I.
1995 veröffentlichte die amerikanische Sängerin Joan Osborne auf Ihrem Album Relish den Song One of Us. Geschrieben hat ihn Eric Balzian von der us-amerikanischen Band The Hooters, die ihn 2010 auf ihrer EP Five by Five gecovert haben. Was, so lautet die wiederkehrende Frage in diesem Song, wenn Gott einer von uns wäre? Was, wenn er uns in Menschen wie du und ich begegnen würde?
Wohlgemerkt, der Song behauptet nicht affirmativ, dass Gott in den anderen Menschen unter uns wohnt, womöglich in Notleidenden und Hilfsbedürftigen. Er behauptet nicht wie das Gleichnis vom Weltgericht in Matthäus 25, dass uns Christus in den geringsten Brüdern und Schwestern begegnet. Balzians Song formuliert kein religiöses Bekenntnis, allenfalls in den sich wiederholenden Zeilen: "Yeah, yeah, God is great / Yeah, yeah, God is good".
Der Song stellt lediglich die hypothetische Frage: Was wäre, wenn? Was geschähe, wenn Gott, wie sich manche ausmalen, mit seinem "himmlischen Flugzeug" auf die Erde käme? Würden wir ihn in all seiner Herrlichkeit ansprechen wollen? Was würden wir ihn fragen, wenn uns nur eine Frage erlaubt wäre? Würden wir ihn überhaupt sehen wollen, wenn dies bedeutete, dass wir an Dinge wie den Himmel, Jesus, die Heiligen und alle Propheten glauben müssten? Was aber, wenn Gott gar nicht so majestätisch als Weltenherrscher erschiene? Wenn er zum Beispiel ein Sandler oder ein Fremder im Bus auf seinem Heimweg wäre, ganz allein auf der Rückkehr in den Himmel – und niemand riefe ihn an, höchstens vielleicht der Papst in Rom?
Wenn man in diesem Song eine religiöse Botschaft hören möchte, dann handelt es sich um eine "Theologie des Als ob". Balzian selbst will seinen Text freilich überhaupt nicht eindeutig als religiös verstanden wissen, wie er in einem Interview erklärt hat. Der Song handle ganz allgemein davon, "was mit dir passieren würde, wenn du etwas siehst, das deine Weltanschauung komplett verändert hat, sei es eine Begegnung mit Gott, eine Begegnung mit einem Außerirdischen, eine Nahtoderfahrung oder etwas Ähnliches". Es geht also um die allgemeine Möglichkeit, dass unsere alltäglichen Grundannahmen unvermutet in Frage gestellt werden können. Das mag als eine religiöse Erfahrung gedeutet werden, muss es aber nicht.
II.
In Louises Pennys Kriminalroman Tief eingeschneit – im 2006 erschienenen Original, trägt er den Titel Dead Cold – meint die Malerin Clara Morrow, Gott sei ihr in Gestalt einer obdachlosen Alkoholikerin vor einem Kaufhaus im vorweihnachtlichen Montréal begegnet. Gerade erst hat sie in dem Geschäft hören müssen, wie eine in ihren Wohnort zugezogene Frau sich gegenüber einem Dritten abschätzig über ihre Bilder ausgelassen hat, so laut, dass Clara es hören musste. Ein angesehener Kunsthändler hätte angeblich ihre Bilder als das banale Werk einer Amateurin abgetan. Die geheimnisvolle Obdachlose vor dem Geschäft, die im Roman noch eine wichtige Rolle spielen wird, fasst Clara unvermutet am Arm, schaut sie an und sagt: "Ich habe deine Bilder immer sehr gemocht." Immer schon hatte Clara geglaubt, wenn Gott jemals auf die Erde kommen sollte, dann als Bettler.
Wenn er – oder besser sie – es nun gewesen war? "Gott findet meine Bilder gut", erzählt sie einer Freundin, als sie ihr von der Begegnung mit der verdreckten Pennerin erzählt. Das ist keine Theologie des Als ob, sondern für die Malerin tiefe Gewissheit – jedenfalls für den Augenblick. Später kommen ihr Zweifel. War die vermeintliche Gotteserfahrung, die sie innerlich aufgerichtet und getröstet hat, vielleicht doch nur frommes Wunschdenken?
