Psalm 62 - "Mein starker Fels; meine Zuflucht ist bei Gott"Der Psalter als Buch des Messias

Der Glaube an Gott gibt Halt und schafft Resilienz in Notsituationen. Wenn aber die Krisenphänomene sich so häufen, dass man ihrer gar nicht mehr Herr wird und kein Ende absehbar ist (Pandemie, Krieg, politische Instabilität), dann muss auch der Gläubige sich seines Glaubens und Vertrauens im Gebet noch einmal ausdrücklich versichern. Das tut der Beter von Ps 62.

Bibel
© Foto von Aaron Burden auf Unsplash

Nach der Überschrift ist der Sprecher des heute zu betrachtenden Psalms 62 David, der es zum Saitenspiel mit der Leier singt. Das hebräische Wort mizmor, "Instrumentallied", heißt auf Griechisch psalmos. Obwohl nur 57 der 150 Psalmen mit mizmor überschrieben sind – vor allem in der ersten Hälfte des Psalmenbuchs, ist doch im Christentum das Wort psalmos die Bezeichnung für alle 150 Lieder geworden. Im Judentum spricht man von tehillim, "Lobliedern".

Auch dies verwundert, da in den ersten vier Büchern des Psalters (Ps 1-106) die Klagen bei weitem überwiegen. Erst im letzten Buch (Ps 107-150) tritt das Lob deutlich in den Vordergrund. Der Gesamtpsalter wird im Judentum trotzdem als "Loblieder" bezeichnet, weil alles auf Lob zuläuft, zu dem freilich, wenn es aufrichtig gemeint sein soll, die ehrliche Klage dazu gehört: Klage darf und soll sein – ohne jede Beschönigung – aber durch sie hindurch dringt ein Beter zum Lob vor.

1 Für den Musikmeister: An Jedutun, ein Instrumentallied von David.

"Nur bei Gott hat Ruhe meine Seele"

Die Überschrift nennt dann auch "Jedutun" wie in den Pss 39,1; 62,1; 77,1. Nach 1 Chr 25,1-6 richtete David drei Tempelmusikergilden ein, die am Tempel, den Salomo bauen sollte, für die Tempelmusik zuständig waren: Asaf, Heman und Jedutun. Die Überschrift kann so verstanden werden, dass David das Lied, das von ihm handelt, an Jedutun, den Musikmeister, zur Aufführung übergibt. Die erste Strophe von Ps 62 ist dadurch ausgezeichnet, dass in ihr fast jede Zeile mit dem Wort "nur" beginnt. Das hält die Strophe zusammen:

2 Nur bei Gott (hat) Ruhe meine Seele, von ihm ist meine Rettung.
3 Nur er ist mein Fels und meine Rettung, meine Schutzburg,
ich werde nicht allzu sehr wanken.
4 Bis wann wollt ihr einstürmen auf einen Mann, wollt ihr morden, ihr alle,
wie gegen eine Wand, die sich neigt, eine Mauer, die umgestoßen wird?
5 Nur von seiner Höhe (ihn) herabzustürzen haben sie geplant, (indem) sie Gefallen haben an Lüge,
(jeder) mit seinem Mund segnen sie und in ihrem Inneren verfluchen sie. Sela
6 Nur bei Gott werde ruhig, meine Seele, denn von ihm (kommt) meine Hoffnung!
7 Nur er ist mein Fels und meine Rettung, meine Schutzburg. Ich werde nicht wanken.
8 Auf Gott (beruht) meine Rettung und meine Ehre.
Mein starker Fels; meine Zuflucht ist bei Gott.

Der Dichter hat mit Gegnern zu tun, die ihn seit geraumer Zeit zu erledigen versuchen. In V. 4 spricht er sie direkt an und fragt, wie lange sie, die viele sind, noch gegen ihn, der allein ist, ihre Aggression ausleben wollen. Sie müssen ihn nicht buchstäblich ermorden wollen, aber sie wollen ihn erledigen und treiben es immer wilder, weil sie glauben, sie seien schon kurz vor dem Ziel wie Soldaten, die eine Stadt bestürmen, deren Mauer sich bereits neigt und kurz vor dem Einsturz zu sein scheint. In V. 5 führt der Beter seine Klage noch weiter aus – aber nicht mehr in direkter Anrede an die Feinde, sondern in einer Schilderung in 3. Person.

