Die Überschrift verortet Psalm 63 als Davids Gebet in der Wüste Juda:
1 Instrumentallied von David als er war in der Wüste Juda.
Viele denken an 1 Sam 24 und 26, als David vor Saul floh. Die Psalmstichwörter "Schwert" (V. 11), "Wüste/Steppe" (V. 1), "erschöpft" (V. 2) und die Sehnsucht des Beters nach dem Heiligtum (V. 3) verbinden den Psalm aber mit 2Sam 15-16, der Flucht König Davids vor seinem putschenden Sohn Abschalom in die Wüste Juda. 2 Sam 15:
14 Da sagte David …: Auf, wir müssen fliehen, denn für uns gibt es keine Rettung vor Abschalom. Beeilt euch mit dem Aufbruch, sonst kommt er … und schlägt die Stadt mit scharfem Schwert. … 23 Alle weinten laut, als die Leute (an David) vorüberzogen. Dann überschritt der König den Bach Kidron, und alle zogen weiter auf dem Weg zur Steppe. …25 Der König sagte zu Zadok: … Wenn ich vor den Augen des Herrn Gnade finde, dann wird er mich zurückführen und mich die Lade und ihre Stätte wiedersehen lassen. …28 Merkt euch: Ich werde an den Furten zur Steppe warten, bis von euch eine Nachricht kommt, die mir Bescheid gibt. …
2 Sam 16:
14 Erschöpft kam der König mit allen Leuten, die er bei sich hatte, an den Jordan;
"Es dürstete nach dir meine Kehle"
Der Beter von Ps 63 identifiziert sich in V. 12 als König. König David wird verfolgt, Feinde trachten ihm nach dem Leben, wörtlich: wollen ihm an den Hals (V. 10). Das Stichwort "Kehle" in den V. 2, 6, 9 und 10 gliedert das Gebet in vier Strophen: V. 2-3; 4-6; 7-9; 10-12. Die erste und vierte Strophe, je vier Zeilen, beginnen mit nefesch, die zweite und dritte, je drei Zeilen, enden auf nefesch. Die Anordnung ist chiastisch. Das hebräische Wort nefesch bezeichnet zunächst die "Kehle" als jenes Organ, durch das dem Menschen permanent Leben zugeführt werden muss (Atem, Essen, Trinken). Sodann meint nefesch das "Verlangen", das die Kehle in Hunger und Durst empfindet, und schließlich die "Lebenskraft", die durch die Kehle einströmt. Die Feinde wollen dem König an die Kehle, ans Leben (V. 10), seine Kehle aber dürstet nach Gott, sehnt sich nach ihm (V. 2), will sich an ihm satt trinken (V. 6) und schließlich in V. 9 für immer eng mit ihm verbunden bleiben.
2 Gott, mein Gott bist du, dich will ich (beim Morgenrot) suchen!
Es dürstete nach dir meine Kehle (Seele),
es schmachtete nach dir mein Fleisch
in trockenem Land und erschöpft ohne Wasser.
3 So habe ich im Heiligtum ausgeschaut nach dir,
zu sehen deine Macht und deine Herrlichkeit.
Auf der Flucht, fern vom Jerusalemer Zelt-Heiligtum (2 Sam 6,17), bleibt David doch mit Gott in sehnsuchtsvoller Erinnerung verbunden. Das erste Wort des Gebets ist "Gott" (elohim). Es rahmt das ganze Gedicht in V. 2 und 12. Das zweite Wort ist "mein Gott" (eli). Diese drei Nennungen Gottes sind Anfang und Ende des Gebets. Der Beter spricht Gott an und sagt dann: du bist mein Gott, du bist für mich zuständig, und ich weiß, dass du dich um mich kümmern wirst. Man mag ihm nach dem Leben trachten, ihn aus der Heimat vertreiben, das einzige Lebenselixier, das er wirklich braucht, ist Gott. Ihn will er suchen. Wie eine Kehle nach Wasser dürstet, so verlangte seine Seele immer schon nach Gott, brauchte ihn zum Leben (vgl. Ps 42,2). Das hier verwendete hebräische Wort für "suchen" (schachar) klingt in hebräischen Ohren wie das gleichlautende – aber nicht verwandte – Wort für die Morgenröte (schachar), so dass für einen Hörer oder Leser des Gebets eine frühmorgendliche Suche anklingt, so wie man Rechtshilfe bei Gott am Morgen sucht (Ps 5,4; 88,14) oder sich um Weisheit schon in der Frühe bemühen muss (Weish 6,14).
"... und mit jubelnden Lippen soll rühmen mein Mund"
Vor allem andern suchte er Gott. Bezeichnet die "Kehle" im Hebräischen den Menschen als verlangendes Wesen, so meint "Fleisch" denselben ganzen Menschen als hinfälliges Wesen, das schwach und vergänglich ist. David in der Wüste (V. 1), "in trockenem Land … ohne Wasser" (V. 2) ist ein hinfälliger und schwacher Mensch ("Fleisch") und erschöpft. Auch als er nicht auf der Flucht war, brauchte und suchte er Gott. Daran erinnert er sich in V. 3. Als Bedürftiger, Dürstender ging er ins Heiligtum zum Beten und zum Gottesdienst, um in der Liturgie Gottes Macht und Herrlichkeit zu erfahren, von denen sowohl in den alten Überlieferungen über Gottes Wunder zu hören war als auch zu sehen in den prächtigen Zeremonien. Wie schon in Ps 62 vergewissert sich der Beter auch jetzt wieder der Macht und Herrlichkeit Gottes, um sich klarzumachen, dass seine Verfolger vergleichsweise nichts sind, Leichtgewichte, die man nicht fürchten muss.
