Psalm 66 - "Geht und seht Gottes Werke!"Der Psalter als Buch des Messias

Die religiöse Überlieferung der Bibel erzählt von mächtigen Rettungstaten Gottes. Nur wenn der einzelne Gläubige mit seiner Erfahrung daran anschließen kann, wird sein ererbter Glaube zu einem persönlichen wie bei dem Beter von Ps 66.

Bibel
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Psalm 65 endete "Sie können einander zuschmettern, ja singen". Der heute zu betrachtende Ps 66 nimmt das auf und hebt an: "Schmettert für Gott!". Ps 65 begann mit dem Erfüllen von Gelübden, Ps 66,13 nimmt das auf. Der Psalm schließt an seinen Vorgänger an. Die Überschrift kombiniert "Instrumentallied" und "Gesang", wie es die ganze Gruppe der Pss 65–68 tut.

1 Für den Musikmeister: Gesang eines Instrumentallieds.

Die erste Strophe spricht die Völker der Erde an und fordert sie auf, Gott zu verherrlichen, da er in der Geschichte große Wunder getan hat:

Schmettert für Gott, alle Erde!
2 Spielt die Ehre seines Namens! Macht zur Ehre sein Lob!
3 Sagt zu Gott: "Wie ehrfurchterregend sind deine Taten! Ob der Fülle deiner Macht müssen schmeicheln dir deine Feinde.
4 Alle Erde soll sich niederwerfen vor dir, sie sollen spielen dir, sie sollen spielen deinem Namen!" Sela
5 Geht und seht Gottes Werke! Ehrfurchterregend ist’s, sein Tun an den Menschenkindern:
6 Er verwandelte das Meer zu Trockenem, den Strom konnten sie durchqueren zu Fuß, dort konnten wir uns an ihm freuen!
7 Er herrscht in seiner Stärke auf ewig, seine Augen spähen auf die Nationen, die Widerspenstigen sollen sich bloß nicht überheben! Sela
8 Preist, ihr Völker, unsern Gott, lasst hören den Schall seines Lobes!
9 Der uns als Personen ins Leben versetzt hat, und unseren Fuß nicht wanken ließ.

"Ja, du hast uns geprüft, Gott, hast uns geläutert, wie man Silber läutert"

Acht Imperative durchziehen diese Strophe. Die Menschheit soll erkennen, was Gott an Israel getan hat und ihn dafür preisen. Mit vier Imperativen in den V. 1b-3a fordert der Dichter die Nationen auf, Gottes Größe anzuerkennen, und in den V. 3-4, ein Bekenntnis zu ihm abzulegen. In V. 5 fordert der Dichter die Menschheit auf, Gottes Wirken in der Geschichte Israels zu erkennen: V. a. dem Durchzug durch das Rote Meer, wie Ex 14 ihn erzählt (V. 6), vielleicht auch des Jordans in Jos 3, der zwar nie "Strom" genannt wird, allerdings sieht Israel die beiden Wunder als Einheit (Ps 114,3.5) – und so sollen auch die Völker es sehen, wie Josua sagt:

21 Er sagte zu den Israeliten: Wenn eure Söhne morgen ihre Väter fragen: Was bedeuten diese Steine?, 22 dann sollt ihr sie belehren: Hier hat Israel trockenen Fußes den Jordan durchschritten; 23 denn der Herr, euer Gott, hat das Wasser des Jordan vor euren Augen austrocknen lassen, bis ihr hindurchgezogen wart, genau so wie es der Herr, euer Gott, mit dem Roten Meer machte, das er vor unseren Augen austrocknen ließ, bis wir hindurchgezogen waren. 24 Daran sollen alle Völker der Erde erkennen, dass die Hand des Herrn stark ist, und ihr sollt allezeit den Herrn, euren Gott, fürchten (Jos 4,21-24).

