I.
1973 lebte der Dichter und Übersetzer Reiner Kunze – 1933 im Erzgebirge geboren – noch in der DDR. Er war aber bereits in seinem Wirken stark eingeschränkt. 1969 war in der Bundesrepublik der Gedichtband sensible wege erschienen – zum Missfallen der real-sozialistischen Nomenklatura. Denn nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 hatte Kunze diesen Band dem tschechischen und slowakischen Volk gewidmet und sich durch seine Poesie mit der Reformbewegung und den friedlichen Protesten solidarisiert. Er hatte Wege beschritten, die kontrovers, nicht konform, wenn nicht sogar widerständig waren – oder eben sensibel, wenn "sensibel" bedeutet: offen für das Menschliche.
"Treten Sie ein, legen Sie Ihre / traurigkeit ab, hier / dürfen Sie schweigen", so das Gedicht "Einladung zu einer Tasse Jasmintee" – als ob gerade die Dichtung einen Raum eröffnet, in dem nicht Traurigkeit, sondern Freude die Atmosphäre bestimmt, in dem man nichts machen oder bewirken muss, sondern sein darf und in dem es nicht notwendig erscheint, politische Phrasen nachzudreschen, sondern möglich ist, zu schweigen und zur Besinnung zu kommen. Dichtung als Widerspruch gegen die Trauer der äußeren Welt, als Einladung in ein Zuhause, ins Schweigen, zu einem wortlosen Verstehen und zum Hören auf ein dichterisches Wort – und sei es nur auf eine Tasse Tee.
II.
In seiner vom Verzicht, von Askese und Konzentration gekennzeichneten Sprache erinnert Kunzes Lyrik an eine Gegenwelt zur Macht des Politischen und ihrer aufgeblasenen Rhetorik, daran, dass das Politische nicht alles ist und dass es zutiefst menschlich ist, die Wirklichkeit nicht sofort ändern zu wollen, sondern sie erst einmal sich zeigen zu lassen. Diese Dichtung ist nicht unmittelbar politisch, aber als leise Kritik der realen Verhältnisse alles andere als unpolitisch.
In seinem Tagebuch Am Sonnenhang verweist er auf die Ästhetik Georg Seidels, "in der DDR verboten gewesener Schriftsteller" – und bringt damit seine eigene poetologische Ästhetik zum Ausdruck:
"Ich glaube nicht daran, daß man mit Kunst die Welt verändern kann, ich weiß nur, daß das Vorhandensein von Kunst die Veränderung ist, selbst wenn die Kunst nicht wahrgenommen wird."
Dieses Vorhandensein von Kunst, die Veränderung durch die Kunst ist in Zeiten, in denen die Politik alles verändern will, nicht wenig. Ganz im Gegenteil.
III.
1973, in einer vielfach als "bleiern", resignativ und hoffnungslos beschriebenen Phase der DDR-Geschichte, schrieb Kunze das Gedicht "Ermutigung nach 2000 Jahren":
Ermutigung nach 2000 Jahren
Auf dem heimweg von einem orgelkonzert
Zu füßen gottes, wenn
gott füße hat,
zu füßen gottes sitzt
Bach,
nicht
der magistrat von Leipzig
Allein der Titel ist schon eine Provokation. Denn mit "nach 2000 Jahren" eröffnet Kunze in der gerade einmal 24-jährigen DDR einen ganz anderen weltanschaulich-religiösen, kulturellen und geistigen Horizont. Der kurzen Geschichte des realen Sozialismus stellt er die lange Geschichte des Christentums gegenüber. Auch in der "Ermutigung" zeigt sich eine subtile Anklage. Denn dies – neuer Mut – scheint ihm in den Zeiten nach 1968 notwendig. Die Politik – der "magistrat von leipzig" – kann allerdings nicht mehr ermutigen. Das vermag aber die Kunst, "Bach", die Besinnung, die ein Orgelkonzert schenken kann. Und Bach kann es, weil er "zu füßen gottes" sitzt. Oder weil Bach gerade dies vermag, sitzt er "zu füßen gottes", der, ob er Füße hat – oder auch nicht –, seinerseits Mut machen und Hoffnung schenken kann, auch nach 2000 Jahren noch.
IV.
Der Band, in dem die "Ermutigung nach 2000 Jahren" erschien, heißt denn auch auf eigene hoffnung. Nicht auf Fortschritt, Technik und vorgeschriebene Zuversicht setzt Kunze, sondern auf eine Hoffnung, die ihre christlichen Wurzeln nicht leugnen kann. Mit Optimismus, einem oft naiven oder allzu berechnenden Blick in die Zukunft, sollte diese Hoffnung nicht verwechselt werden. "Hoffnung ist eben nicht Optimismus" – so zitiert Kunze an anderer Stelle ein berühmtes Wort von Václav Havel – ", ist nicht die Überzeugung, daß etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht." Diese Hoffnung auf einen Sinn, der das menschliche Planen und Handeln überschreitet, ist keine durch den Lauf der Weltgeschichte oder die Logik gesellschaftlicher Prozesse begründbare Hoffnung. Sie ist die je "eigene", die individuelle Hoffnung, das Hoffen nicht des Staatsbürgers, sondern des Menschen Kunze, der daran festhält, dass Sinn nicht vom Menschen gemacht ist, sondern sich im Leben Sinn zeigt, im Kleinen und Unscheinbaren, im Wort, in der Musik, im Schweigen.
auf eigene hoffnung steht unter einem Motto von Gottfried Benn:
"Resignation ist kein Nihilismus; Resignation führt ihre Perspektiven bis an den Rand des Dunkels, aber sie bewahrt Haltung auch vor diesem Dunkel."