III.
Auch Armand Gamache, Chef der Mordkommission von Montréal, der in dem Örtchen Three Pines einen Mord aufzuklären hat, erzählt im Laufe der Handlung einer Dorfbewohnerin von einer Gottesbegegnung. Er habe ihn eines Tages in einem Diner gefunden. Gott habe dort Zitronenröllchen gegessen. Woher er denn wisse, dass es Gott war, fragt ihn sein Gegenüber, eine gewisse Émilie Longpré. "Das weiß ich nicht", räumt der Inspektor ein.
"Es kann auch ein einfacher Fischer gewesen sein. Er war jedenfalls wie einer angezogen. Aber er sah mit so großer Zärtlichkeit zu mir herüber mit einer solchen Liebe, dass ich völlig verdutzt war."
Gott, so erzählt er weiter, habe seinen Kuchen aufgegessen, sich dann zur Wand gedreht und sei eine Weile so stehen geblieben. Dann aber habe er sich wieder zu Gamache umgedreht, "mit dem strahlendsten Lächeln, das ich je gesehen habe. Eine tiefe Freude überkam mich."
Was sein Gott tat, als er Gamache den Rücken kehrte? Er schrieb etwas an die Wand, vier Zeilen, deren Inhalt der Leser ganz am Ende des Romans erfährt:
"Wo Liebe ist, da ist Mut,
Wo Mut ist, da ist Frieden,
Wo Frieden ist, da ist Gott.
Und wenn wir Gott haben, haben wir alles."
Auch Émilie Longpré weiß dem Chefinspektor von einer Gottesbegegnung zu erzählen. Sie ereignete sich, nachdem sie ihren Mann und ihren Sohn durch einen Verkehrsunfall verloren hatte. Einsam und verzweifelt hatte sie sich in ihr Haus zurückgezogen, als es eines Tages im Winter an der Haustür läutete. Zunächst zögerte sie zu öffnen, ging aber, nach dem es wieder klingelte, doch zur Tür. "Und dort stand Gott. Er hatte ein paar Kuchenkrümel im Mundwinkel." Sogleich tut Émilie ihre Aussage als einen Witz ab. Tatsächlich stand ein Straßenarbeiter an der Tür, der das Telefon benutzen wollte und ein Schild mit der Aufschrift "Vorsicht Glatteis" trug. Diesen Satz bezog Émilie auf ihre seelische Situation.
"Woher wussten Sie, dass es Gott war?", fragt Gamache. "Wann", erwidert Émilie, "wird ein Dornbusch, der brennt, zu einem brennenden Dornbusch?" Soviel stehe jedenfalls fest: In diesem Moment verschwand ihre Verzweiflung.
"Die Trauer blieb natürlich, aber mir wurde klar, dass die Welt kein dunkler, grausamer Ort ist. Ich war so erleichtert. In diesem Moment fand ich Hoffnung. Der Fremde mit dem Schild hatte sie mir gegeben. Es klingt lächerlich, ich weiß, aber auf einmal verschwand die Düsterkeit."
IV.
Wiewohl sie sich in ihrer Jugend stark der anglikanischen Kirche verbunden fühlte, spricht Louise Penny doch nie öffentlich über das Thema Religion oder über ihre persönliche Einstellung dazu. Religion und Spiritualität sind in ihrer Romanserie "Three Pines" allerdings ein immer wiederkehrendes Element, wenngleich nicht das Hauptthema.
Pennys Protagonisten sind ein Abbild der Menschen im heutigen Québec, wo auch die Autorin lebt. Sie erzählt von Menschen, die von der Tradition her katholisch oder auch anglikanisch geprägt sind. Die christlichen Feste spielen im Jahreslauf nach wie vor eine wichtige Rolle, auch wenn manche der Bürger von Three Pines keineswegs als gläubig bezeichnen. Claras Morrows Ehemann Peter deklariert sich als Atheisten.
Chefinspektor Gamache hingegen ist ein aus der Kirche ausgetretener Katholik, der an Gott glaubt und manchmal auf eine intensive, aber höchst unkonventionelle Weise betet. Andere pflegen eine esoterische Spiritualität wie Beatrice Mayer, genannt Mother Bea, die ein Meditationszentrum betreibt. Myrna Landers, die Buchhändlerin des Ortes, vollzieht mit ihren Freundinnen gelegentlich spirituelle, naturfromme Rituale, die sich religiös nicht genau einordnen lassen.
Religion, zumal in ihrer traditionellen kirchlichen Prägung, tritt in Pennys Kriminalromanen ihrer ganzen Ambivalenz in Erscheinung. Sie ist Quelle des Trostes, aber auch eine machtförmige Institution, unter der Menschen leiden. Sie zeigt sich auch in der Art und Weise, in der die Romanfiguren mit moralischen Konflikten umgehen.
Ob es tatsächlich Gott war, der Clara Morrow, Armand Gamache und Émilie Longpré vor dem Kaufhaus, im Diner oder an der Haustür begegnet ist? Liegt sein Erscheinen nur im Auge des Betrachters, so wie in Eric Balzians Song "One of Us"?
V.
Wann wird ein Dornbusch, der brennt, zu einem brennenden Dornbusch? Er ist es nicht immer schon oder für sich. Er wird zum brennenden Dornbusch aber auch nicht allein durch das ihn als Offenbarungsmedium deutende Subjekt, konkret: Mose. Es ist die gesamte Konstellation aus objektiven und subjektiven Anteilen, einschließlich seiner ganzen Lebensgeschichte, die ihn zum Berg Horeb geführt hat, in welcher für Mose der Dornbusch, der brennt, zum bedeutungsvollen Medium Gottes wird. Und zwar nicht zum Medium seiner stummen Präsenz, sondern seiner sprechenden Gegenwart. Niemand kann Gott sehen, auch Mose nicht. Wohl aber kann er ihn aus dem brennenden Dornbusch sprechen hören.
Auch Clara Morrow, Armand Gamache und Émilie Longpré sind davon überzeugt, dass Gott zu ihnen gesprochen hat, ganz konkret und lebensverändernd. Die gehörten Worte sind entscheidend. Schon in seiner Schulzeit hat Gamache persönlich durch das Verhalten einer Mitschülerin erfahren, wie er seinem Assistenten erzählt, "dass Worte verletzen und dass sie manchmal töten. Und manchmal heilen sie."
Für Mose wird der brennende Dornbusch zum Zeichen. Ein Zeichen steht nicht für sich. Es bezeichnet etwas für jemanden in einem dynamischen Geschehen. Zwar ist das Zeichen ohne seinen Adressaten kein Zeichen. Dieser schafft es aber nicht, sondern es wird ihm zum Zeichen. Das ist ein unverfügbares Widerfahrnis. Er stellt sich nicht für einen Betrachter der Szenerie aus der Beobachterperspektive ein, sondern nur, wenn jemand als Teilnehmer involviert ist und sich so unmittelbar angesprochen weiß: Du bist gemeint.
Im brennenden Dornbusch offenbart sich Gott Mose, indem er sich ihm zugleich entzieht. Das gibt der rätselhafte Gottesname, der Mose mitgeteilt wird, zu verstehen. Um Präsenz und Entzug Gottes geht es auch in den Erlebnissen Clara Morrows, Armand Gamaches und Émilie Longprés. Aber ihr Leben ist nach ihren schicksalhaften Begegnungen für immer ein grundlegend anderes als zuvor.
VI.
"Gamache war aufgestanden, zu dem Tisch gegangen und hatte gelesen, was auf der Wand stand. Er hatte sein Notizbuch herausgezogen, das mit Informationen über Tod, Mord und Trauer vollgekritzelt was, und er hatte die vier schlichten Zeilen abgeschrieben. Dann wusste er, was er tun musste. […] Der Spruch an der Wand hatte ihm nicht gesagt, was er tun sollte. Das wusste er. Er hatte ihm den Mut gegeben, es zu tun."
Der Mut dessen, der glaubt – er hat keinen unumstößlichen Beweis, ist aber mehr als eine Theologie des Als ob.