I.
Manchmal wird unsere Erinnerung gelenkt durch das, was weggelassen wird. Man verschweigt oder übergeht, so dass die Anbindung an die Vergangenheit undeutlich wird und wichtige Zusammenhänge aus dem Blick geraten. In der neueren Diskussion über Elemente des Antijudaismus in der kirchlichen Tradition wird das Fehlen oder die kalkulierte Auslassung israeltheologischer Bezüge angeführt. Bekannt ist das heilsgeschichtliche Narrativ, dass auf das Drama der Sünde Adams gleich die Erlösung durch Christus, den neuen Adam, folgen lässt. Die Bundesgeschichte Gottes mit Israel bleibt unerwähnt. Man spricht von "structural supersessionism" (R. Kendall Soulen).
II.
Im Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis, das für die Erinnerungskultur aller großen christlichen Konfessionsfamilien entscheidend ist, fehlt ein Verweis auf die Patriarchen des alten Bundes, die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten oder die Propheten und Könige Israels. Im zweiten Artikel, der von Jesus Christus handelt, vermisst man einen Bezug auf dessen jüdische Herkunft. Der johanneische Satz "Das Heil kommt von den Juden" (Joh 4,22) hat im Bekenntnis keine direkten Spuren hinterlassen.
III.
Neben dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, der die Historizität der Passion verbürgt, findet allerdings die "Jungfrau Maria" Erwähnung. Der Name Maria erinnert daran, dass Jesus wirklich geboren ist (Gal 4,4) – ein Punkt, der in den ersten Jahrhunderten wichtig war, um Strömungen des Doketismus zurückzuweisen, die dem Erlöser lediglich einen Scheinleib zuschrieben. Die ausdrückliche Erwähnung Mariens zeigt, dass die Inkarnation keine Simulation ist.
Aber Gottes Wort ist nicht ganz allgemein und auf abstrakte Weise Mensch geworden. Maria, die virgo israelitica (Augustinus), steht zugleich für die Erinnerung, dass Jesus im semantischen Universum Israels großgeworden ist. Er ist am achten Tag beschnitten worden, er lernte mit den Psalmen Israels beten, studierte die Weisungen der Tora und kannte die Verheißungen der Propheten, er feierte die Feste im jüdischen Festkalender mit und pilgerte mit seinen Eltern zum Tempel nach Jerusalem. Thomas von Aquin hat in seinen Mysterien des Lebens Jesu diese Leerstelle ausgeschrieben und selbst dem Bundeszeichen der Zirkumzision einen Abschnitt seiner Summa theologica gewidmet.
IV.
Bilder können ergänzen, was im Erinnerungshaushalt der Kirche lange abgedrängt oder ausgeblendet wurde. Im Kunsthistorischen Museum in Wien hängen nicht nur Bilder, die die Beschneidung des Herrn oder die Darstellung im Tempel thematisieren, auch ist gerade eine Ausstellung der belgischen Barock-Malerin Michaelina Wautier (1614-1689) zu Ende gegangen, die lange fast vergessen war, jetzt aber wieder entdeckt wurde. Sie hat ein Bild gemalt, das mit "Die Erziehung Mariens" (1656) überschrieben ist. Es zeigt in einer familiär-intimen Szene, wie das Mädchen Mirjam von ihrer Mutter in die Schriftkultur Israels eingewiesen wird. Die Hell-Dunkel-Kontraste, die raffinierte Figurenkonstellation, Farben und Faltenwurf der Gewänder sind meisterhaft gemalt, selbstbewusst signiert die Künstlerin mit dem Vermerk, sie habe es selbst erdacht und ausgeführt: "invenit et fecit".
V.
