"Was Liebe eigentlich meint"Mit Guardini Rilke lesen

Was geschieht, wenn Liebe nicht mehr auf ein Gegenüber zielt? Wenn Engel kein Du mehr kennen und das Ich ins Offene drängt? Zwischen Rilkes "Duineser Elegien" und Guardinis widersprechender Deutung entfaltet sich ein leidenschaftlicher Streit um Nähe, Einsamkeit - und eine bis heute fruchtbringende Wahrheitssuche.

Rainer Maria Rilke im Garten von Schloss Muzot ob Sierre, circa 1922
Rainer Maria Rilke im Garten von Schloss Muzot ob Sierre, circa 1922© Schweizerisches Literaturarchiv

I.

Mit Romano Guardini in der Hand Rainer Maria Rilke, also quasi in der anderen Hand, zu lesen, ist wie ein Gespräch zu dritt. Diese Gesellschaft bei der Lektüre ist durchaus willkommen. Deutschlands populärster Dichter gehört ja nicht unbedingt zu den Autoren, deren Texte sich dem Verstehen unmittelbar oder gar ein für alle Mal erschließen. Dies gilt insbesondere für die Duineser Elegien, dieses an Seiten knappe und gleichzeitig so große lyrische Hauptwerk Rilkes. Der aus zehn Texten bestehende Gedichtzyklus bleibt auch angesichts zahlreicher Veröffentlichungen anlässlich zweier aufeinanderfolgender Rilkejahre (2025 zum 150. Geburtstag; 2026 zum 100. Todestag) Musterbeispiel eines offenen Kunstwerks.

Guardini hat sich weit über ein Jahrzehnt mit den Elegien beschäftigt und sie Vers für Vers einem Close Reading unterzogen. 1941 erscheint eine erste Interpretation der zweiten, achten und neunten Elegie, 1952 dann unter dem Titel Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins die Interpretation aller zehn Texte. Auch wenn Guardini weit von sich weist, dabei als Literaturwissenschaftler zu agieren, so zeugen die Ariadnefäden, die er durch das Werk legt, dennoch von hoher Textkompetenz. Sein Hauptinteresse allerdings ist nicht literaturwissenschaftlich, sondern philosophisch gelagert, und schon der Titel zeigt es an: Es geht ihm um Daseinsdeutung, um Weltanschauung.

Guardini will nicht nur überprüfen, ob die Elegien ästhetisch gelungen, sondern ob Rilkes "Aussagen auch in sich richtig seien; ob das, was er so eindrucksvoll über Leben und Tod, über die Person, über das Verhältnis von Mensch zu Mensch sagt, auch wirklich zutreffe." Organisiert ist damit eine Lektüre, die literaturwissenschaftlich Stirnrunzeln hervorrufen mag, die aber dem von den Texten ausgehenden Anspruch durchaus gerecht wird. In dem Gespräch zu dritt – also zwischen Rilke, Guardini und den jeweiligen Lesenden – prallen Weltanschauungen aufeinander.

Über den Engeln steht kein Gott, kein für Guardini so wichtiges Du, auf das sich das Ich beziehen könnte. (...) Es sind diese Verschiebungen gegenüber einer christlichen Weltanschauung, die Guardini als Religionsphilosophen und Theologen herausfordern.

II.

Der Anspruch auf Daseinsdeutung erwächst zunächst aus den Texten der Elegien selbst. In einer Verbindung aus frei gewählten Stilmitteln der Elegie und Elementen hymnischen Lobpreises arbeitet Rilke in dem Gedichtzyklus an den Grenzen zwischen dem Anderen und dem Selbst, dem Dinglichen und dem Geistigen, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, den Lebenden und den Toten. Auch wenn biblische und christliche Formationen in den zehn Elegien begegnen – das Ich der Psalmen, vor allem die Engel – vollzieht Rilke in ihnen eine Abgrenzung vom Christentum. Die Engel bei Rilke sind nicht mehr die Engel der religiösen Tradition. In den Elegien sind sie Wesen, für die die Grenze zwischen dieser und der anderen Welt keine Bedeutung hat. Dabei ist diese andere Welt nicht der christliche Himmel. Über den Engeln steht kein Gott, kein für Guardini so wichtiges Du, auf das sich das Ich beziehen könnte. Statt Beziehungen zwischen dem Ich und dem Anderen herzustellen, lösen die Engel das Gegenüber auf und eröffnen Räume eines umfassenden Spürens, das das Ich gleichwohl gefährdet: "Ein jeder Engel ist schrecklich." Es sind diese Verschiebungen gegenüber einer christlichen Weltanschauung, die Guardini als Religionsphilosophen und Theologen herausfordern.

Aber nicht nur die Elegien selbst, auch ihre Begleittexte haben diesen Anspruch auf Daseinsdeutung befördert und die Rezeption mindestens ebenso bestimmt, wie der Text selbst. Allen voran steht hier ein Brief der Marie von Thurn und Taxis, einer der zahlreichen und zumeist weiblichen Gönnerinnen, die Rilke im Laufe seines Lebens auftut. Sie hatte dem unter einer Schaffenskrise leidenden Poeten ihr Schloss in Duino in der Nähe von Triest zur Verfügung gestellt – ein Ort am Meer, dem Himmel und dem Wind ausgesetzt, in dem Rilke über Monate hinweg bei Vollverpflegung komfortabel einsam sein konnte.

Gleichwohl muss für den Religionsphilosophen der Text der Überprüfung standhalten. Aber würde das den Elegien überhaupt gerecht, die in jeder Zeile die Heimatlosigkeit in der "gedeuteten Welt" atmen? 

In dem Brief beschreibt Marie von Thurn und Taxis die besonderen Umstände der Textentstehung: Auf einem Spaziergang am 21. Januar 1912, so berichtet die Mäzenin und mütterliche Freundin, hört Rilke es aus dem Wind rufen: "Wer wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?" Der Satz wird der Anfang der ersten Elegie, die Rilke dann wie im Rausch aufschreibt. Skizziert ist so eine Schreibszene (Andreas Mauz), wie sie schon die Prophetie oder die mystische Tradition kennt und die die Autorität von Texten durch etwas "von außen" kommendes untermauert. Rilke selbst, so schreibt er in Briefen, erfährt sich in dem poetischen Akt als passiv. Durch seine Feder findet etwas ins Wort, über das er selbst nicht gebietet und das er seinem Selbst nicht aus eigener Kraft abringen kann. So vermag er die Elegien auch zunächst nicht zu beenden: Auf den anfänglichen Schaffensrausch folgt eine Pause von zehn Jahren. Erst 1922 kann er die Arbeit wieder aufnehmen, und wieder erfährt er den Text als Diktat, als Offenbarung. "Von außen" kommend ist diese Offenbarung dennoch gebunden an das schreibende, schöpferische Subjekt – an Rilke, der sich damit in die Tradition der Dichterprophetie stellt.

Guardini bezweifelt in seiner Lektüre an keiner Stelle diese besonderen Erfahrungen Rilkes. Unernsthaft wären etwa die Bilder von Engeln, wenn sie nicht durch Erleben gedeckt seien. Ernsthaftigkeit schreibt Guardini Rilke ebenso unumwunden zu, wie "medial veranlagt" gewesen zu sein. Gleichwohl muss für den Religionsphilosophen das, was sich diesen verdankt: der Text, insofern er sich in Form wie Inhalt zu einer Aussage formt, der Überprüfung standhalten. Aber würde das den Elegien überhaupt gerecht, die in jeder Zeile die Heimatlosigkeit in der "gedeuteten Welt" atmen? Die so durchdrungen sind von der Skepsis gegenüber dem Aussagbaren?

III.

