Der heute zu betrachtende Psalm 74 gehört zu den zwölf Asafpsalmen (Pss 50, 73-83), die den zweiten Davidpsalter (Ps 51-72) rahmen. Er ist als "Maskil" überschrieben, wie zuletzt Ps 52, 53, 54 und 55 (siehe dort). Ps 73 hatte die Krise eines Individuums betrachtet, die im Tempel ihre Lösung fand. Ps 74 betet wegen einer Krise, in die das Volk wegen der Schändung des Tempels gerät. Mit dem Vorgängerpsalm 73 ist er dadurch verbunden, dass das Stichwort "Trümmer" (maschu’ot) überhaupt nur in Ps 73,18 und 74,3 in der Bibel vorkommt.
1 Ein Maskil von Asaf.
Thema des Psalms ist die Zerstörung und Schändung des Tempels von Jerusalem, des Ortes also, von dem König Salomo gesagt hatte, er sei Gottes Wohnstätte "für Ewigkeiten" (1 Kön 8,13). Ja nach Ps 132,13-14 hatte Gott selbst versprochen:
13 Denn der HERR hat den Zion erwählt, ihn begehrt zu seinem Wohnsitz:
14 Das ist für immer der Ort meiner Ruhe, hier will ich wohnen.
"Mach ein Ende!"
Dieser Tempel ist nun offenbar wenigstens teilweise "in Trümmern". Den Rahmen um die erste Strophe bildet die bohrende Frage "Warum?" in V. 1 und 11. Warum bist du damals zornig geworden (V. 1)? Warum hält das an bis jetzt (V. 11)?
Warum, Gott, bist du erzürnt auf Dauer, raucht dein Zorn gegen die Schafe deiner Weide?
2 Gedenke deiner Gemeinde, die du erworben hast vorzeiten, ausgelöst als Stamm deines Erbes, des Bergs Zion, auf dem du Wohnung genommen!
3 Erheb deine Schritte zu den Trümmern, die andauern! Alles hat übel zugerichtet der Feind im Heiligtum!
4 Gebrüllt haben deine Bedränger inmitten deiner Versammlungsstätte, sie setzten ihre Zeichen als Zeichen.
5 Er gab sich zu erkennen, wie einer, der nach oben bringt ins Holzdickicht Äxte –
6 nun aber seine Schnitzereien gesamt mit Beil und Brechstangen konnten sie zerschlagen!
7 Sie steckten in Feuer dein Heiligtum. Zum Geländeboden entweihten sie die Wohnung deines Namens.
8 Sie sagten in ihrem Herzen: "Wir wollen ihnen Gewalt antun insgesamt!" Sie verbrannten alle Versammlungsstätten der Gottheit im Land.
9 Zeichen für uns sehen wir nicht, es ist kein Prophet mehr da, und es keiner bei uns, der erkennen könnte, bis wohin.
10 Bis wann, Gott, darf schmähen der Bedränger, darf lästern der Feind deinen Namen auf Dauer?
11 Warum hältst du zurückgezogen deine Hand? Und deine Rechte – heraus aus der Mitte deines Gewandbauschs! Mach ein Ende!
Diese erste Strophe ist bestimmt von einer doppelten Struktur: Einerseits ist sie von einer Palindromie ("Rücklauf: ABC-C'B'A') durchzogen:
Warum – Dauer (2x, V. 1, 3) – Feind (V. 3) – Bedränger (V. 4) – kennen (V. 5)
kennen (V. 9) – Bedränger – Feind (V. 9) – Dauer (V. 10) – Warum (V. 11)
Warum dürfen unsere Feinde und Bedränger uns dauerhaft quälen, so dass wir sie zwar zur "Kenntnis" nehmen müssen, ohne einen Ausweg zu "erkennen"?
Zugleich ist die Strophe auch von einer parallelen Stichwörterreihe durchzogen (ABC-A’B’C‘):
V. 3-4: Heiligtum – Versammlungsstätte – Zeichen (2x)
V. 7-11: Heiligtum – Versammlungsstätten – Zeichen.
Tempel und Gebetsstätten Israels sind entweiht und beschädigt, ein Zeichen der Überlegenheit für Gottes und Israels Feinde – während Israel ohne Zeichen von Gott bleibt.
