Immer wieder passieren außergewöhnliche Dinge. Was Paulus auf seinem Weg nach Damaskus widerfahren ist, war etwas Außergewöhnliches. Aus dem Christenverfolger wurde der wirkmächtigste Missionar in der frühen Geschichte des Christentums. Es gibt keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln, dass ihm wirklich etwas Außergewöhnliches widerfahren ist (Gal 1,15f). In den Jesusgeschichten der Evangelien ist es nicht viel anders. Oft wird der Unterschied zwischen den Worten und Taten Jesu und den hochstehenden theologischen Reflexionen des Apostels Paulus so sehr betont, dass von einem Bruch zwischen dem verkündigenden und dem verkündigten Jesus die Rede ist. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht.
Jesus hat viele enttäuscht
Auch in den Jesus-Geschichten der Evangelien wird von außergewöhnlichen Dingen erzählt. Menschen, die Jesu Worte hörten und seine Taten sahen, waren "außer sich" und fragten sich: "Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht! Den unreinen Geistern befiehlt er und sie gehorchen ihm!" (Mk 1,27). Alle Evangelien erzählen, dass Jesus Wunder vollbracht hat. "Er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus", heißt es im Markusevangelium (1,34). Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Wundergeschichten keine fotographischen Abbildungen, sondern literarisch und theologisch geformte Erzählungen sind, gibt es doch keinen hinreichenden und vernünftigen Grund, daran zu zweifeln, dass da wirklich etwas Außergewöhnliches passiert ist.
Doch worin genau dieses Außergewöhnliche besteht und worauf es verweist, daran scheiden sich die Geister. Dies war offensichtlich schon zur Zeit Jesu der Fall. Seine Wunder können falsch verstanden werden. Von der wunderbaren Brotvermehrung waren die Leute so begeistert, dass sie Jesus zu einem König nach ihrem Geschmack machen wollten; Jesus erkannte die Gefahr und sah sich genötigt, energisch gegenzusteuern:
"Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!" (Joh 6,26f).
Mit dieser Klarstellung hat Jesus viele seiner Anhänger enttäuscht. Sie hatten anderes erwartet: "Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn aufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war? Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben" (Joh 6,60–65).
Sehen und doch nicht sehen
Auch heute wird Jesus von vielen falsch verstanden. Das reicht bis in den Kreis jener hinein, die sich auf ihn berufen. Bereits die Evangelisten wussten darum: "Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher", heißt es im Johannesevangelium (6,66).
Wie kann das sein? Offensichtlich kommen diejenigen, die zunächst von Jesus begeistert sind, ihm sogar nachfolgen, nach einer gewissen Zeit an einen heiklen Punkt. Jetzt kommt es darauf an, auf eine andere Ebene des Bewusstseins und der Wirklichkeit zu gelangen, die mit einem Sprung zu vergleichen ist.
Diese andere Ebene war und ist in allem, was Jesus gesagt und getan hat, von Anfang an präsent, doch viel haben es überhört und übersehen; oder sie wollten es nicht hören: "Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile", klagt Jesus mit den Worten des Propheten Jesaja (Mt 13,15).
Es dauerte nicht lange, da kam der Zeitpunkt, da sich Jesus genötigt sah, in aller Klarheit darauf hinzuweisen, worum es ihm letztlich geht. Deshalb greift er an den wesentlichen Weichenstellungen seines Weges zu schroffen Worten, die dem im Irdischen befangenen Bewusstsein als widersinnig erscheinen. Diese Worte sind irritierend und sie wollen es sein, weil sie ein vermeintliches Wissen erschüttern und eine allzu beschränkte Wahrnehmung aufbrechen wollen: "Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!" (Joh 6,27). Es sind Worte einer paradoxalen Intervention:
"Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden" (Mt 10,39).
"Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit dem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein" (Mt 10,34–36).
"Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Himmelreich kommen wird" (Mt 19,24).
Nach diesen und vielen anderen Worten Jesu "gerieten die Jünger ganz außer sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich" (Mt 19,25).
Sich ziehen lassen
Offensichtlich kommen diejenigen, die ihren Glauben ernst nehmen, irgendwann an einen Punkt, wo sie mit eigener Anstrengung nicht weiterkommen; wo sie einem anderen das Gesetz des Handelns überlassen müssen; wo die alles entscheidende Erkenntnis nicht mehr durch eigenes Nachdenken erreicht wird, sondern durch eine Art von erschütternder Offenbarung. Der Philosoph Josef Pieper spricht von einem intuitiven Schaublick, der das rein Menschliche übersteigt und doch zutiefst menschlich ist. Ein Paradox!
