Entbergung und VerhüllungDas Spiel von Licht und Schatten, Tag und Nacht, Hoffnung und Verzweiflung

Licht verheißt Erkenntnis, doch ohne Schatten verliert die Welt ihren Zauber. In der Auseinandersetzung mit Kunst, Liturgie und religiöser Erfahrung kann deutlich werden, warum das Verborgene nicht Mangel, sondern Bedingung von Sinn, Hoffnung und Gnade sein kann. Eine theologisch-philosophische Meditation über das spannungsreiche Spiel von Sichtbarkeit und Verbergung.

"Der düstere Tag", Pieter Bruegel der Ältere, 1565© Pieter Brueghel the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons

I.

Wunderbar ist das Licht. Es lässt Dinge sich zeigen, die Vielfalt all dessen, was ist. Im Licht tritt alles, was zuvor noch im Dunkel verborgen war, in die Sichtbarkeit. So erscheint dann die Welt: sinnlich, aber auch anders, mehr als bloß sinnlich. Sehen erlaubt nämlich Erkenntnis, vertiefte, geistige Einsicht, Durchsicht und Durchblick. Wer genau hinsieht, kann der Welt auf den Grund gehen. Kann sich orientieren, also sich der aufgehenden Sonne – sol oriens – und ihrem Licht zuwenden. Kann sich aufklären. Aus der Dunkelheit der Höhle, aus dem Nicht-Wissen ins Licht. Wissen geht daher in besonderer Weise aufs Sehen zurück.

So verstanden es die Griechen, in deren Sprache der enge Zusammenhang von Sehen und Wissen besonders deutlich wird. Aristoteles beginnt die Metaphysik mit der These, dass alle Menschen von Natur aus nach Wissen streben. Und Wissen, griechisch eidenai, das ist – ganz wörtlich übersetzt – "Gesehen-Haben". Theorie kommt von theoria, Betrachtung, Anschauung. Vielleicht aber wird damit auch etwas Universales, etwas, das alle Menschen in den Blick nimmt (und ihren Blick aufgreift), zum Ausdruck gebracht – oder zu Lichte gebracht.

Ähnlich ist es im Deutschen: Wenn ich über diesen Zusammenhang nachdenke, kann mir ein Licht aufgehen. Und dann weiß ich, was ich eingesehen habe. Und auch im Englischen versteht man etwas, wenn man es sieht und also gesehen hat. I see. Jeder Sinn erschließt Welt, aber dem Sehsinn kommt eine eigene, hervorgehobene Bedeutung zu. Man eignet sich die Welt an, macht sie sich vertraut, findet Heimat in ihr, indem man sieht.

II.

Die gewaltige Macht des Visuellen wird heute in den digitalen Medien ersichtlich. Doch zeigen diese schnellen, flüchtigen, von Impression zu Impression, von Bild zu Bild springenden Medien deutlich die Ambivalenz des Sehens. Das Sehen kann, statt in die Tiefe zu gehen, auch an der Oberfläche, im Oberflächlichen verharren. Es ist leicht, ganz viel zu sehen –immer mehr und immer schneller und in immer mehr von außen gelenkter Weise –, ohne das, was man sieht, wirklich anzuschauen. Man kann sehen und denken, dass das, was man gerade, im Moment, auf den ersten Blick sieht, alles ist, was es zu sehen gibt.

Wer den Durchblick zu haben beansprucht, kann bei allem Durchblicken durch das, was sich ihm zeigt, hindurchblicken – und nichts mehr sehen oder nur noch das sehen, was er sehen will. Der menschliche Blick als Maß des Sehens. Wie man einen Menschen anblicken kann, ohne ihn zu sehen, kann man auch alles andere, das sich zeigt, anschauen, ohne wirklich zu sehen. Blicke können die eigene Perspektive absolut setzen. Sie könne die Dinge in einer bestimmten, in einer nur ihnen eigenen Weise fokussieren. Sie können alles in überhelles, kaltes, die Dinge verzehrendes Licht tauchen. Nicht selten versuchen sie, alles in totale Sichtbarkeit aufzuheben. Alles, was ist, soll sichtbar, durchsichtig und so erfassbar, einordbar, begreifbar werden, und was sichtbar ist, ist alles, was ist. Ein Hinsehen, das eigentlich ein Wegsehen ist.

Gerade das, was bewundernswert ist, wundern und staunen macht, gerade dies, das Licht, das Wunderbare, die Helle, der Blick, kann, wo es sein Maß verliert, die Welt entzaubern.

Daher kann die Macht des Sehens zu einer Gewalt des Sehens verfallen. Blicke können kühl und gleichgültig sein, sich unbarmherzig geben, gewalttätig werden. Sie können das Andere, das Fremde auf ihr Maß reduzieren. Gegen diese Gewalt des Auf-etwas-Sehens, der Aufsicht, steht nicht nur eine Vielfalt der Hinsichten, sondern auch die Erfahrung eines Dialogs, eines Wechsel- oder Lichtspiels von Sehen und Gesehen-Werden, des gewaltfreien, wohlwollenden Blicks auf die Welt, eines Blicks, der reagiert, zurückschaut, auf Antwort, Anspruch, Anblick wartet und offen ist für das, was sich ihm zeigt. Auch die Dinge der Welt – haben sie nicht auch Augen, die einen sehen können? Wird man in aller Hinsicht nicht auch von der Welt angesehen? Wendet sie den Menschen nicht ein Gesicht zu – ein Antlitz, das sich, allein schon, da die Welt den Menschen offen, zugänglich, verständlich ist, zunächst und zumeist als freundlich zeigt?