"Er bewirkt Rettungen inmitten der Erde"
Die erste Strophe klagt über die Verheerungen im Tempel von Jerusalem und überhaupt in Juda. Mit dem doppelten "Warum" am Anfang und Ende (V. 1, 11) wird die Klage zur Anklage Gottes: Wie konntest du das zulassen? "Gott" rahmt die Strophe in V. 1 und 10: "Warum, Gott, bist du erzürnt auf Dauer" beklagt nicht so sehr Gottes (damaligen) Zorn, sondern, dass er nicht enden will. "Bis wann, Gott?" nimmt am Ende eben das auf. "Dein Name" bildet einen inneren Rahmen in V. 7 und 10, denn im Tempel von Jerusalem war Gott selbst präsent, indem er hier "seinen Namen" wohnen ließ, d.h. seine eigene Person: Der Jerusalemer Tempel ist "die Stätte, die der HERR, euer Gott, erwählen wird, indem er dort seinen Namen wohnen lässt" (Dtn 12,11; 14,23; 16,2.6.11; 26,2). In der Mitte dieser fünf Gottesnennungen steht in V. 8 "El" ("Gottheit"): Die Feinde haben alles, wo man dem Göttlichen begegnen konnte, zerstört.
Die ersten drei Verse fragen, warum Gottes Zorn nicht verrauchen will. Die Erwählung ist doch viel älter als eventuelle Verfehlungen Israels! "Erworben" und "ausgelöst" hatte er sein Volk aus Ägypten (Ex 12-15). Der Tempelberg "Zion" wird erwähnt als Ort, da Gott "Wohnung" nahm, um bei seinem Volk zu sein. "Die Schafe deiner Weide" als Name für Israel kommen auch im Asafpsalm 79,13 vor. V. 3 fleht Gott an, zu den Trümmern zu eilen, die aussehen, als sollen sie "auf Dauer" bleiben. V. 4 leitet damit zur Schilderung der Katastrophe über. Die V. 4-8 schildern, wie der Feind in Jerusalem gewütet hat. Brutal zerstörten sie das Heiligtum, schändeten es, indem sie betraten, was Heiden nicht betreten durften, ja gar heidnische Symbole aufstellten (1 Makk 1,45-49; 2 Makk 8,1-4), und nicht nur den Tempel in Jerusalem schändeten sie in Grund und Boden (V.7), alle Versammlungsstätten zum Gebet, wohl Synagogen, steckten sie an (V. 8).
Mit all dem, sagt der Beter, wollen sie letztlich dich, Gott, schänden (V. 10). Die Israeliten sind ratlos, was sie tun sollen, göttliche Zeichen und Propheten, die Ansagen machen könnten, fehlen (vgl. 1 Makk 4,46). Bei alledem gibt der israelitische Beter keine Erklärung ab, oder gar ein Schuldbekenntnis. "Nach Psalm 74 muss nicht das Volk umkehren, sondern Gott" (Vette in Oeming/Vette, Psalmen II 186). Das war nicht die Lage bei der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier 586 v. Chr., sondern bei der Tempelschändung durch Antiochus IV 168 v. Chr. (1 Makk 1,20-28). Auf dieses Ereignis bezogen in der Antike schon Theodor v. Mopsuestia den Psalm, später Calvin, Wellhausen, Delitzsch und Mowinckel. Dafür spricht auch die Rede von mehreren "Versammlungsstätten", d.h. wohl Synagogen, in V. 8. Energisch schließt der Beter in V. 11 die erste Strophe mit der Aufforderung an Gott, dem Elend ein Ende zu machen, seine untätige Hand endlich aus der "Hosentasche" zu nehmen (dem antiken Gewandbausch, einer "Brusttasche").
Die zweite Strophe beginnt wieder mit dem Wort "Gott" und bekennt sich zu Gott als dem trotz allem allmächtigen Schöpfer und König, d.h. Herrscher über die Schöpfung.
12 Gott aber ist mein König seit Vorzeiten. Er bewirkt Rettungen inmitten der Erde.
13 Du – aufgewühlt hast du in deiner Macht das Meer, zerbrochen die Köpfe der Drachen über dem Wasser.
14 Du – zerschmettert hast du die Köpfe des Leviatan, gegeben ihn zum Fraß einem Volk: den Wüstentieren.
15 Du – gespalten hast du Quell und Bachtal, Du – ausgetrocknet hast du immerfließende Ströme.
16 Dein ist der Tag, dein auch die Nacht. Du – festgesetzt hast du Leuchte und Sonne.
17 Du – errichtet hast du alle Grenzen der Erde. Sommer und Winter, du hast sie gebildet.
"Erheb dich, Gott, streite deinen Streit"
Die zweite Strophe ist gerahmt von dem Wort "Erde" in V. 12 und 17. Deren Schöpfer ist doch Gott! Dann ist die Strophe durchzogen von dem sechsfachen betonten Pronomen "du" – du, Gott, und kein anderer! Der Gott, der am Anfang gegen die Chaosmächte (philosophisch: das nichtende Nichts), den geordneten Kosmos erschaffen (Ps 104,5-10) und ihn seither gegen die immer wieder andrängenden destruktiven Kräfte verteidigt hat, bleibt König der Schöpfung und vor allem Israels. Insbesondere den vielköpfigen mythischen Meeresdrachen "Leviatan" (Jes 27,1) hat er besiegt und den Landtieren zum Fraß vorgeworfen (vgl. Ez 29,4). "Tag und Nacht (V. 16), "Sommer und Winter" (V. 17) – Gott hat die Ordnung immer aufrechterhalten (Gen 8,22). Das hat er durch Israels Rettung aus Ägypten mitten auf der Erde bewiesen.
Die dritte Strophe knüpft in V. 18 an die Lästerung des göttlichen Namens von V. 10 an. Sie ist geprägt von der parallelen Stichwortreihe "gedenke! – schmähen – Narr – vergiss nicht!" in V. 18-19 und erneut in 22-23. Dabei ist das einleitende "gedenke!" inhaltlich dasselbe wie das je abschließende "vergiss nicht!". Neben der parallelen Reihe bestimmt der Chiasmus
"Jhwh – dein Name – dein Name – Gott"
in V. 18 und 21f die Schluss-Strophe. Der Chiasmus ist genaugenommen keiner, weil "JHWH" und "Gott" zwei verschiedene Gottesbezeichnungen sind, aber der Quasi-Chiasmus macht das Erscheinen des Namens JHWH nur umso auffälliger: Der Name "JHWH" in V. 18 fasst "deinen Namen" in V. 18 und 21 und "Gott" in V. 22 zusammen. Imperative und verneinte Jussive (Vetitive) bestimmen zudem diese Strophe: es eine Strophe voller Bitten.
18 Gedenke dessen: Der Feind hat geschmäht JHWH und ein Narrenvolk hat gelästert deinen Namen!
19 Gib nicht dem gierigen Getier deine Turteltaube, das Leben deiner Elenden vergiss nicht auf Dauer!
20 Blicke auf den Bund, denn voll sind die dunklen Winkel des Landes von Gewaltwohnstätten!
21 Dass nicht zurückweichen muss der Bedrückte beschämt! Der Elende und Arme sollen deinen Namen loben können!
22 Erheb dich, Gott, streite deinen Streit, gedenke der Schmähung gegen dich seitens des Narren den ganzen Tag!
23 Vergiss nicht die Stimme deiner Bedränger, der Lärm derer, die sich gegen dich erheben steigt auf ständig.
Lob statt Lästerung
Die den Tempel schändeten und Israel ("Turteltaube") unterdrücken, sind ein "Narrenvolk" (vgl. Ps 14,1; 53,2), das praktisch Gott leugnet. Sie glauben, der Gott Israels kümmere sich nicht um sein Volk. Gott soll sich der "Elenden" (V. 19, 21) annehmen, damit sie ihn wieder loben können, soll sich "erheben" gegen die, die sich gegen ihn "erheben" (V. 22-23). Der Beter fordert Gott auf, auf seine alte Bundesverpflichtung zu blicken.
Hatte schon V. 17 an Noach erinnert (Gen 8,22), tut V. 20 mit "Bund" und "Gewalt" es erneut (Gen 6,11.13; 6,18; 9,9-17). Wie damals das Chaos durch die Sintflut in die Schöpfung einbrach, so jetzt durch die Gewalt der Feinde. Der feindlichen Lästerung des Namens (V. 18) soll endlich wieder Lob dieses Namens entgegengestellt werden (V. 21), statt des ständig aufsteigenden Lärms ('oläh tamid) der Gottesfeinde soll wieder das ständige Ganzbrandopfer aufsteigen ('olah tamid; vgl. Num 28,3).