Psalm 70 - "Gott eile zu mir!"Der Psalter als Buch des Messias

Eine klassische Theodizee-Frage lautet: Warum geht es den Guten schlecht und den Schlechten gut? Der Beter von Psalm 70 fordert Gott auf, zu zeigen, dass es einen Unterschied macht, ob einer sich an Gott hält oder nicht.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Psalm 70 knüpft mit "ich aber bin elend" in V. 6 an den Vorgänger Psalm 69 an, der in V. 30 dieselbe Wendung aufweist.

Die Überschrift nennt den Psalm "zur Erinnerung" (hebr. le-hazkir). Dieses Element kommt sonst nur noch im Titel von Ps 38 vor. Die EÜ und die Lutherbibel schreiben "zum Gedenkopfer", die Zürcher Bibel "zur Verkündigung", Buber "zum Gedenkenlassen". Das Verbum kann "gedenken lassen", "erinnern" heißen, aber auch "erwähnen", "verkündigen". Schon seit alter Zeit wird das Wort mit dem Gedächtnisanteil des Schaubrotopfers (Lev 24,7, hebr. azkarah) in Verbindung gebracht. Es ist aber weder bei Ps 38 noch hier bei Ps 70 erkennbar, was sie mit einem liturgischen Opfer zu tun haben könnten. Ps 70 ist innerhalb des Psalters eine fast wörtliche Wiederholung von Ps 40,14-18 und insofern eine "Erinnerung" an Ps 40, so wie Ps 38 in sich ein Gebet ist, das an ein altes Gebet "erinnert". Vielleicht verweist der Titel einfach auf diesen Wiederholungscharakter:

1 Für den Musikmeister: Von David, zur Erinnerung.

"Sie sollen zurückweichen nach hinten und beschämt werden"

Ps 70 ist kunstvoll aufgebaut. Den Rahmen bilden die V. 2 und 6 mit den Wörtern Gott-Herr-Hilfe-eilen. Die beiden Imperative "eile" und der Vetitiv "zögere nicht" sind drei Ausdrücke von dringenden Wünschen. Der Mittelteil der V. 3-5 ist geprägt von zweimaligem "Schande"-"suchen" in V. 3 und 4-5. Auch hier werden Wünsche ausgedrückt: fünf negative von "zuschanden werden sollen" bis "umkehren müssen" und drei positive von "froh sein sollen" bis "sagen mögen".

2 Gott, mich zu entreißen, Herr, zu meiner Hilfe eile!
3 Zuschanden sollen werden und schamrot,
die mir nach dem Leben trachten (suchen)!
Sie sollen zurückweichen nach hinten und beschämt werden,
denen gefällt mein Unglück.
4 Umkehren sollen müssen wegen ihrer Schande, die sagen: "Haha!"
5 Froh sein sollen und sich freuen an dir alle,
die dich suchen, und sagen mögen immerdar
"Als groß erweist sich Gott!", die deine Rettung lieben.
6 Ich aber bin elend und arm, Gott eile zu mir!
Meine Hilfe und mein Retter bist du, Herr, säume nicht.

Der Beter ist in einer Notlage, die nicht konkretisiert wird, weil der Psalm auch als Gebet für andere in vergleichbarer Lage dienen soll. Die Lage ist aber ähnlich wie im vorangehenden Ps 69: Es gibt Leute, die das Unglück des Beters wünschen und triumphieren würden, wenn es einträte, sei das eine Krankheit oder finanzieller Ruin oder ähnliches. Die drohende Schadenfreude der Gegner bekümmert den Beter mehr als der Schaden selbst. Sie würde ihn zum sozialen Außenseiter machen, zu einem "Verlierer". Das wäre sein sozialer Tod. Vor Gott aber argumentiert er vor allem damit, dass er sagt: Wenn du deine Freunde fallen lässt, wirst du auch noch deine letzten Anhänger verlieren. Das kannst du dir nicht leisten!

2 Gott, mich zu entreißen, Herr, zu meiner Hilfe eile!

Die doppelte Anrufung Gottes als "Gott" und "Herr" (JHWH) wirkt drängend. Auch die Verben "entreißen", "eilen" machen Druck: Schnelles Handeln ist nötig. Die beiden Satzhälften sind einander genau parallel: Gott soll eilen, wie das letzte Wort, auf dem der Nachdruck liegt, sagt, und zwar: Gott, mich zu entreißen // Herr, zu meiner Hilfe. Das schleunigste Entreißen wäre die Hilfe.

3 Zuschanden sollen werden und schamrot, die mir nach dem Leben trachten (suchen)! Sie sollen zurückweichen nach hinten und beschämt werden, denen gefällt mein Unglück.
4 Umkehren sollen müssen wegen ihrer Schande, die sagen: "Haha!"

