Der heute zu betrachtende Psalm 68 gehört zur Gruppe der Pss 65-68, die überschrieben sind mit "Instrumentallied, Gesang":
1 Für den Musikmeister: Von David, ein Instrumentallied, Gesang.
Die erste Strophe beginnt mit einem Zitat aus Num 10,35: "Und Mose sagte: ‚Steh auf, Herr, dass zerstieben deine Feinde und flüchten deine Hasser angesichts deiner!‘" Mose pflegte das bei den Aufbrüchen Israels auf der Wüstenwanderung ins Gelobte Land zu rufen. Und darum geht es in diesem Lied: Um Gottes Triumphzug vom Sinai zum Zion.
2 Aufstehe Gott, zerstieben sollen seine Feinde und flüchten seine Hasser angesichts seiner.
3 Wie verweht Rauch, mögest du wegwehen, wie schmilzt Wachs angesichts von Feuer sollen zugrunde gehen Frevler angesichts Gottes.
4 Gerechte aber können sich freuen und jubeln vor Gott und jauchzen in Freude:
5 "Singt Gott, spielt seinem Namen, bahnt (einen Weg) für den, der durch Steppen fährt, Jah ist sein Name und frohlockt vor ihm!
6 Ein Vater von Waisen, ein Anwalt von Witwen ist Gott im Wohnsitz seines Heiligtums.
7 Gott macht ansässig Vereinsamte in einem Hausstand, führt heraus Gefangene in Wohlergehen, doch Widerspenstige wohnen im Glutland."
"Der Sinai da bebte angesichts Gottes, des Gottes Israels"
Wenn Gott erscheint, vergehen seine Feinde spurlos wie Rauch, widerstandslos wie Wachs. Gewöhnlich werden die V. 2-4 als Präludium (Hossfeld) von der Liedstrophe 5-7 abgetrennt. Dann wird aber nicht mehr sichtbar, dass in den V. 4-5 eine Siebenerreihe vollkommener Freude dargestellt wird: freuen – jubeln – jauchzen – Freude – singen – spielen – frohlocken. Vier Gruppen von Armen profitieren von Gottes Anwesenheit: Waisen – Witwen – Vereinsamte – Gefangene. Damals machte Gott in der Wüste Sinai Israel zu seinem Volk (Ex 19-24) und führte es dann "durch Steppen" zum "Wohnsitz seines Heiligtums" auf dem Zion in Jerusalem. Aufrührer allerdings blieben in der Wüste zurück (Num 16).
Die nächste Strophe wechselt ins Du zu Gott. Auch sie beginnt mit einem Bibelzitat aus Ri 5,4-5: "Herr, bei deinem Auszug aus Seïr, bei deinem Einherschreiten vom Gefilde Edom, da bebte das Land, auch die Himmel tropften."
8 Gott, bei deinem Auszug vor deinem Volke her, bei deinem Einherschreiten durch die Wüste, Sela
9 bebte das Land – auch die Himmel tropften angesichts Gottes – der Sinai da (bebte) angesichts Gottes, des Gottes Israels.
10 Mit Regen, großzügig, wolltest du besprengen, Gott, dein Erbe, und war es erschöpft, hast du es aufgerichtet.
11 Deine Herdenlebewesen, sie wohnten darin, herrichten wolltest du in deiner Güte (etwas) für den Armen, Gott.
Der bebende Sinaiberg, der Wüstendurchzug und der Einzug ins regenreiche Kulturland (Dtn 11,10-12) werden zusammengeschaut. Mit den Lebewesen der Herde sind die Israeliten gemeint, die der Hirt Gott als seine Herde ansässig machte im Gelobten Land. Als aus Ägypten gerettete Sklaven sind sie Arme. Die nächste Strophe redet wieder über Gott in der 3. Person und singt von den Siegen Gottes und Israels gegen seine Feinde.
12 Mein Herr wird geben eine Ansage, die Siegesbotinnen sind ein zahlreiches Heer.
13 Die Könige der Heere müssen fliehen, fliehen, und die Liebliche des Hauses kann verteilen Beute.
14 Wenn ihr liegt zwischen Hürden, sind die Flügel der Taube überzogen mit Silber, und ihre Schwingen mit grünlich schimmerndem Gold.
15 Wenn auseinandertreibt der Allmächtige Könige darin, wird es schneien auf dem Zalmon.
"Gott ist für uns ein Gott der Rettungstaten"
Gottes Befehl führt zum Sieg, Frauen bejubeln ihn (Ex 15,20; Ri 11,34; 1 Sam 18,6-7). Die Beuteverteilung wird hier den Ehefrauen zugewiesen (vgl. Ri 5,29-30). Warnt V. 14 mit Anspielung auf Ri 5,16 vor Bequemlichkeit im Kampf und von Brieftauben, die den Sieg ankündigen (Hossfeld)? Oder stehen die goldglänzenden Tauben für die Siegesbeute (Delitzsch)? Auch der Berg Zalmon ist eine Anspielung an das Richterbuch (9,48). Er ist dort in der Nähe von Sichem gedacht (heute Nablus). Der Sieg wird durch ein Schneewunder angezeigt.
16 Ein Gebirge Gottes ist das Gebirge Baschan, ein gipfelreiches Gebirge ist das Gebirge Baschan.
17 Warum wollt ihr neidisch belauern, gipfelreiche Gebirge, auf den Berg, den Gott begehrte, darauf Wohnsitz zu nehmen, ja, JHWH will wohnen auf Dauer.
18 Die Wagen Gottes sind zehntausende, mehrfach tausend, mein Herr ist unter ihnen: Der Sinai im Heiligtum!
19 Du bist hinaufgestiegen in die Höhe, hast Gefangene gefangengeführt, hast Gaben genommen bei Menschen, auch Widerspenstige, dass wohnen bleibe Jah Gott.
Das Baschangebirge (hinter dem Golan) ist eine Hochebene mit Gebirgszügen. Die mächtigen Berge werden angesprochen und gemahnt, nicht neidisch zu sein auf den Zionsberg in Jerusalem, den Gott sich als Wohnsitz erwählt hat. Vom Sinai ist Gott mit seiner Heeresmacht zum Zion gezogen (Ex 15,17), seine Sinaierscheinung hat sich auf den Zion verlegt. Siegreich zog Gott auf den Zion hinauf mit Huldigungsgaben, die Feinde gefangen.
Die nächste Strophe preist Gott für den Sieg. Er nimmt das Schleppen der Lasten für Israel auf sich und rettet es vor dem Tod.
20 Gepriesen sei mein Herr! Tag für Tag will schleppen er für uns. Gott ist unsere Rettung! Sela
21 Gott ist für uns ein Gott der Rettungstaten, und JHWH, mein Herr, hat für den Tod Auswege.
22 Ja, Gott wird zerstampfen das Haupt seiner Feinde, den Haarscheitel dessen, der einhergeht in seinen Verschuldungen.
23 Es sagte mein Herr: "Vom Baschan bringe ich zurück, zurück bringe ich aus Meerestiefen,
24 damit stampfe dein Fuß im Blut, die Zunge deiner Hunde an den Feinden ihren Anteil habe."
Gott wird Israels Feinde ihrer gerechten Bestrafung zuführen und wenn sie sich im höchsten Gebirge verstecken wollten (Baschan) oder in den Tiefen des Meeres.
Die nächste Strophe zeigt eine Siegesprozession:
25 Sie sahen deinen Einzug, Gott, den Einzug meines Gottes, meines Königs ins Heiligtum.
26 Voraus gingen Sänger, danach Saitenspieler inmitten von paukenschlagenden Mädchen.
27 In Versammlungen preist Gott, JHWH, ihr aus dem Quell Israel!
28 Dort ist Benjamin, der Jüngste, der sie befehligt, die Fürsten Judas, ihre Schar, die Fürsten Sebuluns, die Fürsten Naftalis.
"Ihr Königreiche der Erde, singt für Gott"
Der "Quell Israel" ist hier (ähnlich wie in Dtn 33,28) der Stammvater Jakob mit dem Ehrennamen "Israel" (Gen 32,29), aus dem das Volk stammt wie aus einem Quell (Delitzsch, Palmen 459; vgl. Braulik, Deuteronomium II, NEB, 244). Die aufgezählten Stämme sind zwei aus dem Süden, zwei aus dem Norden.
In der folgenden Strophe spricht der Dichter zunächst Israel, dann Gott an:
29 Aufgeboten hat dein Gott deine Macht. Erweise dich mächtig, Gott, der du für uns gehandelt hast!
30 Von deinem Tempel über Jerusalem aus. Dir sollen bringen Könige Geschenke.
31 Fahr an das Lebewesen im Schilf, die Horde der Stiere unter den Völkerkälbern!
Niedertretend die, die Silber lieben, zerstreue Völker, die an Schlachten Gefallen haben!
32 Kommen werden Farbtücher aus Ägypten, Kusch – eilends bringen seine Hände zu Gott.
Der Dichter erinnert an die Geschichtserfahrung Israels: Gott hat sein Volk nicht untergehen lassen. Dann bittet der Dichter, Gott möge Israel weiter beschützen und es an seiner Königsherrschaft teilhaben lassen. Die Könige der Völker sollen dem Tempel Tribut zahlen. Gott soll das Tier im Schilf des Nil (Krokodil oder Nilpferd als Symbol Ägyptens) in Schach halten und gegen beutegierige und kriegslüsterne Völker die Wege nach Ägypten und Äthiopien (Kusch) offenhalten, damit sie Tribut bringen können.
Mit "singt, spielt" schließt diese letzte Strophe den Ring mit dem Anfang (V. 5). Der Dichter fordert die Völker auf, den Gott Israels zu feiern:
33 Ihr Königreiche der Erde, singt für Gott, spielt meinem Herrn, Sela
34 dem, der einherfährt über die Himmel der Himmel der Urzeit! Siehe, er wird geben mit seiner Stimme mächtigen Stimmlaut.
35 Gebt Gott die Macht! Über Israel ist seine Erhabenheit und seine Macht bis zu den Wolken.
36 Ehrfurchtgebietend ist Gott von seinem Heiligtum aus. Der Gott Israels, er gibt Macht und Stärke dem Volk. Gepriesen sei Gott.
Die "Himmel der Himmel" bezeichnen Gottes Transzendenz in räumlicher Dimension, die "Urzeit" in zeitlicher. Viermal "Macht" hält diese Schluss-Strophe zusammen. Die Völker sollen Gottes überlegene Macht anerkennen, mit der er sein Volk beschützt, indem er in seinem Heiligtum auf dem Zion endgültige Wohnung genommen hat. "Gepriesen sei mein Herr" hatte V. 20 gerufen, "preist Gott" V. 27, "gepriesen sei Gott" fasst das Schlusswort zusammen.
Der Epheserbrief zitiert in 4,8 den Psalm: "Darum sagt er: Er stieg hinauf in die Höhe, führte Gefangene gefangen, gab Gaben den Menschen" (Ps 68,19). Allerdings sagt der Psalm im hebräischen Text "hast Gaben genommen bei Menschen". Der Briefautor hat die aramäische Targumfassung im Ohr und bezieht den Psalm auf Christi Triumphzug in den Himmel, der für die Menschen Erlösung bedeutet.