Wohnung in der WahrheitDas Glaubensbekenntnis nach Pontius Pilatus

Caravaggios Gemälde "Der ungläubige Thomas" ist nicht nur ein unersetzbares Kunstwerk, es ist zugleich eine Ikone für eine zunehmend kirchenkritische und religiös desinteressierte Gesellschaft. Verhandelt wird der dahinterliegende Grundkonflikt zwischen Religion und Politik, zwischen Gottesreich und Weltherrschaft auch in der vorausgehenden Szene, bei der Jesus vor Pontius Pilatus steht. Eine Szene, die bis heute inspiriert und herausfordert.

Caravaggio, Der ungläubige Thomas, 1601/1602
Caravaggio, Der ungläubige Thomas, 1601/1602© Caravaggio, Public domain, via Wikimedia Commons

Es ist nicht nur ein wunderbares, aufwühlendes Gemälde, ein unersetzbares, millionenschweres Kunstwerk, sondern – so scheint mir – geradezu eine Ikone für die zunehmend kirchenkritische und religiös desinteressierte Region Berlin-Brandenburg mit 15-20 Prozent Christen. Was nur wenige Liebhaber und Eingeweihte wissen: Caravaggios Gemälde Der ungläubige Thomas überstand die Katastrophe des Weltkriegs unbeschadet und gelangte nach einem "Auslandsaufenthalt" in der Sowjetunion von der vormals königlich-preußischen Sammlung in die Galerie im Schlosspark Sanssouci. Wer dieses Gemälde heute besichtigen möchte, braucht also nicht nach Moskau zu reisen – es reicht völlig aus, sich auf den Weg nach Potsdam zu machen.

I.

Wer die Passionsgeschichte kennt, dem fällt es nicht unbedingt leicht, bei Caravaggio so anschaulich illustriert zu sehen, auf welch handgreiflich-realistische Weise Thomas seinem Meister gegenübertritt. Nach seinem Schwur, einzig und allein das zu glauben, was er tatsächlich mit Händen berührt hat, leistet der Apostel dem Wort des Herrn Folge: "Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" (Joh 20,27)

Der Handgriff des Thomas hat dabei etwas Tastendes. Es bereitet jedoch fast Schmerzen, mitanzusehen, wie der Zweifler mit dem Zeigefinger in die klaffende Karfreitagswunde eintaucht. Aber noch etwas lässt sich erkennen: Die anderen Jünger verfolgen die Situation mit neugierigen Blicken. Sie nehmen, wie der Maler zeigt, geradezu mit Wissensdurst und anatomischer Neugier an jenem Experiment teil, zu dem der Gekreuzigt-Auferstandene ihren Gefährten auffordert.

Thomas, genannt Didymus, der Zwilling, steht nicht von ungefähr im Johannes-Evangelium im Zentrum der Auferstehungsberichte. Er verkündet, dass er seine Glaubenszweifel nur dann aufgeben werde, wenn er sich selbst von den Wundmalen Christi überzeugen könne. Mit dieser provozierenden Probe aufs Exempel wird er zum Zwilling unserer eigenen Zweifel: Einer für alle! Ohne ihn würde dem Christentum ein entscheidender Zeuge fehlen, und ohne ihn gäbe es vor dem Epilog des Evangeliums nicht jenes Glaubensbekenntnis, das in den Worten gipfelt: "Mein Herr und mein Gott!" Darum ist es kein Wunder, dass der "ungläubige Thomas" in unserer wesentlich von der Bibel geprägten Sprache sprichwörtlich geworden ist. Als ikonische Figur legt er heute aber auch den Finger in die Wunde der säkularisierten Gesellschaft.

II.

Ehe der Höhepunkt des vom vierten Evangelisten beschriebenen "Welttheaters", das Himmel und Hölle, Gott und Mensch miteinander verbindet, erreicht wird, schildert Johannes eine Urszene des Neuen Testaments: den Zusammenprall zwischen Pontius Pilatus und Jesus von Nazareth. Wanderprediger contra Prokurator – eine der metaphysisch aufgeladensten Gerichtszenen der Weltgeschichte. Pilatus, Ritter und Militärbeamter, will seinen schwer fassbaren Delinquenten vermutlich im Frühjahr des Jahres 30 "nach unserer Zeitrechnung" auf professionelle Weise überführen: "Bist Du der König der Juden?" Aber die verdächtige Existenz, die da vor ihm steht, macht es dem Imperator nicht einfach. Der Gefangene erklärt, dass es ihm schlicht um das Königreich Gottes gehe. Wäre er (bloß) der erhoffte politische Messias, der die Herrschaft des Imperium Romanum beendet, hätten seine Leute längst zu den Waffen gegriffen.

Pilatus als Repräsentant der Staatsmacht verspürt wenig Lust, sich in seiner ureigenen Umgebung, dem Prätorium, vorführen zu lassen; er will das letzte Wort behalten. Darum setzt er nach: "So bist du dennoch ein König?" Darauf reagiert Jesus im Stil johannäischer Offenbarungsrede mit einer klaren Ansage: "Du sagst es. Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme".

III.

Für den Vertreter der damaligen Supermacht ist das ein ungeheuerlicher Anspruch – ein Mensch, der für die Wahrheit Zeugnis ablegt, einer, dessen Stimme wahrhaftig sein soll, mithin deckungsgleich mit seiner ureigenen Existenz? Damit kann der gelernte Politiker, zwischen Machtgehabe und Ratlosigkeit, nichts anfangen. Aber unüberhörbar durch die Jahrhunderte schallt der Satz aus Johannes 18, 38: "Was ist Wahrheit?" Und längst ist die Frage des römischen Statthalters zu einem philosophisch geflügelten Wort geworden.