Guardini lokalisiert die "Wahrheit" der Elegien dort, wo auch mystische Texte bis heute – ob bei Gläubigen oder Ungläubigen – auf Interesse stoßen: Sie forschen in den "tiefen Bereichen des Innenlebens", legen die Sehnsüchte und Gefährdungen des Subjekts offen. Guardini nennt als Schlüssel zu den Duineser Elegien nicht zuletzt das Gefühl der Einsamkeit; andere haben es in der Angst gesehen; man könnte noch andere Schlüssel finden. Dabei ist Rilkes Interesse am Innenleben auch zeitgenössisch. Die Arbeiten Sigmund Freuds sind ihm über seine langjährige Freundin und zeitweise Geliebte Lou Andreas-Salomé vertraut. Im Austausch mit ihr erwägt er, eine Psychoanalyse zu beginnen, um den Zerrüttungen seines eigenen Selbst zu begegnen. Er entscheidet sich dagegen. Es sind gerade die Kämpfe mit den Abgründen des eigenen Inneren, aus denen Rilke seine poetische Kraft schöpft und die er zu verlieren fürchtet. Diese Bereiche des Vorbewussten und Präsymbolischen, die Julia Kristeva als das Semiotische bezeichnet hat, brechen in den Elegien in die sprachliche Ordnung ein. Sie stören und zerstören die Wörter, die Grammatik, das Gewusste und Geglaubte. Sie wagen die "Revolution der poetischen Sprache".

Guardini erkennt klar, dass Rilke in den Elegien nicht nur Subjektpositionen und innere Wege beschreibt, sondern Weisung anbietet und "Unterwerfung" fordert.

Trotz zahlreicher bis heute andauernder Versuche, die Wahrheit der Elegien im Abgleich mit dem psychoanalytisch gedeuteten Inneren Rilkes zu suchen, ist sie eben dort nicht zu finden. Das Bewusste und Vorbewusste Rilkes bleibt unzugänglich und wäre als rein subjektives auch belanglos. Als "wahr" - und Guardini erkennt dies sehr klar - erweisen sich die Elegien erst dort, wo sie auf das Innere der Rezipierenden zielen: wenn sie auf Resonanz, auf Wiedererkennen von Vertrautem, auf Erkennen von Verdrängtem und Erleben von noch Ungekanntem stoßen. Es ist diese Form von Wahrheit, die auch Texte der mystischen Tradition beanspruchen. Dieser im Subjektiven sich einstellenden Form von Wahrheit eine Aussage abzuverlangen, hat immer schon etwas Kontradiktorisches. Dennoch scheint es gerechtfertigt, denn Guardini erkennt ebenso klar, dass Rilke in den Elegien nicht nur Subjektpositionen und innere Wege beschreibt, sondern Weisung anbietet und "Unterwerfung" fordert.

IV.

Da wäre gleich in der ersten Elegie das Urteil über das liebende Ich, das nach Erfüllung seiner Sehnsucht im geliebten Du sucht. Im Text wird diese Haltung als Selbsttäuschung deklariert: "Ach, sie [die Liebenden] verdecken sich nur mit einander ihr Los." Nur vermeintlich drängen sie die existentielle Nacht zurück, die alle umgibt. Dies wiederum hindere sie, dem Anruf gerecht zu werden, der vom Kosmos – dem Frühling, den Sternen, der Geige am Fenster, den Toten – ausgeht und danach verlangt, im Inneren aufgehoben zu werden. Nur dürftig verschleiert die Frageform die daraus abgeleitete Weisung, das Streben nach Liebeserfüllung sein zu lassen und im Begehren zu verharren: "Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, dass wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn"?

Insbesondere diese Abkehr vom geliebten Du provoziert den Einspruch Guardinis. Nur halb widersteht er der Versuchung, die Bedeutung dieser Verse in einer Bindungsunfähigkeit Rilkes zu lokalisieren. Aber selbstredend geht es ihm um Grundsätzliches: um die Verteidigung einer Verwiesenheit des Ichs auf ein Du und darum, dass zu lieben immer bedeutet, "Jemanden lieben". Alles andere wäre nach Guardini nicht nur existentiell schwierig, sondern in sich "unrichtig". "Das Wesen dessen, was Liebe eigentlich meint, hat er [Rilke] aus dem Blick verloren." Damit ist der Diskurs um die richtige Weltanschauung eröffnet.

Kein lebendiger Gott, kein göttliches Du steht in den Elegien dem Ich gegenüber, zu dem die Heiligen gebetet hätten und nach dem sich das mystische Ich sehnt. Dieses Befremden ist aber nur Vorspiel der eigentlichen, der philosophischen Kritik.

V.