"Froh sein sollen und sich freuen an dir alle, die dich suchen"

"Zuschanden werden" und "schamrot werden" bezeichnet öffentliches Scheitern, eine Niederlage vor den Augen der Öffentlichkeit. Der Ausgang des Konflikts hat gesellschaftliche Auswirkungen. Der Beter will Gott sagen: Wenn meine Gegner triumphieren, ist das eine Niederlage für alle, die zu dir halten! Seine Feinde trachten ihm nach dem Leben. Das kann auf verschiedene Weise geschehen: Klagen sie ihn falsch an, so dass ihm ein Todesurteil droht? Wollen sie ihn um seinen Besitz bringen, so dass er verelendet? Ist er krank und sie tun alles, um ihn schon totzureden (vgl. Ps 41,6-12)? Wenn das Unglück, das sie herbeiwünschen, eintritt, wäre das ihr Triumph, des Beters sozialer Tod, vor allem aber Gottes eigene Niederlage vor den Augen der Öffentlichkeit. "Sie sollen zurückweichen nach hinten" wie einst die Soldaten, die Jesus verhaften wollten (Joh 18,6). Sie sollen von ihrem Vorhaben ablassen müssen und zwar nicht stillschweigend, sondern so, dass das allgemein bekannt wird und sie "beschämt werden". Sie sollen "umkehren müssen", zurückgepfiffen werden, ihr Handeln ändern müssen wegen des erkennbaren Scheiterns, sie die spotten "Haha!"

In V. 5 stellt nun der Beter die andere Gruppe vor Augen, die Gruppe derer, die Gott nicht enttäuschen darf, sondern ermutigen muss:

5 Froh sein sollen und sich freuen an dir alle, die dich suchen, und sagen mögen immerdar "Als groß erweist sich Gott!", die deine Rettung lieben.

Die Gruppe der Freunde Gottes, "die dich suchen" werden denen entgegengesetzt, die nach des Beters Leben trachten (hebr. "suchen"). Sie sollen dreifache Genugtuung erfahren: Froh sein, sich freuen und einen Lobspruch sagen können. Gefühlsäußerungen des Orientalen sind gewöhnlich nicht still und verhalten, sondern lautstark und vernehmlich. Gottes Freunde sollen jubeln dürfen "Als groß erweist sich (immer wieder) Gott!".

Die Verbform jigdal verweist nicht nur auf einen einmaligen Akt, sondern auf wiederholtes Handeln. Der Beter hatte oben auch die Feinde wörtlich zitiert. Sie sagen "Haha!" Sie freuen sich schon über den kommenden Schaden des Beters und wollen die Schadenfreude vollendet sehen. Sie freuen sich am Bösen. Der Beter wünscht aber das Gegenteil: Die Guten sollen sich freuen dürfen und auch etwas "sagen". Und die würden dann gar nicht so sehr ihren Sieg loben, sondern Gott als dessen Urheber. "An dir", "über dich" sollen sich alle freuen dürfen, "die dich suchen", die deine Freunde sind. "Die deine Rettung lieben", die es lieben, dass Gott den Guten rettet und ihm hilft.

"Meine Hilfe und mein Retter bist du, Herr, säume nicht"

Im Schlussvers wendet der Beter seinen Blick noch einmal auf sich selbst und stellt der hoffentlich bald zu preisenden "Größe" Gottes eine eigene Bedürftigkeit und Schwachheit gegenüber, an der sich Gott "als groß erweisen" soll:

6 Ich aber bin elend und arm, Gott eile zu mir! Meine Hilfe und mein Retter bist du, Herr, säume nicht.

Die Wörter "Gott", "eilen", "Hilfe", "Herr" aus V. 2 wiederholen sich, wobei Hilfe-eilen in V. 2 in V. 6 chiastisch aufgenommen wird: eilen-Hilfe. Der Beter kann sich nicht selbst helfen, das könnte nur Gott. Nur er könnte "Hilfe und Retter" für den Beter sein. Und das wäre nicht nur ein Gewinn für den Beter, sondern Gott würde sich vor aller Welt bezeugen als gerecht und machtvoll. Für seine Freunde und Verehrer wäre das ebenfalls eine Hilfe. Hatte der Beter in V. 2 noch "eile!" gesagt, verdoppelt er nun mit "eile, säume nicht!", indem er das negierte Gegenteil hinzufügt. So verstärkt er den Nachdruck, um Gottes Handeln zu beschleunigen.

Die lateinische Fassung von Ps 69,2 ist zur täglichen Eröffnung der Horen des Stundengebets geworden: Deus, in adiutorium meum intende, Domine, ad adiuvandum me festina!

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