Der iranische Staat verurteilt Menschen, weil sie "gegen Gott kämpfen". Im theokratischen Denken wird Offenbarung von einem Anspruch, unter den man sich stellt, zu einem Besitz, über den man verfügt – mit tödlichen Folgen.

Theologie beginnt dort, wo Meinungen nicht einfach gesetzt, sondern auf ihre Voraussetzungen hin befragt werden. Dort, wo Sprache vorsichtig wird, weil sie weiß, dass sie sich auf einen Gegenstand bezieht, der sich dem Zugriff entzieht. Vielleicht ist genau das der Grund, warum bestimmte Sätze, die mit religiöser Selbstverständlichkeit ausgesprochen werden, theologisch besonders beunruhigen. Einer dieser Sätze lautet: "Sie kämpfen gegen Gott."

Er klingt nach Frömmigkeit. In Wahrheit markiert er einen Abbruch des Denkens.

Denn wer so spricht, sagt nicht nur etwas über andere. Er sagt etwas über Gott. Genauer: Er setzt voraus, dass Gott so eindeutig, so verfügbar, so unmittelbar im eigenen Urteil präsent ist, dass kein Rest bleibt. Kein Zweifel, kein Vorbehalt, keine eschatologische Offenheit. Theologisch gesprochen wird Gott hier nicht bekannt, sondern festgelegt. Die Rede über Gott verwandelt sich in ein Urteil mit absolutem Anspruch.

Das eigentlich Verstörende liegt nicht primär in der Instrumentalisierung religiöser Sprache, sondern in der theologischen Selbstsicherheit, die sie trägt. Sichtbar wird eine Vorstellung von Autorität, die göttliche Nähe behauptet, ohne sich der eigenen Voraussetzungen zu vergewissern.

Die gegenwärtigen Ereignisse im Iran bilden den Anlass dieser Überlegungen, nicht ihren eigentlichen Gegenstand. Menschen werden dort mit der Begründung verurteilt, sie hätten "gegen Gott gekämpft". Der Satz selbst ersetzt jede weitere Begründung. Er transformiert soziale, politische oder rechtliche Konflikte in eine metaphysische Gewissheit und entzieht sie damit der argumentativen Auseinandersetzung.

Es wäre jedoch verkürzend, dieses Phänomen ausschließlich politisch zu deuten. Das eigentlich Verstörende liegt nicht primär in der Instrumentalisierung religiöser Sprache, sondern in der theologischen Selbstsicherheit, die sie trägt. Sichtbar wird eine Vorstellung von Autorität, die göttliche Nähe behauptet, ohne sich der eigenen Voraussetzungen zu vergewissern. Genau an diesem Punkt ist Theologie gefordert, nicht nur als Korrektiv der Politik, sondern als Reflexion ihrer eigenen Kategorien.

Gewalt im Namen Gottes als hermeneutisches Problem

Gewalt "im Namen Gottes" ist weder ein neues noch auf nur eine bestimmte Religion bezogenes Phänomen. Neu ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der diese Rede heute auftritt, nämlich als konsequente Anwendung einer bestimmten Lesart religiöser Texte.

Dort, wo Texte nicht mehr als Herausforderung gelesen werden, sondern als Bestätigung dessen, was man bereits für richtig hält, kippt Auslegung in Aneignung.

Der entscheidende Punkt liegt dabei weniger in einzelnen Begriffen als in der zugrunde liegenden Methode. Dort, wo Texte nicht mehr als Herausforderung gelesen werden, sondern als Bestätigung dessen, was man bereits für richtig hält, kippt Auslegung in Aneignung – aus Exegese wird Eisegese. Der Text wird nicht mehr gehört, sondern benutzt. Seine innere Vielstimmigkeit, seine historischen Kontexte und seine ethischen Spannungen werden zugunsten einer geschlossenen Lesart eingeebnet.

Theologisch handelt es sich dabei nicht um bloß verkürzte Exegese, sondern um eine Verschiebung des Offenbarungsverständnisses. Offenbarung wird nicht mehr als Anspruch verstanden, unter den man sich stellt, sondern als Besitz, über den man verfügt.

