Psalm 69 - "Ich bin erschöpft von meinem Rufen"Der Psalter als Buch des Messias

Wer zu seinem Glauben steht, muss damit rechnen, Ablehnung zu erfahren – wie der Beter von Psalm 69.

Bibel
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Der Beter von Psalm 69 beginnt nach der Überschrift (vgl. zu Ps 60) mit einem dringenden Appell: "Rette mich, Gott", an den er in den V. 2-5 eine Schilderung seiner Not anschließt: Das Wasser steht ihm bis zum Hals. Er hat keinen festen Boden mehr unter den Füßen (vgl. Ps 40,3). Das sind noch heute gebräuchliche Bilder. Die um Hilfe rufende Gurgel ist heiser, das nach Halt ausschauende Auge ermattet (V. 4).

Der Grund seiner Not sind Anfeindungen und falsche Beschuldigungen. Er soll etwas erstatten, was er nicht genommen hat (V. 5). Der Beter weiß, dass er nicht fehlerlos ist (V. 6). Aber seine Fehler sind ja nicht der wahre Grund für die Anfeindungen. Der wahre Grund ist sein Glaube, sein Eifer für Gott und sein Haus (V. 8-10). Selbst die Allernächsten haben sich von ihm abgewandt. "Brüder" sind männliche Verwandte, speziell Brüder und Halbbrüder vom selben Vater, "Söhne der Mutter" sind nur noch Vollbrüder.

"Mein Flehgebet gilt dir, JHWH"

Wenn Gott nun nicht einschreitet, werden andere an Gott irre, die noch zu ihm stehen. Das sollte Gott nicht zulassen, sondern sich als "mein Herr" – für mich zuständig – "JHWH Zebaot" – Herr der Heere, oder besser: Herr, Allherrscher – zeigen (V. 7). Das "Haus" Gottes, das Heiligtum und Gottes Volk, das sich darin versammelt, sind in so schlimmem Zustand, dass der Beter weinte, fastete und Bußgewänder anlegte – so zeigte sich sein Eifer für Gottes Sache. Das löste aber bei anderen, die in religiösen Dingen anderer Meinung waren, nur Spott aus – auf öffentlichen Plätzen am Stadttor, aber selbst bei Trinkgelagen. Die wenigen, die es noch ernst meinen mit Gott, sind in Gefahr, schwach zu werden, wenn sie sehen, wie es dem "Eiferer" ergeht (V. 7).

2 Rette mich, Gott, denn gekommen sind (mir) Wasser bis zur Kehle!
3 Versunken bin ich in abgründigem Morast und da ist kein Stand, ich kam in Wassertiefen und ein Strom hat mich weggeschwemmt.
4 Ich bin erschöpft von meinem Rufen, entzündet ist meine Gurgel, verschmachtet sind meine Augen, der ich warte auf meinen Gott!
5 Vielzähliger als die Haare meines Hauptes sind die mich hassen grundlos. Stark sind geworden, die mich vernichten wollen, meine verlogenen Feinde. Was ich nicht geraubt habe, das soll ich dann zurückgeben.
6 Gott, du kennst meine Dummheit, und meine Verschuldungen sind vor dir nicht verborgen.
7 Nicht sollen zuschanden werden durch mich, die auf dich hoffen, mein Herr JHWH Zebaot, nicht sollen beschämt werden durch mich, die dich suchen, Gott Israels!
8 Denn deinetwegen trage ich Schmach, bedeckt Beschämung mein Angesicht!
9 Entfremdet wurde ich meinen Brüdern und ein Fremder für die Söhne meiner Mutter.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, fielen auf mich.
11 Und weinte ich, während meine Kehle am Fasten war, so wurde es mir zu Schmähungen.
12 Und legte ich als meine Kleidung Sackgewand an, so wurde ich ihnen zum Spottvers.
13 Es schwatzen (permanent) über mich, die im Stadttor sitzen, und die Saitenspiele der Biertrinker.
14a Ich aber, mein Flehgebet gilt dir, JHWH, zur Zeit des Wohlwollens.

