Der heute zu betrachtende Psalm 65 ist ein Lobhymnus auf Gott, der Menschen in seine Nähe ruft (I), das ganze All im Griff hat (II) und sich dabei liebevoll um das Kleinste kümmert (III).
Das Stichwort "Gesang" aus der Überschrift bildet mit dem letzten Wort des Psalms ("singen") eine Klammer um das ganze Gedicht.
1 Für den Musikmeister: Instrumentallied von David, ein Gesang.
Der Psalm teilt sich in drei Strophen, die alle am Anfang eine Gottesanrede haben: zunächst in V. 2, dann in V. 6 "Gott – Erde" und in V. 10 "Erde – Gott". Die Strophen II und III stellen Gott dar als einen, der die gesamte Erde, ja Welt beherrscht und sich dann aber auch um den kleinsten Erdflecken des Landes Israel wunderbar kümmert. Dreimal wird das Wort "Gott" so im Psalm genannt.
2 Dir ist Schweigen ein Lobgesang, Gott auf dem Zion, und dir erfüllt man Gelübde.
3 (Du, der) hört auf Flehgebet, alles Fleisch - zu dir dürfen sie kommen.
4 ist das Schuldregister zu mächtig für mich geworden, unsere Frevel – du wirst sie bedecken.
5 Selig, den du erwählen und in deine Nähe holen willst, dass er wohne in deinen Höfen!
Wir wollen uns sättigen am Gut deines Hauses, an der Heiligkeit deines Tempels!
Traditionell wurde im Christentum der Anfang des Psalms übersetzt mit "Dir gebührt Lobgesang, Gott auf dem Zion!" (Einheitsübersetzung von 1980). Im Requiem, wie z. B. Mozart es grandios vertont hat, lautet der lateinische Text eben so: Te decet hymnus, Deus in Sion. Die neue Einheitsübersetzung von 2016 überträgt aber jetzt "Dir ist Schweigen Lobgesang". Woher kommt der Unterschied? Im Hebräischen werden gewöhnlich nur Konsonanten geschrieben. Und hier steht dmjh. Die vorchristliche griechische Übersetzung der Bibel ("Septuaginta") vokalisierte das als domijah = gebührt. Wahrscheinlich war das sogar die ursprüngliche ältere Leseweise.
"Dir wird schweigendes Lob"
Der Parallelismus sagte dann einst: Lobgesang und Gelübdeerfüllung sind die rechte Gottesverehrung. Als die verschiedenen Psalmen aber zu einem Buch zusammengefügt wurden, wurden die Gedichte untereinander "verkettet" mit Stichwörtern (z. B. Ps 130,7 und 131,3 oder Ps 134,1 und 135,1-2). Hier sollte offenbar Ps 65,2 verknüpft werden mit Ps 62,2, wo dasselbe Wort steht. So übersetzte schon der Kirchenvater Hieronymus um 400 n. Chr.: Tibi silens laus – Dir wird schweigendes Lob. Tatsächlich ist ja Gebet nicht etwa plapperndes Reden (Mt 6,7), sondern schweigendes Hören auf Gott, Meditation in der Stille. Entsprechend wird Gott auch nicht durch das Aussprechen von Gelübden geehrt, sondern durch deren tätige Erfüllung.
Der Beter spricht Gott dann an als "Hörer des Gebets!" – gleichviel, ob dieses laut gerufen oder leise gemurmelt wird. "Fleisch" bezeichnet in der Bibel den ganzen Menschen (nicht nur den Körper!) insofern er ein hinfälliges, sterbliches Wesen ist. Alle Sterblichen, auch die nichtisraelitischen, wollen und dürfen früher oder später Gottes Nähe suchen, weil nur bei ihm Hilfe zu finden ist. Wenn immer das Register meines Schuldigwerdens zu umfangreich wird, ja unser aller Rebellionen – bei Gott finden wir Vergebung, er wird sie "bedecken". Im kultischen Zusammenhang wird dieses Wort "bedecken" kapper, mit dem auch der "Deckel" der Bundeslade bezeichnet wird (kapporet: Ex 25,17-22; Lev 16,2.13-15), zum "Sühnen", der Deckel zur "Sühneplatte" (Röm 3,25). Der Jom Kippur ist der "Tag des Bedeckens", der "Sühnetag". Gott wird unsere Sünden bedecken, "sühnen".
Das hier in V. 4 übermächtig gewordene Schuldregister steht in V. 7 einem mit "Macht" gerüsteten Gott gegenüber. V. 5 preist alle selig, die losgesprochen und begnadigt von Gott erwählt werden, in seine Nähe zu kommen, bei ihm, in den Vorhöfen des Tempels Wohnung zu nehmen. Dazu erwählt sind in Israel zuerst die Priester und Leviten, in der Menschheit aber speziell die Israeliten, die jederzeit Zutritt zum Tempel von Jerusalem haben, um Gottes Nähe zu suchen. Der Beter spricht für eine Gruppe im "Wir" und äußert in V. 6 den Wunsch sich am Gut des Tempels, am Heiligen sättigen zu dürfen.
"Da fürchteten sich die Bewohner der Enden"
Im Blick sind hier einerseits das Opfermahl im Gotteshaus, aber dann insgesamt die festliche Liturgie, die Ohr und Auge sättigt. In Israel sind diese, die sich im Tempel sättigen dürfen, zunächst wieder die Priester und Leviten, in der Menschheit aber zuerst die Israeliten. Auf Dauer jedoch soll die ganze Menschheit Zutritt erhalten (Jes 56,1-8).