"Gegen Gott kämpfen" – zur Grenze religiöser Urteilskompetenz

Der Vorwurf, jemand kämpfe gegen Gott, beansprucht eine besondere Nähe zum göttlichen Willen. Er setzt voraus, dass nicht nur zwischen Recht und Unrecht unterschieden werden kann, sondern auch zwischen Gottes Freund und Gottes Feind. Diese Unterscheidung ist theologisch hoch aufgeladen. Gerade deshalb wurde sie in der klassischen islamischen Tradition mit größter Zurückhaltung behandelt.

Denn hier stellt sich eine grundlegende Frage: Wer besitzt die Autorität, das Verhältnis eines Menschen zu Gott verbindlich zu bestimmen? Und auf welcher Grundlage?

Der Koran spricht von Verantwortung, von Rechenschaft, von göttlichem Gericht (z. B. Q 6:164; Q 17:36; Q 21:47; Q 22:69; Q 39:46). Zugleich bindet er dieses Gericht konsequent an Gott selbst. Das letzte Urteil bleibt verschoben. Es wird nicht in die Gegenwart hineingezogen, um soziale oder politische Ordnungen zu stabilisieren. Wo diese Verschiebung aufgehoben wird, verändert sich die Struktur religiöser Sprache. Sie wird nicht mehr mahnend, sondern schließend. Nicht mehr öffnend, sondern endgültig. Der theologische Missbrauch beginnt hier nicht bei der Strenge, sondern bei der behaupteten Endgültigkeit.

Theokratische Denkweisen entstehen dort, wo Auslegung den Unterschied zwischen göttlichem Gericht und menschlichem Urteil aufhebt.

An dieser Stelle lässt sich von einer theokratischen Logik sprechen. Gemeint ist keine Staatsform, sondern eine Denkweise, in der menschliche Urteile den Anspruch göttlicher Unmittelbarkeit annehmen und sich damit der Begründung entziehen. Der Koran kennt keine theokratische Ordnung. Theokratische Denkweisen entstehen dort, wo Auslegung den Unterschied zwischen göttlichem Gericht und menschlichem Urteil aufhebt.

Autorität, Normativität und die Frage der Scharia

Diese Problematik zeigt sich exemplarisch in der Rede von "der Scharia". In der islamischen Wissensordnung ist die šarīʿa nicht als direkt verfügbares göttliches Recht zu verstehen. Sie verweist auf Orientierung, nicht auf einen Besitzstand eindeutiger Normen. Die konkreten Regelungen und ihre Systematisierung sind Fiqh – menschliche Deutung, die gerade deshalb theologisch von "Gottes Wille" im strengen Sinn zu unterscheiden ist.

Was heute häufig unter "der Scharia" firmiert, ist keine einheitliche Größe, sondern eine historisch selektive Zusammenführung unterschiedlicher Deutungen, die insbesondere im Zuge moderner Kodifizierungsprozesse rechtlich fixiert wurden.

Wo diese Unterscheidung verwischt wird, erscheint menschliche Normsetzung als unmittelbarer Vollzug göttlichen Rechts. Normative Entscheidungen verlieren dann ihren interpretativen Charakter und treten mit einem Absolutheitsanspruch auf, der sich der Korrektur entzieht. Genau an diesem Punkt verdichtet sich religiöse Autorität zu einem Anspruch, der Urteile über Menschen nicht mehr als begründete Setzungen, sondern als theologisch unangreifbar ausgibt. Was heute häufig unter "der Scharia" firmiert, ist daher keine einheitliche Größe, sondern eine historisch selektive Zusammenführung unterschiedlicher Deutungen, die insbesondere im Zuge moderner Kodifizierungsprozesse rechtlich fixiert wurden.

Wie stark solche Sakralisierungen wirken, hängt wesentlich von den jeweiligen Autoritätsvorstellungen ab. Während im schiitischen Denken religiöse Autorität prinzipiell an bestimmte Träger (Imāmāt) geknüpft ist, zeigt sich im sunnitischen Kontext eine strukturelle Autoritätslücke. Diese "Leerstelle/Le(h)rstelle" wird immer wieder durch staatliche, institutionelle oder "charismatische" Akteure gefüllt, die normative Deutungen mit religiösem Absolutheitsanspruch versehen. In beiden Fällen besteht die Gefahr, dass Gott verfügbar gemacht wird, um menschliche Entscheidungen als endgültig auszugeben.

