Psalm 61 - "Zuflucht suchen im Versteck deiner Flügel"Der Psalter als Buch des Messias

Der erwachsene Glaube an Gott baut sich durch immer wieder gemachte Gotteserfahrung auf. Das müssen nicht mystische Erfahrungen sein. Wer es wieder und wieder erlebt, dass Gebet hilft, dass der Glaube auch in schwierigen Situationen trägt und stark macht, dessen Glaube wird durch jede weitere Erfahrung fester und begründeter.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Psalm 61 ist ein zweiteiliges Bittgebet in Feindbedrängnis. Die Überschrift legt es David in den Mund, der von Jugend an ein begnadeter Leierspieler war (1 Sam 16,18f.). Tatsächlich nennt sich der Beter in V. 7 selbst einen König.

1 Für den Musikmeister: Zum Saitenspiel. Von David.

David beginnt mit drei drängenden Aufforderungen in V. 2-3: Höre! Achte! Führe! Mit den beiden Imperativen am Anfang bittet er Gott dringend um Gehör und Beachtung. Die Aufforderung (Jussiv) "führe mich" in V. 3 äußert die Bitte um Lösung eines Problems.

2 Höre, Gott, mein Schreien, achte auf mein Flehgebet!
3 Vom Ende der Erde zu dir muss ich rufen, da verzagt mein Herz,
auf einen Felsen, der mir zu hoch ist, führe mich!

Am Ende der Erde

Die Darstellung des Problems in V. 3 ist ausgesprochen kurz, aber intensiv: Der Beter fühlt sich am "Ende der Erde", er fürchtet, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das Herz ist in der hebräischen Sprache der Sitz von Verstand und Willen. Sein Herz wird schwach, sein Verstand sieht keine Lösung, sein Wille, sein Mut, seine "Beherztheit" lassen nach. Er will wieder festen Boden unter die Füße bekommen ("Felsen"), kann das aber allein und von sich aus nicht bewerkstelligen. Der sichere Felsen ist zu hoch für ihn. Gott muss ihn hinaufführen. Bis hierher ist das von ihm geschilderte Problem, dass er seinerseits unfähig ist, es zu lösen. Was ihn aber plagt, ist bisher noch nicht einmal angedeutet. V. 4 und 5 lassen ahnen, dass er von einem Feind bedrängt wird. Das Wort "Zuflucht" rahmt die beiden Verse am Anfang und Ende:

4 Denn du wurdest (früher schon) eine Zuflucht für mich,
ein starker Turm angesichts des Feindes.
5 Ich möchte Gast sein in deinem Zelt auf Ewigkeiten,
Zuflucht suchen im Versteck deiner Flügel. Sela.

Mit einem "denn" fügt der Beter die Begründung an, warum er von Gott die Lösung seines Problems erwartet: Er hat früher schon die Erfahrung gemacht, dass Gott eine Zuflucht für ihn war, die ihn aus Notsituationen gerettet hat. Auch damals schon ging es um Feindbedrängnis. Damals hatte Gott sich als "starker Turm" erwiesen, als eine Festung, die auch dann noch hielt und als letzte übrig war, als alle anderen Lösungsversuche nichts gebracht hatten, als sozusagen die Stadtmauern schon gefallen waren. Der rettende Turm stand noch. Gott war die letzte Zufluchtsmöglichkeit – und die stärkste. David, der sich am "Ende der Erde" fühlt (V. 2), ohne festen Boden unter den Füßen, will aber nicht nur wieder "an Land", er will näher zu Gott, als Gast in Gottes Zelt.

Im Alten Orient – und dort bis heute – galt die Schutzpflicht eines Gastgebers für seinen Gast als heiliges Gesetz. Wer einen Gast bei sich zu Hause aufnahm, musste für dessen Sicherheit bürgen und sie unter allen Umständen schützen (vgl. Gen 19,8). Mehr noch als ein Haus mit seinen vielen Räumen ist das Beduinenzelt ein Raum, den der Gastgeber mit seinem Schutzgast teilt. Aber selbst diese Intimität ist David nicht genug: Er will unter Gottes Flügel, wie ein Küken unter die der Mutterhenne, um sich dort zu verstecken und für den Feind unsichtbar zu werden, und dies nicht etwa nur vorübergehend, sondern "auf Ewigkeiten".

