Fasten- und Passionszeit - eine Zeit der Einkehr in die Lebensleidenschaft des Leidens. Eine Zeit auch, deren geistliche Achse und zielbestimmende Mitte der in Jesus Christus verheißene Tod des Todes am Karfreitag und Ostern ist. Wie kann dieses Glaubensereignis angesichts der vielen Tode heute Trost spenden?

Wie lässt sich derzeit so etwas wie eine Mitte finden - umgeben von so viel Toden, so viel Sterben der anderen? Die Menschenrechtorganisation Human Rights Activists im Iran (Hrana) registrierte zuletzt allein über 7.000 Tote im Zuge gewaltsam niedergeschlagener Proteste im Iran - ihre tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Seit Kriegsbeginn starben dort über 1.200 Menschen, darunter an die 200 Kinder. Kinder sterben auch im Libanon. Beim Einschlag einer iranischen Rakete in der Synagoge Beit Schemesch ereilt neun Menschen der Tod. Unverhofft kommt der Tod der anderen auch über die Hauptstadt Riad. Zwei Menschen kommen beim Einschlag eines Geschosses in ein Wohngebäude im Gouvernenement al-Chardsch ums Leben.

Unerträglich ist die Unterdrückung der Menschen im Iran durch das Regime. Entsprechend heftig ist ihre Sehnsucht, davon befreit zu werden. In Israel hoffen Menschen auf Sicherheit vor der Bedrohung von Terror aus Regionen, die das Land ins Meer treiben will. Seit vier Jahren treffen ununterbrochen Nachrichten aus der Ukraine ein vom inzwischen hundertausendfachen Tod der anderen. Auch im Sudan gewährt der Bürgerkrieg den Menschen keine Atempause. In der zentralsudanesischen Region Kordofan starben erst kürzlich wieder 33 Menschen infolge von Angriffen auf Märkte in den Ortschaften Abu Zabad und Wad Banda.

Die Passions- und Fastenzeit - eine Zeit der Einkehr in die Frage auch, wie mit dem Tod der anderen, der ganz nahen, und der allzu vielen fernen anderen zu leben ist.

"Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?"

Zahlreich wie die Sterne am Himmel ist dieser Tod der anderen, deren Lebensschicksale und Geschichten wir kaum kennen. Ihr Tod belegt diffus die Seele, diffus deshalb, weil es der Tod unfassbar vieler ist, die uns aber nicht in einer Weise nah sind, wie sie Mascha Kaléko in ihrem Gedicht Memento beschreibt. Diesen in anderer Form nahgehenden Tod der anderen fasst Kaléko in seiner ganz eigenen Brutalität in eine Frage: "Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?" Und sie entfaltet die Bleichgewichte dieses Todes dieser anderen phänomenologisch: "Allein im Nebel tast ich todentlang / Und laß mich willig in das Dunkel treiben. / Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben", um dann am Ende des Gedichtes zu appellieren: "Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, / Doch mit dem Tod der andern muß man leben."

Noch einmal: Die Passions- und Fastenzeit - eine Zeit der Einkehr in die Frage auch, wie mit dem Tod der anderen, der ganz nahen, und der allzu vielen fernen anderen zu leben ist. Wie kommt es vor Gott nicht nur soteriologisch-gedanklich, sondern auch mit Herz und Seele zu einer Annäherung an einen Tod des Todes all der anderen?

"Der Tod ist müde geworden"

Es war Eduard Reinacher, den Paul Hindemith 1921 in Stuttgart kennenlernte. Mit dessen Gedichten fremdelte er zunächst, weil sie ihm als musikalisch übervolle lyrische Kompositionen keine "ausgesparten" und "lockeren" Stellen freiließen, in die sich seine Musik als Lied einfinden könne. Aber dann kam ihm die Idee, drei Gedichte aus Reinachers Zyklus Todes Tanz aufzugreifen und in einer Art Austausch und Wechsel zwischen instrumentalen Passagen mit zwei Bratschen und zwei Celli einerseits und dem gesanglichen Vortrag der Gedichte andererseits den Raum für ein meditatives Lamento auf den Tod und das Leben zu eröffnen.