Dabei steht Guardinis Hochachtung vor Rilke, dem Dichter, außer Zweifel. Er bewundert die Art und Weise, wie dieser "das Ding, das Erlebnis, das Schicksal dichter und klarer zugleich macht"; wie er "die zerstreute, vielfach verdunkelte und verwirrte Wirklichkeit des Daseins zu Gestalten" zusammenfügt, die den Dingen ein "Mehr" an Bedeutung abringen. Skeptisch sieht er Rilkes Verwendung christlicher Figuren, deren Gebrauch ins "Welthaft-Mythische" abgleite. Kein lebendiger Gott, kein göttliches Du steht in den Elegien dem Ich gegenüber, zu dem die Heiligen gebetet hätten und nach dem sich das mystische Ich sehnt. Dieses Befremden ist aber nur Vorspiel der eigentlichen, der philosophischen Kritik.

Guardini verteidigt gegen Rilke eine "christliche Weltanschauung", die er beileibe nicht nur den Frommen vorbehalten sieht. Für ihn kommt im Christlichen – in den biblischen Texten und religiösen Überzeugungen, in den Heiligenviten oder in der mystischen Tradition – zum Tragen, was er in einer religionsphilosophischen Perspektive als grundlegend für jedwede Existenz ansieht: eine Polarität, die Leben erst ermöglicht und die sich insbesondere in der Spannung zwischen dem Ich und dem (göttlichen) Du realisiert. Wo dieses Du verloren geht, schwindet auch das Ich und mit der Liebe zwischen Zweien verliert sich das Leben selbst. Vor dieser Folie hat die "Daseinsdeutung" der Duineser Elegien keinen Bestand: "ein Dasein, in welchem es den Bezug von Ich und Du als Brennpunkt der Existenz-Ellipse nicht mehr gibt, ist nicht mehr es selbst."

VI.

Guardini bricht hier den Stab nicht nur über Rilke als poetischem Verkünder allgemeiner Daseinsdeutung. Er sieht in ihm den Zeitgenossen an der Schwelle zur industriellen Moderne, deren schrecklichste Frucht der industriell geführte Krieg ist. Mit Verve prangert Guardini im Nachwort an, dass Rilke in den Elegien die Spannung zwischen den Polen zugunsten eines extremen Individualismus auflöse: indem er in Sprache Figuren baut, die auf Zerstörung beruhen; indem er in nietzscheanischer Weise Verbindlichkeiten aufkündigt; indem er mit dem Verzicht auf das Du alles dem Ich unterordnet. Es sei diese Form des Individualismus, die dem Weltkrieg den Boden bereitet habe.

Verkennt nicht auch Guardini, dass die christliche Tradition keineswegs überall ein Gegenüber von Ich und Du zeichnet? Dass nicht nur die Troubadoure, sondern auch so manche Mystikerin davon ablässt, nach Erfüllung des Begehrens zu streben? 

Als lesende Teilnehmerin an diesem Streit um Daseinsdeutung bin ich schnell geneigt, Guardinis so engagiert vorgetragener Position zuzustimmen. In einer Zeit, in der das narzisstische Aufkündigen von Verbindlichkeiten zum politischen Alltag gehört, wäre man Gott froh, wenn das Ich sich an so manches Du gebunden fühlen würde. Wenn Respekt, Anerkennung, Empathie, womöglich Liebe Grundlage auch des politischen Handelns wäre. Schließlich finde ich das Pathos, mit welchem sich das Ich der Duineser Elegien vom Du befreit und darin eine womöglich poesieproduktive, aber letztlich schwer lebbare Lebenshaltung preist, auch ein wenig enervierend.

Doch verkennt nicht auch Guardini, dass die christliche Tradition keineswegs überall ein Gegenüber von Ich und Du zeichnet? Dass nicht nur die Troubadoure, sondern auch so manche Mystikerin davon ablässt, nach Erfüllung des Begehrens zu streben? Wieviel Ichverlust die mystischen Bilder des Einschmelzens und Ineinanderfließens figurieren? Und wie sehr das Ich der Duineser Elegien eine Fragilität des Daseins enthüllt, die das romantisierende Ich und Du nur zu gerne und immer wieder realitätsfern verkleistert? Welch ein Geschenk, zu dritt in diesem Gespräch um Weltanschauungen zu sein!

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen