS-Vergangenheit verwiesen hat, um klarzumachen, warum der Missbrauchsskandal unter anderem die Einführung einer "Synodalkonferenz" erforderlich macht?

Anscheinend sind "wir Deutschen" nicht nur besonders gründlich im Planen und Durchführen von Menschheitsverbrechen, sondern auch in deren Aufarbeitung. Warum löst das bei internationalen Gesprächspartnern "Irritationen" aus? Vielleicht, weil sich bei ihnen der Eindruck einstellt, dass die Deutschen die Dringlichkeit ihrer Reformanliegen jetzt nicht mehr nur mit dem Missbrauchsskandal begründen, sondern auch noch mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Was soll man als Italiener, Amerikaner oder Kroate dazu sagen?

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