Der heute zu betrachtende Ps 75 gehört zu den zwölf Asaf-Psalmen (Pss 50 und 73-83). Wie die Pss 57-59 trägt auch Ps 75 in der Überschrift "vernichte nicht" – eine Anspielung an 1 Sam 26,9, wo David zu Abischai sagt: "Vernichte ihn (den mir feindlichen König Saul) nicht!" David will sein Recht nicht selbst in die Hand nehmen, sondern Gott überlassen. Darum geht es auch hier: Gott wird richten!
1 Für den Musikmeister: Verdirb nicht! Ein Instrumentallied, von Asaf ein Gesang.
Ps 75 führt den Vorgängerpsalm 74 weiter: Dort hatte Israel geklagt über die Entweihung des Tempels. Der Feind hat alle Orte, an denen Israel Gott begegnen konnte, geschändet und Israel weiß nicht weiter. Ps 74 beklagte mehrfach, dass Gottes Name geschmäht worden sei durch die Schändung des Tempels als der Stätte, da sein "Name", d.h. er persönlich, wohnt (Dtn 12,5.11). Damals, sagt der Psalmist in 75,2, war "dein Name" uns immer noch nahe. Das ist unsicher geworden. "Dein Name" verkettet die beiden Psalmen (Ps 74,7.10.18.21; 75,2). Auch "Gott Jakobs" in 75,10 und 76,7 verbindet die beiden – ein Ausdruck, der seit Ps 46 nicht mehr vorgekommen war.
2 Wir dankten dir, Gott, wir dankten, aber nahe war dein Name: Man erzählte deine Wunder.
"Ich habe festgemacht ihre Säulen"
Israel hat, als es ihm noch besser ging, Gott immer dafür gedankt und seine Wundertaten rühmend erzählt. Die Vergangenheitsform "wir dankten dir" zeigt an, dass es in der Gegenwart schwierig geworden ist, Gott zu danken, denn die Dinge laufen nicht gut. Ehe noch der Beter, der für ganz Israel im Wir spricht, weiterreden kann im Sinne von: Wie lange soll das noch dauern? Übernimmt Gott selber in den V. 3-4 das Wort. Der Satz des Beters "wir dankten dir" hätte eigentlich mit "denn" weitergehen müssen: Wir dankten dir, denn du hast das und das getan. Nun übernimmt Gott selber dieses begründende "denn" im Sinne von: Ihr werdet mir auch weiterhin danken, denn ich werde handeln!
3 "Denn ich werde einen Termin wählen, ich werde in Geradheit richten.
4 Mögen dahinschmelzen die Erde und all ihre Bewohner, ich habe festgemacht ihre Säulen." Sela.
Gott verspricht, er werde das Gericht an den Feinden aus Ps 74 in die Hand nehmen, allerdings zu einem Zeitpunkt, den er bestimmt. Als Schöpfer, der die Welt ins Dasein rief und seither auch ihre Stabilität garantiert, kann und will er auch jetzt die Ordnung, die der Feind mit dem von ihm angerichteten Chaos gestört hat, wiederherstellen. In den V. 5-10/11 übernimmt wieder der Dichter. Er nimmt in V. 8 und 10 die Gottesworte "Ich werde richten … die Erde" aus V. 3-4 auf. Er rahmt seine Rede mit dem Ausdruck "Horn erhöhen" in V. 5-6 und 11.
5 Ich sagte zu den Verblendeten: Seid nicht verblendet! Und zu den Frevlern: Erhöht nicht das Horn!
6 Erhöht nicht in die Höhe euer Horn! Redet (nicht) mit (hochgestrecktem) Hals Arrogantes!
7 Denn nicht vom Osten noch vom Westen und nicht aus der Wüste ist Erhöhung.
8 Denn Gott ist Richter. Den (einen) wird er erniedrigen und den (andern) wird er erhöhen.
9 Denn ein Becher ist in der Hand JHWHs, und mit Wein schäumte er, mit Mischwein, und er hat ausgeschenkt davon. Ja, seinen Bodensatz müssen schlürfen, müssen trinken alle Frevler der Erde.
10 Ich aber will künden in Ewigkeit, will spielen dem Gott Jakobs.
11 Aber alle Hörner der Frevler will ich abschlagen. Erhöht werden die Hörner des Gerechten.
"Gott ist Richter!"
Der Beter mahnt die bisher siegreichen Feinde, sie sollten nicht so verblendet sein zu glauben, Gott bleibe untätig. "Das Horn erhöhen" ist in der Bibel ein Ausdruck für Machtausübung (1 Sam 2,1.10; 1 Chr 25,5; Ps 89,18.25; 92,11; 112,9; 148,14; Klgl 2,17; Lk 1,69). Wenn ein Stier seinen Kopf senkt, um im Angriff die Hörner hochzunehmen, ist er fast unbesiegbar in seiner Kraft. Der Beter warnt die siegestrunkenen Feinde, sich zu überheben, in ihrer Verblendung zu glauben, sie könnten es mit Gott aufnehmen. Der Beter und mit ihm ganz Israel weiß: Überlegenheit kommt nicht aus Menschenkraft. Früher mussten die Propheten Könige und Volk Judas oft mahnen, nicht auf Weltmächte, wie etwa Ägypten im Süden, zu setzen, um Hilfe zu erlangen (Jes 31,1).