Entscheidend ist, wie über Gott gesprochen wird

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch gegenwärtige Gewaltphänomene theologisch genauer beschreiben. Die aktuellen Ereignisse im Iran sind dabei nicht als Ausnahmefall zu verstehen, sondern als verdichtete Erscheinungsform eines Problems, das tiefer reicht: der Transformation religiöser Sprache in ein Instrument endgültiger menschlicher Urteile. Der Vorwurf, Menschen kämpften "gegen Gott", verschiebt soziale und politische Konflikte in eine metaphysische Kategorie und entzieht sie damit der verantworteten Auseinandersetzung.

Nicht Religion handelt, sondern Menschen, die bestimmte Lesarten autoritativ setzen und mit einem Absolutheitsanspruch versehen.

Der öffentliche Diskurs fasst solche Phänomene häufig unter Sammelbegriffen wie "politischer Islam". In beschreibender Absicht mag dies nachvollziehbar sein. Analytisch präziser ist es jedoch, von konkreten Akteuren und Deutungspraktiken zu sprechen, durch die religiöse Sprache politisch funktionalisiert wird. Denn nicht Religion handelt, sondern Menschen, die bestimmte Lesarten autoritativ setzen und mit einem Absolutheitsanspruch versehen.

Vergleichbare hermeneutische Strukturen lassen sich auch in dschihadistischen Ideologien beobachten. Auch hier werden religiöse Texte aus ihrem historischen und ethischen Zusammenhang gelöst und als unmittelbare Handlungsanweisungen gelesen. Gewalt erscheint nicht mehr als tragische Grenzüberschreitung, sondern als religiöse Notwendigkeit; das Töten nicht als moralisches Problem, sondern als Vollzug göttlichen Willens.

Theologisch entscheidend ist dabei nicht die jeweilige politische Zielsetzung dieser Akteure, sondern die Logik, die ihr Handeln trägt. In all diesen Fällen wird Gott so in Anspruch genommen, dass menschliche Entscheidungen den Charakter der Unangreifbarkeit erhalten. Verantwortung wird durch Berufung ersetzt, Auslegung durch Gewissheit, Rechenschaft durch Urteil. Gewalt erhält damit den Anschein religiöser Legitimität, obwohl sie in Wahrheit Ausdruck einer entgrenzten Autoritätsanmaßung ist.

An diesem Punkt wird sichtbar, dass es nicht genügt, Gewalt oder Machtmissbrauch zu kritisieren. Entscheidend ist die Frage, wie über Gott gesprochen wird, wenn Urteile gefällt werden. Denn dort, wo Gott zur unmittelbaren Instanz des Entscheidens gemacht wird, verschieben sich nicht nur politische Verantwortung, sondern auch die innere Logik religiöser Sprache. Theologische Reflexion wird hier notwendig, weil sie diese Verschiebung wahrnimmt und nicht hinnehmen darf.

Ein Satz, der trennt

Am Ende bleibt kein Argument, sondern eine Unterscheidung. Sie ist schlicht, aber sie entscheidet darüber, ob religiöse Rede Orientierung bietet oder zur Machttechnik wird:

Menschen töten Menschen, nicht Gott.

Dieser Satz ist keine moralische Abwehrformel. Er markiert eine theologische Grenze. Er verweigert die letzte Verschiebung, in der menschliches Handeln metaphysisch aufgeladen und damit der Verantwortung entzogen wird. Wo Töten im Namen Gottes gedacht wird, ist nicht Gott radikal geworden, sondern die Rede von Gott hat ihre Maßstäbe verloren.

Vor diesem Hintergrund richtet sich eine selbstkritische Anfrage an die Islamische Theologie. Gewaltakteure handeln vielfach ausdrücklich im Namen des Islams. Theologisch problematisch ist dabei nicht dieser Namensgebrauch allein, sondern die Tatsache, dass er wirksam werden kann. Phänomene wie dschihadistische Ideologien, Kalifatsentwürfe oder religiös legitimierte staatliche Gewalt verweisen daher weniger auf "den Islam" als auf Deutungslogiken, Autoritätsvorstellungen und hermeneutische Verkürzungen, durch die der Gottesname zur letzten Begründung menschlichen Handelns wird.

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