Der heute zu betrachtende
Psalm 71 hat keine Überschrift, die von
Ps 70 gilt weiter. "Zu meiner Hilfe eile!" hatte Ps 70 in V. 2 begonnen. "Eile zu mir! Meine Hilfe bist du" hatte Ps 70 geendet. Ps 71 knüpft in V. 12 daran an: "zu meiner Hilfe eile!". Der Beter ist alt geworden, seine Kräfte lassen nach (V. 9). Viele, die ihm bisher nicht beikommen konnten, sehen jetzt ihre Chance gekommen, ihn zu erledigen (V. 4 und 10). Wer die Feinde sind, wird nicht deutlich: verfeindete Familienmitglieder? Geschäftspartner? Konkurrenten? König David, der in der Jugend sich gegen Saul wehren musste (1Sam 18-31), hatte im Alter ganz anderen Feinden standzuhalten, selbst aus der eigenen Familie, da sein Sohn Abschalom gegen ihn putscht (
2 Sam 15-19).
Mit zehn Imperativen und Jussiven bestürmt der Beter Gott, ihm auch jetzt noch so beizustehen, wie er es während des ganzen Lebens des Beters getan hatte.
"Zu dir, Herr, habe ich mich geflüchtet"
Die V. 1-3 sind mit geringen Variationen aus Ps 31,2-4 entnommen. Der Beter beginnt betont mit "Zu dir, Herr" habe ich mich seit jeher geflüchtet. Auf dich kommt es an! Du darfst mich jetzt nicht enttäuschen. In den V. 3-7 wird er viermal ein betontes "Du" sagen. V. 4 nennt zum ersten Mal das neue Problem: Feinde und Widersacher, denen er aus eigener Kraft nicht entkommen kann. Die V. 5-6 sind aus 22,10-11 genommen. Der Beter erinnert Gott daran, dass er seit dem Mutterleib sich auf Gott gestützt hat, Zeit seines Lebens nie auf einen andern. Er nennt Gott gar seine Hebamme (V. 6), die ihm damals ins Leben half – das darf jetzt nicht auf einmal anders werden! Geburt (V. 6), Jugend (V. 5), Alter (V. 9) – immer stützte er sich auf Gott. Viele deuten seine zunehmende Schwäche im Alter als schlimmes Zeichen ("Schreckenszeichen") und folgern "Gott hat ihn verlassen" (V. 10-11). Der Beter will aber auch jetzt noch Gott rühmen können für seine Verlässlichkeit (V. 8). Sie behaupten, Gott lasse ihn im Stich, das muss Gott widerlegen (V. 11-12). Der Beter drängt auf Eile. Gott muss die Feinde scheitern lassen (V. 13).
1 Zu dir, Herr, habe ich mich geflüchtet. Dass ich nicht zuschanden werde in Ewigkeit!
2 In deiner Gerechtigkeit reiß mich heraus und lass mich entrinnen, neig zu mir dein Ohr und rette mich!
3 Werd mir zum Wohn-Felsen stets hinzukommen, hast du doch geboten, mich zu retten, denn meine Felsklippe und meine Burg bist du!
4 Mein Gott, lass mich entrinnen aus der Hand des Frevlers, aus der Faust des Unrechts- und Gewalttäters.
5 Denn du bist meine Hoffnung, mein Herr JHWH, mein Vertrauensgrund seit meiner Jugend.
6 Auf dich habe ich mich gestützt vom (Mutter)Leib, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, von dir (handelt) stets mein Lob.
7 Wie ein Schreckenszeichen wurde ich vielen, du aber bis meine starke Zuflucht.
8 Voll sei mein Mund mit deinem Lob, den ganzen Tag mit deinem Ruhm!
9 Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters, wenn schwindet meine Kraft, verlass mich nicht!