4 Weil gut ist deine Loyalität mehr als das Leben,
werden meine Lippen dich loben.
5 So will ich dich preisen, solange ich lebe,
in deinem Namen erheben meine Handflächen!
6 Wie an Fett und Mark soll satt werden meine Kehle (Seele)
und mit jubelnden Lippen soll rühmen mein Mund.
David weiß, dass dieser Mächtige und Herrliche den Seinen loyal ist (V. 4). Diese verlässliche Treue und Güte ist mehr wert als das vergängliche und stets bedrohte Leben. David seinerseits ist entschlossen, diese Verbindung loyal aufrechtzuerhalten, indem er Gottes Macht und Herrlichkeit hörbar lobt, preist und unter Namensnennung anbetet, ein Leben lang (V. 4-5).
Mit den "Lippen" und den "Handflächen" in V. 4-5 hat der Beter unterdessen nach der "Kehle" und dem "Fleisch" (V. 2) schon zum dritten Mal einen eigenen Körperteil bezeichnet. Er wird "Kehle" und "Lippen" in V. 6 erneut nennen, dazu seinen "Mund". Mit der neuerlichen Erwähnung seiner Kehle in V. 9 und 10, hat er neunmal fünf seiner Körperteile erwähnt. Mit seinem ganzen Wesen, mit Leib und Seele sucht er Gott, der ihm in V. 8 und 9 mit seinen "Flügeln" und seiner "Rechten" entgegenkommen wird. Die zweite Strophe endet mit der "Kehle" des Beters in V. 6 wie die dritte in V. 9:
7 Wenn ich deiner gedachte auf meinem Lager, indem ich in Nachtwachen von dir murmele,
8 dass weil du zur Hilfe mir wurdest, ich im Schatten deiner Flügel ich jubeln kann,
9 da hat gehangen an dir meine Kehle (Seele), da hat mich festgehalten deine Rechte.
"... denn gestopft wird der Mund der Lügenredner"
Wenn der Beter nachts wach lag und über Gottes große Taten nachdachte, sei es an seinem Volk Israel, sei es am Beter selbst, so war das Fazit immer: Ja, du wurdest meine Hilfe! Das murmelte, d.h. meditierte er (vgl. Ps 1,2) wieder und wieder. Gott hat ihn immer beschirmt mit seinen Flügeln – wie eine Henne ihre Küken (Mt 23,37; Lk 13,34). Die Psalmen sprechen besonders gern vom "Schatten" der göttlichen Flügel (Ps 17,8; 36,8; 57,2). "Schatten" ist ein Wort für Schutz (Num 14,9; Ri 9,15; Ps 91,1; Jes 30,2-3) – Schutz vor der sengenden Sonne (Ps 121,5). Und wie Davids schmachtende Kehle wegen dieser guten Erfahrungen mit Gott immer an ihm gehangen, ja "geklebt" hat, so hat Gott seinerseits David festgehalten und aufrechterhalten mit seiner "Rechten". Nach dieser Erinnerung an die Vergangenheit gehen die Gedanken des Beters im dritten Teil in die Zukunft: Seine jetzigen Feinde müssen – nach aller bisherigen Erfahrung – scheitern:
10 Die aber, die zur Vernichtung trachten wollen nach meiner Kehle (Leben), sie werden kommen ins Unterste der Erde.
11 Die ihn (den König) ausliefern wollen zuhanden des Schwertes, ein Anteil von Schakalen werden sie.
12 Der König aber wird sich freuen an Gott, sich rühmen wird jeder, der bei ihm schwört, denn gestopft wird der Mund der Lügenredner.
"Zur Vernichtung" kann die Davids, aber auch die der Angreifer meinen. Dass seine Feinde ihm nach dem Leben trachten, wird sie in den eigenen Untergang führen, wie auch die traditionelle Weisheit lehrt:
Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Spr 26,27; Sir 27,26; vgl. Ps 57,7). Sie sind damit jetzt schon dem Tod, dem Grab verfallen, kommen tief unter die Erde. Sie wollen David einen gewaltsamen Tod erleiden lassen ("Schwert"), werden aber selbst von Schakalen als Beute in deren unterirdische Baue geschleppt (Delitzsch, Psalmen 427).
So wird sich der bedrängte König David schließlich wieder über seinen rettenden Gott freuen dürfen und mit ihm jeder Verehrer dieses Gottes, der nur bei ihm und keinem andern Gott schwört (Dtn 6,13; 10,20), weil sie wieder die Erfahrung gemacht haben: Die Lügenmäuler von Meineidigen und solchen, die bei falschen Göttern schwören, werden gestopft. David ist erfolgreich, weil sein verfolgtes Leben ("Kehle", V. 10), eine sich nach Gott sehnende Seele/Kehle blieb (V. 2), eine sich an Gott sättigende (V. 6), an Gott hängende (V. 9) und daher am Leben blieb.