Von Michel Foucault (1926-1984) gibt es im Rahmen seiner Macht-Analysen eine überraschend programmatische Aussage über das Christentum, geknüpft an den Schlüsselbegriff des Bekenntnisses: "Im Grunde, im Wesentlichen" sei das Christentum "die Religion der Beichte, insofern diese sich an der Nahtstelle des Regimes des Glaubens und des Regimes des Geständnisses befindet, und diese beiden Wahrheitsregime bilden – unter diesem Blickwinkel – die Grundlage des Christentums". Foucault trifft diese Aussage in seiner Vorlesung am Collège de France (Sitzung vom 30. Januar 1980), publiziert in dem Band Die Regierung der Lebenden, damit ein Thema aus dem ersten Band von Sexualität und Wahrheit aufgreifend ("Der Wille zum Wissen", 1976) das im posthum veröffentlichten vierten Band (Die Geständnisse des Fleisches, 2018) weiter bearbeitet wird.
Natürlich hat, ein Missverständnis auffangend, Foucault mit seinen Vorlesungen sich ganz und gar nicht als der populärste Denker aller Zeiten erwiesen, als welcher er zu seinem 100. Geburtstag am 15. Oktober nun hier und da ausgerufen wird (es gebe "kaum einen Denker, der populärer wäre als Foucault", heißt es zum Jubiläumsanlass etwa in der Frankfurter Rundschau). Wie im Vorwort zur Regierung der Lebenden von den Herausgebern Francois Ewald und Alessandro Fontana ausgeführt, hat es mit der Aktualität von Foucaults vielschichtigen Vorlesungen eine besondere Bewandtnis, die rezeptionsästhetisch, so lässt sich folgern, nicht einfach auf den Begriff der Popularität gebracht werden kann. Die Kunst Foucaults habe "in der Durchquerung des Aktuellen mittels der Geschichte" bestanden, heißt es im besagten Vorwort.
Die Pointe von Foucaults Bemerkung über das Christentum als der Religion der Beichte liegt tatsächlich in der doppelten Bedeutung des Bekenntnis-Begriffs: der Confessor ist der Glaubenszeuge wie auch der Geständige.
Wahrheiten als geschichtliche Produkte
Wahrheiten sollten, anders gesagt, als geschichtliche Produkte durchsichtig werden, ohne dass dieser genealogische Aspekt für sich genommen schon die Geltungsfrage berührt. Der öffentliche Intellektuelle, der dieser Akademiker, Forscher und Archivar eben auch war, konnte demnach von Nietzsche und Aristoteles sprechen, von psychiatrischen Gutachten des 19. Jahrhunderts oder der christlichen Pastoral, "der Hörer bezog daraus immer Einsichten in gegenwärtige und zeitgenössische Ereignisse". Ihm deshalb Popularität, also einen breitenwirksamen Eingriffs-Charakter seiner Sachen zu unterstellen, ist reichlich gewagt. Seine Präzision, die keine Umständlichkeit scheute, vergegenwärtigt man sich am besten im Wortlaut einschlägiger Passagen, wenn auch hier nur als kleine Anmerkung zu einer partikularen Frage wie jener des christlichen Bekenntnisbegriffs.
Die Pointe von Foucaults Bemerkung über das Christentum als der Religion der Beichte liegt tatsächlich in der doppelten Bedeutung des Bekenntnis-Begriffs: der Confessor ist der Glaubenszeuge wie auch der Geständige. Im Latein der Kirchenväter bezieht sich der Begriff des Confessors ausweislich Foucaults Vorlesung auf jemanden, "der es auf sich genommen hat, das Glaubensbekenntnis bis zum bitteren Ende abzulegen, das heißt auch auf die Gefahr des Todes hin". Und historisch wenig später habe sich die andere Bedeutung des Wortes "Beichte" eingeschoben, nämlich die, die das Geständnis strukturiert, reglementiert, ritualisiert und daraus à la longue sakramentale Wirkungen abgeleitet habe.
Diese letztere Bedeutung bezieht sich nicht auf die gläubige Bekräftigung von Glaubensinhalten wie beim Glaubensbekenntnis dogmatischen Gehalts, sondern auf ein anderes Wahrheitssystem: auf "ein Regime, da durch die Pflicht der Individuen definiert ist, zu sich selbst permanent eine Erkenntnisbeziehung aufzubauen, durch die Pflicht, in ihrem Innersten Geheimnisse aufzudecken, die sich ihnen entziehen, schließlich durch die Pflicht, die geheimen und individuellen Wahrheiten durch Akte zum Ausdruck zu bringen, die bestimmte Effekte haben, Effekte, die weit über Erkenntniseffekte hinausgehen, befreiende Effekte." Man könnte theologisch ergänzen: befreiend qua sakramental gedachter, sündenvergebender Effekte.
Foucault ist als Genealoge doch immer ein Wahrheitstheoretiker geblieben. Als solcher gebührt ihm heute auch der Rang eines Religionsphilosophen. .
Zwischen zwei Wahrheitsregimen
So sieht Foucault das Christentum "ständig von einer außerordentlichen Spannung zwischen diesen beiden Wahrheitsregimen, dem Regime des Glaubens und dem Regime des Geständnisses, durchzogen", wie er seine Hörer wissen lässt. Es sind freilich nicht zwei heterogene Systeme ohne Verbindung, sondern im Gegenteil zwei inwendig aufeinander bezogene Wahrheitskonzepte. Ohnehin erweist sich gerade in dieser Pluralität seiner Wahrheitsbegriffe, dass Foucault durchaus nicht als Kronzeuge für die philosophisch-theologisch bemühte Diktatur des Relativismus taugt, als welcher er gerne hingestellt wird. Im Gegenteil setzt Foucaults genealogisches Verfahren begrifflich recht eigentlich erst Alterität frei. In der Gegenüberstellung von Wahrheiten der Introspektion und solchen der Dogmatik wird epistemisch, wenn man so will, eine subjektive gegen eine objektive Bezugsgröße gestellt, ein Innen gegen ein Außen, ein eigenes Erleben gegen ein andersartiges Ereignis.
In dieser Differenzierung findet die monotheistische Wahrheitsvorstellung ihren Platz, woran auch Foucaults machtstrategische Aufmerksamkeit nichts ändert: der historische Aufweis, dass und wie Wahrheit "gemacht" wird, widerspricht als solcher noch nicht ihrer etwaigen transzendentalen Herkunft und verbindlichen Geltung. Ähnlich verhält es sich mit den stabilisierenden Funktionen jedweden Wahrheitsregimes, also mit den auf die Durchsetzung von Wahrheitsansprüchen (und nicht etwa von reinen Ansichtssachen) bedachten Bekenntnis-Politiken. Auch solche funktionale Bedürfniserfüllung, der Hinweis auf sie, lässt sich nicht als Einwand gegen eine von funktionaler Logik womöglich unabhängige Wahrheitsfähigkeit verstehen.
Der derart sorgfältig die Geltungssphären unterscheidende, Wahrheit diskursiv in Beziehung setzende Foucault ist als Genealoge doch immer ein Wahrheitstheoretiker geblieben. Als solcher gebührt ihm heute auch der Rang eines Religionsphilosophen. Mit dem Verdikt des Relativisten ist ihm jedenfalls auch hundert Jahre nach seiner Geburt nicht beizukommen.