Psalm 67 - "Gott lasse sein Angesicht über uns leuchten"Der Psalter als Buch des Messias

Gott geht in seiner Offenbarung an die Menschheit "sakramental" in dem Sinne vor, dass er sich in Abraham und seinen Nachkommen, dem Volk Israel, ein Werkzeug erschafft, durch das er seinen Segen einst allen Nationen zuwenden will. Im Wirken Gottes an Israel erkennen alle Menschen: "Da ist Gott". Davon singt Ps 67.

Bibel
© Foto von Aaron Burden auf Unsplash

Der heute zu betrachtende Psalm 67 ist ausgesprochen kunstvoll aufgebaut und kann nur voll verstanden werden von seinem Bezug zum Aaronitischen Segen in Num 6,24-26 her:

Es segne dich der Herr und behüte dich! (im Hebr. 3 Wörter)
Leuchten lasse der Herr sein Angesicht zu dir hin und sei dir gnädig! (im Hebr. 5 Wörter)
Es erhebe der Herr sein Angesicht zu dir hin und schenke dir Frieden! (im Hebr. 7 Wörter)
(Ergibt in Summe 15 Wörter)

Der Segen beginnt immer mit einem Verbum als Segenswunsch. An zweiter Stelle steht in jeder Zeile der Gottesname JHWH ("der Herr"). Jede der drei Zeilen besteht aus zwei Segenswünschen: Der jeweils erste hebt Gottes Tun hervor: Gott soll segnen, sein Angesicht leuchten lassen und sein Angesicht erheben. Der jeweils zweite Wunsch beschreibt eine Folge für den Beter: Der Herr segne dich so, dass du behütet bist. Er lasse sein Angesicht über dir erstrahlen, so dass du seine Gnade spürst. Er hebe sein Angesicht zu dir, schaue dich an, so dass du in vollkommenem Frieden und Wohlsein bist. Der Segen schwillt dabei immer mehr an: Er hebt an mit drei Wörtern, geht weiter mit fünf und endet mit sieben Wörtern, fünfzehn insgesamt.

"Freuen sollen sich und jubeln Völkerschaften"

Im Psalter wird das poetische Spiel des Priestersegens immer wieder aufgenommen und nachgemacht. So nimmt der Aufstiegspsalter ("Wallfahrtspsalter") Pss 120–134 mit seinen fünfzehn Psalmen die fünfzehn Wörter des Segens auf. Der Segen beginnt mit "segnen" (Num 6,24) und endet auf "Frieden" (Num 6,26). Der Aufstiegspsalter beginnt mir "Frieden" (Ps 120,6-7; 122,6-8) und endet auf "segnen" (Ps 133,3; 134,1-3). Der Beter beginnt mit Sehnsucht nach Frieden (Ps 120), aber je näher er zum Heiligtum kommt, desto mehr weicht die Friedenssehnsucht dem entgegenkommenden Segen.

In ähnlicher Weise nimmt nun auch Ps 67 den Priestersegen auf, in Inhalt und poetischer Form:

1 Für den Musikmeister: Auf Saiteninstrumenten, ein Instrumentallied, Gesang.

2 Gott sei uns gnädig und segne uns! | Er lasse leuchten sein Angesicht bei uns, Sela
3 damit man erkenne auf Erden deinen Weg,   |   bei allen Nationen dein Heil.

4 Danken sollen dir Völker, Gott, | danken sollen dir die Völker alle!
5 Freuen sollen sich und jubeln Völkerschaften,   |   denn du wirst richten Völker in Geradheit | und Völkerschaften auf Erden wirst du geleiten. Sela

6 Danken sollen dir Völker, Gott | danken sollen dir die Völker alle!
7 Die Erde gab ihren Ertrag. | Es segne uns Gott, unser Gott!
8 Es segne uns Gott,  | dass ihn fürchten alle Enden der Erde!

 

Der Psalm sagt nicht wie der Priestersegen dreimal JHWH, sondern sechsmal "Gott", will er doch den Gott Israels, JHWH, als Gottheit für alle Völker vorstellen. Die Außenglieder sprechen über Gott in der 3. Person (V. 2 und 7-8). Dennoch gliedern sich die Strophen nicht nur nach der Sprechrichtung, sondern die erste Strophe (V. 2-3) beginnt in der 3. Person über Gott, um dann in V. 3 ins Du überzugehen. V. 3 kann aber von V. 2 nicht abgetrennt werden, weil der Damit-Satz V. 3 von V. 2 syntaktisch abhängig ist und ihn begründet. Alle drei Strophen enden auf eine derartige Begründung: V. 3 "damit", V. 5 "denn", V. 8 "dass".

So leitet also die erste Strophe V. 2-3 vom Er ins Du über und umgekehrt die letzte wieder zurück vom Du (V. 6) ins Er (V. 7-8). Die mittlere Strophe spricht Gott durchweg an. Die V. 4 und 6 leiten gleichlautend die zweite und die dritte Strophe ein. Es ist unübersehbar, dass die Außenglieder V. 2 und V. 7b-8 den Aaronitischen Segen zitieren. In dem so gegliederten Psalm hat die erste Strophe vier Halbstichen (= Halbzeilen), die zweite fünf und die dritte sechs, insgesamt fünfzehn. Die 4+5+6, insgesamt 15 Halbstichen ahmen die 3+5+7 Wörter, in der Summe 15, des Priestersegens nach. Auch der Segenswunsch des Psalms schwillt immer mehr an.

