Licht, nicht als überwältigender Glanz, sondern als gleichsam leise, tragende Kraft: Eine Meditation von Jesaja bis Johannes zur biblischen Rede vom Licht jenseits von Sonne, Pathos und religiöser Überwältigung.

Ein heller konzeptioneller Schein leuchtet vom Epiphaniasfest auf den Text der Tageslesung zum zweiten Sonntag im Jahreskreis herüber. Denn Licht steht im Zentrum der prophetischen Ansage des Deuterojesaja. Genauer gesagt rückt hier Licht im Zuge eines elementaren soteriologischen Schöpfungsaktes Gottes ins Zentrum. Überhaupt ist ja Licht (Or) im Alten Testament ein von Gott unmittelbar geschaffenes, sehr besonderes Leuchten. Denn es meint eine Qualität der Helligkeit, die gerade nicht mit dem Sonnenlicht oder gar dem Lichtschein einer Lampe (ner) assoziiert ist.

Es darf hier ruhig einmal mehr die religionsgeschichtliche Binsenweisheit hervorgeholt werden, dass in der Perspektive der ersten Schöpfungsgeschichte Sonne, Mond und Sterne aus der göttlichen Schöpfungssphäre in die Sphäre geschöpflicher Leuchten am Himmel degradiert wurden. Am vierten Schöpfungstag entstanden, dienen sie als nützliche Instrumente zur Rhythmisierung von Dunkel und Helligkeitszeiten. Diese Vorstellung grenzt sich deutlich gegen die ägyptische Gleichsetzung von Sonne und Gott wie dem großen Sonnenhymnus des Echnathons ab, der die Strahlen der Sonne als eine Gotteskraft feiert, die alles am Leben erhält: "Die Erde entsteht auf deinen Wink, wie du sie geschaffen hast: du gehst auf für sie – sie leben, du gehst unter, sie sterben. Du bist die Lebenszeit, man lebt durch dich."

"Dein Wort ist wie ein Licht in der Nacht, das meinen Weg erleuchtet"

Ist jedoch Gott selbst Licht? Das scheint zumindest sonnenklar zu sein. Jedenfalls ist Gott im Horizont alttestamentlichen Denkbilder nicht in einem augustinischen Sinne intelligibilis lux (Soliloquium). Auch die klassische Bekenntniswendung im Nicaenum - "Licht vom Licht" - verdankt sich anderen theologischen Inspirationszusammenhängen. Denn der Gott Israels scheint als eine Art wetteraffiner Gott durchaus und gerade auch in Verdunkelungsszenarien des Himmels in seinem Element zu sein. "Wolken und Dunkel sind um ihn her" (Ps 7,2). Der Tag Jahwes ist ein Tag, an dem - auch Finsternis einbricht, nicht eitel himmlischer Sonnenschein (vgl. Jes 13,10). Gott ist durchaus in der Lage ein Verdunkelungschaos zu initiieren. Wobei - von Tritojesaja in einer Zeit des Heils geradezu kosmisch richtig gestellt - nicht mehr Sonne und Mond, sondern Gott höchstpersönlich Licht spendet (Jes 60,19f.) mit einer alle Lebensvollzüge durchdringenden Kraft, die schon jetzt als orientierende Kraft wirkt – kraft des Wortes, das Gott ist.

Gott ist der in sich lichtkomplexe metaphysische Grund des sinnfälligen Lichtes, welches wiederum ein reiches Metaphernfeld zur Verfügung stellt, um Gott und seine Perspektiven zu entfalten. 

"Dein Wort ist wie ein Licht in der Nacht, das meinen Weg erleuchtet … Herr, Dein Wort, ist meines Fußes Leuchte" heißt es in Psalm 119 (Ps 119,105.115), weshalb fraglich bleiben kann, ob "Erleuchtung" als Metapher christlicher Offenbarung platonische Wurzeln haben muss. Gott erleuchtet, maßgeblich durch die Verlässlichkeit seines Wortes aus den tiefen Quellen des Alten Testamentes heraus. So gesehen ist Gott auch da der in sich lichtkomplexe, in oszillierenden Licht-Finsternis-Dynamiken wirksam werdende metaphysische Grund des sinnfälligen Lichtes, welches wiederum ein reiches Metaphernfeld zur Verfügung stellt, um Gott und seine Perspektiven zu entfalten. Anthropologisch ist demgegenüber der Lichtfall ungleich klarer: Licht bringt Klarheit, Ordnung Heil. Wieder mit dem jesajanischen Werk exponiert: "Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell." (Jes 9,1)

Es wäre nun das eine, über die Perspektivenverschiebung nachzudenken, die mit dem Übergang vom jesajanischen Licht der Völker zum johanneischen Christus als Licht der Welt einhergeht. Und es wäre ein anderes, der Spur nachzugehen, wie die die Kirche exponierende vatikanische Konstitution beides miteinander verknüpft und auf den Titel Lumen gentium hört. Christus also als Licht der Welt ein Licht der Völker, wobei ekklesiologisch klar sein muss, dass die Kirche Volk Gottes nur in und durch den Leib Christi selbst ist, was diese Wendung in ein eigenes Licht stellen mag. Nur als dieser Leib mag das Leuchten der Herrlichkeit Christi auf dem Antlitz der Kirche widerscheinen.