Der Beter weiß: Weder "vom Osten noch vom Westen und nicht aus der Wüste", von keiner nur denkbaren Weltmacht kommt Israels Überlegenheit. V. 7 ist ein sogenannter Anakoluth, ein angefangener Satz, dem die Fortsetzung fehlt. Sie hätte gelautet: "(Nicht vom Osten noch vom Westen) …. kommt unsere Hilfe". Der Beter macht den verneinten Satz nicht zu Ende, sondern setzt sofort das positive Bekenntnis: "Gott ist Richter!" (V. 8). Der Dichter spannt die beiden Verse 7 und 8 auch dadurch zusammen, dass er im Hebräischen einen Reim macht: harim – jarim ("Erhöhung", "erhöhen"), wobei das Wort harim auch nach dem gleichlautenden hebräischen Wort für "Berge" klingt. Schon mit der Warnung vor der arroganten "Erhöhung des Horns", d.h. Machtausübung, hat der Psalmist auf Hannas Lied in 1 Sam 2,1.10 zurückgegriffen.
Der Wein gärt noch, Gottes Zorn schäumt noch
Auch die Warnung vor arrogantem Reden in V. 6 klingt an Hannas Lied in 1 Sam 2,3 an. Die kinderlose Hanna war in 2 Sam 1 ständig von ihrer Rivalin Peninna gedemütigt worden. Aber Gott nahm sich Hannas an und schenkte ihr einen Sohn, den Richter und Propheten Samuel. Daraufhin singt Hanna ihr Siegeslied in 1 Sam 2, dem Maria in Lk 1,46-55 einst ihr Magnifikat nachbilden wird. Wie Hanna in 1 Sam 2,7 sagt auch der Psalmist in V. 8: Allein Gott erniedrigt und er erhöht. Das gilt für Individuen und für Weltreiche: Sie steigen auf – manchmal über Nacht – können aber ebenso über Nacht auch stürzen. Der Beter kommt dann auf das Bild vom Gerichtsbecher zu sprechen, das die Propheten Israels oft gebrauchten: Jes 51,17.22; Jer 25,15,17,28; 49,12; Ez 23,31-33. Der Wein gärt noch, Gottes Zorn schäumt noch. Der Becher mit Wein ist schon "gemischt", d.h. nach damaligem Brauch mit Wasser verdünnt und trinkfertig gemacht. Bis auf den Grund, bis zum Bodensatz hinunter müssen die Feinde ihn trinken.
Die bislang überlegenen Feinde (Ps 74) sollten sich nicht zu siegessicher fühlen. Gottes Gericht wird, wie er selbst sagt (V. 3-4) noch kommen. Der Zornbecher ist angerichtet. Nach dieser Gerichtsansage an die Feinde kehrt der Beter zu sich selbst zurück: Nicht nur früher hat man Gott gedankt für seine Wundertaten (V. 2), nein, auch in Zukunft wird es Grund geben, Gottes große Taten zu "künden" und "dem Gott Jakobs zu spielen", denn er wird sich wieder als Israels (= Jakobs) Gott erweisen.
Bald wird der Beter Gottes Macht besingen können
Dreimal hat der Dichter in diesem Psalm von "Gott" gesprochen: in V. 5 und 8 und nun in V. 10. Dieses Mal aber nennt er ihn Jakobs Gott, den also, der sich für Israel zuständig weiß. In V. 9 hatte er ihn zusätzlich mit seinem Eigennamen "JHWH" bezeichnet, dem Namen, den Gott in Ex 3,14 genannt hatte, als er im Begriff war, Israel zu befreien und dem Pharao seinen Zornbecher zu reichen, dem Namen, der nach Ps 74,7.10.18 von den Feinden in der Schändung des Heiligtums, wo Gottes Namen wohnte, gelästert worden war. Dieser JHWH hat nun den Zornbecher in die Hand genommen, so dass der Beter bald Gottes Macht wird besingen können.
Schwer zu sagen ist, wer in V. 11 spricht. Das "Ich" läuft einfach weiter, so scheint also noch der Beter zu sprechen. Andererseits ist das Abschlagen der hochgereckten Hörner der Feinde natürlich Gottes Werk. Zenger (Psalmen II, HTHKAT; 380) sieht hier eine nicht eingeführte Gottesrede wie in V. 4-5. Delitzsch, Psalmen 508, dagegen meint, der Beter rede noch: "In der Gewissheit … [von] Gottes Kraft, die schon jetzt in dem Schwachen mächtig ist, misst er v. 11 sich bei, was er v. 8 als Gottes Selbstwerk ausspricht." D. h. vom Vertrauen auf Gottes Beistand beflügelt, weiß der Beter und mit ihm Gottes ganzes Volk "sie werden durch Gott siegen" (Zenger ebd.). Nachdem in V. 5, 9 und 11 bisher nur "Frevler" vorgekommen waren, ist das letzte Wort des Psalms dann doch der "Gerechte".