I.
"verbündet mit der allmacht, wie du sie verstehst, hast du aus deiner winzigen weltecke die erde erobert. du hast die zeichen deines sieges und die zeichen der vernichtung in die flanken der berge, in den schoss der erde, auf die linien des wassers geschrieben […]. nun frisst du, frisst und frisst, und schreist darüber, dass du nun vielleicht gefressen wirst […]. geh hin: diene deinen brüdern und schwestern sonne, mond, ochs, esel, schimpansen, ameisen, bäumen, regen und tau."
Ins "Wort des Abwesenden Gottes" sind wir geraten. Einer Bilanz der "gnadenlosen Folgen des Christentums". Seine in Bedrängnis geratenen Arten fordert der Schöpfer vom Menschen zurück und mahnt zur Abkehr von ihrer Drangsalierung. Long ago wie, den Stand des ökologischen Diskurses betreffend, früh zugleich. 1972 ist Carl Amerys entsprechendes Buch erschienen, das eines profilierten Katholiken übrigens.
II.
Vollständig ausspioniert ist die Natur, vermessen und verwertet, geschunden, zerrupft und ausgebeutet. Preisgegeben den Herren der Welt, welche, biblischer ordre gemäß zu solcher Ermächtigung berufen, sich den Erdball untertan gemacht haben. Mit einer Maßlosigkeit, die weiter anschwoll, je moderner die inzwischen säkulare Moderne wurde.
Dass solches Gebaren sich schließlich gegen seine Betreiber selbst wenden muss: in der Theorie wissen wir das. So gesehen geht es bei der dringlichen "Sorge für das gemeinsame Haus" eigentlich mehr um Zwecke des Menschen selbst denn um die Natur als umfassend Respekt gebietendes und mit intrinsischem Wert ausgestattetes Gegenüber. Hegender Schonung und Fürsorge bedarf sie nicht um ihrer selbst willen, sondern um uns vor Schädigung zu bewahren.
III.
Doch bleibt solcherart unterfütterte Bezogenheit allein genügend? Vermöchte uns jene Natur, der wir definitiv achtsam begegnen sollten, nicht noch anderes zu vermitteln? In ihrer herausfordernden Nähe? In ihrer vielleicht immer noch verschlossenen Fremdheit? Von Sinnlichem zugleich wie dessen möglicher Durchquerung? Geriete derlei Seinszusammenhang überhaupt noch in die Reichweite unserer Antennen?
IV.
Gegenläufig zur Unterjochung und dem beginnenden Raubbau an ihr wurde die Natur lange Zeit hindurch auch als gewaltig wahrgenommen, hoheitsvoll nachgerade. Eine Majestät, die, bis hinunter in ihre geringsten Merkmale, dem Menschen Bewunderung abnötigte, ja Scheu. Als Phänomen über sich hinausweisender Erfahrung. Etwas, das uns bei seiner Betrachtung "nach oben" anleitet, zum inneren Aufblick. Medium des Berührtwerdens durch etwas Größeres, als wir sind.
Eine philosophisch-ästhetische Kategorie knüpfte sich daran: Das Erhabene. Dergestalt sei die Natur (führt Kant in seiner Kritik der Urteilskraft aus), da sie echogleich nicht nur ein Empfindungsvermögen wachrufe, zu dem wir disponiert seien: die Idee der Unendlichkeit. Von der Vernunft könne sie äußeren Beschaffenheiten eingeschrieben werden. Selbst Darwin, der die Natur doch ganz einem wissenschaftsbasierten Deutungssystem überantwortet, fand, dass eben darin – dem evolutionären Verständnis von Vielfalt und Schönheit der Welt – sich "Erhabenheit" kundtue.
Intellektuell angegammelt, diese Haltung? I wo! Jean-François Lyotard, Pate der Postmoderne, eröffnete 1991 eine neue Debatte um den Begriff, nicht ohne Verweis auf seine multilingual religiöse Verflochtenheit. Im Romanischen und Angelsächsischen, wo vom "Sublimen" die Rede ist, leitet er sich von der Vorstellung einer Grenze her, einer Schwelle, dem limes.
V.
Dafür, dass jenseits "objektiv" verfestigter Gegenständlichkeit in der Natur immer mehr gegenwärtig sein/werden könnte, als wir gemeinhin registrieren, ließe sich ideengeschichtlich noch Manches beibringen. Intuitionen ihrer "Vergeistigung", der Anwesenheit eines Supra-Naturalen. Animistische Tiefenzeiten, wo natürliche Entitäten als Person gelten, und pantheistische Entwürfe, denen die Schöpfung selbst an die Stelle eines numinosen Schöpfers tritt, sozusagen als Eckpunkte.
VI.
Zum Feld dazwischen gehört beispielsweise die über zweitausendjährige Lehre von der Pflanzenseele – nicht im Sinne von Immaterialität und Unsterblichkeit verstanden, doch als Fähigkeit zur Perzeption, mit jeweils quasi-einzigartigem Empfindungsleben teilweise sogar. Im Anschluss an neoscholastische Konzepte einer Stufenordnung der Dinge findet sich der Gedanke noch bei Edith Stein. Schon vorher sprach ausgerechnet einer wie Ernst Haeckel, famoser Biologe wie eifernder Monistenbündler, von "Kristallseelen". Formen neuerer Gaia-Modelle, wonach die Biosphäre als selbstregulierende Organismus zu betrachten sei, analog zu einem lebendigen Wesen, mögen dem von Ferne benachbart erscheinen.
VII.
