Der Konflikt zwischen Rom und der Priesterbruderschaft St. Pius X. scheint auf einen Eklat zuzusteuern. Im Februar hatte der Generalobere der Bruderschaft, Davide Pagliarani, angekündigt, am 1. Juli seien erneut Bischofsweihen - notfalls auch ohne päpstliche Erlaubnis - geplant. Umgehend war ein Gespräch mit dem Leiter des Dikasteriums für die Glaubenslehre anberaumt worden. Das Gesprächsangebot von Kardinal Víctor Manuel Fernández, über die doktrinalen Differenzen im Blick auf das Zweite Vatikanum neu ins Gespräch zu kommen und über eine abgestufte Zustimmung zu den Konzilsdokumenten zu beraten, wurde vom Generalrat der Bruderschaft umgehend abgelehnt. Mit Anspielung auf Papst Franziskus, der für irreguläre und komplexe Situationen pastoral geschmeidige Lösungen empfohlen hat, machte Pagliarani geltend, dass die Bruderschaft genau in einer solch komplexen Lage sei, sie brauche Bischöfe, um das sakramentale Leben fortsetzen zu können. Daher bitte er Papst Leo XIV. um einen Weg der Nächstenliebe.
Das Konzil: "Leitstern" oder Stein des Anstoßes?
Auch wohlwollende Kommentatoren innerhalb der katholischen Kirche wie Weihbischof Athanasius Schneider setzen sich für eine großherzige Strategie ein. Der Papst solle die Lizenz zu den Weihen ohne Auflagen gewähren. Angesichts der allgemeinen Verwirrung in der Kirche könne die Integration der Piusbruderschaft zu einer "heilsamen Selbstkorrektur" beitragen. Sie sei Hüterin einer jahrhundertealten Tradition, die nicht auf einmal als falsch beurteilt werden könne. Die Texte des Konzils seien nicht sakrosankt, sondern durchaus auch fehlerhaft. Auch werde durch die Kleriker der Piusbruderschaft bei der Feier der heiligen Messe der Name des Papstes sowie der Name des jeweiligen Ortsbischofs erwähnt. Das zeige doch an, dass keine schismatische Absicht vorliege. Ja, es sei nicht ausgeschlossen, dass ein künftiger Papst Erzbischof Marcel Lefebvre, den Gründer der Priesterbruderschaft St. Pius X., einmal zur Ehre der Altäre erheben würde.
Diesem kühn vorpreschenden Vorschlag einer Kanonisierung wird Papst Leo gewiss nicht folgen, schon allein deswegen nicht, weil alle Vorgängerpäpste von Paul VI. an im Gespräch mit der Piusbruderschaft über die Reformen des Konzils auf hartnäckigen Widerstand gestoßen sind. Bei einer Generalaudienz im Januar hat Leo XIV. ausdrücklich das Zweite Vatikanische Konzil als "Leitstern" für den kommenden Weg der Kirche bezeichnet und allen eine neue Lektüre der Dokumente empfohlen. Da kann er nicht gleichzeitig einer fundamentalen Infragestellung des Konzils durch die Traditionalisten zustimmen.
Kardinal Fernández hat nun im Namen des Papstes in einer Note klargestellt, dass die für Anfang Juli geplanten Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat einen "schismatischen Akt" darstellen. Das liegt auf der Linie von Johannes Paul II., der 1988 umgehend nach den unerlaubten Bischofsweihen durch Erzbischof Lefebvre dieselbe amtliche Feststellung getroffen hatte. Sowohl die weihenden als auch die neugeweihten Bischöfe würden sich automatisch die Exkommunikation zuziehen. Eine Relativierung des kanonischen Rechts durch den obersten Gesetzgeber der Kirche im Namen der Nächstenliebe wird es also nicht geben.
Diese Klarstellung ist folgerichtig und gut. Denn erstens wird durch einen solchen Akt des Ungehorsams die Autorität des Papstes geschwächt, zweitens wird in das Kollegium der Bischöfe ein tiefer Riss eingetragen und drittens wird eine Irritation bei den Gläubigen provoziert, die nun meinen, es gebe zwei Katholizismus, einen vorkonziliaren und einen nachkonziliaren.
In einem Interview hat Davide Pagliarani jüngst die Frage gestellt: Wer zerreißt die Tunika des Herrn? Rom oder die Piusbruderschaft, die sich als Hüter der wahren Tradition versteht? Das nahtlose Gewand des Herrn, das die Soldaten nicht zerteilt, sondern verlost haben, ist ein Bild für die Einheit der Kirche. Diese wird dann zerstört, wenn durch Spaltungen am Ende Altar gegen Altar steht. Die Antwort auf die Frage, wer die Tunika zerreißt, ist für Pagliarani allerdings klar: Die neomodernistische Kirche des Konzils habe "die" Tradition verraten. Es ist nicht zu leugnen, dass es nach dem Konzil vielfältige Probleme gegeben hat und immer noch gibt, aber die Päpste haben die Probleme selbst angesprochen und für die Pathologien der Kirche entsprechende Therapien auf der Grundlage des Konzils vorgeschlagen.
Indem sich die Traditionalisten selbst autorisieren, wenn sie ohne Mandat des Papstes Bischöfe weihen, setzen sie einen Akt der Emanzipation, der paradoxerweise typisch modern ist.
Der heilige Pius X., nach dem sich die traditionalistische Priesterbruderschaft benannt hat, hat einmal gesagt: "Wer heilig ist, kann mit dem Papst nicht uneins sein." Im Namen der Päpste von gestern gegen den Papst von heute zu rebellieren und gegen sein ausdrückliches Verbot, Bischofskonsekrationen vorzunehmen, ist eine ekklesiologische Sackgasse. "Das Gewand des Herrn kann der nicht besitzen, der die Kirche Christi spaltet und teilt", schreibt Cyprian von Karthago. Indem sich die Traditionalisten selbst autorisieren, wenn sie ohne Mandat des Papstes Bischöfe weihen, setzen sie einen Akt der Emanzipation, der paradoxerweise typisch modern ist. Dass Rom darauf nicht mit einer geschmeidigen Pastoral für komplexe Situationen reagiert, sondern das Schwert kanonischer Sanktionen sprechen lässt, hat das Dikasterium für die Glaubenslehre soeben ein für alle Mal klargemacht. Ob dieses Monitum in Ecône noch ein Umdenken anstößt?