Schlechtes Gerede ist eine derart allgemeine Plage, dass die Überschrift dieses Problem keiner bestimmten Situation im Leben Davids zuweist – es kommt eben ständig vor.
1 Für den Musikmeister: Instrumentallied von David.
David ruft in V. 2-3 zu Gott – zunächst einfach um Gehör in einer Sorge, die ihn umtreibt, und schließt sogleich eine Rettungsbitte an.
2 Höre, Gott, auf meine Stimme in meiner Sorge, vor Feindesschrecken bewahre mein Leben!
3 Verbirg mich vor der Intrige von Bösewichtern, vor dem Krawall von Übeltätern,
David sieht, dass an seinem Hof und im ganzen Land Intrigen, Machenschaften, Mobbing herrschen und die soziale Ordnung untergraben. Er macht sich Sorgen um sich selbst und das gesellschaftliche Leben insgesamt. Er grübelt darüber nach und bittet Gott, zunächst einmal ihn selbst unbeschädigt herauskommen zu lassen. Sein eigenes Ich kommt aber nur hier in V. 2-3 vor. Die folgenden V. 4-7 beschreiben nicht nur ein persönliches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Das hebräische Wort siach ("Sorge") bezeichnet eher ein Denken und Grübeln (wie v. a. Ps 77,4.7.13), das hier allerdings schon zur Äußerung drängt ("Stimme").
"Plötzlich werden sie auf ihn schießen und sich nicht fürchten"
David möchte sein Leben nicht von Hetze getrieben verbringen müssen. Er bittet Gott, er möge ihn in Schutz nehmen, ihm Deckung geben gegen Intrigen und künstlichen Krawall. "Feinde" – "Bösewichter" – "Übeltäter" ist die Dreierreihe in V. 2-3. Die ersten haben es auf konkrete Menschen abgesehen, in diesem Fall auf David. Den letzteren aber geht es um Böses und Übel an sich. Sie wollen einfach nur schaden – egal wem. V. 4 schließt nun mit der Relativpartikel "die" den ganzen folgenden Abschnitt V. 4-7 als Relativsatz an die V. 2-3 an. Sie reden nun nicht mehr von Davids Ich, sondern von einem viel allgemeineren Übel, das alle betrifft: wie Mobbing und übles Gerede alle anständigen und unbescholtenen Menschen fertig machen will und kann.
4 die gewetzt haben wie ein Schwert ihre Zunge, aufgespannt haben ihren Pfeil, bittere Rede!
5 Um zu schießen im Verborgenen auf den Rechtschaffenen. Plötzlich werden sie auf ihn schießen und sich nicht fürchten.
6 Sie wollen sich bestärken zu böser Rede, erzählen davon, Fallstricke zu verstecken, sie sagten: wer wird ihnen zusehen?
7 Sie wollen Freveltaten planen: "Wir haben‘s geschafft! Der Plan ist durchgeplant!" So ist das Innere eines Mannes und das Herz abgrundtief!
"Wer seine Lippen zügelt, ist klug"
Die Waffe der Bösewichter ist ihre Zunge, ihre Rede. Die Zunge machen sie scharf und verletzend wie ein Schwert – eine Nahkampfwaffe. Ihr Bitternis schaffendes Gerede ist ein Pfeil, eine Fernkampfwaffe, die überall hinkommt und alles vergiftet. Wie in Ps 58,8 spricht der Dichter verkürzend vom "tretenden Spannen des Pfeils". Genaugenommen wird der mannsgroße Bogen unten mit dem Fuß getreten und oben herabgedrückt, damit sich die Sehne mit dem aufgelegten Pfeil zum Abschuss nach hinten ziehen lässt. Schwert und Pfeil sind hier Bildrede. Gemeint ist in Wirklichkeit die verletzende Rede. Dass des Menschen Zunge ein Hauptproblem im gesellschaftlichen Zusammenleben ist, ist ein permanentes Thema der altisraelitischen Weisheit:
Spr 10,19: Bei vielem Reden bleibt die Sünde nicht aus, wer seine Lippen zügelt, ist klug.
Spr 12,6: Die Reden der Frevler sind ein Lauern auf Blut, die Redlichen rettet ihr Mund.
Sir 5,13: Ehre und Verachtung liegen im Geschwätz, die Zunge des Menschen bringt ihn zu Fall.
Sir 20,18: Besser ein Ausgleiten auf dem Boden als mit der Zunge.
Jak 3,5-8: So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied und rühmt sich großer Dinge. Und siehe, wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt. 6 Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge ist es, die den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt; sie selbst aber wird von der Hölle in Brand gesetzt. 7 Denn jede Art von Tieren, auf dem Land und in der Luft, was am Boden kriecht und was im Meer schwimmt, lässt sich zähmen und ist vom Menschen auch gezähmt worden; 8 doch die Zunge kann kein Mensch zähmen, dieses ruhelose Übel, voll von tödlichem Gift.