Kulturell vor allem fruchtbar geblieben ist die frühneuzeitliche Signaturenlehre. Ihr zufolge stellt Natur stets auch eine Art Buch dar, einen Anregungs-, ja Appell-Text voller Zeichen, durch die sie zu uns spricht (so wir uns durch allein instrumentell ausgerichtete Vernunft nicht aus ihr hinaus reflektieren) – je nachdem von einer universalen Ordnung oder Gottes unsichtbarer Wirklichkeit. Spuren eines logos zu entdecken wären demnach in jeglichem, das sich zeigt.
Mit denkschwach-esoterischen Stimmungslagen haben solche Wünschelrutengänge nach möglicherweise Zu-Dechiffrierendem wenig gemein. Ebenso findet keine Vermenschlichung statt. Eher das Gegenteil.
VIII.
Vor knapp zehn Wochen kam ein vielfach ausgezeichneter Film in die Kinos: Silent Friend. Seine Macherin, Ildikó Enyedi aus Ungarn, zählt zu der vordersten Reihe des europäischen Autorenkinos. Frühere ihrer Produktionen wie Mein 20. Jahrhundert oder Körper und Seele greifen nicht zuletzt den Verlust unseres Gespürs für Transzendentales auf.
Die stille, doch wohl keineswegs aufmerksamkeits- und mitteilungs-unfähige Freundin (denn es ist ein weibliches Exemplar), im Abspann als Hauptdarstellerin benannt, steht im Alten Botanischen Garten der Universität Marburg. Fast ausschließlich dort spielt die Handlung, einem Ort systematischer Neugier als Grundlage für den Gewinn von Einsichten. Wie ein lebendes Fossil präsentiert sich der riesige (jawohl: erhabene!) Ginkgo biloba, Mahnmal für den Herausforderungscharakter der Natur noch im wissenschaftlichen Zeitalter. "Bei einem Baum", so die Regisseurin, "handelt es sich um ein komplexes Wesen mit einer eigenen Wahrnehmungswelt, die genauso gültig und wichtig ist wie diejenige der Menschen. Da wir die Grenzen unserer Wahrnehmung nicht überschreiten können, habe ich mich dafür entschieden, durch drei Begegnungen, drei Zusammenstöße, drei unvollkommene und eher unbeholfene Versuche mit der Welt jenseits des menschlich Wahrnehmbaren in Verbindung zu treten."
IX.
Eine Zeitreise von mehr als einem Jahrhundert umspannen diese episodisch (in umgekehrter Chronologie) lose miteinander verknüpften Anstrengungen. Für Grete, die erste Botanikstudentin an der Uni, wird 1908 ihr Fotoapparat zum Rüstzeug einer über das rein Abbildhafte hinausreichenden Form empirischer Erkundung. Pflanzliche Strukturen unterzieht sie dabei wie einer phänomenologischen Wesensschau, die im Minimalsten noch universale Muster zutage fördert. Derweil sich seine Kommilitonen 1972 fortschreitend politisieren, lernt Hannes am Beispiel einer Geranie der Meditation ähnlich das konzentrierte Beobachten. Ganz nah kommt er an vordergründig Unscheinbares heran, was bei ihm selbst existenzielle Wandlungen auslöst.
Während des der Corona-Epidemie geschuldeten Lockdowns von 2020 verlagert schließlich ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, der als Marburger Gastprofessor die Gehirnaktivitäten Neugeborener erforschen wollte, seine Aktivität auf vielleicht noch unentdeckte Verbindungen zwischen Pflanze und Mensch. Technologiegestützte Experimente hierzu stellt er mit dem Ginkgo biloba an, von der Hypothese flankiert, ein individuelles sensitives Geschöpf vor sich zu haben. "Beobachten uns Bäume und Pflanzen so, wie wir sie beobachten?" sinniert er. Erwarten sie obendrein etwas von uns?
Auf je unterschiedliche Weise lassen sich alle drei Personen auf eine Schule des Sehens und Betrachtens ein, die allmählich neue, freilich weiter rätselhaft bleibende Perspektiven auf vegetative Seinsformen bietet, ein "Anderes", an dem Menschen doch teil haben. Dass eine Pflanze uns im Letzten unzugänglich bleibt, dass wir (ebenso wie im exemplarischen Falle der Fledermaus) nie wissen werden, "wie es ist, ein Baum zu sein", wird nicht achselzuckend hingenommen, sondern dient als Stachel, intensiv Fragen nachzugehen, Zeichen auch, die sich in diesem Zusammenhang auftun mögen. Robbt derlei Bohren sich am Ende gar unvermutet an Offenheiten für Metaphysisches heran?
X.
Ildikó Enyedis entschleunigende Erzählweise tut ein übriges dazu. Immer wieder verharrt die Kamera, um scheinbar wenig belangvolle Details abzutasten. Wer an rasch abwechselnde Reize gewöhnt ist (in diesen Zeiten mit steigender Tendenz durchaus wohl die meisten!), wird so angehalten, versuchsweise die Augen zu öffnen und geduldig seinen Blick zu schärfen. Ob Lineamentgewebe von Rinden, atmosphärisch wechselnde Lichtphänomene oder Bewegungen eines Blattes im Wind: im nachgerade kontemplativen Verweilen darauf wächst allem ein staunenswerter Freiheitsgrad zu. Von auftrumpfendem Bescheidwissen bleibt da nicht mehr viel.
XI.
Aufmerksamkeit für und Ansprechbarkeit durch sie lassen die Natur sich zum spirituellen Erfahrungsraum weiten. Auf ein gewandeltes Selbstverständnis des Menschen hinwirkend, weg von seiner Selbstzentrierung. Hin auf religiöse Tugenden wie Demut und Ehrfurcht, die Ahnung des Eingebundenseins in ein größeres Ganzes. Ein Inkommensurables möglicherweise. Mit allen Konsequenzen, die das für unser Bewusstsein hätte.