Auch der zweite Teil des Psalms (V. 14b-30) redet Gott im Du an. Erst der dritte Abschnitt (V. 31-37) wird in der 3. P. über Gott reden. Die drei Teile des Psalms sind markiert durch das Wortpaar "Gott - retten":

V. 2: retten - Gott
V. 14b: Gott - Rettung
V. 30: Rettung - Gott
V. 36: Gott - retten

Der erste und der zweite Teil verlaufen strukturell parallel:

V 1 Gott, retten: V. 14b und 30
V. 3 versinken, Abgrund, Wassertiefe, wegschwemmen: V. 15-16
V. 6-11 du kennst, Schande, Beschämung, Schmach:  V. 20-21
V. 14a ich aber: V. 30

"Gott, mache mich unangreifbar!"

Aus dem einen Imperativ in V. 2 werden zu Beginn des zweiten Teils zehn Imperative von "antworte" in V. 15 bis "kauf frei" in V. 19, einschließlich des Vetitivs "verbirg nicht" in V. 18. Nach der drängenden Bitte V. 14-19 folgt in V. 20-22 wieder Notschilderung, bevor in V. 23-29 Wünsche für das Scheitern der Feinde ausgesprochen werden:

14b Gott, ob deiner vielzähligen Loyalität, antworte mir ob der Wahrheit deiner Rettung!
15 Reiß mich heraus aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich entrissen werde denen, die mich hassen, und aus Wassertiefen,
16 dass mich nicht wegschwemmt der Wasserstrom und mich nicht verschlingt der Abgrund, dass nicht schließt über mir der Brunnen seine Öffnung!
17 Antworte mir, JHWH, denn gut ist deine Loyalität, nach der Vielzahl deiner Erbarmungen wende dich mir zu!
18 Und verbirg nicht dein Gesicht vor deinem Knecht, denn bedrängt bin ich, eile, antworte mir!
19 Nähere dich meiner Person (Kehle), löse sie aus! Um meiner Feinde willen kauf mich frei!
20 Du kennst meine Schmach und meine Schande und meine Beschämung, vor dir sind all meine Bedränger.
21 Schmach hat gebrochen mein Herz und es ist unheilbar, und ich hoffte auf ein Zunicken, aber nichts! Und auf Tröster, aber ich fand nicht. 22 Und sie gaben als meine Speise Bitterstoff, und in meinem Durst tränkten sie mich mit Essig.
23 Es werde ihr Tisch vor ihnen zum Klappnetz und den Sorglosen zur Falle!
24 Verfinstern sollen sich ihre Augen, dass sie nicht sehen, und ihre Hüften lass immer wanken!
25 Gieß über sie deinen Grimm, und die Glut deines Zorns soll sie erreichen!
26 Ihr Lagerplatz werde zur Öde, und in ihren Zelten sei kein Bewohner!
27 Denn den du geschlagen hast, verfolgten sie, und vom Schmerz deiner Durchbohrten können sie erzählen.
28 Gib Verschuldung auf ihre Verschuldung! Und nicht sollen sie kommen in deine Gerechtigkeit!
29 Ausgelöscht sollen sie werden aus dem Buch des Lebens, und mit Gerechten sollen sie nicht aufgeschrieben sein!
30 Ich aber bin arm und voll Schmerz, deine Rettung, Gott, mache mich unangreifbar!

