"Gott in die Mitte"Heiner Wilmer ist der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz

Ein Stilwechsel mit Sprengkraft: Heiner Wilmer setzt auf Glauben statt Kirchenstreit. Gelingt es ihm, den internen Zwist und die Spannungen mit Rom zu befrieden?

Bischof Heiner Wilmer
© Deutsche Bischofskonferenz/Marko Orlovic

Ganz überraschend kann die Wahl für ihn nicht gewesen sein. Heiner Wilmer, Bischof von Hildesheim, hatte für die Pressekonferenz nach seiner Wahl zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Würzburg ein siebenminütiges, inhaltlich gut durchgearbeitetes Statement vorbereitet. Auch auf die zu erwartenden Fragen antwortete er erkennbar nicht spontan.

Ein neuer Stil

Umso überraschter war so mancher Pressevertreter angesichts des geistlichen Tons, den Wilmer dabei anschlug. Patrik Schwarz von der ZEIT brachte den Eindruck sogleich zur Sprache: Wilmer sei der vierte DBK-Vorsitzende, den er als Journalist erlebe und noch nie seien bei einer solchen Konferenz so oft die Worte Christus, Jesus und der Glaube verwendet worden. Ob Wilmer einen neuen Stil in die Deutsche Bischofskonferenz tragen wolle, fragte Schwarz. Er könne nicht anders, als so zu sprechen, antwortete der neugewählte Vorsitzende, und er freue sich über die Unterstützung seiner Mitbrüder.

War die Stellungnahme von Wilmer inspiriert von den ersten Worten Papst Leos XIV. nach dessen Wahl? "Der Friede sei mit Euch" hatte Leo der jubelnden Menge auf dem Petersplatz zugerufen. Wilmer begrüßte die Journalisten mit den Worten aus dem Gloria: "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen seiner Gnade". Darin komme eine "doppelte Bewegung" zum Ausdruck, erklärte er: "Gott im Zentrum und der Friede für die Welt und die Gerechtigkeit als Aufgabe", das sei sein "Kompass".

Offenbar spielte das im Vorfeld oft genannte Kriterium, der neue DBK-Vorsitzende müsse Italienisch sprechen und über Rom-Erfahrung verfügen, auch für die Bischöfe eine Rolle.

Wilmer stammt aus dem Emsland, ist Mitglied des Ordens der Herz-Jesu-Priester und hat unter anderem in Paris und Rom studiert. Er war als Seelsorger in Toronto und als Lehrer in der Bronx tätig, leitete eine Schule seines Ordens. Schließlich war er ab 2015 Generaloberer seines Ordens in Rom, bis er 2018 zum Bischof von Hildesheim ernannt wurde. Er ist Autor mehrerer spiritueller und religiöser Schriften. Die Biografie spricht für einen weiten Horizont und eine weltkirchliche Perspektive. Offenbar spielte das im Vorfeld oft genannte Kriterium, der neue DBK-Vorsitzende müsse Italienisch sprechen und über Rom-Erfahrung verfügen, auch für die Bischöfe eine Rolle.

Wilmer spricht von der Aufgabe, das Evangelium zu verkünden, von der christlichen Hoffnung, vom Vertrauen auf Jesus Christus und von der Kirche als Botschafterin eines "höheren und gerechten Friedens". Er erwähnt in seinem Eingangsstatement das "weltweite synodale Geschehen", nicht aber den deutschen Synodalen Weg. Als sich die Journalisten anschließend nach den Reformforderungen des Synodalen Weges erkundigen, vermeidet der Hildesheimer Bischof Formulierungen, mit denen er sich allzu sehr festlegt. Auf die unvermeidliche Frage nach Frauen in Weiheämtern antwortet er etwa: "Ich begrüße es sehr, dass die Weltsynode das Thema Frauen in Ämtern und Diensten auf der Tagesordnung hat." Und als ein Pressevertreter fragt, was er als seine Hauptaufgaben in den nächsten Jahren sehe, sagt Wilmer: "Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott in die Mitte zu stellen". An diesen Ton wird man sich gewöhnen müssen.

Die Hoffnung scheint zu bestehen, dass Wilmer gelingt, woran Bätzing scheiterte: Die auseinanderstrebenden Kirchenflügel wieder näher zusammenzuführen.

Hört man sich am Rande der Vollversammlung um, dann zeigen sich die Vertreter der konservativen Minderheit beim Synodalen Weg durchaus zufrieden mit der Wahl. Aber auch Stimmen aus dem eher progressiven Spektrum äußern sich optimistisch. Die Hoffnung scheint zu bestehen, dass Wilmer gelingt, woran Bätzing scheiterte: Die auseinanderstrebenden Kirchenflügel wieder näher zusammenzuführen.

Doch es gibt auch kritische Äußerungen. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" war am Tag vor der Wahl zu lesen, im Bistum Hildesheim wehe auch kein anderer Geist als in anderen Diözesen. Und gegenüber COMMUNIO beklagt eine Stimme aus dem Bistum, wichtige organisatorische Reformen im Generalvikariat seien bislang ausgeblieben, der Bischof sei wenig an Debatten interessiert und wolle zu sehr "jedermanns Liebling" sein, außerdem fehle es an Priesteramtskandidaten.

Das Versiegen des Priesternachwuchses ist allerdings kein auf Hildesheim beschränktes Problem. Und dass Wilmer nicht streitlustig oder gar rechthaberisch auftritt, dürfte angesichts des Zwists der vergangenen Jahre gerade der Grund sein, warum er von seinen Amtsbrüdern gewählt wurde. Gleichzeitig verwies Wilmer in der Pressekonferenz darauf, dass Konflikte auch eine produktive Seite haben können: "Der Heilige Geist lebt nicht nur im Konsens, sondern auch im Widerspruch."

Im Interview mit COMMUNIO sagte Wilmer vor einem Jahr: 

"Wir sollten sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche tiefer schauen, gerade dann, wenn uns eine andere Position abwegig und völlig falsch vorkommt. Manchmal hilft der tiefere Blick auf den anderen Menschen, ein echtes Gespräch zu führen um Positionen nachvollziehen zu können."

Parallel zur Wahl Wilmers verlängerten die Bischöfe die Amtszeiten von DBK-Pressesprecher Matthias Kopp und der Generalsekretärin Beate Gilles. Letztere ist eine Vertraute des bisherigen Vorsitzenden Bätzing. Ob es Gilles und Kopp gelingt, den vibe shift Wilmers mitzuvollziehen, und ob es umgekehrt Wilmer gelingt, dem kirchenpolitischen Eigenleben des Bonner DBK-Sekretariats behutsam Grenzen zu setzen, muss sich zeigen.

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