Psalm 73 - "Die dir fern sind, müssen verderben"Der Psalter als Buch des Messias

Der Beter von Ps 73 lebt in schweren Zeiten: Arrogante, großsprecherische Angeber eilen von Erfolg zu Erfolg. Alles scheint ihnen zu gelingen, niemand sie aufhalten zu können. Ihre Verachtung für alles, was anständig ist, tragen sie offen zur Schau. Der Beter wird irre an Gott, der nichts zu tun scheint, und findet durch die Krise hindurch zu einer Erkenntnis.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Ps 73 gehört zu den zwölf (!) Asaf-Psalmen (Ps 73–83 und Ps 50 – siehe dort zu "Asaf").

1 Ein Instrumentallied von Asaph.

Der Beter ist fassungslos angesichts dessen, was er sehen muss: Unverschämte und arrogante Gewalttäter, die sich ihrer Schamlosigkeit öffentlich brüsten, haben damit nicht nur ständig Erfolg, sondern gewinnen auch eine stets wachsende Anhängerschaft, einen Pöbel, ebenso primitiv wie sie selbst. Der Beter gerät in eine schwere Krise. Er verliert den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes, ja an Gottes Willen und Fähigkeit, etwas zu tun. Seine Krise durchläuft drei Phasen, die der Text auch deutlich markiert: Jede beginnt mit dem Wort "nur" (V. 1, 13, 18) und läuft auf ein "da" zu (V. 12, 15, 27).

Nennungen Gottes rahmen die erste Strophe (V. 1, 11) und die dritte (V. 20, 26, 28). Die zweite Strophe läuft auf die "Gottheit" zu (V. 17). In den ersten beiden Strophen sinnt er mehr über Gott nach in der 3. Person. In der letzten Strophe redet er Gott im Du an und kommt ihm so näher:

Nur gut zu Israel ist Gott, zu Reinen im Herzen.
2 Ich aber – beinahe entglitten meine Füße, fast ergossen sich meine Schritte.
3 Denn eifersüchtig war ich auf die Prahler; musste ich doch das Wohlergehen von Frevlern ansehen.
4 Denn sie haben keine Beklemmungen, vollendet und fett ist ihr Wanst.
5 In der Mühsal eines Mannes sind sie nicht, und mit dem Menschen müssen sie sich nicht plagen lassen.
6 Darum wurde Hochmut ihr Halsschmuck, kann als Anzug Gewalt sie umhüllen.
7 Herauskam aus dem Fett ihr Auge, herüberkamen die Fiktionen des Herzens.
8 Sie können höhnen und reden in Bosheit Bedrückung, (ständig) von oben herab reden.
9 Sie setzten an den Himmel ihren Mund, und ihre Zunge kann sich auf der Erde ergehen.
10 Darum bringt er seinen Pöbel dahin, und Wasser in Fülle schlürfen sie sich ein.
11 Und dürfen sagen: "Wie sollte wissen eine Gottheit, und gibt es Wissen beim Höchsten?"
12 Da, das sind sie, Frevler, ewig zufrieden, sie haben die Macht erlangt.

Der Psalm ist gerahmt durch das Wort "gut" in V. 1 und 28. "Nur gut zu Israel ist Gott" ist der Bekenntnissatz, den er gelernt hat, an dem er aber irre wird angesichts der Realitäten. Seine schlussendliche Einsicht wird sein: "Mein Gut ist meine Gottesnähe" und so findet er zum alten Glauben zurück: "Nur gut ist Gott zu Israel".

"Mühselig war's in meinen Augen"

Die Erwartung des Beters war, dass Gott zu seinem Erwählungsvolk Israel gut sei und insbesondere zu denen, die selber gut handeln und denken. Die Erwähnung "Israels" will den Psalm v.a. ans Ende von Ps 72 anknüpfen lassen, wo "Israel" in V. 18 erwähnt wird. In V. 2 bekennt der Beter (vor sich selbst, vor Gott und den Menschen), dass sein Glaube mächtig ins Schleudern kam. Er wollte glauben, dass Gott dafür sorgt, dass es den Guten gut geht, den Schlechten aber kein Erfolg beschieden ist. Was er sah, war das Gegenteil – und es machte ihn rasend: Die, die sich an keinerlei Regeln halten, kommen nicht nur durch damit, nein, sie haben Erfolg und prahlen damit (V. 3)! Sollte ich das nicht genauso machen, fragt sich der Beter neidisch? Sie kommen in keine Schwierigkeiten, werden reich und fett (V. 4).

Sie müssen sich nicht anstrengen und abplagen wie die Normalsterblichen (V. 5). Und so werden sie immer nur noch arroganter und gewalttätiger, tragen den Kopf hoch und tragen Gewalt und Drohungen wie ein Gewand immer bei sich – als ihre selbstgewählte soziale Rolle (V. 6). Vom Äußeren geht es nun ins Innere: Ihre kleinen Schweinsaugen glotzen aus ihrem Fettgesicht heraus, sie faseln von ihren kranken Fantasien und sprudeln sie offen heraus (V. 7). Anstand ist ihnen fremd, ihre Rede ist höhnisch, verletzend und gewalttätig, sie selbst ungeheuer eingebildet (V. 8). Nicht einmal vor dem Heiligen im Himmel machen sie Halt, und auf Erden prahlen sie schrankenlos. Der ganze Raum ist von ihrem Terror erfüllt (V. 9; Zenger-Hossfeld, Psalmen II 341).

Besonders verstörend ist, dass sie damit nicht nur anecken – nein! Ein Pöbel von wachsender Anhängerschaft applaudiert ihnen noch, stimmt ihnen zu und übernimmt ihre schrägen Thesen. Als wär’s ein erfrischendes Getränk schlürfen sie das Gefasel in sich ein (V. 10). Der Beter wird in V. 15 selbst versucht sein, es ihnen gleich zu tun. Die Prahler sagen offen, Gott bemerke ihre Gottlosigkeit nicht, ja eigentlich bekomme Gott sowieso nichts mit (V. 11). Selbstzufrieden reden sie sich alles schön. Und damit sind sie an die Macht gekommen!

Nach dieser verzweifelten und fassungslosen Darstellung der Realität, die ihn umgibt, setzt der Beter mit einem neuerlichen "nur" zur zweiten Strophe an. Sein bisheriger Glaube schien völlig falsch gelegen zu haben.

13 Nur vergeblich habe ich rein gehalten mein Herz und wusch in Lauterkeit meine Hände.
14 Und war geplagt den ganzen Tag und ward gezüchtigt morgendlich.
15 Hätte ich gesagt: Ich will erzählen ebenso – da, das Geschlecht deiner Kinder hätte ich verraten.
16 Als ich nachdachte, um das zu wissen, mühselig war's in meinen Augen!
17 Bis ich eintrat in die Heiligtümer der Gottheit, Einsicht gewann in ihre Zukunft.

"Die Nähe Gottes ist mein Gut"

Der Beter hatte zu den Anständigen gehört, von denen er in V. 1 gesprochen hatte. Herz und Hand, d.h. Denken und Tun waren bei ihm ehrlich und aufrichtig gewesen. Jetzt aber bezweifelt er, ob er damit nicht einfach ein Idiot war, denn die anderen haben es weiter gebracht als er mit ihrer Unverschämtheit. Anstand zahlt sich nicht aus, war seine Befürchtung. Er stürzte in die Krise. Sie quälte ihn jeden Morgen neu und trieb ihn den Rest des Tages in die Verzweiflung (V. 14). Die Versuchung, genauso daherzureden wie diese Schwätzer, bedrängte ihn sehr, aber dann wäre er dem Erwählungsvolk (vgl. Ex 4,22) und den Herzensreinen (V. 1) untreu geworden, letztlich sich selbst (V. 15).

Er grübelte, um den Widersinn zu verstehen, sah aber nicht, wie das gehen soll (V. 16). Bis er von sich weg auf Gott blickte, in die Räume des Heiligtums, des Tempels eintrat, um von Gott die Lösung des Rätsels zu erwarten. Manche Ausleger denken bei den "Heiligtümern" nicht an das konkrete Tempelgebäude, sondern an das Eintreten in eine mystische Erfahrung. Das schließt sich nicht aus. Paulus selbst geriet im Tempel von Jerusalem einst in Ekstase (Apg 22,17). Jedenfalls kommt unser Beter durch eine Gottesbegegnung zu einer Einsicht.