Da selbst seine Nächsten sich abgewandt haben (V. 9), hoffte er umsonst auf menschlichen Trost (V. 21). Sie machen ihm das Leben bitter (V. 22), wie der Beter mit Worten des Propheten Jeremia sagt (Jer 8,14; 9,14; 23,15). Der Beter bittet darum, dass sie scheitern sollen. Geben sie ihm Bitteres zu essen, soll ihr Tisch für sie zur Falle werden. Des Beters hilfesuchende Augen sind verschmachtet (V. 4), während die der Feinde sich an seinem Leid weideten – sie mögen verfinstern! Die sich stark dünken, sollen hinfällig werden (V. 24). Ihre Wohnorte sollen verlassen werden (V. 26). Der Beter leidet um Gottes willen (V. 8-9), und Gott ist wirklich mit schuld, da er sein Leiden nicht verhindert (V. 27). Aber seine Bedränger legen noch immer nach und fühlen sich gar von Gott bestätigt, der dem Beter nicht hilft. Ihnen ist es ein Spaß, über ihn herzuziehen in seinen Schwierigkeiten (11-13 und 27). Gott soll sie endlich tilgen aus der Liste derer, die zu ihm gehören (V. 28-29). Gott dagegen soll ihn der Gefahr entheben und in Sicherheit bringen (V. 30).

"Auflebe euer Herz!"

Im dritten Teil spricht der Beter über Gott und rühmt seinen "Namen", der den Abschnitt in V. 31 und 37 rahmt:

31 Ich will loben den Namen Gottes mit einem Gesang und ihn groß machen mit Dank!
32 Das ist JHWH lieber als ein Stier, als ein Rind mit Hörnern, gespaltenen Hufen.
33 Haben Arme es gesehen, werden sie sich freuen. Die nach Gott fragen, auflebe euer Herz!
34 Denn es hört auf Bedürftige JHWH, und seine Gefangenen hat er nicht verachtet.
35 Loben sollen ihn Himmel und Erde, Meere und alles, was sich regt in ihnen.
36 Denn Gott wird retten Zion und wird aufbauen die Städte Judas, dass sie dort wohnen und es in Besitz nehmen.
37 Aber die Nachkommenschaft seiner Knechte – sie werden es erben, und die seinen Namen lieben, werden wohnhaft sein.

Der Beter hatte gefürchtet, wenn Gott ihm nicht beisteht, werden andere an Gott irre (V. 7). Wenn er aber hilft, werden andere ermutigt und sich freuen (V. 33). Der Beter ist überzeugt, dass Gott für ihn eintreten wird und daher gelobt er ein Zeugnis für Gott, das Gott mehr bedeutet als Opfergaben (V. 31-33). In V. 33 spricht er sie direkt an, die solche Ermutigung brauchen. Und nicht nur dem Beter wird Gott auf Dauer helfen, sondern dem gesamten Gottesvolk (V. 36-37).

Der Beter hat immer wieder Anleihen bei den Propheten gemacht, da er seine Existenz als prophetisches Zeugnis versteht: vgl. V. 2-3 mit Jona 2,3-7, V. 8a mit Jer 15,15 und V. 14 mit Jes 49,8. Umgekehrt deuten die Evangelisten und Apostel Jesu prophetische Existenz mit Hilfe von Ps 69: "Sie hassen mich grundlos" zitiert Joh 15,15 Ps 69,5 (und 35,19). Joh 2,17 nimmt bei der Tempelreinigung Jesu Ps 69,10 auf, "der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt". Johannes sieht darin Prophetie: "wird mich verzehren". Auch Paulus wendet in Ps 69,10 auf Christus an: "Die Schmähungen derer, die dich schmähen, fielen auf mich" (Röm 15,3). Mt 27,34.48 deutet Jesu Passion mit Ps 69,22: "Sie gaben ihm Wein … mit Galle vermischt. … [einer] tauchte einen Schwamm in Essig und gab Jesus zu trinken". Paulus zitiert in Röm 11,9-10 Ps 69,23-24 nach der Septuaginta. Und die Apostelgeschichte wendet in 1,20 Ps 69,26 auf Judas an: "Sein Lager soll veröden, kein Bewohner sei darin!"

Das NT sieht in Ps 69 Jesu Schicksal vorgebildet, wie sonst nur noch in Ps 22.  

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