Nach dem Christusbekenntnis des Petrus bei Cäsarea Philippi sagte Jesus zu Petrus: "Selig bist du, Simon Barjona, denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel" (Mt 16,17). Im Johannesevangelium geht Jesus sogar so weit, dass er sagt: "Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht" (Joh 6,44; vgl. 6,65). Die Aufgabe des Menschen besteht darin, sich diesem göttlichen Ziehen nicht zu widersetzen, die Kontrolle abzugeben, zu vertrauen und es geschehen zu lassen.
Paulus, so haben wir gesehen, hat genau dies getan, als er nicht mehr anders konnte. Das Wort Jesu: "Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden" (Mt 10,39) findet in ihm eine geradezu empirische Bestätigung, wenn er bekennt: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,19f).
Paulus verkündet kein anderes Evangelium als die Evangelisten und als Jesus selbst. Wenn man sich nicht mit einer oberflächlichen Wahrnehmung oder einer rein deskriptiven Beschreibung äußerlicher Erscheinungen zufrieden gibt, sondern sich auf die Tiefenstruktur der biblischen Texte einlässt, wird man erkennen, dass sie ein und derselben göttlichen Quelle entspringen. Sie haben, wie die Kirche lehrt, einen einzigen "Urheber", einen einzigen "auctor".
"Fahr hinaus in die Tiefe!"
Mit dem hier in den Evangelien und im Leben des Paulus bezeugten Übergang von einem anfänglichen Glauben, der leicht zu erschüttern ist, zu einem tiefen Glauben, der in der Krise trägt (vgl. Mt 13,1–23), beschäftigt sich die christliche Mystik. Die Mystik ist also nicht der genuin jesuanischen Botschaft von außen als etwas Fremdes übergestülpt worden, wie einige meinen, sondern im Grunde nichts anderes als ein Glaube, der einer durch Erfahrung zuteilgewordenen Erkenntnis entsprungen ist und der sich weiterhin aus dieser Einsicht nährt.
So gesehen hat Joseph Ratzinger Recht, wenn er in einem seiner frühen Werke schreibt:
"Die Schrift ist geboren aus einem mystischen Kontakt der Hagiographen mit Gott, sie kann daher richtig verstanden werden wiederum nur auf einer letzterdings ‚mystisch‘ zu nennenden Ebene" (Gesammelte Schriften, 2, 518).
Die Theologie spricht von einer "cognitio Dei experimentalis" – einer Erkenntnis Gottes aufgrund von Erfahrung. Dass wir in Kirche und Theologie diese in der Heiligen Schrift selbst angelegte mystische Dimension weitgehend vergessen haben, dürfte der Hauptgrund für die Krise des Glaubens in der Moderne sein.
"Duc in altum!", lautet die lateinische Übersetzung jenes Rates, den Jesus Simon Petrus gab, als dieser klagte, die ganze Nacht nichts gefangen zu haben: "Fahr hinaus in die Tiefe!", könnte man übersetzen, "und werft dort eure Netze aus. Das taten sie und sie fingen eine große Menge an Fischen" (Lk 5,4–6). Unter dieses Wort Jesu hat Papst Johannes Paul II., der über den Mystiker und Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz promoviert hat, sein Apostolisches Schreiben "Novo Millennio Ineunte" gestellt, in dem er seinen Blick auf die Herausforderungen des 3. Jahrtausends richtet.
Wer sich auf Jesus einlässt, muss mit Überraschungen rechnen. Da wird es nie langweilig. Jesus mutet seinen Followern einiges zu: Was sie mit der Brotvermehrung erlebt haben, so gibt er ihnen zu verstehen, ist noch gar nichts, im Vergleich zu dem, was noch kommen wird: "Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn aufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?" (Joh 6,61f).
Mystik hat auch ihre dunklen Seiten
Mystische Erfahrungen gehen gewöhnlich mit Erschütterungen und Verwirrungen einher. Allerdings kann und darf dies kein Dauerzustand sein. Der Zusammenbruch ist nicht das Ende der Geschichte, wenn es mit rechten Dingen zugeht. Das alte Ich und die damit verbundene Lebensform brechen ein, doch etwas Neues, eine neue Identität und eine neue Lebensform wollen – wie bei einer Geburt – ans Licht kommen. Im Johannesevangelium spricht Jesus von einer zweiten Geburt, die einem Menschen bevorsteht, wenn er in das Reich Gottes eingehen will: "Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann es das Reich Gottes nicht schauen" (Joh 3,3).
Paulus war nicht weniger radikal. Sein aus der Christuserfahrung erwachsenes Kerygma, "dass der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerecht wird, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus" (Gal 2,16), hat kritische Rückfragen provoziert; mehr noch, soweit erkennbar, sogar heftigen Widerspruch hervorgerufen.
Hier begegnen wir einer Ambivalenz, die mit mystischen Erfahrungen einhergeht und die, wenn der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird, sogar zu politischen Katastrophen führen kann. Die Mystik hat auch ihre dunklen Seiten. Wenn der Mensch nicht durch Tugenden und Werke des Gesetzes zu Gott gelangen kann, wie Paulus sagt, werden dann nicht alle sittlichen Maßstäbe hinfällig? Ist der Mensch dann so frei und souverän, dass er machen kann, was er will? Muss er sich dann noch der strengen Norm des Gesetzes unterwerfen? Ist er dann nicht ermächtigt, für sich und seine Gefolgsleute einen Ausnahmezustand zu reklamieren, weil er als begnadeter Mystiker über dem Gesetz steht?
"Wir richten das Gesetz auf"
Genau mit diesem Vorwurf sind jüdische und christliche Kritiker Paulus entgegengetreten – durchaus verständlich! Mehrfach greift der Apostel in seinen Briefen deren Schlussfolgerungen auf und weist sie entschieden zurück:
"Was sollen wir nun sagen? Sollen wir an der Sünde festhalten, damit die Gnade umso mächtiger werde? Keineswegs!" (Röm 6,1f).
Doch mit welchen Argumenten versucht Paulus die Kritik seiner Gegner zu entkräften? – Indem er wiederholt auf jenen Vorgang verweist, den er selbst durchgemacht hat und den zu durchschreiten jeder Christ, wenn er den Namen verdient, aufgefordert ist: den Weg der Hingabe, des Sterbens und der Auferstehung:
"Wie können wir, die wir für die Sünde tot sind, noch in ihr leben? […] Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, sodass wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. […] So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus. Daher soll die Sünde nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, sodass ihr seinen Begierden gehorcht" (Röm 6,3.6–12).
In diesem theologisch dichten Text wird die Grundstruktur des christlichen Glaubens beschrieben: als ein Weg der Wandlung, der, in einem Prozess des Sterbens, zum Auszug aus dem durch die Sünde kontaminierten Leben und zum Einzug in ein neues Leben, in ein Leben in der Gemeinschaft mit Christus, führt. Den christlichen Glauben nur als eine Befreiung zu verstehen, wie heute oft zu hören ist, greift zu kurz. Es findet ein Herrschaftswechsel statt. So war es bereits beim Auszug Israels aus der Knechtschaft Ägyptens. Am Sinai unterstellte sich Israel der Herrschaft eines anderen Königs, nicht mehr derjenigen des Pharao, sondern der Herrschaft des wahren Königs: "Denn ein großer Gott ist der Herr, ein großer König über allen Göttern" (Ps 95,3). Wird der Herrschaftswechsel, von dem Paulus spricht, wirklich vollzogen und gelebt, dann wird die Sünde nicht mehr herrschen (Röm 5,14). So kann Paulus seinen Kritikern entgegenhalten: "Setzen wir also durch den Glauben das Gesetzt außer Kraft? Im Gegenteil, wir richten es auf!" (Röm 3,31; vgl. Mt 5,17). Christen sollten Menschen sein, "die aus Toten zu Lebenden geworden sind" (Röm 6,13).
Geistige Übungen
Die Geschichte christlicher Mystik ist, wenn sie recht verstanden wird, im Grunde nichts anderes als die Elementarisierung und Umsetzung dieser Einsicht. Eine wesentliche Hilfe dazu sind geistige Übungen. Sie folgen einer Ordnung und bewirken etwas. So sollte man die Pastoralbriefe, die sich in die Spur des Apostels einschreiben, nicht als "katholischen" Abfall von der Höhe des paulinischen Denkens verachten, sondern als konkrete Wegweisung in eine Spiritualität des Alltag verstehen, wenn es dort heißt: "Übe dich in der Frömmigkeit!" (1 Tim 4,7).