Das Gemälde zeigt: Maria ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist in einer jüdischen Familie groß geworden. Ihre Mutter Anna hat sie das Lesen und wohl auch das Auswendiglernen wichtiger Passagen gelehrt. Das Bild lenkt den Lichtkegel auf Maria, ihr Gewand ist weiß und wird von einem roten Gürtel gehalten, ein blauer Überhang liegt auf dem rechten Arm. Die Farben sind keineswegs zufällig gewählt: Das Weiß symbolisiert die jungfräuliche Unschuld Mariens. Das Rot deutet voraus auf das Schwert, welches nach einem Wort des greisen Simeon die Seele der Gottesmutter durchbohren wird (Lk 2,34). Noch unter dem Kreuz wird sie das Leiden des Sohnes mit mütterlicher compassio begleiten (Joh 19,25). Das Blau, die Farbe des Himmels, deutet an, dass Maria eine göttliche Aufgabe erfüllen wird. Die Kraft des Höchsten wird sie überschatten – und indem sie den Erlöser zur Welt bringt, wird sie mithelfen, den Abgrund zwischen Immanenz und Transzendenz zu überbrücken.
Im Gemälde von Michaelina Wautier hält die junge Mirjam in ihrer Rechten ein aufgeschlagenes Buch (keine Schriftrolle, was historisch wohl angemessener gewesen wäre). Statt auf die hebräischen Buchstaben, die sie zu entziffern hat, ist ihr scheuer Blick auf die Mutter gerichtet, als wolle sie fragen, ob sie richtig gelesen habe. Das Gesicht Annas ist mit ungeteilter Aufmerksamkeit ihrer Tochter zugewandt. Joachim, der Vater, den Wautier in einem anderen Bild lesend gemalt hat, steht im Hintergrund – ergriffen schaut er mit innigem Blick gen Himmel.
VI.
Das Buch, das Maria liest, ist die Heilige Schrift Israels – und sie wird sich als feinsinnige Leserin erweisen, wenn sie später mit dem Magnificat die Mitte der Theologie des Volkes Gottes genau erfasst. Den Armen und Erniedrigten wendet sich der Heilige Israels zu, die Reichen lässt er leer ausgehen. Auch könnte die junge Leserin in der Schrift Spuren ihrer Bestimmung vorgezeichnet sehen. Ohne es zu wissen, kann sie lesen, was bei den Propheten über sie und die Geburt des Erlösers geschrieben steht. Zumindest eine christliche Lesart glaubt die Sinnoffenheit und Mehrdeutigkeit der Texte so erschließen zu können, dass sie Präfigurationen auf das Geschick Mariens hin entziffert – ganz auf der Linie des Glaubensbekenntnisses, das gegen eine Entwertung oder gar Dekanonisierung des Alten Testaments festhält, dass der Heilige Geist bereits "durch die Propheten gesprochen hat".
Bei Jesaja heißt es: "Die Jungfrau wird einen Sohn gebären." (Jes 7,14) Was biologisch unmöglich ist und dem aufgeklärten Zeitgenossen heute als Mythos erscheint, das ist für Gott möglich (Lk 1,37). In der Geschichte des Heils setzt er einen Neuanfang, indem er das Unmögliche möglich macht. Karl Barth hat die Jungfrauengeburt als theologisches Datum gegen die Gebildeten unter ihren Verächtern verteidigt – und Joseph Ratzinger hat vom "skandalösen Realismus" des Glaubens gesprochen, der sich in dem Paradoxon zeige, dass die Jungfrau Mutter wird.
VII.
Das Bild von Michaelina Wautier deutet auch den Medienwechsel von der Schrift zum Fleisch an, der sich an Maria durch sie und mit ihrer Einwilligung vollziehen wird. Gott handelt an ihr nicht ohne sie, sie ist nicht das willenlose Exekutivorgan göttlicher Absichten. Gnade und Freiheit spielen diskret zusammen. "Fiat mihi secundum verbum tuum – Mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,38). Ohne das freiwillige Ja Mariens keine Geburt Jesu, ohne ihre Mitwirkung kein Kommen des Erlösers: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet" (Joh 1,14).