Ambivalenzen des Blicks, Ambivalenzen des Lichts. Gerade das, was bewundernswert ist, wundern und staunen macht, gerade dies, das Licht, das Wunderbare, die Helle, der Blick, kann, wo es sein Maß verliert, die Welt entzaubern. Der Zauber der Welt bedarf des Verborgenen, des spielerischen Zu- und Miteinanders von Entbergen und Verbergen. Daher setzt die Magie immer etwas voraus, das man nicht sieht, nicht sehen kann, nicht sehen darf. Ohne Zaubertuch nichts Zauberhaftes. Wer zaubern oder bezaubern will, sollte etwas oder sich selbst verbergen – oder das Verborgene, die Verborgenheit wahrnehmen und achten. Wie jedes Geschenk ist auch der echte Zauber, der Zauber der Welt, verpackt, verborgen, verhüllt – und kann sich nur so als das zeigen, was er eigentlich und zutiefst ist.

III.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Im Licht und durch das Licht werfen die Dinge der Welt einen Schatten. Aber es gibt auch einen Schatten, eine Dunkelheit, die nicht Folge des Lichts ist, sondern dem Licht vorausliegt: das Dunkel, aus dem heraus das Licht erscheint. Die Finsternis, in die das Licht zurückkehrt. Der Tag bedarf der Nacht – wie umgekehrt die Nacht des Tages bedarf, ja, wie Tag und Nacht nur unterschiedliche Dimensionen der einen Zeit sind. Die Nacht kann unheimlich sein. Sie kann aber auch eine Zeit der Magie, des Zaubers, des Wunders sein. Und sie kann Schutz gewähren, Ruhe, Erholung und Frieden schenken, eine Zeit der Gnade sein So steht neben der Helle – vor, hinter, nach der Helle – das Dunkle, das Andere des Lichts.

Gerade Religion und Kunst wissen um die Dialektik, das spannungsvolle Spiel von Licht und Schatten, von Helle und Dunkel, von Entbergung und Verbergung. Es gibt heilige Tage und heilige Nächte. Unscheinbar ist das Licht der Gnade. Tief verborgen ist die Gottheit in Brot und Wein. Der Drang nach Einsicht und Wissen bedarf daher des Respektes vor dem Nicht-Einsichtigen, dem Nicht-Wissbaren, das kein Rätsel ist, das gelöst werden könnte, sondern geheimnisvoll bleibt und nicht durchschaut, sondern nur anerkannt, angeschaut und respektiert – wörtlich: zurückbetrachtet – werden kann. Es gibt Grenzen der Enthüllung. Es gibt den Grund der Dinge und den Abgrund der Welt. Es gibt das Geheimnis. Es zeigt sich. Und wenn es sich zeigt, was wäre angemessener, als ihm in Achtung, Demut, Scheu zu begegnen und es zu betrachten, zu kontemplieren und zu verehren?

Paradoxerweise war der verhüllte Reichstag daher präsenter als je zuvor. Man sah das Gebäude – als verhüllt. Und selbst heute, da der Reichstag wieder entborgen ist, können viele Menschen das Gebäude nicht sehen, ohne an seine Verhüllung zu denken.

Aber es gibt auch das Spiel des Verhüllens, ein ganz ernstes Spiel, das an die Macht dessen, was nicht sichtbar ist, erinnert. Liturgie lebt von diesem Spiel von Glanz und Helle auf der einen und Dunkelheit, Unscheinbarkeit und Verbergung auf der anderen Seite. Auch das Theaterspiel lebt davon, von den Masken, Verhüllungen, Verkleidungen und überhaupt von Inszenierungen, davon, dass ein Spiel auf die Bühne gebracht wird. Zwischen Bühne und Zuschauer gibt es eine Grenze, die durch den Vorhang markiert wird, der – wie eine Ikonostase fürs weltliche Spiel – ein menschliches Ursymbol ist, die Schwelle zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen dem Bekannten und Vertrauten hier und dem Imaginären, dem Bildhaften und dem Fremden dort. Wenn sich der Vorhang öffnet, erweitert sich in diesem magisch-wunderbaren Moment nicht einfach der Zuschauerraum - die Verhältnisse drehen sich um. Man schaut zu – und sieht doch nur im Lichte dessen, was auf der Bühne geschieht. Die Bühne wird zur Welt, und die Menschen davor, die schauen und betrachten, zu einem Teil dieser Welt, dieser nun eigentlichen, allein sichtbaren, wahren Wirklichkeit. Daher kann sich das dramatische Geschehen, die Fiktion, als Schlüssel, als Licht zur Welt außerhalb des Theaters erweisen.

Solange der Vorhang geschlossen ist, versteckt er nicht einfach nur etwas und macht es vergessen. Ganz im Gegenteil: Das, was noch verborgen ist, ist in besonderer Weise präsent: erfahrbar dadurch, dass es den Blicken entzogen ist. Als Christo den Reichstag verhüllte, verschwand dieses Gebäude nicht. Man konnte es auch gar nicht vergessen oder übersehen – was, als das Gebäude noch unverhüllt war, möglich gewesen wäre, da es doch so bekannt war und man gerade das Bekannte und Vertraute leicht nicht mehr so sieht, wie es wirklich ist. Man weiß dann nur noch, dass da etwas ist. Daher nimmt man manchmal wahr, dass irgendwo etwas fehlt, aber man könnte nicht sagen, was genau fehlt. Paradoxerweise war der verhüllte Reichstag daher präsenter als je zuvor. Man sah das Gebäude – als verhüllt. Und selbst heute, da der Reichstag wieder entborgen ist, können viele Menschen das Gebäude nicht sehen, ohne an seine Verhüllung zu denken. In der Verhüllung selbst wird etwas entborgen. Das Nicht-Zeigen zeigt etwas. Verhüllung ist Entbergung. Entzug ist Gabe.

IV.

Reinhold Schneider hat seinen Lebenserinnerungen einen berührenden Titel gegeben: Verhüllter Tag. Er verweist dabei auf den "Düsteren Tag" von Pieter Brueghel dem Älteren als "Bild" für die "Stimmung meines Lebens": Das Bild von Brueghel ist von tiefer symbolischer Bedeutung. Hinter dem Bild zeigt sich die düstere, harte, kühle Welt menschlicher Existenz. Doch ist der düstere Tag nicht einfach mit dem verhüllten Tag gleichzusetzen. Der verhüllte Tag ist nicht lediglich ein einzelner Tag, der, eigentlich hell, durch Nebel verhüllt ist oder aufgrund eines Mangels an Licht düster erscheint. Es ist kein Tag, der bald wieder aufklaren wird. Kein Tag, der auf besseres Wetter hoffen lässt. Dieser Tag, der verhüllte Tag, ist für den Dichter und Menschen Schneider auf Dauer verhüllt. Sein ganzes Leben steht unter diesem Titel. Schwermütig war Schneider. Sein Glaube war von Zweifel durchzogen, und so lebte, hoffte und betete er – in der Rückschau der 1950er Jahre – in einer dunklen Welt, in einem Tag, der so verhüllt war, dass er wie eine lange, tragische Nacht wirkte.

Doch weit über das Individuelle hinaus bezieht Schneider sich mit dem "verhüllten" Tag auf das Geheimnis der Geschichte und auf das Geheimnis, das "Gott" genannt wird und das sich auch im widerspruchsvollen, paradoxen Spiel von Licht und Dunkel offenbart:

"Wenn aber die alten Götter doppeltes Antlitz trugen, des Lichtes und der Finsternis, Begnadete und Zerstörer, wenn allem Göttlichen der Widerspruch eigen ist – wie viel mehr dann Gott! Geschichtswelt ist Verdammnis. Uns bleibt kaum eine irdische Hoffnung: es bleibt die Notwendigkeit, das eherne Soll des kämpfenden Glaubens, und es bleiben die Zeichen unsichtbarer Zusammenhänge, in denen wir leben, ohne es zu wissen."

Harte Worte, dunkle Worte. Worte, die in einem existenziellen und in einem zeitgeschichtlichen Kontext stehen. Worte, die aktuell bleiben. Auch Worte, die in ihrer tragischen Radikalität nicht für jedermann nachvollziehbar sind.

Für Schneider ist der Weg des Menschen, der Weg des Christen der Kreuzweg. Worte daher der Verzweiflung, die zugleich Worte der Hoffnung sind. Worte, die in ihrer abgründigen Dunkelheit etwas zeigen und entbergen: Die Geschichte, alles also, was geschieht – und somit ein jeder Tag – ist verhüllt. Ihr Sinn liegt nicht offen zutage. Man kann ihn nicht erkennen. Er entzieht sich. Und doch kann er sich zeigen – gerade indem oder weil er sich entzieht. Paradoxie des Sehens, Paradoxie des Glaubens, Paradoxie des Lebens. Und Paradoxie der Gnade, der göttlichen Stimme, die im Schweigen, in der Stille ertönt.

Aus dieser Sicht wird alles, was ist, die Geschichte selbst, alles Vergängliche zum Gleichnis, zu einem Bild, das entbirgt und verbirgt, das zeigt, was nicht sichtbar ist, indem es verhüllt. Und zu einem Bild, das in all seiner Düsternis und Verhüllung Menschen in Anspruch, in den Blick nehmen kann und, wenn es wirklich als das, was es ist, gesehen wird, glauben und beten lässt: "Heute weiß ich," so Schneider, "daß nur der Betende wahrhaft geführt wird und nur die im Gebete errungenen Gewißheiten nicht zerbrechen."

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