Sicher durch Gefahren hindurchgekommen, konnte Israel sich freuen. Der Beter sagt "wir" und schließt sich mit den früheren Generationen zu einer Einheit zusammen. Auch später, als Israel im Gelobten Land war, zeigte sich Gott als Herrscher, der die Nationen im Auge behielt und nicht zuließ, dass sie sich gegen ihn und seinen Willen empören. Nach den beiden Imperativen in V. 5 schließen weitere zwei in V. 8 die Strophe ab. Das Wort nefesch (hier: "Personen") meint Lebewesen mit einem Lebenswillen. Als solche hat Gott die Israeliten aus allen Gefahren gerettet und ihr Leben erhalten, ihren Lebensweg gelingen lassen (V. 9).

In der zweiten Strophe wendet sich der Beter, der immer noch im Wir seines Volkes als Sohn Israels spricht, Gott zu und redet ihn an:

10 Ja, du hast uns geprüft, Gott, hast uns geläutert, wie man Silber läutert.
11 Du ließest uns hineinkommen in eine Zwingburg, setztest Drangsal auf unsere Hüften,
12 ließest Menschen unser Haupt überfahren, wir kamen ins Feuer und ins Wasser, doch du hast uns herausgeführt in den Überfluss.

"Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir"

Der Beter weiß auch von schweren Zeiten in der Geschichte seines Volkes. Diese möchte er lieber nicht den Völkern erzählen, sondern davon redet er nur zu Gott. Gott hat sein Volk in das Babylonische Exil geraten lassen (2 Kön 25). Der Dichter scheint auf Ez 19,9 anzuspielen:

Sie brachten ihn [den König von Juda] mit Haken in einen Käfig zum König von Babel, sie brachten ihn in Zwingburgen [hebr. meṣodot, griech: phylake], damit man seine Stimme nicht mehr höre auf Israels Bergen.

Der Beter spricht also mit der Zwingburg die babylonische Gefangenschaft seines Volkes an, mit den Drangsalen auf der Hüfte entweder Ketten oder die Schmerzen der Fronarbeit. Über unterlegene Schlachtreihen fuhren die Kriegswagen der Sieger hinweg – so lag Israel am Boden. Es ist, als ob der Dichter im Folgenden den Propheten Jesaja im Sinn hätte:

Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen (Jes 43,2).

Gott hat sein Volk, so erinnert sich der Beter, durch extreme Lebensgefahr hindurchgerettet in neuen Überfluss. In der dritten Strophe wechselt der Beter vom Wir seines Volkes ins Ich seiner Person. Wie in der zweiten spricht der Beter auch in der dritten Strophe Gott an, aber jetzt handelt er von seiner persönlichen Erfahrung mit Gott, die er an die biblische Volksüberlieferung anschließt:

13 Ich will kommen in dein Haus mit Brandopfern, will erfüllen dir meine Gelübde.
14 zu denen sich auftaten meine Lippen und redete mein Mund, da’s mir eng war.
15 Brandopfer von Fettschafen will ich dir opfern, mit dem Rauch von Widdern; ich will dartun Rinder mit Böcken! Sela

Mit "ich will kommen" (V. 13) schließt diese Strophe direkt an das "kommen lassen" (V. 11) und "kommen (V. 12) der zweiten Strophe an. Auch gilt die Gottesanrede von V. 10 in dieser Strophe weiter, da sie Gott nicht eigens nennt. Zugleich aber ist sie durch die Rahmung mit "Brandopfer" (V. 13) und "Brandopfer opfern" (V. 15) auch als eigene Einheit abgegrenzt.

