Leerstelle GottLou Andreas-Salomé und die Kraft, Glauben zu (er)finden

Was tun, wenn der Höchste abhanden gekommen ist? Lässt sich der Mensch ohne religionsschöpferische Anlage überhaupt verstehen? Und kann "Gott" mit dem ewig kreisenden Leben gleichbedeutend sein? Eine faszinierende Persönlichkeit der frühen Moderne bringt manches hierüber vor, das bis heute kaum Staub angesetzt hat.

Lou Andreas-Salomé (1861–1937), fotografiert im Münchener Hof-Atelier Elvira, 1897
Lou Andreas-Salomé (1861–1937), fotografiert im Münchener Hof-Atelier Elvira, 1897© Atelier Elvira, Public domain, via Wikimedia Commons

I.

Plötzlich ist er weg. Verschwunden. Futsch. Gott! Die früheste, die dichteste Innewerdung von Wirklichkeit überhaupt. Eben war er noch da, und auf einmal nicht mehr. Oder doch? In anderer Form nur? Als Stachel vielleicht, sich auf die Suche zu begeben? Nach etwas, das jene hinterlassene Leerstelle schlösse?

II.

Am Ursprung ihres Bewusstseins steht bei Lou Andreas-Salomé "das Erlebnis Gott". Der Auftakt noch ihres Lebensrückblicks ist so überschrieben. In einer "Kindergeschichte", Die Stunde ohne Gott (1922), hat sie jenen folgenreichen Einschnitt Jahrzehnte später detailliert festgehalten. Dass nämlich vertrautester "Umgang" mit einer zwar verborgen bleibenden, doch omnipräsenten Wesenheit nicht vor deren Verlust gefeit ist. "Zum allererstenmal im Leben" fühlt das Mädchen dort sich nun "von allem getrennt".

III.

Niemand hat das Phänomen des Gott-Verlöschens während der beginnenden Moderne so intensiv selbst ausgetragen und reflektiert wie diese vielseitig begabte Frau, welche Schriftstellerin und Philosophin, Kulturwissenschaftlerin und Psychologin zugleich war. Sie heute zur Hand zu nehmen (ganz unbedingt!) konfrontiert uns mit dem Vorfeld gegenwärtiger Mentalitäten, wo mit religiöser Indifferenz eintretender Fehl zunehmend bestritten wird. "Gott verloren, – das Wort enthält eine Geschichte, welche unzählig Viele in unsern Tagen zu erzählen wissen", heißt es in ihrem Debüt-Roman unter dem bezeichnenden Titel Im Kampf um Gott (1885): "Aber unendlich verschieden sind diese Geschichten unter sich."

Als notwendigen "Ur-choc beim bewußten Erwachen zum Leben" deutete Lou Andreas-Salomé zuletzt das ihr Widerfahrene. Einen Anstoß, "im Realen" autonom "heimisch zu werden". Selbst (oder gerade) hier aber bleibt "Gott" virulent.

IV.

Über eine "religioïde" Grundausstattung verfügen wir, schrieb Georg Simmel, Philosoph und Soziologe von Rang, mit dem die Autorin gut bekannt war. Zuvor schon und durchgehend stand derlei für sie fest. Ins Seeleninnere eingesenkt sei dieses Bedürfnis. Ohne re-ligio, Bindung an ein von ihm "höher" als er selbst Angesehenes gleich welcher Form könne der Mensch nicht begriffen werden. Für den (als supranaturaler) abhanden gekommenen Gott bedarf es mithin eines 'Nachfolgers' oder Surrogats. Provozierend fruchtbar machen solche Gedanken die Befassung mit jener "ganz außerordentlichen" Frau (als die 'man' sie zeitgenössisch fast stereotyp bezeichnete).

V.

Wenn religiöse Bekenntnisse an Plausibilität verlieren, tritt in den freigewordenen Raum vermehrt Säkulares ein, das genuine (Teil-)Funktionen des vormaligen "Glaubens" auszufüllen beginnt. Stiftung von Sinn oder Gemeinschaft etwa, gesteigerte Emotionalität und doktrinärer Halt, rituelle Praktiken auch. Zu Hauf stoßen wir auf entsprechende Phänomene. Allein die Sprache ist verräterisch, wo beiläufig von Idolen die Rede ist, zu denen wir aufblicken ("Götterbilder" wie "Abgötter" der Wortherkunft nach); von Stars, über uns leuchtenden "Sternen"; von "Legenden", die "Kult" sind.

Am Beispiel des Fußballs, gewisser Ernährungs- oder Lebensstile und jugendlicher Musik-Szenen gibt es dazu Untersuchungen. Mit politischem Bezug ließe sich etliches ergänzen, das als oberster Wert verherrlicht wird, stützende Dogmatik einbegriffen. (Die Haltung rechtgläubig [und -gesinnt] Erweckter aktuell womöglich, woke im Dienst der Befreiung von allem Bösen.)