10 Denn es sagten meine Feinde über mich und die mein Leben überwachen beratschlagten gemeinsam
11 Sie sagten: "Gott hat ihn verlassen. Verfolgt und fasst ihn, denn da ist keiner, der entreißt!"
12 Gott, bleib nicht fern von mir, mein Gott zu meiner Hilfe eile!
13 Zuschanden sollen werden, dahinschwinden die Widersacher meines Lebens, sie sollen sich hüllen in Schmach und Beschämung, die mein Unglück suchen!
Ps 71 ist gerahmt von den Ausdrücken "zuschanden werden" und "deine Gerechtigkeit in V. 1-2 und 24. "Zuschanden werde" in V. 13 teilt auch den Psalm in zwei Hälften. Die zweite ist von "deine Gerechtigkeit" durchzogen (V. 15, 16, 19, 24). Gottes Gerechtigkeit wird sich darin zeigen, dass die Feinde des Beters scheitern. Die beiden Hälften zeigen eine gewisse Strukturgleichheit:
V. 9 Im Alter … verlass mich nicht V. 18
V. 13 … die mein Unglück suchen V. 24
"Mein Mund soll erzählen von deiner Gerechtigkeit"
In beiden Hälften wird Gott je siebenmal genannt. Betontes Du durchzieht die erste Hälfte (V. 3, 5, 6, 7), betontes Ich prägt die zweite (V. 14, 22), die mit "ich aber" beginnt. Der drängend herbeigeflehten Hilfe Gottes aus V. 1-13 will der Beter in V. 14-24 ein umfassendes Lobversprechen gegenüberstellen.
14 Ich aber will stets harren und hinzufügen zu deinem Lob!
15 Mein Mund soll erzählen von deiner Gerechtigkeit, den ganzen Tag von deiner Rettung, denn ich weiß keine Zahlen (davon).
16 Ich will kommen mit den Heldentaten meines Herrn JHWH, ich will erinnern an deine Gerechtigkeit, dich alleine.
17 Gott, du hast mich gelehrt seit meiner Jugend, und bis hierher will ich künden deine Wunder.
18 Und auch bis zum Alter und grauen Haar, Gott, verlass mich nicht, bis dass ich künde von deinem (starken) Arm einer Generation, jedem, der kommt, deine Heldenkraft.
19 Und deine Gerechtigkeit (reicht) bis in die Höhe, der du Großartiges getan hast, Gott, wer ist wie du?
20 Der du mich sehen ließest viele Bedrängnisse, belebe mich wieder und aus den Abgründen der Erde führ mich wieder herauf!
21 Mögest du vervielfältigen meine Größe und dich wenden, mich zu trösten.
22 Auch ich will dir danken mit dem Instrument der Standleier, deine Wahrhaftigkeit, mein Gott. Ich will spielen dir auf der Tragleier, Heiliger Israels!
23 Jubeln sollen meine Lippen, denn ich will spielen dir und mein Leben (Kehle), das du erlöst hast.
24 Auch meine Zunge soll den ganzen Tag murmeln von deiner Gerechtigkeit, denn zuschanden, denn schamrot wurden, die mein Unglück suchen.
Mit "ich aber" stellt er sein Tun dem erhofften Tun Gottes (V. 2-13) gegenüber. Noch muss er "harren" (V. 14), da Gott sich noch nicht beeilt hat (V. 12). Er hofft, auch in Zukunft über Gott Lobwürdiges erzählen zu können (V. 14). Er "lockt" Gott jetzt nicht mehr mit seiner eigenen Not, sondern mit der Aussicht auf ein Zeugnis, das der Beter von Gottes Gerechtigkeit und Rettung öffentlich ablegen will (V. 15). "Gerechtigkeit – Rettung – Heldentaten – Gerechtigkeit" (V. 15-16) sind die chiastisch angeordneten Großtaten Gottes, die er verkünden will. Und zwar will er "kommen" – nämlich in den Tempel, zu Gott, um ihm zu danken, zum Gotteshaus, wo das Volk zusammenkommt, um ihn öffentlich zu bezeugen.
