I.
Des Glaubens liebstes Kind ist das Wunder. Zeugt es doch auf ebenso macht- wie geheimnisvolle Weise von Gottes Gegenwart. Anders bei Dr. Heinrich Faust in "der Tragödie erster Teil" des nach ihm benannten Dramas, auf den die Sentenz zurückgeht. Vernehmbarer "Himmelstöne" ungeachtet, bleibt er dem kolossalsten aller Mysterien gegenüber taub.
Wie die Szene (zunehmend auch für die Oberstufe) "in einfacher Sprache" wiedergegeben wird: "Jesus ist an Ostern gestorben. Dann ist er wieder aufgewacht. Er hat den Tod besiegt. Darüber singen die Engel. Faust glaubt nicht an Gott und Jesus." Trotz eines Studiums der Theologie übrigens. ("Leider auch", sagt er.)
II.
Unterstellt der behauptete Stammbaum zugleich eine Angewiesenheit? Kann das religiöse Bekenntnis ohne Wunder nicht sein? Oder verhält es sich umgekehrt, dass sie den Glauben voraussetzen (selbst wenn ihnen nur symbolisch verweisende Geltung eingeräumt würde)?
So oder so: Was Christen für wahr halten, überfliegt das vernünftig Erweisbare. Vieles, was man für unmöglich halten möchte, ist hier grundlegend. Ganz ungeniert listet das Credo es auf.
III.
Dann und wann geistern Zahlen umher, wer "noch" woran glaube. Vor acht Jahren hieß es, dass seit 1986 (warum auch immer) Wunder steil im Kurs gestiegen seien: von 33 auf 51% – womit das Ja zu einem Schöpfergott wie der Göttlichkeit Jesu locker übertroffen wurde. Für den Projektleiter des Instituts für Demoskopie Allensbach Beleg dafür, dass "manche plakative Randaspekte" (oha!) sich angesichts fortschreitender "Entchristlichung der Gesellschaft" vergleichsweise gut behaupteten.
Oder fragten die geschätzten Empiriker nur nach der Geltung unerklärbarer Ereignisse, während das Überzeugt-Sein von höherem Einwirken weit darunter liegt? Bei 29 % laut neuerer INSA-Erhebung. Jede(r) dritte fast: auch das noch ein stattlicher Wert. Frauen, Westdeutsche und jüngere Menschen stünden dem Wunder dabei günstiger gegenüber als Männer, Ostdeutsche und ältere Generationen, Muslime mehr als Christen. (Nach Partei-Präferenzen wurde nicht aufgeschlüsselt.)
IV.
Max Weber, Autorität ihrer Durchleuchter bis heute, hebt den Finger. Die moderne Welt, so eine zentrale Denkfigur seiner Soziologie, unterliege dem Entzaubert-Werden. Einem Prozess, in welchem die Triebkräfte der Rationalisierung: Wissenschaft und Technik, die Eventualität übernatürlicher Erscheinungen unaufhaltsam auszehrten. Überbleibsel einer unaufgeklärt-leichtgläubigen Vergangenheit, haben Wunder keinen Platz mehr.
Nicht nur manche Erben Webers, deren Interesse neuen Erfahrungsräumen für das Sakrale und die Transzendenz gilt, setzen ein Fragezeichen hinter dieses Narrativ. Schon länger verweisen ausgerechnet Vertreter der mit dem Naturalen und seinen Gesetzen befassten Wissenschaft darauf, ihre Erklärungen bestimmter Phänomene (Beschreibungen dessen eigentlich, was kaum zu verstehen sei), führten diese vielfach "auf tieferliegende Geheimnisse zurück", verzauberten die Welt also erst. Wunderbares wäre der Wirklichkeit, wie sie sich uns darstellt, im Tiefsten vielleicht immer schon eingeschrieben.
V.
Hinzu kommt, dass die bloß entmystifizierende Vernunft gegenläufige Bedürfnisse unbefriedigt lässt. Überhaupt gehört es zu den Merkwürdigkeiten des Menschen, dass er zu hoffen vermag – wider alle Einsicht gar –, und seine ganze Existenz darauf auszurichten obendrein. Unverwüstlicher Illusionismus diese Verfasstheit, nichts weiter?
Allemal lehrreich ist der Blick in das von den Brüdern Grimm konzipierte Deutsche Wörterbuch (unter meinen Lieblingstexten einer der regalfressendsten). Als könne die Sprache (die doch klüger ist als wir) sich an derlei Bezeichnen gar nicht genug tun, sprudelt hier die Semantik des Wunderbaren als eines Staunen-erregend Außer-Ordentlichen, Jegliche-Vorstellung-Überschreitenden, Unerwart- oder Kaum-Auflösbaren. Da gibt es Wunderkinder, Wunderstürmer, Wundertüten, für literarisch Ansprechbare: eine Wunderlampe, ein Wunderhorn, ein Wunderland, in anderen Bereichen Wirtschafts- und Naturwunder, Arzneien, die Wunder wirken, oder blaue Wunder, die man erleben kann, sowie – Mensch wäre nicht Mensch! – selbstverständlich Wunderwaffen.
Häufig gebraucht, derlei Assoziationen, doch in der Sequenz zuletzt etwas rückläufig, signalisiert die Forschung.
VI.
Womöglich untilgbare, hartnäckig jedenfalls einnistenden Ansprechbarkeiten spiegeln sich nicht zuletzt im populären Genre des Schlagers – gerade weil er hart am Wind unbewachter Sehnsüchte (soll man sagen: des Kitsches?) zu segeln pflegt. Meist emphatisch sich erfüllendes Glück = Liebe beschwörend, die ihrerseits im Ruf des Mirakulösen steht.
"Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen", tat bereits Zarah Leander kund, "ein Märchen" näherhin. "Wunder gibt es immer wieder / heute oder morgen / können sie geschehn", versicherte Katja Ebstein, untergehakt die Mahnung: "wenn sie dir begegnen / musst du sie auch sehn". Unser Wahrnehmungsproblem eben. "Wunder geschehn / ich hab's gesehn", so in anderem Rhythmus eine authentische Zeugin: "Es gibt so vieles, was wir nicht verstehn / ich war dabei / Wir dürfen nicht nur an das glauben was wir sehn". Erkenntniskritisch unterfüttert von Nena.
Auch wo die Verse betont wortspielerisch doppelnd geraten, wird das Phänomen selbst dadurch keineswegs angetastet. "Du bist ein Wunder, so wie ein Wunder / Ein wunder Punkt auf meinem Herz / Ich hab' versucht, dich zu vergessen / Doch ich schaff' es einfach nicht". Lässt Wolfgang Petry, vom Substantiv zum Adjektiv driftend, nicht exakt die Befindlichkeit des Menschen der entzauberten Welt anklingen? Oder ganz aktuell Ayliva und Apache 207: "immer, wenn du heimgingst / Wusst' ich genau, dass du hier fehlst / Wenn du zurück bist, ich wunder, wunder mich dann nicht" – vermeintlich cool über unsere labile Beziehungskiste mit dem ominösen Phänomen.
Ach, wäre es schön, nicht endlos im ernüchternd und Kalkulier- und Absehbaren zu kreiseln! Aber hilft das Wünschen noch? Darf man von ihm aus auf ihm entsprechend Reales schließen? "Wunder entziehen sich prinzipiell", meint Bileam, der kleine Stoffesel auf meinem Schreibtisch. ("Wie Eselchen, Du sprichst?")
VII.
Von unversehens Zu-Fallendem und Durchbrechungen diverser "Normalitäten" bis hin zum drastischen Eingreifen Gottes, mit möglicherweise hie und da kleineren Winken in die Lebenswelt hinein, fallen recht ungleichartige Begebenheiten unter die Rubrik. Vorzüglich hat der Schriftsteller Thomas Hürlimann den innersten Kern des Wunders freigelegt. Was auch immer dabei am Werk sein mag: um Verwandlung allemal handle es sich. Dem plan- und arrangierbaren Verändern entgegen gesetzt. Gegenstände, Menschen und Verhältnisse: plötzlich kippt da etwas, werden sie radikal anders, ohne dass dies zuvor in irgendeiner Weise angelegt gewesen wäre.
Die heiligen Texte des Christentums, führt Hürlimann aus, seien voll davon,
"dass ein ungeheuerliches Geschehen, ein unlösbares Rätsel, eben die Verwandlung, den Gang der Dinge immer wieder durchbricht, uns verstörend, uns erschreckend. Saulus trifft ein strahlendes Licht, er stürzt zu Boden, er ist verwandelt. Das gleiche gilt für den Aussätzigen, der nicht etwa gesundet, nein, plötzlich ist er ein neuer, ein verwandelter Mensch. Und mit einem Mal ist eine Jungfrau Mutter, das Wasser Wein, der Wein Blut, Gott tot, und der Tote steht auf. Nein, diese Wandlung kann unser Verstand nicht fassen."
VIII.
Kulturell flankieren von jeher Trends, in denen das Wunderbare sozusagen programmatisch rehabilitiert wird, den gesellschaftlichen Rationalisierungsprozess: die Romantik, das Aufkommen neuer Märchen – nun Mystery oder Fantasy geheißen (mit der Drillingsschwester Science Fiction und dem Horror als dunklem Begleiter) –, die Postmoderne vorläufig. Ihr ästhetischer "Doppelagent", befand der amerikanische Großkritiker Leslie Fiedler, sei "in der Realität der Technologie und in der Sphäre des Wunders gleichermaßen zu Hause".
Tatsächlich wimmelt die internationale Belletristik der jüngsten Jahrzehnte (um sie rasant immerhin zu streifen) von Wunderbarem. Auf Metaphorisierungen, Psychologisierungen, Existenzialisierungen des Unerklärbaren stoßen wir dabei ebenso wie die Freude am Vexierspiel oder mythopoetisches Offenhalten der Grenze zu einem Jenseits der Natur. Dass das Thema lebendig bleibt, scheint dabei fast bedeutsamer als die jeweiligen Ausdeutungen.
Nicht nur als Motiv dient das Wunder hier. Mitten hinein in poetologische Diskurse vielmehr führt es. Nahe der Kreativität ist es angesiedelt, der Schöpfung von Neuem. Zählt das Heraustreten aus Gewissheitsstrukturen, die Fähigkeit sich zu ver-wundern, doch zu den Vorbedingungen allen künstlerischen Schaffens. Nicht nur nachgebildet vermag Wirklichkeit hierdurch zu werden, verwandelnd umgestaltet vielmehr.
IX.
"Gibt" es also Wunder? Die Frage markiert jedenfalls – Danke für den Begriff, lieber Friedrich Nietzsche! – ein "gefährliches Vielleicht". Sowohl der bedenkenlos empor schnellende Daumen wie das routinierte Abschmettern werden dem wenig gerecht.
X.
Das Lieblingskind des Glaubens, es rebelliert gegen unsere Neigung zur beruhigenden Banalität, in der alle Rechnungen aufgehen (sollen). Un-domestizierbar bleibt es, anstößig, stachelig. Enfant terrible.