Amsterdam zwischen Grachtenzauber und Caféweisheit: "Without love it's just coffee" wird zur geistlichen Provokation. Während Kirchen musealisiert oder bedrängt wirken und Theologie zwischen Agonie und Abstraktion schwankt, rückt das Hohelied der Liebe ins Zentrum. Nur wo Leidenschaft und Gabenvielfalt neu Raum gewinnen, wird Kirche Zukunft haben.

Amsterdam! Für jemanden, der vom Rhein kommt, eigentlich nichts Besonderes. Viel Wasser und Bootsfahrten gibt es auch anderswo. Die Grachten und Kanäle jedoch, dieses fein durchdachte, symmetrisch sich ausspinnende Netz von Wasserwegen verbunden mit einem kosmopolitischen Flair reißt auch den Rheinländer hin. Hinzu kommen diese Fahrradwellen, die sich von Brücke zu Brücke schwingen, der Vondelpark, die Häuserfluchten mit den Seilzuggiebeln, die Museen, Tulpenmeerstände mit Tulpensorten jenseits von Exportware, wunderschön prächtig und groß, orange, rot, violett, gelbirrsierend, schillerndweiß … Wer sich durchschwingt von Gracht zu Gracht, findet ein kleines Vorgartengesamtkunstwerk mit purpurroten Kamelien und winzig kleinen Bänken, hin zum Beginenplatz …

Die Kirchen dort haben es dieser Tage schwer: Die älteste Kirche am Ort, die Oudekerk, liegt inzwischen eingezwängt im Rotlichtviertel, und ringsum riecht es nach "Gras". Die Nieuwe Kerk indes zum coolen Ausstellungsraum umfunktioniert, was nur Touristenführer hinreißend finden können. Immerhin bleibt die Westerkerk eine Art kunsthistorische Pilgerstätte, liegt doch in ihr Rembrandt begraben.

Ein ganz eigenes Biotop eröffnet sich am Beginenplatz: Eine lutherische Kirchenfahne flattert leicht zerzaust im Wind. Innen öffnet sich ein äußerst großzügiger Raum mit blauem Sternenholzhimmel. Sie ist zu einem Simultanraum geworden, wie sich zeigt. Gottesdienstraum am Sonntag und festliche Aula der Universität Amsterdam zugleich, weshalb vor Kanzel und Orgel etwas schräg und verloren hineingestellt in die Chorempore das Rednerpult für die Fakultäts-Dekane seinen Ort im Raum gefunden hat - und doch auch nicht. Theologie und Kirche - Arm in Arm, Raum im Raum.

Without love is just coffee

Unweit des Beginenplatzes findet sich das Café Back to Black. Es liegt in der Weteringstraat. Jeder Stuhl ist anders dort. Es riecht nach Kakao, Zimt und Mokka. Wer hier seinen Morgencappuccino nimmt, dem prägt sich beim Austrinken auf dem Innenrand der Tasse folgende Aufschrift ein: Without love is just coffee. Ein einzeiliger Augenöffner von hermeneutischer Kraft! Without love it's just church … Wie würde sich das auf der Einstiegshomepage der Deutschen Bischofskonferenz oder der Evangelischen Kirche in Deutschland lesen? Die einen würden sagen: "Endlich mal eine realistische Selbsteinschätzung"; die anderen: "Das ist doch noch stark untertrieben: Without love it's just church"; Dritte mögen sich an Cyrill erinnert fühlen, der Lieblosigkeit als Zeichen der Endzeit las.

Angesichts einer zerstrittenen Gabenvielfalt in den Kirchen ist das Hohelied der Liebe ein apostolisches Trotzlied im Angesicht Gottes damals wie heute.