Das Bild von der bestürmten und kurz vor dem Einsturz stehenden Stadtmauer wird in V. 5 auf der Sachebene aufgelöst: Die Gegner arbeiten mit Unehrlichkeit. Sie heucheln Zustimmung und Unterstützung, hinter dem Rücken des Beters aber tun sie alles, um seine Bemühungen zu vereiteln. Öffentlich loben sie ihn und seine Pläne, aber heimlich hintertreiben sie sie. Wenn man hier an König David denkt, dann geht es um Mitarbeiter, die vorn herum loyal sind und dem König nach dem Mund reden, hinten herum aber gegen ihn arbeiten. Die "Höhe", von der sie ihn herabstürzen wollen, kann im Kriegsbild ein Turm sein, auf den David sich flüchtet, nachdem die Mauer schon gefallen ist, eine letzte Verschanzung. Auf der Sachebene kann die hohe Stellung bezeichnet sein, von der sie den König, den Chef vertreiben wollen.

Anbeten gegen die Dauerkrise

Gegen diese schon seit langer Zeit dauernde Krise betet David in den umgebenden Versen 2-3 und 6-8 an. Dabei nimmt V. 6 den V. 2 auf und wiederholt ihn beinahe, ebenso V. 7 den V. 3. Diese fast gleichlautenden Verse rahmen die Bedrohungssituation der V. 4-5 ein und wollen sie einhegen. David murmelt vor sich hin und meditiert eine Glaubenstatsache, um seine Resilienz zu erhöhen: Permanent stürmen die Gegner gegen ihn an, gönnen ihm keine Pause. Da findet er Ruhe nur noch bei Gott. Er selbst kann die Krise nicht meistern. Die Rettung kann nur von Gott kommen, auf den er hoffen muss. Selbst wenn die Mauer fiele (V. 4), bliebe ihm Gott als hochragender Felsen, als unerreichbare Schutzburg. Mögen die Feinde denken, die Mauer steht kurz vor dem Einsturz, versichert der Beter sich selbst: Ich werde nicht allzu sehr wanken (V. 3). Der Glaube an Gott macht ihn stark und lässt ihn nicht ängstlich zurückweichen, so dass sie leichtes Spiel mit ihm hätten. In den V. 2-3 hat David sich seine Glaubensüberzeugungen in Erinnerung gerufen:

2 Nur bei Gott (hat) Ruhe meine Seele, von ihm ist meine Rettung.
3 Nur er ist mein Fels und meine Rettung, meine Schutzburg,
ich werde nicht allzu sehr wanken.

In den V. 6-7 wiederholt er die Überzeugungen als Appell an sich selbst, an seine Seele:

6 Nur bei Gott werde ruhig, meine Seele, denn von ihm (kommt) meine Hoffnung!
7 Nur er ist mein Fels und meine Rettung, meine Schutzburg. Ich werde nicht wanken.

Er weiß, dass Gott und nur Gott sein Halt ist und spricht sich Mut zu, das nun auch zu glauben. Dann nämlich können die Gegner auf ihn einstürmen, ihn ins Wanken bringen, aber nicht so, dass er fällt. V. 8 schließt diese erste Strophe ab und fasst sie zusammen: Gott kann und wird ihn "retten" vor dem Schaden, den die Feinde ihm zufügen wollen. Seine "Ehre" bei den Menschen, die sie demütigen wollen, wird Gott verteidigen.