18 Nur: auf Glitschiges wolltest du sie setzen, ließest sie einfallen zu Trümmern.
19 Wie wurden sie zum Erschauern im Nu, verschwanden, verendeten vor Schreck!
20 Wie einen Traum nach dem Erwachen, mein Herr, wirst du verachten, wenn du dich regst, ihr (Trug)Bild.
21 Wenn sauer werden sollte mein Herz und in meinen Nieren ich mich stechen ließe,
22 da wäre ich dumm und wüsste nichts, ein (Rind)Vieh wäre ich bei dir.
23 Ich aber bin immer bei dir, du hast mich gefasst an meiner rechten Hand.
24 In deinem Rat wirst du mich leiten und danach mit Herrlichkeit wegnehmen.
25 Wen habe ich im Himmel? Solange ich nur bei dir bin, habe ich kein Gefallen an der Erde.
26 Verendete mein Fleisch und mein Herz, der Fels meines Herzens und mein Anteil ist Gott in Ewigkeit.
27 Denn da, die dir fern sind, müssen verderben, du vernichtest jeden, der weghurt von dir.
28 Ich aber – die Nähe Gottes ist mein Gut, ich setzte auf meinen Herrn, JHWH, meine Zuflucht, zu erzählen all deine Fügungen.

Drei Erkenntnisse gewinnt der Beter:

1. Ihm geht auf, wie brüchig die Luftschlösser der arroganten Schwätzer sind. Wie oft schon sah man gierige Geschäftsleute, Politiker, Privatpersonen sich versteigen und dann in plötzlichem Absturz enden (V. 18-19)! Es waren Konstrukte, auf die sie bauten, die auf Dauer aber mit der Realität zusammenstießen. Wie ein Traum, eine trügerische Fantasie beim Erwachen der Wirklichkeit weichen muss, so wird die ganze Verächtlichkeit ihres lächerlichen Selbstbildes offenbar, wenn Gott sich bemerkbar macht (V. 20).

2. Der Beter versteht auch sich selbst nun besser: Er braucht sich nicht aufzuregen oder in Neid verzehren, wenn er die Erfolge solcher Leute sieht. Weder im Bewusstsein ("Herz") noch im Unterbewusstsein ("Nieren") sollte es ihn schmerzen (V. 21), weil es von Dummheit zeugen würde. Er wäre ein genauso niveauloses Rindvieh wie die, über die er sich aufregt, wenn er auch nur eine Zeitlang wie sie glauben würde, ihr hohles Getöse könne auf Dauer Erfolg haben und irgendetwas Bleibendes hervorbringen (V. 22).

3. Der Beter begreift, dass wahres Glück die Gemeinschaft mit Gott ist, die Gottesnähe, die er eben durch Gottes Initiative wieder erfahren hat (V. 23-24a). Sie gilt auf Erden, ja wohl auch über den Tod hinaus (V. 24b-25). Der Beter erklärt nicht, was er mit "wegnehmen" meint: das Sterben oder eine "Entrückung" zu Gott (vgl. Gen 5,24). Jedenfalls gibt es weder im Himmel noch auf Erden, also irgendwo im Kosmos etwas, was ihm ohne Gott gefallen könnte. Wie ein Levit, der zwar keinen Landanteil erhält wie die anderen Stämme, dafür aber eine dauernde Nähe zu Gott (Num 18,10; Dtn 10,9), weiß sich unser Beter in einer beglückenden Gottesgemeinschaft, die auch dem Tod standhält.

In V. 12 hatte er noch gesagt: "Da, das sind sie, Frevler, ewig zufrieden, sie haben die Macht erlangt". Nun stellt er dem in V. 27f. entgegen: "Da, die dir fern sind, müssen verderben." Wer Gott untreu wird ("weghurt"), verfällt dem Gericht. Für sich selbst jedenfalls hat der Beter die Sache geklärt: Sein wahres Glück ist die Gottesgemeinschaft, eine Nähe, die er sucht (anders als die "Weghurenden") und nach V. 23f. von Gott geschenkt bekommen hat. Die Häufung der drei Gottesnennungen in V. 28 zeigt, dass Gott ihm jetzt ganz gegenwärtig ist – eine Zuflucht gegen die Gewalttäter und die Verzweiflung der ersten Strophe. Anders als jene (V. 15), will er fortan von Gottes Tun erzählen (V. 28).

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