Die zweite Strophe weitet nun den Blick auf die äußersten Enden der Erde; bevor die dritte ihn wieder zusammenzieht auf einen Flecken, sollen doch alle Menschen aus der weiten Welt in Gottes Nähe gezogen werden. Die zweite Strophe setzt wieder mit einer Nennung Gottes ein und nennt auch die Enden der Erde. Gerahmt wird diese Strophe in V. 6 mit "Ehrfurchtgebietendes – Enden" und "sie fürchten sich – Enden" in V. 9.
6 Ehrfurchtgebietendes in Gerechtigkeit wirst du uns antworten, Gott unserer Rettung, Vertrauensgrund aller Enden der Erde und des Meeres der Fernen!
7 (Du bist einer, der) bereitstellt Berge in seiner Kraft, gerüstet mit Macht,
8 (einer, der) stillt das Tosen der Meere, das Tosen ihrer Wellen und den Lärm von Völkern.
9 da fürchteten sich die Bewohner der Enden, vor deinen Zeichen, die Aufgänge von Morgen und Abend lässt du jubeln.
Der "Erhörer von Gebeten" (V. 3) antwortet mit ehrfurchtgebietenden Taten. Dies tat er, als er Israel durch das Rote Meer führte:
"Als Israel sah, dass der Herr mit mächtiger Hand an den Ägyptern gehandelt hatte, fürchtete das Volk den Herrn. Sie glaubten an den Herrn und an Mose, seinen Knecht" (Ex 14,31)
"In Gerechtigkeit" antwortet der "Gott der Rettung" auf Gebete, denn seine Gerechtigkeit ist Rettung, rettende Gerechtigkeit (Jes 56,1). Er rettet, indem er Recht schafft, vor allem den Schwachen und Armen. Und so hofft nicht nur sein Volk Israel auf ihn, "alle Enden der Erde" werden ihn erkennen und auf ihn vertrauen, ja selbst die Völker in der Ferne, jenseits des Meeres. Denn Gott ist ja nicht nur der Gott Israels, sondern als Schöpfer der Welt ist er der Gott aller Völker (Ps 24,1-2; Röm 3,29). Als Allmächtiger, "mit Macht gerüstet" (V. 7) hat er mit seiner Kraft die gewaltigen Berge hingestellt und beherrscht auch das Tosen des Meeres, das einerseits als Chaosmacht gemeint ist wie einst die Sintflut.
Andererseits ist aber das chaotische Tosen der Meere auch ein Bild für das menschengemachte Chaos der Völker in Kriegen und Revolutionen (V. 8; vgl. Ps 46,4.7). Gott behält alles in der Hand. Wenn die Völker bis zu den Enden der Erde das erkennen, werden sie sich "fürchten", in Ehrfurcht Gottes "Zeichen" und Wunder erkennen. Dann wird überall, vom Morgenland bis zum Abendland, und immer, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Gottes Lob erschallen (V. 9).
"Gekrönt hast du das Jahr mit deiner Güte"
Die dritte Strophe redet eingangs wieder "Gott" an und spricht von der "Erde" (V. 10) wie eben schon V. 6. Aber nun meint die "Erde" nicht mehr die ganze Welt, sondern das Erdreich des Landes Israel. Der Blick des Psalmisten verengt sich wieder aus der Ferne in die Nähe:
10 Gekümmert hast du dich um das Erdreich/Land, es überströmen lassen, mit Fülle hast du es reich gemacht.
Ein Kanal Gottes ist voll von Wasser, du stellst bereit ihr Korn, ja so recht stellst du es bereit:
11 Seine Furchen bewässernd, senkend seine Schollen, mit Nieselregen kannst du es aufweichen, sein Gewächs willst du segnen.
12 Gekrönt hast du das Jahr mit deiner Güte, und deine Spuren triefen von Fett.
13 Sie triefen, die Auen der Steppe, und mit Jauchzen umgürten sich Hügel.
14 Es kleideten sich Weiden mit Herden und Täler können sich hüllen in Getreide. Sie können einander zuschmettern, ja singen.
Der Beter betrachtet das Land Israel, das durch Gottes liebevolle Fürsorge im Frühjahr und Sommer Flora und Fauna aufblühen lässt. Gott wird in dieser Strophe vor allem als Spender von Regen und Fruchtbarkeit dargestellt. Man stellte sich damals vor, dass das Süßwasser des Himmelsozeans durch das Gewölbe des Firmaments hindurch in den Luftraum über der Erde geleitet wird und so als Regen niedergeht. So heißt es in Ijob 38,25f:
Wer grub der Regenflut eine Rinne, einen Weg für das Donnergewölk, um Regen zu senden auf unbewohntes Land?
Was die alten Kanaanäer dem Gott Baal zuschrieben, singt Israel von seinem Gott: Er bewässert durch diesen Gotteskanal reichlich das Land Israel (Dtn 11,11f.). Gott macht das Erdreich des Landes durch Frühjahrsregen bereit, die Saat aufzunehmen und Frucht zu tragen. Er füllt die aufgegrabenen Furchen mit Wasser und die aufgeworfenen Schollen löst er durch Bewässerung auf. Die "Spuren", von denen V. 12 spricht, sind die des mythischen Wolkenwagens, auf dem Gott einherfährt und Regen ausspendet (Dtn 33,26; Ps 18,10f.). Die wassergetränkte Erde gleicht einem Fettschwamm. Gott lässt reiche Ernte erwarten und krönt so das Jahr mit seiner Güte, mit Gütern, deren Erstlingsabgaben an den Tempel (V. 5; vgl. Dtn 26,1ff.; Neh 13,10ff.) dort Festfeiern ermöglichen. Eine herrliche Landschaft zeigt sich: Auen – Hügel – Weiden – Täler (V. 13-14). Die Natur kann feiern, indem sie sich festlich "kleidet" mit Herden und Saaten. So jubelt die Natur und mit ihr die Menschen, die im Wechsel aufeinander zu singen.