I.
Vor über 30 Jahren erstmals erschienen, hat dieser Roman das Zeug zu einem Phänotyp der Jetztzeit (oder, wie es mit grassierendem Pathos von ihr heißt: des gerade stattfindenden "Epochenbruchs"). Brabant, so lautet sein Titel.
Vereinigte Europäer, 54 bunt gemischte Charaktere aus fast sämtlichen Ländern des alten Subkontinents, brechen dort auf, um es dem verrüpelten Hegemon jenseits des Atlantiks endlich einmal richtig zu zeigen – ihm nicht nur die Stirn zu bieten, sondern glatt das Zentrum seiner Macht zu attackieren, empörtesten Selbstbewusstseins voll.
II.
Beiseite gesprochen: In Empörung sind solche, die sich rundum als gut identifizieren, tatsächlich gut. Wie empor-hebend ist es, Sachverhalte, die einem nicht passen, samt deren Urhebern, ins Feindliche zu übersetzen! Und welche Lust bereitet es, eigene Tugend gegen offenbar Nichts-als-Unholde auszustellen!
Schöne manichäistische Welt!
Weniger ragen die aufrecht Entrüsteten durch Wille (vielleicht gar Fähigkeit) zu Unterscheidung, Abwägung oder Perspektivwechsel hervor.
III.
Dass ich es nicht vergesse: Hans Pleschinski heißt der Verfasser des erstaunlichen Romans. Kulturkämpferisch piesackt "uns" darin der (nicht eigentlich von jeher?) in die Barbarei abdriftende Bundesgenosse aus Amerika. In Gestalt eines riesigen entertainment resorts am östlichen Rand von Paris: Disneyland. "Europa" aber, das Bollwerk aller wahren Werte, geht kurzentschlossen zum Gegenangriff über.
Verteidigungsfähig ist es. Und wie! Im flämischen Nieuwpoort, wo die "Brabant" vor Anker liegt, eine zum gediegenen Hotel umgerüstete Dreimaster-Fregatte aus der Kolonialära. Auf ihr sticht "ARTEMIS", der dort tagende paneuropäische Kulturverein, in See. Wenn man wieder auf Land trifft, soll Feuer auf das Pentagon eröffnet werden.
Nun ist Pleschinski auch dort, wo er hart am Grotesken manövriert, ein feinsinniger Beobachter von Gestimmtheiten, dem unterschiedliche Blickwinkel und Brechungen wichtig sind. So lässt er seine Protagonisten während ihrer Fahrt allerhand über europäisches Erbe und Gegenwart bereden. Wie der plot nach mehr als 600 Seiten ausgeht, verrate ich nicht.
IV.
Selbst lesen sollte man diesen Autor! Wer zu seinen Texten greift, bekommt es mit einem der gebildetsten und intelligentesten seines Fachs zu tun, die wir haben. Exklusiv beinahe für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur labelt ihn das Feuilleton gern mit Qualitäten wie Leichtigkeit des Tons, Charme oder Eleganz. Zugleich aber weisen seine Arbeiten immer wieder existenzielle Grundierung auf. Bildnis eines Unsichtbaren nicht zuletzt, der Roman einer Gefährtenschaft zweier Männer zwischen Lebensfest und Todesverfallenheit, hier durch die Ausbreitung von AIDS.
V.
Wann ist es genug? Dass Menschen nicht mehr weiterleben mögen/können? Und was bringt sie dazu? Keineswegs in geringer Zahl. Um eine der häufigsten Todesarten handelt es sich beim Suizid. Ließe sich ihm etwas entgegensetzen?
Derlei markiert den Grundriss von Ludwigshöhe, dem zweiten großen Wurf des schon in Brabant gestalteten Erzählkonzepts, mit dem Pleschinski sich der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bleibend eingeschrieben hat. Als "Ensembleromane" zielen sie auf die Fortsetzung des großen Musters von Thomas Manns Zauberberg ab, unter gewandelten Zeitbedingungen.
VI.
In der WG einer zum Privathospiz umfunktionierten Jugenstil-Villa würfelt Pleschinski knapp zwei Dutzend Menschen zusammen, welche grundsätzlich bereit sind, Hand an sich zu legen: differente Geschlechter, Generationen, Berufe und Biographien. Höchst vielfältig sind die Enttäuschungen und Niederlagen, Verluste oder Geschundenheiten, von denen sie zu Tode "erschöpft" sind.
Unerträglich bedeutungslos empfinden sich einige in ihrem "Alltagsgrauen", andere als Versager vor dem Druck zur "besessenen Glücksanstrengung". Neben Selbstanklagen stehen Fremdbezichtigungen. (Irgendjemand muss für die eigene Misere doch verantwortlich zu machen sein.) Heimsuchungen eigener Hinfälligkeit kommen hinzu, körperlicher wie geistiger. Furcht vor dem Siechtum in der Pflege verweist nebenher auf ein gesellschaftlich wirksames Leitbild: die Verneinung von Alter und Zerfall. Sich jung zu erhalten gilt es, und fit.