So entstand sein Opus 23a, das auf den auch theologisch bemerkenswerten Titel Des Todes Tod hört. Dieser Titel ist zugleich der des dritten vertonten Gedichtes. Wer hineinhört, bekommt es mit einer natur-floralen melancholischen Todesbewältigung zu tun: "Der Tod ist müde geworden,/ Er strecket sich zur Ruh/In einem Sommergarten,/Die Blumen wachsen ob ihm zu" exponiert das Gedicht, um in einer morbiden Gefühlsambivalenz auszuklingen:

"Der Tod wird lauter Leben,
Er steigt erneut empor,
Ein Knabe, blumenumgeben
Aus den roten Asterblättern vor.
Er geht und leuchtet schön.
Alle Menschen sind gestorben.
Sein Haar fliegt goldig schön im Föhn!"

Der neu auferstandene Tod, ein hinreißender Knabe mit goldenem Haar über den Totengebeinen aller(!) Menschen. In diesem musikalischen Wechsel und Tausch ist der transformierte Tod selbst der Todesüberwältiger.

Die lange Geschichte der mors mortis

Auf ein weiteres Mal: Wie kann die Passions- und Fastenzeit - eine Zeit der Einkehr in die Frage werden, wie mit dem Tod der anderen, der ganz nahen, und der allzu vielen fernen anderen zu leben ist? Durch den Tod des Todes, wie Martin Luther in einer metaphorisch reichlich raubeinigen Liedstrophe einprägte: "Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß. Ein Spott aus dem Tod ist worden."

Es ist allerdings mitnichten so, dass, wie Gerhard Ebeling einst vermutete, die Genetivwendung mors mortis auf Martin Luther zurückgeht. Sie hat eine deutlich längere Vorgeschichte, die ins 11. und 12. Jahrhundert hineinführt. Aelred von Riveaux exponiert in einer Predigt, im Kreuz Christi liege der Tod und das Leben. Dort kumulierten der Tod des Todes und das Leben des Lebens. Bereits im 9. Jahrhundert hatte Johannes Scotus Eriugena konturiert, Jesus Christis sei der Tod des ewigen Todes. Deshalb sei das ewige Leben der Tod des ewigen Lebens. Das fasst, so pointiert es formuliert ist, noch nicht ganz so prägnant die Pointe, dass der Tod Christi selbst der Tod des (ewigen) Todes ist.

Hat je jemand diese zu Herzen gehenden Denkbilder in ein Bild fassen können? In ein Gemälde, das den in Christi Tod überwundenen Tod der anderen, aber auch meinen überwundenen Tod zur Darstellung bringt?

Diese Figur vom Tod des Todes findet dann bei Anselm von Canterbury und ziemlich genau 100 Jahre danach bei seinem Nachfolger auf dem Erzbischofsstuhl, Balduin von Canterbury, eine eindringliche Fassung. Balduin meditiert einen Stellentausch als Austausch der Liebe (vicissitudo amoris), in der die Liebe Christ zu uns in unvergleichlicher Weise die Liebe zu ihm übertreffe und den Tod abwende. Petrus von Celle kann in ähnlichem Zusammenhang von einer admiranda vicissitudo, einem staunenswerten Tausch sprechen. Anselm von Cantebury freut sich an der unfassbaren Würdigung (inaestimablisis dignatio), der seligen Beherbergung (beata mansio) und eben dem herrlichen Austausch (gloriosa vicissitudo), in der der Schöpfer in Christus im Geschöpf Wohnung nehme und dies so, dass es zu einem fröhlichen Austausch (felix vicissitudo) komme.

Fröhlich, erstaunlich, herrlich, beglückend und unfassbar

Es ist dann der englische Schüler und Freund des Bernhard von Clairvaux, nämlich Gilbert von Hoyland, der diese Überwindung des Todes auf die Wendung eines admirabile commercium bringt. Fröhlich, erstaunlich, herrlich, beglückend und unfassbar. Mit diesen geradezu weihnachtlich alle melancholische Diffusion überwindenden Prädikaten wird die Liebe Christi ausgezeichnet, die durch den wundersamen Stellentausch des Todes Christi am Kreuz unseren Tod und eben den Tod der anderen überwindet.

Hat je jemand diese zu Herzen gehenden Denkbilder in ein Bild fassen können? In ein Gemälde, das den in Christi Tod überwundenen Tod der anderen, aber auch meinen überwundenen Tod zur Darstellung bringt?

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