Gremienkundige werden die ein oder andere Szene vor Augen haben, in der sozial-phänomenologischzum Greifen nah kommt, dass es in der Tat so sein muss: Without love it's just church. Vor allem in kirchlichen Milieus, in denen es üblich ist, sich mit Bruder und Schwester anzureden, also mit Bruder Johannes oder Schwester Miriam, was im Leben kein leiblicher Bruder und keine leibliche Schwester untereinander tun würden, lauern besonders üble Gefahren der Lieblosigkeit. Die ersten Aufarbeitungsstudien zu den Geschwisterschaften in evangelischen Landeskirchen führen bedrohlich und eindrücklich vor Augen: Seit Kain und Abel wissen wir, dass wir alle Brüder sind … Without love it's just church.

Auch da, wo es dem Namen nach weniger innig zugeht, schaffen es Christenmenschen einfach nicht, miteinander zu reden. An so manchen theologischen Fakultäten gibt es Lieblosigkeitsabgründe zwischen Fach und Fach. Without love it's just theology … Das sogenannte Hohelied der Liebe im 1. Korintherbrief im 13. Kapitel: ist es nur eine paulinische Schwärmerei, die theoretisch wahr sein sollte, aber den Ernstfall der Praxis nicht besteht? Die Liebe lässt sich nicht verbittern, rechnet das Böse nicht zu. Eia, wären wir da, in der Kirche, in den Klöstern ... Nun, die Korinther - das hat Paulus einige Kapitel zuvor in seinem ersten Brief an sie ja deutlich nicht nur zwischen den Zeilen zu verstehen gegeben - waren auch ein bunter, zerstrittener Haufen. Insofern ist das Hohelied der Liebe angesichts einer zerstrittenen Gabenvielfalt in den Kirchen ein apostolisches Trotzlied im Angesicht Gottes damals wie heute.

Theologie in Agonie?

Und dieser Tage gibt es Enttäuschung über die Gemeinde, die Kirche, die eine brutta figura macht: Zu viele Amtsinhabende in den Kirchen geben das Bild eines jammernden Haufens melancholisch verzückter Apokalyptiker ab, die von der Transformation reden, statt sie anzupacken. So viel schlechte Laune und Druck und Abbauenergie ist in den heiligen Hallen unterwegs statt "Freude am Wort". Meinte nicht Paulus, die Liebe ertrage alles, glaube alles, hoffe alles, dulde alles? Diese Diskrepanz ist beim besten Willen nicht zu dulden. Und es stellt sich im Blick auf die Dienenden des Wortes die Zukunftsfrage.

Können Kirchen auf feinen Nachwuchs hoffen, in den Kirchen, den Gemeinden, den Klöstern, wenn sie so wirken? Der Verdruss macht ja auch nicht vor der Universitätstheologie dieser Tage halt. Das schlichte theologische Gemüt mag sich darüber wundern, womit sich die theologische Forschung befasst: Entwicklung und Begrünung agrarsexionaler Flächen im bronze- und eisenzeitlichen Palästina, Begleitforschung zur Vroni-Studie, andernorts werden so wörtlich "planetarische Zukünfte globalitätssezifisch im Lichte einer gegenwartsethischen Modernisierung" erschlossen. Kein Zweifel: Das klingt nach einer Forschung, die Berge versetzen will. Kann sie's aber auch?

Eine Generation, in der gefühlt alle Talkmaster sind, in der die Menschen beim Walken und Fahrradfahren sich in der Natur ergehen und deren Ding es ist, Kräuter selbst zu ziehen, kommt nicht bei der Lektüre der Jüngergeschichten, sondern vor einem Topf mit 12 Thymianarten zu sich selbst. Ein solcher Kräutertopf ist für sie die wahre Gabenvielfalt.

Ein anderes, auf einer Theologiehomepage hinterlegtes Konzeptpapier gibt zu lesen: "Die gesellschaftspolitische Dimension und Potentiale eines liberalen Umgangs mit Religion und Religiosität bilden unsere Forschungsschwerpunkte". Vielleicht sind das ja die neuen Engelszungen, mit denen geredet wird. Andernorts versucht eine "Zeitschrift für explorative Theologie" ihr Glück. Klingendes Erz, lärmende Schelle … Ja, wer will denn da studieren.