Der Beter will in den Tempel gehen, um mit Brandopfern ein Gelübde zu erfüllen, das er ablegte, als er in eine nicht weiter ausgeführte Bedrängnis geraten war. Er hat Brandopfer gelobt (Lev 1; 22,18; Num 15,3) als öffentliche Demonstration, dass Gott ihm geholfen hat (vgl. die Votivtafeln an Wallfahrtsorten). Er will mit einer öffentlichen Liturgie Zeugnis für Gottes Güte ablegen. Er lässt sich die Sache etwas kosten, denn Fettschafe, Widder gar (vgl. Lev 8,2.18-22), Rinder und Ziegenböcke sind kostspielige Gaben. Ein Widder kann als Ganzbrandopfer dargebracht werden, von dem nichts gegessen wird (Ex 29,18), aber auch als Schlachtopfer (Lev 3), von dem der größte Teil von der Festversammlung gegessen wird (Ex 29,32). Ziegenböcke werden meist als Sündopfer dargebracht (Num 7,87; Esr 6,17). Dank- und Sündopfer (Lev 7) sind Schlachtopfer, die größtenteils gegessen werden. Bei einem Dankopfer legt der, der es darbringen lässt, öffentlich Zeugnis ab für Gottes Wohltaten. Unser Text spricht nur vom Ganzbrandopfer – direkt bezogen auf die Fettschafe. Allerdings kann das "mit" so verstanden werden, dass die Widder, Rinder und Böcke anschließend als Schlachtopfer dargebracht werden (Delitzsch, Psalmen 438).

"Gepriesen sei Gott, der nicht abgetan hat mein Flehen"

In der letzten Strophe kehrt der Beter wieder in die Anrede von Menschen zurück, diesmal der gottesfürchtigen Israeliten, vor denen er Zeugnis für Gottes Erhörung ablegen will. Diese Strophe bildet also mit der ersten eine Klammer um die beiden mittleren, die Gott anredeten. Die beiden Imperative in V. 16 ("geht, hört!") vervollständigen die acht Imperative der ersten Strophe zur Zehnzahl, einem Symbol für Vollständigkeit.

16 Geht, hört, dass ich erzähle, alle Gottesfürchtigen, was er getan hat mir persönlich!
17 Zu ihm mit meinem Mund habe ich gerufen und Erhebendes war unter meiner Zunge.
18 Hätte ich es auf Übles abgesehen in meinem Herzen, würde mein Herr mich nicht erhören.
19 Jedoch hat Gott gehört, hat geachtet auf mein Flehen.
20 Gepriesen sei Gott, der nicht abgetan hat mein Flehen und seine Loyalität von mir.

Wie die erste Strophe "geht, seht" (V. 5) und "lasst hören Schall" (V. 8) sagt, so auch diese: "geht" (V. 16), "hören" (V. 16, 18, 19) und "Schall" (V. 19). Von Ehrfurchtgebietendem hatte die erste Strophe gesprochen (V. 3, 5), von solchen, die Gott "fürchten" spricht die letzte (V. 16). Die erste und diese vierte Strophe reden zu Menschengruppen ("alle" in V. 1, 4, 16) über "Gott", der dort und hier je viermal genannt wird. Die beiden mittleren Strophen zusammen (V. 10-12 und 13-15) nennen Gott nur einmal in V. 10, da er ja dann permanent als Du angeredet wird.

Was Gott für den Beter "persönlich" getan hat (nefesch wie V. 9), will er erzählen. Er hatte Gott um Hilfe angerufen und war sich der Erhörung so sicher, dass er schon das erhebende Danklied "unter der Zunge", also zum Gesang bereitliegen hatte. Wäre sein Gebet mit unlauteren Absichten vermischt (zu "beabsichtigen" für "sehen" vgl. Gen 20,10), würde Gott ihn nicht erhören (V. 18). Aber er hat ihn erhört, weil die Bitte lauter war (und nicht etwa wegen des Gelübdes). Und so schließt er sein Gebet mit "gepriesen sei Gott", wie er auch die erste Strophe beendet hatte (V. 8: "preist Völker!"), denn Gott hatte speziell sein Gebet nicht abgetan und ganz generell an seiner Loyalität zum Beter festgehalten. So deckt sich seine persönliche Erfahrung mit Gott mit der seines Volkes, wie sie die Bibel erzählt.

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