"... denn du wirst richten Völker in Geradheit"

Die Kombination von "Instrumentallied" und "Gesang" vereint die Psalmengruppe Pss 65–68:

1 Für den Musikmeister: Auf Saiteninstrumenten, ein Instrumentallied, Gesang.

Die erste Strophe zitiert zunächst den ersten, vierten und dritten Wunsch des Priestersegens:

2 Gott sei uns gnädig und segne uns!   |   Er lasse leuchten sein Angesicht bei uns, Sela
3 damit man erkenne auf Erden deinen Weg,   |   bei allen Nationen dein Heil.

Der erste Wunsch des Priestersegens ("er segne") ist hier gerahmt vom dritten ("er lasse leuchten") und vierten ("sei gnädig"). Wenn Gott sein Volk mit strahlendem Gesicht anschaut, dann weiß es, dass er ihm gnädig ist und es segnet mit allen Gütern, die es braucht. Israel betet, Gott möge seinen Priestersegen am Volke Israel erfüllen, damit "auf Erden", d.h. "bei allen Nationen", sein Heil sichtbar wird. Gottes Handeln an Israel ist im ganzen Alten und Neuen Testament die Offenbarung dieses Gottes vor der Welt und für die Menschheit. Die Menschen können am Ergehen Israels Gottes "Weg" erkennen, sein gerechtes Vorgehen (vgl. Gen 18,19), und sein "Heil", das er seinem Volk schenkt und auch den Nationen schenken will, wenn sie sich zu ihm kehren. Sie sollen erkennen, dass Israel das Sakrament ist, durch das sich Gott allen Nationen zu erkennen geben will (vgl. Gen 12,1-3).

4 Danken sollen dir Völker, Gott,   |   danken sollen dir die Völker alle!
5 Freuen sollen sich und jubeln Völkerschaften,   |   denn du wirst richten Völker in Geradheit   |   und Völkerschaften auf Erden wirst du geleiten. Sela

Nicht nur Israel soll jubeln über den Segen Gottes, sondern alle Völker, wenn sie am Segen Israels erkennen, dass Gott lebensfördernde Ordnung schafft. Wenn sich die Völker diesem Gott Israels anvertrauen würden, könnten sie sein gerechtes, wörtlich: "gerades" Rechtschaffen erfahren. Die alten Babylonier sagten von ihrem Sonnengott Schamasch, der auf der Hammurabistele (18. Jh. v. Chr. im Louvre) dem König Hammurabi das Gesetz und die Rechtsverwaltung übergibt dannum enscham ana la chabalim, "auf dass der Starke den Schwachen nicht schädige". So regiere der für die Gerechtigkeit zuständige Sonnengott in mischaru "Geradheit", weil die Stärke des Rechts das Recht des Stärkeren verhindert. Das sagt unser Psalm vom Gott Israels aus: Er lässt die wahre "Sonne der Gerechtigkeit" (Mal 3,20) aufgehen. Wenn die Völker sich dem Gott Israels anvertrauen würden, wie Israel es schon tut, dann würden sie die Erfahrung machen, dass Gottes Regierung und Lenkung Grund zum Danken (zweimal), zur Freude und zum Jubeln sind (V. 4-5).

"Danken sollen dir die Völker alle"

Mit der dritten Strophe schwillt das Gedicht auf sechs Halbstichen an:

6 Danken sollen dir Völker, Gott,   |   danken sollen dir die Völker alle!
7 Die Erde gab ihren Ertrag.   |   Es segne uns Gott, unser Gott!
8 Es segne uns Gott,   |   dass ihn fürchten alle Enden der Erde!

V. 6 wiederholt wörtlich V. 4 und eröffnet wie dort die Strophe. "Die Erde gab ihren Ertrag", das Erdreich allgemein oder spezifisch "das Land" Israel. Die Tatsachenfeststellung "die Erde gab ihren Ertrag" ist ein konkretes Beispiel dafür, dass Gottes Segen in Israel wirksam ist. An die Tatsachenfeststellung schließt der Beter dann eine Bitte an: "Es segne uns Gott, dass ihn fürchten alle Enden der Erde" – möge sich doch die Segnung Israels endlich auch auswirken in der Bekehrung aller Nationen zum wahren Gott!

Dass alle Nationen "dein Heil", das Heil Gottes erkennen sollen (Ps 67,3) ist das zentrale Motiv, an dem Lukas sein Doppelwerk aus Evangelium und Apostelgeschichte aufspannt: Gleich eingangs schaut der greise Simeon in Christus "dein Heil" (Lk 2,30), der Täufer proklamiert es in Lk 3,6 mit einem Jesajazitat. Und ganz am Ende der Apostelgeschichte, in Apg 28,28 sagt Paulus den führenden Juden von Rom, dass "das Heil Gottes" jetzt auch zu den heidnischen Nationen gesandt sei, die durch Pauli Wirksamkeit den Gott Israels als den wahren Gott erkennen.

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