Die "Gen Z" jedenfalls will kaum Theologie studieren. Die will nach Auskunft KI-gestützter Recherchetools kein Christentum mehr, weil ihr das einfach nicht zukunftstauglich erscheint. Eine Generation, die schon in jüngsten Jahren mit Smartphone-Pornographie konfrontiert war, die sich in manchen Lebensleidenschaftsfragen merkwürdig regressiv verhält; eine Generation, die im Wesentlichen lernt zu wissen, wo sie was nachgucken kann, und dass es vor allem darauf ankommt, die eigene Meinung zu verkünden, egal welche; eine Generation, die der Tod einer stringenten Argumentation ist; eine Generation, in der gefühlt alle Talkmaster sind, in der die Menschen beim Walken und Fahrradfahren sich in der Natur ergehen und deren Ding es ist, Kräuter selbst zu ziehen, kommt nicht bei der Lektüre der Jüngergeschichten, sondern vor einem Topf mit 12 Thymianarten zu sich selbst. Ein solcher Kräutertopf ist für sie die wahre Gabenvielfalt.

Eine Fakultät im hohen Norden scheint darauf reagiert zu haben. Sie versucht ihr Glück deshalb mit folgendem Einstiegssatz auf der Homepage: "Wir sind nicht nur weltoffen, sondern öffnen die Tore zur Welt. Unser Campus lädt mit seiner grünen Wiese am See zum lernen, lesen und liegen ein. Ein Studium mit Naherholungspotential." Liegen! Naherholungspotential! Ein Tor, wer dachte, theologische Fakultäten werden zum Magneten theologischer Leidenschaft durch mächtige Bibliotheken und einen faszinierenden Lehrkörper. Without love it's just church, it's just theology …?

Das Hohelied der Liebe bleibt Wegweisung, Kernlied der Kirche und ist nicht umsonst Herzstück des ersten Korintherbriefes.

Keine Zeit zu verlieren

Theologie und Kirche, so ein quirliges Amsterdam … und die Kirchen, die schönen, finden zu ihrer eigentlichen Funktion und Bedeutsamkeit, Kirchort an Kirchort, jeder anders, keine fromme Einheitsarchitektur, wunderschön geschnittene Grachten, um die Ecke schauen, und neue bildschöne Ansichten. Auch Hausboote sind erlaubt. Gemeinsam geteilte Räume von Glauben, Beten, Gesang und Ausschwärmen. Das darf keine Träumerei bleiben. Die Kirchen haben keine Zeit zu verlieren. So viele Gaben, so viel Leidenschaft, so viel Liebe für eine Welt liegt in einer Luft, die nur endlich eingeatmet werden will, eine Gabenvielfalt und Liebe, die in verschiedenen Arten auf das Wort christlich hören kann, weil der Herr der Kirche ein Liebhaber der Welt ist.

Only with love it’s church, it’s theology! Das Hohelied der Liebe bleibt Wegweisung, Kernlied der Kirche und ist nicht umsonst Herzstück des ersten Korintherbriefes. Denn es führt vor Augen: Das Leben eines Christenmenschen, das Leben einer Kirche, einer Gemeinde, eines kirchlichen Ortes, eines Klosterortes ist in ihrem Kern eine Begehung, ist in ihrem Kern die Begehung jenes Liedes, das Paulus einst den Korinthern zudichtete; ist im strengen Sinne des Wortes ein sakramentaler Vorgang, täglich zu singen, eine in Sprache gefasste und zugleich doch leibhaftige Gabenbereitung unseres Lebens, die sich auf das eine konzentriert, wofür wir alle unterwegs sein sollen: Jesus und dem Glauben Raum zu geben.

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