"Nur Windhauch sind die Menschenkinder"

Nachdem der Beter sich in der ersten Strophe aus seinen Glaubensüberzeugungen heraus Mut zugesprochen hat (Zenger: Selbstvergewisserung), wendet er sich in der zweiten Strophe an die Leute, die noch zu ihm halten, um in ihnen dieselbe Überzeugung zu festigen (Zenger: Unterweisung):

9 Vertraut auf ihn zu jeder Zeit, Leute! Schüttet aus vor ihm euer Herz!
Gott ist Zuflucht für uns! Sela.
10 Nur Windhauch sind die Menschenkinder, Lüge die Herrenkinder!
Auf der Waage schnellen sie empor, sie sind weniger als Windhauch allesamt.
11 Vertraut nicht auf Erpressung, und durch Raub werdet nicht windig!
Das Vermögen, wenn es wächst, hängt nicht euer Herz daran!
12 Eins hat geredet Gott, zweierlei habe ich da gehört: Dass die Stärke bei Gott ist.
13 Und dir (eignet), mein Herr, Loyalität, denn du vergiltst jedermann nach seinem Tun.

In V. 9 sagt David zu seinen Leuten: Macht es wie ich! Legt Gott euer Problem vor, wie ich es in V. 4-5 getan habe, und dann verlasst euch auf ihn! Hatte David in der ersten Strophe immer "mein" gesagt, sagt er jetzt "uns" und schließt sich mit seinen Leuten zusammen. In V. 10 begründet er, warum die menschlichen Feinde nicht gegen Gott ankommen: Sie sind vergänglich, sterbliche Menschenkinder – Gott ist ewig. Sie sind verlogen und bauen, auch wenn sie mächtige "Herrenkinder" sind (vgl. Ps 49,3), ihr Vorgehen auf Unehrlichkeit auf, die nicht weit trägt – Gott ist die Wahrheit, auf die ein Mensch sich verlassen kann. Vor allem sind sie Leichtgewichte: Würde man das "Gewicht" Gottes auf eine Waagschale legen und diese Leichtgewichte auf die andere, würde ihre Waagschale emporschnellen. Das Wort "Windhauch", das Vergänglichkeit meint, rahmt den V. 10.

In V. 11 spricht David seine Leute noch einmal direkt an: Macht es wie ich und nicht wie die! Werdet nicht windig wie sie, baut nicht auf ihre Methoden! Erpressung, Raub, Gewaltanwendung scheinen kurzfristig eine wirksame Machtausübung zu sein. Aber diese kann nichts Dauerhaftes bewirken. Baut überhaupt nicht auf Vermögen - sei es Geld, sei es Macht. Wer sich davon abhängig macht, macht sich selbst erpressbar und angreifbar. In V. 12 formuliert David eine Erfahrung, die er und viele andere mit Gott gemacht haben. Er formuliert sie in einem Zahlenspruch wie in Spr 30,16.18.21.29 oder Amos 1,3-2,6. Ein für alle Mal hat Gott eindeutig geredet, sich gezeigt.

Gott ist loyal

Der Inhalt bzw. die Botschaft an den Menschen ist eine doppelte: 1. Nur Gott als Verursacher von allem ist stark und kann Stärke verleihen. Mögen mächtige Menschen kurzfristig etwas erzwingen können, Dauerhaftes können sie nicht garantieren. Das kann nur der Ewige (V. 11). 2. Gott ist loyal und hält zu dem, der im Recht ist (V. 13). Dabei gibt er nichts auf Worte, sondern bei ihm zählen Taten. Wer wie die Feinde schön redet, aber böse handelt (V. 5), kommt bei Gott damit nicht durch. In diesem letzten Vers geht der Beter ins Du gegenüber Gott über. Bisher hatte er nur die Feinde und seine Leute angeredet. Am Schluss redet er zu Gott und macht so den ganzen Psalm zu einem Gebet. Die sechs Verse, die mit "nur" beginnen, reden gewöhnlich in der 3. Person über etwas. Sieben Mal sagt der Beter "Gott" – das bedeutet vollkommene Gottesgegenwart, die seine Resilienz erhöht. Ganz am Ende in der Anrede sagt er "mein Herr" (adonaj) – du bist doch der, der für mich zuständig ist und diese Zuständigkeit auch wahrnimmt. Dessen ist er jetzt sicher.

Paulus gebraucht in Röm 2,6 (vgl. ebenso 2 Tim 4,14) den Ausdruck "nach seinen Werken" aus Ps 62,13. Er ist freilich auch den Weisheitslehrern bekannt (Spr 24,12, Sir 16,14).

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen