I.
Vorgedanken, quasi in Klammern. Monolithisch liegt ein Satz in Walter Benjamins Aphorismensammlung "Einbahnstraße". Er ist ohne erklärende Umgebung. Kein Argument wird angeboten, kein erhellendes Beispiel weit und breit. "Überzeugen ist unfruchtbar." Der Form nach holt der Aphorismus schlicht ein, was er sagt, denn wie wollte man auch einen Satz überzeugend begründen, der eben dieses für wenig sinnvoll erklärt. Einen Kontext insinuiert allein die Überschrift: "Für Männer". Da geschlechtliche Zuschreibungen postwendend meinen inneren Widerstand provozieren, sei vorweggesagt: Mit Argumenten überzeugen zu wollen, ist keine rein männliche Angelegenheit. Umgekehrt war der Widerstand gegenüber dem Argument nie nur weiblich. Und doch wurde er – aus Gründen - oft von Frauen gepflegt.
Die weiblichen Altvorderen meiner Umgebung – pars pro toto – hatten auf noch so beflissen und logisch vorgetragene Ratschläge nie mit Gegenargumenten reagiert, was sie vermutlich auch nie gelernt und geübt hatten. Stattdessen wurden sie mit einem sinngemäßen, eher ins Innere gemurmelten "Und ich tu, was ich mag" quittiert. Dieser (weibliche) Widerstand gegenüber dem Argument richtet sich gegen eine Position der (männlichen) Stärke, formuliert Selbstmächtigkeit, wehrt sich gegen Handlungsempfehlungen, die so überzeugend vorgetragen sind, dass die Zustimmung als Schuldigkeit erscheint. Und schon ist deutlich, was Benjamin gemeint haben könnte. Denn das überzeugende Argument löscht das Gefühl der Fremdbestimmtheit nicht aus. Bei meinen Altvorderen wirkte es selten. Oft zum eigenen Nachteil und aller Vernunft zum Trotz. Packen konnte man sie bei ihrem Herzen.
II.
Ähnlich monolithisch wie Benjamins Satz liegt ein großer Eisbrocken auf der Bühne. Er ist annähernd oval, einen schwachen Meter im Durchmesser. Das hellblaue Licht, das sich auf ihm bricht, gibt ihm die Farben einer leuchtenden Eislandschaft. Es gibt keine scharfen Kanten. Der Eisbrocken ist angeschmolzen – wie auch anders in diesem Innenraum, in den er ganz offensichtlich nicht gehört. Doch auch wenn man ihn aus dem großen Saal der Papstresidenz in Castel Gandolfo nach draußen tragen würde, ist am 1. Oktober 2025 nicht mit Temperaturen zu rechnen, die das Eis auch nur in Ansätzen haltbar machen, geschweige denn produzieren würden. Als Fremdling im Raum irritiert der Eisblock den Blick.
Schon eine ganze Reihe von Eisblöcken hat der dänische Künstler Olafur Eliasson gemeinsam mit dem Geologen Minik Rosing aus dem Nuup Kangerlua Fjord gefischt und sie in verschiedenen europäischen Städten aufgestellt. Nach Kopenhagen (2014) und Paris (2015) hat er 2018 mehrere in London vor die Tate Modern gestellt. Über Tage konnten Besucher*innen die zwischen 1,5 und 6 Tonnen wiegenden Monolithen berühren, sich an sie lehnen oder auf sie setzen, das Eis auf der Haut spüren, sich in ihnen spiegeln, sie umarmen oder gar küssen. Und sie konnten Verlust erfahren, denn auf den Platz vor der Tate Modern gestellt, schmilzt das Eis unwiderruflich. Es schwindet schneller als in dem Fjord, aus dem es gefischt ist. Aber auch dort schmelzen die Eisbrocken, die sich aufgrund steigender Temperaturen vom grönländischen Eisschild gelöst hatten, dessen Teil sie einst waren. In London wird ihre Großartigkeit ebenso erlebbar, wie die Trauer über ihren Verlust.
III.
Anlass der Installation in Castel Gandolfo war die Tagung "Raising Hope for Climate Justice", zu der Papst Leo XIV. anlässlich des zehnten Jahrestags der Enzyklika "Laudato si’" und im Vorfeld der Klimakonferenz von Belém im Amazonasgebiet eingeladen hatte. Von dort geht vor allem ein Bild um die Welt. Der Papst steht neben der Installation Eliassons und legt dem Eis die Hand auf. Ein jahrtausendealter Segensgestus richtet sich auf den Brocken aus dem jahrmillionenalten Eisschild und verbindet so Ritual mit Installation, Kontinuität mit Unterbrechung, Zuspruch mit Fragilität, Gnade mit Ethik. Mit der Hand auf dem Eis wird der Segen, jedweder Segen, als Schöpfungssegen erfahrbar. Er liegt auf der Erde als Lebensraum, in dem Eisblöcke und Menschen miteinander verwoben sind.
Papst Leo XIV. segnet einen Eisblock bei der internationalen Klimakonferenz "Raising Hope for Climate Justice" im Oktober 2025 in Castel Gandolfo
© Vatican Media
Der Segensgestus führt vor Augen, dass dieser Lebensraum von niemandem produziert wurde, und schreibt ihm so Unverfügbarkeit ein. Gleichzeitig macht der schwindende Eisbrocken die menschliche Aufgabe sichtbar, an der er gerade grandios zu scheitern scheint – den Lebensraum schöpferisch fortzuschreiben. Jedes Bemühen, so lässt sich erahnen, springt zu kurz, wenn es Nachhaltigkeit ohne Unverfügbarkeit allein in den Kategorien des technisch Machbaren und des ökonomischen Nutzens denkt. Und Segen, so wird ebenfalls spürbar, ist gegenwärtig ohne das Mammutthema Nachhaltigkeit eine Themaverfehlung.
IV.
Das Segnen des Eisbrockens ist der Versuch, der Unfruchtbarkeit des Überzeugens zu entgehen und andere Wege zu finden. Noch vor dem Verstand zielt die Verschmelzung von Ritual und Installation auf das, was Papst Leo in seiner begleitenden Ansprache das "Herz" nennt. Im biblischen Sinn ist es weit mehr als der Sitz der Gefühle und einer womöglich irrationalen Gefühlsduselei. Es ist nicht einfach das andere der Vernunft. Vielmehr bezieht "Herz" in das Vernünftige die ganze Range aus Emotivem und Körperlichem ein, in die die Sprache nicht hineinreicht und die deshalb dem Intellekt entzogen ist.
Unser Entscheiden und Handeln reicht tief hinein in diese Räume des Selbst, in denen die Sehnsüchte und Ängste sitzen, in denen Verkrampfungen und Abwehrhaltungen gepflegt werden, in denen aber auch Freiheit entsteht und Neues beginnen kann. Es sind diese Räume, auf die Kunst in ihren Wirkungen zielt. Auf sie richtet sich ebenso der biblische Ruf, das Herz aus Stein zu einem Herz aus Fleisch werden zu lassen. Ein Selbstläufer? Natürlich nicht! Denn dieser Ruf kann nie mehr sein als ein Angebot, sich und die Welt neu zu verstehen. Und dennoch mag das, was die Bibel Umkehr nennt, manchmal mit dem Vermissen eines Eisbrockens beginnen.