Kunst außerdem (solange es noch ein Bildungsbürgertum gab). Oder Technik als Weg zur Selbstvergottung des Menschen in fortschreitender Hinsicht, einem homo deus. Nicht zu vergessen "die Religion des Kapitals". In den Tresorräumen Schweizer Großbanken, las ich einmal, werde ausschließlich geflüstert – wie früher vor dem Allerheiligsten. Oberste Wesenheiten haben ihre Tabus. (Auch davon erfahren wir bei der religionshistorisch beschlagenen Autorin.)

VI.

Walten also, wo kein Gott mehr ist, nicht allerlei Quasi-, Semi-, Neo-, Supplement- oder Alternativ-Göttlichkeiten? Lou Andreas-Salomé schärft unseren Blick dafür. Ihr Hauptaugenmerk aber geht über das Funktionalistische hinaus. Auf bewusste Aktivierung der mit dem alten Glauben verbundenen "Kraft" zielt es ab, eine sich dort bezeugende religiöse "Produktivität". So sei es auch möglich, den fortgefallenen "Gott" im (scheinbar) rein Immanenten anderweitig zu erschaffen.

VII.

Auftritt Friedrich Nietzsche. Als er und die junge Louise von Salomé sich begegnen, wie berauscht voneinander anfangs, treten bald unterschiedliche Interessen zutage. Sie sucht den geistigen Austausch. Er nicht minder, will sie aber auch heiraten. Das konnte nicht gut gehen.

Sicher jedoch ist: von niemandem wusste der Philosoph (dem gleich ihr der Allvater abhanden gekommen war) sich so sehr verstanden wie von diesem "Zwillingsgehirn" (das freilich in einem eigenen Kopf steckte). Und es beschrieb nachmals "das Martyrium seiner lebenslänglichen Gottersatz-Suche", uneingestanden mit dem Christentum "tief im Herzen seiner Philosophie" noch dazu.

Volltreffer! Wenn wir Gott erledigt haben, bleibt für ihn zuletzt das Emporwachsen zum "Götterbild eines Übermenschen" die Option. Oder, dem Prozess des unablässig wiederkehrenden Lebens göttliche Qualitäten einzupreisen.

VIII.

Eben dorthin war parallel auch die Schwester im Geiste unterwegs. Allein die Tatsache des Lebens, meint sie, fordere den Menschen religiös heraus. Vor diesem Horizont entfaltet ihr (vor zehn Jahren erst aus dem Nachlass veröffentlichtes) philosophisches Hauptwerk, Der Gott, einen "neuen Glauben". Züge emphatischer Daseinsbejahung trägt er, welche die Stelle der entschwundenen Religion einnimmt. Das Leben begründet nun jenen "mystischen" Zusammenhang, dessen Vorgängigkeit das Mädchen als seinen "Gott" erfahren hatte. Vollständig enthalte es, was überhaupt zu sein vermöge. Mentale Modi wie "Erleben" und "Mitleben" bestätigen die Eingewobenheit in jene Totalität "als fort und fort vollzogene ewige Geschehnis", der alles Gegebene "eines Wesens Kinder" ist.

Angesichts von dessen Schmerz und Leid ausdrücklich erfolgt solche Divinisierung des Daseins. Selbst der Tod, die krasseste der ihm eignenden Polaritäten, tut der Lebensfrömmigkeit keinen Abbruch, denn: "Tod und Gott gehören zusammen; der Tod ist sozusagen nur die Rückseite des Gottes." Anwesenheit bleibt immer transitorisch, dem unablässigen Wandel kreisender Unendlichkeit unterworfen, vor der jede Grenze hinfällig wird.

IX.

Nietzsche, Rilke, Freud: diese Trias nächster Verbundenheit scheint kaum zu toppen. Keineswegs jedoch ist Lou Andreas-Salomé bloß Freundin bedeutender Männer, sondern eine Persönlichkeit originären Niveaus. "Ihre Überlegenheit über uns alle", rühmte Freud, "entsprechend den Höhen, von denen herab Sie zu uns gekommen sind". Mit fast 50 dazu geworden, setzt seine Schülerin auch als solche auch im neuen Fach spezifische Akzente.

Mit Bedacht werden Verläufe der Idealbildung ihr Leitthema. Zur Kennzeichnung einer "Einheit", "welche die psychoanalytische Methode nur bruchstückhaft heraufbringt", benutzt sie nach wie vor das Wort "Gott". Und ihre eigene therapeutische Praxis will "Heimkehr" des Ratsuchenden "zu sich" selbst ermöglichen: "als zu etwas, was er wohl ist, aber auch mehr als er" – offenbares Symbol des religiös Kreativen in uns.

X.

Erkundet ernsthaft, worin ihr euch findet! Das euch gleichermaßen Transzendenz-Offenheit zu erschließen vermag! Das wäre, plakativ zugegeben, doch nicht unzutreffend, ein Impuls dieser Gesprächspartnerin über die Zeiten hinweg.

Und wer weiß, bei welchem Ende wir ankommen mögen, das unser naturwüchsiges Angesprochen-Sein stillt – über das Innerweltliche gar hinaus.

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