"Light of the World" von William Hunt (1904), St Paul's Cathedral, London
"Light of the World" von William Hunt (1904), St Paul's Cathedral, London © William Holman Hunt, Public domain, via Wikimedia Commons

Einflussreichste Christusdarstellungen des frühen 20. Jahrhunderts

Dass in alledem Christus als Licht der Welt zum Lichtmedium wird, dürfte unstrittig sein und führt in eine denkwürdige Szene nach London in die St. Paul’s Cathedral hinein. Die Rede muss hier sein von einer der weltweit am stärksten rezipierten Darstellungen dieses Motives: Holman Hunt, ein Präraffaelit, nahm 1900-1904 einen langen künstlerischen Anlauf, um die dritte, stark verdichtete Version des Motives "The Light of the World" zu vollenden. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes weltläufiges Bild und zählt zu den einflussreichsten Christusdarstellungen seiner Zeit.

Kurz nach der Fertigstellung machte dieses Bild seinem Namen Ehre, indem es in den meisten Großstädten Kanadas, Südafrikas, Neuseelands und Australiens ausgestellt wurde. Millionen von Menschen des Commonwealth bekamen es zu sehen, bis der Reeder und Sozialreformer Charles Booth es erwarb und der St. Pauls Cathedral vermachte. In einem Gottesdienst im Juni 1908 wurde es eingeweiht. Der Kathedralchor sang Psalm 119. Es dauerte nicht lange, und es fehlte in kaum einem Kindergarten, Krankenhauszimmer, Schul- oder Kirchengebäude.

Was ist darauf zu sehen? Jesus steht in der Bildmitte und ist im Begriff, an eine von Pflanzen wohl lange nicht geöffnete Tür zu klopfen. Das ist eine Anspielung auf Off 3,20: "Siehe, ich stehe an vor der Tür und klopfe an, wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir". Der Text ist denn auch in dem im Renaissancestil torbogenartigen goldenen Rahmen des Bildes unten eingeprägt. Der Betrachter blickt durch dieses Tor auf die Türszene. Ein Türgriff ist nicht zu sehen. Öffnen kann nur der, der dahintersteht.

Bildträchtiges Meditationsangebot

Überhaupt fehlt jedes gleißende Lichtspiel. Eine Laterne in der Hand des linken, nur ganz leicht angewinkelten hängenden Armes vom rechten Bildrand aus die Szene aus wirft als beinahe einzige Lichtquelle einen Schein auf das weiße Untergewand des Jesus, seinen roten Umhang, der sich bis zu seinem Schultergürtel fast verliert. Das Gesicht Jesu, das den Betrachter fragend anschaut, ist nur schattenweise zu erkennen. Licht fällt dann erst wieder auf die klopfende Hand - und unten auf die in schönsten Herbstfarben in warmen Tönen leuchtenden und vor sich hinwelkenden Apfelbaumäste, die sich um die Tür gerankt haben. Nur ein klar konturierter, unaufdringlich leuchtender Heiligenschein bildet die andere Lichtquelle in dieser Szene.

Gott ist eher ein Licht, das mit unaufdringlich Aufscheinendem vordringt, darein scheint, hineingeht in das Auge des Betrachters und dieser so furchtbar eingedunkelten Welt einen neuen Schein gibt. 

Als Licht des Gewissens wurde die Laterne in der Hand Jesu interpretiert. Das Gewissen wird hier als ein von Jesus getragenes Aufklärungslicht des menschlichen Geistes begriffen. Und so exponiert sich im Ganzen ein bildträchtiges Angebot, zu meditieren, wo die betrachtende Person denn angesichts dieses so vollkommen unaufdringlichen scheinwerferfreien Lichtes der Welt wohl selber zu stehen kommt. Gott vermag in ihm, so die Bildeingebung, kein gleißendes Licht zu sein.

Gott ist eher ein Licht, das mit unaufdringlich Aufscheinendem vordringt, darein scheint, hineingeht in das Auge des Betrachters und dieser so furchtbar eingedunkelten Welt einen neuen Schein gibt. Ein Licht, das wohl mitten in der Nacht dieser Welt scheint und "uns" zu Kindern des Lichtes macht als Ursprung des Erbarmens Gottes. Das ist so gesehen ins Bild gebrachte Lichtmetaphysik unter den Bedingungen eines himmlischen Kyrieeleisons, mit dem Gott an die Enden des Elends dieser Erde vordringt.

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