Kunze bewegt sich in seinen Texten, in seiner Resignation auf das Dunkel zu und bewahrt Haltung davor, ohne zu verzweifeln. Denn könnte sich nicht gerade im Dunkel – im Schweigen bei einer Tasse Jasmintee – etwas zeigen, das verborgen bleiben muss, wenn das Dunkel nicht mehr erfahren wird, wenn es gar kein Dunkel mehr gibt, weil alles immer schon in ein allzu aufgeklärtes, allzu grelles, allzu siegessicheres Licht getaucht wird? "Auch dies ist mein land", heißt es im Gedicht "Ich bin angekommen", "Ich finde den lichtschalter schon / im dunkeln". Kunze erlebt das Dunkel und kann, so scheint er zu hoffen, in der Dunkelheit eine Lichtquelle finden. Hat er den Schalter einmal gefunden, kommt es darauf an, ihn umzulegen – im Dunkel, aus dem Dunkel heraus. Und wenn das geschieht, wenn er vor dem Dunkel Haltung bewahrt hat, die Dunkelheit und ihren Rand, ihre Grenze zum Licht hin erfahren hat, kann er ganz gelassen bleiben – angekommen bei sich selbst, heiter und unverzagt. Daher lässt er sich seine Zugehörigkeit zu diesem "land" nicht nehmen. Seine Wurzeln reichen in andere, tiefere Bereiche als jene der Politik. Trotz alledem erschien es ihm immer weniger möglich, in der DDR zu leben. 1977 stellt er – eine Haftstrafe drohte – einen Ausbürgerungsantrag. Dieser wurde umgehend genehmigt. Man war froh, ihn loszuwerden.
V.
Kunze blieb auch nach seiner Ausbürgerung aus der DDR ein kritischer Beobachter des real-sozialistischen Lebens und seiner zerstörerischen, unmenschlichen Aspekte. Im Rückblich auf die DDR stellt er Anfang der 1990er Jahre ernüchtert, aber keinesfalls überrascht fest:
"So wurde alles zersetzt. Daß keiner keinem mehr traute am Ende. Ich halte diesen vielberedeten 'Stalinismus' für etwas sehr Subtiles, die seelische Gefangenschaft, die Zersetzung aller wahrhaft menschlichen Beziehungen. Deshalb die furchtbare Ratlosigkeit jetzt."
Und wozu führte diese Zersetzung des Menschlichen nach der friedlichen Revolution 1989?
"Es wird wie wilder Westen, weil alles auf die SED-Moral gesetzt war, und Alternativen wurden zertreten. … Und wo die All-Macht zerfällt, da wuchert nun alles …, derzeit noch gezähmt durch Gewohnheiten, Trott und den Anstand der Menschen unten, der zu allen Zeiten das Leben ermöglicht, und vor allem der Schwachen. 45 war es auch so."
Die Folgen der 40-jährigen Herrschaft der "All-Macht" und der Ratlosigkeit, die sich nach ihrem Zusammenbruch ausbreitete, zeigen sich bis heute.
VI.
Gegen die "seelische Gefangenschaft" der DDR-Diktatur, aber auch gegen andere machtvolle Gefängnisse der Seele – die "mailende", im Technischen verstrickte Menschheit – setzt Kunze die in ihrer vermeintlichen Ohnmacht so mächtige Kraft der Dichtung, das so schmerzhaft fehlende Wort, nach dem der Dichter suchen kann:
Die stunde mit dir selbst
Mit schwarzen flügeln flog davon die rote vogelbeere,
der blätter tage sind gezählt
Die menschheit mailt
Du suchst das wort, von dem du mehr nicht weißt,
als daß es fehlt"
Der Titel dieses Gedichtes ist auch der Titel des zuletzt erschienenen Gedichtbandes von Reiner Kunze: die stunde mit dir selbst. Genau in dieser "Stunde", einer Zeit mit und für sich selbst, kann ein Mensch zu sich kommen und ankommen. Genau in diesen Momenten findet er die "eigene Hoffnung". Genau zu dieser Stunde schenkt sich ihm das Schweigen, dessen er, ein jeder Mensch, bedarf und aus dem heraus sich Worte, Worte mit einer wirklichen Bedeutung, Worte, die nicht manipulieren und traurig machen, sondern innerlich berühren und erfreuen können, finden lassen.
VII.
In Am Sonnenhang zitiert Kunze Richard Strauss:
"Die Melodie gehört zu den erhabensten Geschenken, die eine unsichtbare Gottheit der Menschheit gemacht hat … Der melodische Einfall, der mich plötzlich überfällt, auftaucht, ohne daß eine sinnliche Anregung von außen oder eine seelische Emotion vorliegen, erscheint in der Fantasie unmittelbar, unbewusst, ohne Einfluss des Verstandes …."
Und wie entsteht ein Gedicht? Was erfährt ein Dichter? Dazu Kunze: "Immer wieder fragen Menschen, wie ein Gedicht entsteht. So, würde ich sagen, genau so wie eine Melodie." In einer von Lärm beherrschten Welt erinnert Kunze an die leisen, menschlichen Stimmen der Musik und der Dichtung, die nicht gemacht, sondern geschenkt sind. Erhabene, himmlische Geschenke. Und das ist das Höchste. Denn "wer wollte überhaupt das Wort 'himmlisch' steigern"?