Schlimmer noch als ein verletzendes Wort direkt ins Angesicht des Gegenübers ist Geschwätz "hinten herum", heimlich und hinterhältig. So "schießen sie im Verborgenen auf den Rechtschaffenen" (V. 5) – irgendetwas wird schon hängenbleiben. So wird gesellschaftliches Vertrauen zerstört. Die Täter "fürchten sich nicht" (V. 5) – weder vor Gott noch den Menschen, da entweder Anonymität sie schützt oder sie in Andeutungen reden, bei denen man sie nicht festnageln kann. Nicht selten finden zwei oder mehrere Menschen nur dadurch zusammen, dass sie gegen einen Dritten ablästern können: "Sie wollen sich bestärken zu böser Rede" (V. 6). Freundschaften entstehen so zwar nicht, wohl aber Komplizenschaften. Schlechtes Gerede gleicht unsichtbaren Fallstricken, schleichendem Gift. Die Täter glauben, ihre Urheberschaft bliebe verborgen (V. 6), sie verstecken sich in der Anonymität, zugleich wissen sie, dass sie sehr wohl aktiv geplant haben (V. 7). Letzte Quelle der Bosheit – das weiß David – ist das Herz des Menschen (V. 7). Vom Menschenherzen haben weder die altisraelitischen Lehrer noch Jesus eine gute Meinung:
Gen 6,5: Der Herr sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.
Koh 8,11: Wo keine Strafe verhängt wurde, ist die Bosheit schnell am Werk. Deshalb wächst im Herzen der Menschen die Lust, Böses zu tun.
Jer 17,9: Arglistig ohnegleichen ist das Herz und unverbesserlich. Wer kann es ergründen?
Und Jesus selbst meint:
Mk 7,21-23: Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.
"Es freue sich der Gerechte am Herrn"
Das in V. 7 mit "Mann" übersetzte Wort, kann jeden Menschen bezeichnen. Das allgemeinere Wort für Mensch wird aber in V. 10 noch gebraucht.
In der zweiten Strophe folgt nun die Reaktion Gottes und die derer, die sich von Gott belehren lassen. David beschreibt vielfach gemachte Erfahrung der Vergangenheit und formuliert, was er jetzt für die Zukunft erwartet.
8 Da schoss Gott auf sie einen Pfeil. Plötzlich entstanden ihre Wunden.
9 Und man brachte den einzelnen zu Fall, indem ihre Zunge über sie kam. Es schütteln sich alle, die sie sehen.
10 Und es fürchteten sich alle Menschen und kündeten die Tat Gottes und sein Werk verstanden sie.
11 Es freue sich der Gerechte am Herrn und suche Zuflucht bei ihm, und es sollen sich rühmen alle Redlichen von Herzen.
Der Dichter arbeitet mit Palindromien ("Rücklauf": ABC C’B’A‘) und Chiasmen (AB B’A‘). Die alliterierende Serie "schießen" (jrh) – "fürchten" (jrʼ) – "sehen" (rʼh) beginnt in
V. 5-6: schießen (plötzlich schießen) fürchten sehen
und wiederholt sich mit chiastischer Wiederaufnahme von "sehen" und "fürchten" in
V. 8-10: schießen (plötzlich) sehen fürchten
Die Serie "Täter" – "Zunge" – "Pfeil" von V. 3-4 wird palindromisch aufgenommen in V. 8-10 als "Pfeil" – "Zunge" – "Tat". Beide Serien enden in V. 7 und 11 auf "Herz". Parallel und chiastisch nimmt "Wort" – "böse" (V. 6) – "schaffen" (V. 7) aus V. 3-5 "böse" – "Wort" – "rechtschaffen" auf.
Der Gerechte und Redliche findet bei Gott Freude
Die Erfahrung lehrt, dass Intriganten und Mobber plötzlich selbst verwundet werden (V. 8) und zu Fall kommen durch ihr eigenes Geschwätz, das auf sie zurückfällt (V. 9). David erkennt darin Gottes gerechtes Handeln: Gott selbst schoss die Pfeile (V. 8) auf die, die auf andere geschossen haben (V. 5).
Unbeteiligte Beobachter finden sofort, dass es die Richtigen getroffen hat, und schütteln sich vor Hohnlachen (V. 9). Andere macht es nachdenklich, ja vorsichtig, "sie fürchten sich" (V. 10), weil sie erkennen, dass üble Nachrede keine Harmlosigkeit ist. Im Chiasmus sagt V. 10b, dass der Sturz der Intriganten "Gottes Tat und sein Werk" war (Innenglieder), sie verkündeten das, weil sie es verstanden hatten (Außenglieder).
V. 11 ermutigt abschließend alle, die sich vom üblen Gerede fernhalten: Der Gerechte und Redliche findet bei Gott Freude, Zuflucht und Triumph, denn am Ende triumphiert nicht Verlogenheit und Hinterlist, sondern Gerechtigkeit und Redlichkeit. Am Ende triumphiert Gott. Dreimal "Gott" in den V. 2.8.10, jeweils auch am Strophenbeginn, wird für die Gerechten und Herzensredlichen am Ende in V. 11 zu JHWH, dem Eigennamen des vertrauten Herrn.