VII.
In Ohnmacht kippt menschliche Souveränität. Solches Ausgeliefert-Sein scheint nur durch frei verfügte Selbstdestruktion zu tilgen. Der Suizid als Instrument der Sabotage. Manche Figuren des Romans sehen in ihm einen definitiven Akt von Autonomie, der Behauptung eigener Würde gegen den unentrinnbaren Lauf der Dinge.
VIII.
Doch halten westliche Gesellschaften nicht ein dichtes psychosoziales "Hilfsnetz für Menschen im Sturz" bereit, "Seelenheilstellen", wie eine der "Finalisten" sagt? "Das letzte Ich-will-nicht-mehr" eines Menschen jedoch bleibe begreifender Einsicht der Psychologie und ihrem Interventions-Besteck entzogen.
Warum gerade ich? Und weshalb gerade so? Wozu überhaupt?
IX.
"'Sinn des Lebens.' - 'Kennt den wer genau?'" So lautet einer der für den Roman kennzeichnenden Dialoge, oft nur wie hingetupft.
Über diesen Skandal nicht zuletzt wird debattiert und gestritten. Einer im Handteller hin- und herrollenden Kugel gleich vergegenwärtigt Pleschinski auch hier unterschiedlichste Positionen. Leser mögen angesichts dieser Multioptionalität darauf gestoßen werden, eine eigene Wahrheit zu wählen (oder entwickeln), welche für sie tragfähig wäre, nicht nur intellektuell, sondern verhaltenspraktisch beglaubigbar.
Als "ebenso beglückende wie scheußliche Auflösung aller sicheren Werte" hat der Autor einmal die Situation der Postmoderne gekennzeichnet. In ihrer unhintergehbaren Ambivalenz eine existenziell produktiv herausfordernde Urszene: so ließe sie sich auch verstehen.
X.
Vor dem Horizont ihrer individuellen Endzeit langen die WGler, denen das Dasein ins Unsinnige zerfließt, (wider Willen fast, doch folgerichtig) mehrmals bei metaphysischen Ermittlungen an. Ihre "Sehnsucht nach Ruhe, Erlösung [!]", so stellt sich heraus, gilt "eigentlich einem besseren Leben, nicht dem Tod", auf welchen sie zusteuern. Zumal eine "unausdenkliche" Schwelle sich dabei auftut.
Völlige Auflösung in Nichts? Zwischenstadium des unablässigen Kreislaufs von Stirb und Werde? Passage in eine andere Dimension? Und die: Kosmischer Art? Göttlicher? Skepsis macht sich breit: "Wir wissen nichts über das Jenseits. Es gibt Theorien, Mutmaßungen, Visionen."
Das mag wohl stimmen, aber warum sprechen die "Finalisten" dann überhaupt davon?
XI.
Unter den vielen Stimmen im Durcheinander entsprechender Erwägungen einer säkularen Gesellschaft regt sich immer noch die der lange prägenden Religion.
"Man sollte Christ sein, Christ werden", sinnt eine Dame "fundamentaleren Gedanken" nach: "Als Christ trägt man ein Kreuz. Dann gehört jedes Leiden dazu. Man wird in Gottes Hand, nach seinem Wunsch leben." Und ein kategorischer Aufklärer, für den Glaubenswirklichkeiten sonst einfach heteronome Konstrukte sind, scheint "über sich selbst verwundert", wenn er plötzlich ausführt: "Jesus hat das gesamte Leid der Welt auf sich genommen. Wir sind erlöst. Und allen Kummer müssten wir nicht mehr in den Mittelpunkt rücken." Auf weit mehr als bloß ein Bewusstsein tauglicher Ent-Lastung des Daseins verweisen beide.
Wer hätte Ähnliches wann letztmals von Kanzel oder Katheder in die Öffentlichkeit hinein gehört? Umgehend nisten sich bei dem "Voltairianer" denn auch "Zweifel" ein, da das Christentum inzwischen selbst aus seinem Inneren heraus eine Metamorphose zur bloßen Menschheits-Philosophie durchlaufe.
Ob es da noch eigene Antworten für Befindlichkeiten an der Grenze hätte?
XII.
Zum Abschluss meines fetten Ausrufezeichens hinter Hans Pleschinskis Roman, der so reich an anregenden Perspektiven ist, noch etwas von Schopenhauer (ja, dem Großmeister des weltanschaulichen Pessimismus ausgerechnet!): "Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre", schreibt er Über das metaphysische Bedürfnis des Menschen, "würde es vielleicht doch keinem einfallen zu fragen, warum die Welt da sei und gerade diese Beschaffenheit habe."
Als sei er geheimer Mit-Diskutant der "Finalisten" auf der Ludwigshöhe über dem Isartal.