In Deutschland werden nur sehr wenige Priester geweiht. Das hat auch damit zu tun, wie in der Kirche über Priester gesprochen wird: Die innere Gestalt des Priestertums als Lebensform ist nicht mehr erkennbar.

Hat die geringe Zahl der Priesterweihen in Deutschland auch damit zu tun, wie hierzulande über das Priestertum gesprochen wird? Hinter dieser Frage steht eine Beobachtung, die nicht nur Zahlen betrifft, sondern das innere Verständnis einer Lebensform. Vielleicht liegt die eigentliche Krise tatsächlich in dem Bild, das man sich in der Kirche von dieser Berufung macht.

Aus vielen Jahren der Berufungsbegleitung führt ein direkter Weg zu dieser Beobachtung. In Gesprächen mit jungen Menschen, die über den priesterlichen Weg nachdenken, zeigt sich immer wieder, dass sie sehr realistisch auf die Situation der Kirche schauen und die gegenwärtigen Entwicklungen aufmerksam wahrnehmen. Sie sehen die Belastungen vieler Priester und die Veränderungen in der Gestalt der Kirche. Und sie fragen sich, ob dieses Leben unter solchen Bedingungen möglich ist und sich dauerhaft gestalten lässt. Diese Fragen sind verständlich, weil sie aus einer ehrlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen.

Die Entscheidung für das Priestertum beginnt daher weder mit einer Stellenbeschreibung noch mit einer Analyse kirchlicher Strukturen, sondern mit der Frage nach dem persönlichen Ruf Gottes und nach der Sendung, die sich aus diesem Ruf ergibt.

Und doch zeigt die Erfahrung vieler Gespräche, dass diese Fragen nicht die ersten und nicht die tiefsten Fragen sind, die am Anfang eines Berufungsweges stehen. Am Anfang steht fast immer eine andere Frage, nämlich die Frage, ob Gott ruft und ob diese innere Sehnsucht wirklich von Gott kommt. Daraus ergeben sich die eigentlichen Fragen eines Berufungsweges. Wie kann ein Leben in der Nachfolge Christi gelingen? Wird mein Glaube stark genug sein, um Krisen zu bestehen? Wird es mir gelingen, ein zölibatäres Leben zu führen? Kann mein JA ein ganzes Leben lang tragen?

Die Entscheidung für das Priestertum beginnt daher weder mit einer Stellenbeschreibung noch mit einer Analyse kirchlicher Strukturen, sondern mit der Frage nach dem persönlichen Ruf Gottes und nach der Sendung, die sich aus diesem Ruf ergibt. Berufung beginnt nicht bei einer Organisation, sondern bei Gott, und sie beginnt nicht mit einer Aufgabe, sondern mit einer Sendung. Darin zeigt sich der Vorrang der Gnade: nicht der Mensch beginnt mit Gott, sondern Gott beginnt mit dem Menschen. Der Ruf Gottes führt den Menschen in eine Sendung hinein, die nicht aus ihm selbst kommt, sondern aus dem Herzen Christi.

Teilnahme an der Sendung Christi

Zu dieser Sendung gehört es, im eigenen Leben den Durst des Gekreuzigten zu entdecken. Im Johannesevangelium spricht Jesus am Kreuz von seinem Durst (Joh 19,28), und die geistliche Tradition hat dieses Wort immer auch als Ausdruck seiner Sehnsucht nach dem Menschen verstanden. Berufung bedeutet dann, langsam zu begreifen, dass Christus nach jedem Menschen dürstet und dass ein priesterliches Leben in diese Sehnsucht hineingenommen wird.

Der priesterliche Dienst ist in diesem Sinn nicht zuerst eine Funktion innerhalb der Kirche, sondern Teilnahme an der Sendung Christi, der den Menschen sucht und ihm nahe sein will. Ein Priester stellt sein Leben daher nicht einfach für Aufgaben zur Verfügung, sondern gibt sein Leben in diese Bewegung der Sendung Christi hinein und dient den Menschen, zu denen der Herr selbst gehen will.

Eine Lebensform muss eine Gestalt haben, damit man sich für sie entscheiden kann.

Gerade deshalb stellt sich eine andere Frage mit großer Dringlichkeit. Welches Bild vom Priestertum sehen junge Menschen heute, wenn sie auf die Kirche schauen und wenn sie wahrnehmen, wie in der Kirche über Priester gesprochen wird? Denn niemand entscheidet sich für ein Leben, das er innerlich nicht sehen kann. Eine Lebensform muss eine Gestalt haben, damit man sich für sie entscheiden kann, und sie muss innerlich erkennbar sein, damit sie eine Anziehungskraft entfalten kann. Berufungen wachsen nicht im luftleeren Raum.

Eine stille Verschiebung

Hier lässt sich in vielen kirchlichen Diskussionen der letzten Jahre eine stille Verschiebung beobachten. Das Priestertum wird nur noch selten aus seiner eigenen inneren Wirklichkeit heraus betrachtet, sondern meist im Zusammenhang größerer Fragen nach Strukturen und organisatorischen Veränderungen. Damit verschiebt sich jedoch der Ausgangspunkt des Denkens in einer Weise, die oft gar nicht bewusst wahrgenommen wird. Das Priestertum wird nicht mehr von innen her verstanden, sondern von außen her, von Aufgaben und Anforderungen her. Was von Aufgaben her erklärt wird, erscheint jedoch früher oder später als Funktion innerhalb einer Organisation und nicht mehr als eigene geistliche Lebensform.

Hinzu kommt, dass das Priestertum häufig vor allem im Zusammenhang von Spannungsfeldern zur Sprache kommt. Es geht um Priestermangel, um die zu Recht notwendige Aufarbeitung vom Missbrauch, um (Pflicht-)Zölibat, um Arbeitsbelastung oder um strukturelle Veränderungen.

Identitätskrise

Wer über längere Zeit hinweg nur in diesem Zusammenhang vom Priestertum hört, wird kaum den Eindruck gewinnen, dass es sich dabei um eine große geistliche Lebensform handelt, für die es sich lohnt, das eigene Leben einzusetzen. Sprache beschreibt nicht nur Wirklichkeit, sie prägt auch Wahrnehmung. Die Art, wie über das Priestertum gesprochen wird, prägt daher auch, wie es gesehen und innerlich verstanden wird.

Wo nicht mehr klar ist, warum es dieses Leben gibt und wofür es steht, wird auch der Weg in dieses Leben unklar.

Hier zeigt sich eine grundlegende Einsicht. Eine geistliche Lebensgestalt gerät nicht zuerst in eine Krise, weil ihre äußeren Bedingungen schwierig werden. Schwierige Lebens- und Berufungsbedingungen hat es in der Geschichte der Kirche immer gegeben, und nicht selten haben gerade unter solchen Bedingungen geistliche Lebensformen eine besondere Anziehungskraft entfaltet. In eine Krise gerät eine geistliche Lebensform vielmehr dann, wenn ihre innere Gestalt unklar wird. Wo nicht mehr klar ist, warum es dieses Leben gibt und wofür es steht, wird auch der Weg in dieses Leben unklar. Die Krise beginnt dann nicht an der Oberfläche, sondern im Verlust der eigenen Mitte. Die gegenwärtige Situation des Priestertums könnte daher in einem tieferen Sinn weniger eine Strukturkrise als eine Identitätskrise sein.

Aus der Gnade leben

Damit führt die Frage nach dem Priestertum notwendig zur Frage nach der Kirche. Das Priestertum lässt sich nicht aus sich selbst heraus erklären, sondern nur von der Kirche her und letztlich von Christus her. Wenn die Kirche sich vor allem als Organisation versteht, wird sie das Priestertum organisatorisch verstehen und von Aufgaben her erklären. Wenn sie sich jedoch als sakramentale Wirklichkeit versteht und aus der Gegenwart Christi lebt, wird sie das Priestertum von dieser Wirklichkeit her verstehen und als Teil ihrer Sendung begreifen.

Wo die Kirche aus ihrer Mitte lebt, wird sie auch das Priestertum verstehen.

Dann erscheint das Priestertum nicht mehr zuerst als Funktion, sondern als geistliche Lebensform innerhalb der Sendung der Kirche. Von hier aus verschiebt sich auch die Perspektive auf die gegenwärtige Situation. Die Frage nach der Zukunft des Priestertums ist dann nicht zuerst eine Frage nach Strukturen und nicht zuerst eine Frage nach Zahlen. Sie ist eine Frage nach der Mitte der Kirche und nach der Klarheit darüber, wovon die Kirche lebt. Wo die Kirche aus ihrer Mitte lebt, wird sie auch das Priestertum verstehen. Wo sie ihre Mitte aus dem Blick verliert, wird sie auch das Priestertum nur noch schwer erklären können.

In diesem Zusammenhang kommt auch der Verantwortung der Bischöfe besondere Bedeutung zu. Sie ordnen in ihren Diözesen nicht nur Strukturen und treffen Personalentscheidungen, sondern prägen durch ihre Verkündigung und durch die pastoralen Akzente, die sie setzen, das Bild von Kirche mit. Von ihrem Verständnis der Kirche hängt es in hohem Maß ab, wie auch das Priestertum verstanden wird. Wo vor allem organisatorisch gesprochen wird, wird die Kirche auch organisatorisch wahrgenommen. Wo jedoch vom Durst Jesu, von der Eucharistie, von der Schönheit des Glaubens und von der Sendung der Kirche gesprochen wird, wird auch das Verständnis der Kirche geistlicher und tiefer.

Die Zukunft des Priestertums wird sich daher nicht an Reformpapieren oder berufungspastoralen Konzepten entscheiden, sondern daran, ob die Kirche aus ihrer Mitte lebt. Denn jede Lebensform in der Kirche wird nur so lange verstanden, wie die Kirche sich selbst versteht. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich daher vielleicht nicht nur an tragfähigen und notwendigen Strukturen, sondern daran, ob sie wieder weiß, dass sie von der Gnade lebt und nicht für sich selbst.

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