Gottes Großtaten waren bisher, seit der Jugend des Beters (V. 5, 17), schon zahllos und sollten nicht jetzt enden, sondern unzählbar bleiben (V. 15). Wie der Beter schon in V. 5 und 9 die ganze Lebenszeit von der Jugend bis ins Alter in Blick genommen hat, tut er es in V. 17 und 18 erneut: Gott war der Lehrmeister seiner Jugend (V. 17), vor allem hatte der Beter gelernt, Gottes Wundertaten zu bestaunen und zu verkünden. Die V. 15 bis 19 zählen neun Großtaten Gottes auf, an erster, vierter und neunter Stelle seine Gerechtigkeit, die den Psalm auch rahmt (V. 2, 24): "deine Gerechtigkeit – deine Rettung – (deine) Heldentaten – deine Gerechtigkeit – deine Wunder – dein Arm – deine Heldenkraft – deine Gerechtigkeit – Großartiges". Das abschließende "deine Gerechtigkeit" in V. 24 macht die Zehnerreihe vollständig.
"Ich will spielen dir auf der Tragleier, Heiliger Israels!"
Die Schwäche des Alters und des grauhaarig Gewordenen möge Gott durch seinen starken Arm, seine Heldenkraft ausgleichen (V. 18), denn des Beters eigene Kraft ist geschwunden. Und doch hat sein langes Leben, das hohe Alter noch einen Sinn: Er will seine Erfahrung von Gottes Macht und Gerechtigkeit an die künftigen Generationen weitergeben (V. 18). Die Feinde behaupten nach V. 11, Gott habe den Beter verlassen. Er fordert Gott in V. 18 auf, das zu widerlegen, die Feinde Lügen zu strafen. "Wer ist wie du?" fragt V. 19 wie schon Ps 35,10 und dann wieder 89,9. Unvergleichlich ist Gott, dessen Gerechtigkeit alles überragend in die Höhe reicht, dessen Großtaten größer sind als alles (V. 19).
Der greise Beter hat schon einige schweren Zeiten erlebt, wie er in V. 20 sagt. Jetzt aber, da er alt und schwach ist, setzen ihm Feinde zu, die ihn an den Rand des Grabes bringen, die "Abgründe der Erde" drohen sich seiner zu bemächtigen. Er drängt Gott, ihm das Leben noch einmal zu schenken, das zu schwinden droht. Seine Größe und Bedeutung ist schon geschrumpft, Feinde bedrohen sie zusätzlich. Er bittet Gott, seine Größe wiederherzustellen und ihn so zu trösten (V. 21).
Mit "ich aber" hatte der zweite Hauptteil in V. 14 begonnen, mit "und auch" (V. 18), "auch ich" (V. 22) und "auch" (V. 24) wird sie weitergeführt.
In den V. 22 häufen sich die Aufzählungen der Organe, die Gottes Lob singen sollen: Stand- und Tragleier (V. 22), Lippen und Kehle (V. 23; die Kehle auch schon in V. 10 und 13, da aber nicht als Lobinstrument), Zunge (V. 24) mit dem Mund in V. 8 und 15 sind das sieben Musik- und Gesangsinstrumente, die allumfassendes Lob Gottes verkünden sollen, ist doch "sieben" die Zahl der Vollkommenheit und Vollständigkeit. "Stets" (V. 3) – "den ganzen Tag" (V. 8) – "stets" (V. 14) – "den ganzen Tag" (V. 24) will er Gottes Größe rühmen, in V. 24 sie "murmeln", d.h. unablässig meditieren. Mit dem Scheitern derer, die Böses im Sinn haben, endet auch die zweite Hälfte in V. 24, wie schon die erste (V. 13) und damit das ganze Gedicht.
"Deine Gerechtigkeit" ist der rahmende und den ganzen Psalm prägende Ausdruck (Ps 71,2.15.16.19.24). Gottes rettende Gerechtigkeit wird für Paulus zu einem wichtigen Thema seiner Theologie (Röm 1,17; 3,21f; 10,3; 2 Kor 5,21).