Und so ist der Name des Prokurators ins Apostolische Glaubensbekenntnis geraten: "Gelitten unter Pontius Pilatus". Damit wird der Name des Statthalters der römischen Provinz Judäa bis heute aufgerufen und memoriert. Sicher geht es dabei um die historische Beglaubigung von Kreuz und Auferstehung. Aber mehr noch um das, was René Girard in Das Ende der Gewalt subtil auf den Punkt bringt: "Falls es eine gewaltlose Gottheit gibt, kann diese den Menschen nur dadurch auf ihre Existenz aufmerksam machen, dass sie sich durch Gewalt vertreiben lässt". Indem der römische Militärgouverneur seinen religiösen Widersacher schuldlos zum Tod verurteilt, bekräftigt er ungewollt das Offenbarungsgeschehen: Gott ist die gewaltlose Liebe.

IV.

Dass die Jerusalemer Gerichtsszene zu einer dramatischen Darstellung drängt, haben Autorinnen und Schriftsteller immer wieder zum Anlass genommen, diesen "Stoff" zu aktualisieren - so auch Michail Bulgakow. In seinem zwischen 1928 und 1940 entstandenen Hauptwerk Der Meister und Margarita gelingt es Bulgakow, den Grundkonflikt zwischen Religion und Politik, zwischen Gottesreich und Weltherrschaft auf eine andere Ebene zu transponieren: nämlich das Römische Reich mit Stalins Sowjetunion in eins zu setzen. Mit anderen Worten: Die Welt der späten Moderne erschöpft sich nicht darin, sozialistisch und atheistisch genannt zu werden, sondern selbst das revolutionäre Moskau bleibt verknüpft mit der ein für alle Mal in Jerusalem gestellten Wahrheitsfrage. Bulgakows Kunst: Das Rot der römischen Soldatenumhänge lässt sich wiedererkennen im Fahnenmeer am Kreml.

Lebhaft erinnere ich mich an DDR-Theateraufführungen von Der Meister und Margarita – ein Tabubruch, der die Zuschauer elektrisierte: Mitten im Moskauer Alltag öffnet Bulgakow rund um seine Hauptfigur, dem Meister Iwan Besdomny (russisch: der Hauslose) plötzlich mit der Jesus-Pilatus-Geschichte das Fenster zu einer rigoros ausgesperrten Wirklichkeit. Wenn der Literaturfunktionär Berlioz mit dem personifizierten Teufel über die Existenz Gottes diskutiert, ist die Phantastik nicht weit. "Ja, wir sind Atheisten", erklärt der Funktionär gegenüber dem mysteriösen Voland. Der "kauzige Ausländer" ist über dieses atheistische Credo entzückt, schüttelt seinem Gesprächspartner die Hand, lässt ihn aber gleich darauf an seinem Verstand zweifeln. Der Fremde erklärt nämlich, dass ihm, dem Sowjetbürokraten, in Kürze der Kopf abgetrennt werde. "Wer wird das tun? Feinde? Interventen? 'Nein' antwortete der Unbekannte, 'eine russische Frau. Eine Komsomolzin.'" Die Unheils-Prophetie geht sofort in Erfüllung. "Anouschka hat Öl verschüttet." Der Literaturfunktionär kommt ins Rutschen und gerät unter die Räder einer Straßenbahn – die Teufeliade beginnt.

V.

Dass Voland, der schließlich einen Pakt mit Margarita schmiedet, bei Bulgakow nicht als zerstörerische Figur agiert, sondern zum Beförderer des Guten wird, hat eine ehrwürdige theologische Tradition. Der Durcheinanderwerfer sorgt für Hoffnung in Zeiten politischen Schreckens (Stalin) – so jedenfalls habe ich den Roman in den Gefährdungen durch Funktionäre, Spitzel und in den Absurditäten des sozialistischen Alltags gelesen.

"Und das Reich der Wahrheit wird kommen?" "Es wird kommen", antwortet Jesus auf die Frage des Statthalters. "Niemals!" schrie Pilatus plötzlich mit furchtbarer Stimme. Dieser Ausruf ist jedoch nicht sein letztes Wort. Am Ende des Dramas erscheint der Prokurator, der den Wanderprediger Jeschua hinrichten lässt, noch einmal im Blickfeld. Moskau und Jerusalem begegnen sich, Voland, Margarita und der Meister können erkennen, dass Pilatus auch nach 2000 Jahren keine Ruhe gefunden hat. Der einstmals Mächtige sehnt sich danach, das Gespräch mit Jesus, das er am Vierzehnten des Frühlingsmonats Nissan so jäh abgebrochen hat, eines Tages zu Ende zu führen. Aber noch immer geht es um die ungelöste Wahrheitsfrage. "Ihr braucht nicht für ihn zu bitten, Margarita, denn für ihn hat schon jener gebeten, mit dem er gern sprechen möchte."

VI.

Der Gekreuzigte erweist sich am Ende als Zentrum der Romanhandlung, als "Stein, den die Bauleute verworfen haben", der aber zum "Eckstein geworden ist". Darum, so Bulgakow, sei ihm sogar der Böse in der Metropole Moskau dienstbar. Besdomny nimmt schließlich Wohnung in der Wahrheit, weil er diese nicht preisgegeben hat. "Schau, dort vorn ist dein ewiges Haus, das Du zur Belohnung erhalten hast", sagt Margarita.

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