"Denn du, Gott, hast gehört mein Gelübde"

Mit einem zweiten "denn" beginnt in V. 6 die zweite Hälfte des Gebets:

6 Denn du, Gott, hast gehört meine Gelübde,
hast gegeben das Erbe derer, die deinen Namen fürchten.
7 Tage um Tage für den König füge hinzu!
Seine Jahre seien von Geschlecht zu Geschlecht!
8 Er throne ewig vor Gottes Angesicht!
Loyalität und Wahrheit bestelle, dass sie ihn behüten!
9 So will ich spielen deinem Namen für immer,
dass ich erfülle meine Gelübde Tag für Tag.

Aus jenen früheren Notsituationen hat ihn Gott immer wieder gerettet, so dass sein Vertrauen auf Gott sich bisher wieder und wieder bewährt hat. Damals hat er Gott immer auch Dank versprochen, ein Dankgelübde abgelegt und dieses dann erfüllt. Das hat Gott sehr wohl gehört. Das Wort "Gelübde" rahmt diese zweite Hälfte des Gebets in V. 6 und 9. Ja, die V. 6-9 sind durchzogen von der Wortfolge

Gott – Gelübde – Tage um Tage (V. 6-7)
Gott – Gelübde – Tag für Tag (V. 8-9)

Gott hat früher das Dankversprechen und seine Erfüllung gehört und David daher "das Erbe derer, die Gottes Namen fürchten" gegeben. Da David seine Rettung von Gott und sonst niemandem erwartet hat, stand Gott nun auch immer zu ihm und gab ihm, was denen zusteht, die mit höchstem Respekt ("fürchten") von Gottes Namen ("Ich bin da", Ex 3,14) alles erwarten. Und so wagt David es, noch weitere Bitten hinzuzufügen. Er bittet nicht für sich als Privatperson, sondern für sich als den König, die Amtsperson. Wie er "auf Ewigkeiten" (V. 5) bei Gott geborgen sein will, so möchte er sein Amt erfolgreich und so lange, dass er große Projekte verwirklichen kann, ausüben: Tage, Jahre über Generationen hin.

Respekt und Liebe

Das hier mit "thronen" übersetzte Wort heißt zunächst "sitzen", dann auch "bleiben". David will auf Dauer "bleiben", also Bestand haben, am Leben "bleiben", und "thronen", sein Amt ausführen – und dies "vor Gottes Angesicht". Das "Angesicht Gottes" in V. 8 steht dem "Angesicht des Feindes" in V. 4 gegenüber. Vor diesem sucht er Zuflucht bei Gott. Von Gottes Angesicht her aber soll ihm Licht erstrahlen, vor diesem Angesicht auch will er seine Amtsführung verantworten. Ähnlich wie in Ps 23,6 bittet er um die Abordnung von zwei Schutzengeln, die ihn eskortieren mögen: Loyalität und Wahrheit. "Loyalität und Wahrheit" sind nach Ex 34,6 Wesenseigenschaften Gottes. Loyalität ist das rechte Verhältnis des Sohnes zum Vater und des Vaters zum Sohn, des Vorgesetzten zum Untergebenen, des Untergebenen zum Vorgesetzten. Lateinisch heißt das pietas.

Der Beter schuldet Gott Respekt und Liebe, Gott entspricht dem seinerseits mit Liebe und Schutz. "Wahrheit" meint Treue und Zuverlässigkeit sowie Aufrichtigkeit. Die Fügung "Loyalität und Wahrheit" (meist übersetzt mit "Huld und Treue") findet sich fünfzehn Mal in der hebräischen Bibel, ein Drittel davon im Psalter (Pss 25,10; 61,8; 85,11; 86,15; 89,15). Es handelt sich also um eine feste Formel. In V. 9 verspricht David auch für dieses Mal ein Danklied für den "Namen" Gottes, der sich wieder einmal als der "Ich bin da" (Ex 3,14) erwiesen haben wird, ein Lied, in dem er vor anderen bezeugt, wie groß Gott an ihm gehandelt hat. Dreimal hat David in diesem Gebet "Gott" gesagt, zu Beginn in V. 2, in der Mitte in V. 6 und gegen Ende in V. 8. Drei ist die göttliche Zahl. Im Neuen Testament entnimmt die Offenbarung des Johannes in 11,18 den Ausdruck "denen, die deinen Namen fürchten" aus Ps 61,6 (vgl. Micha 6,9).

Lebenszeugnis der Edith Stein

Im Gotteslob steht unter der Nr. 439 eine Nachdichtung von Ps 61, die Sr. Teresia Benedicta a Cruce OCarm (Edith Stein) zugeschrieben wird. Sie wurde als eine der ersten Frauen 1916 in Philosophie promoviert, war also eine intellektuell ausgesprochen starke Frau. Aber wie der Psalmist in Ps 61,3 kam sie im Dritten Reich als Jüdin in eine Notlage, wo ihr Herz verzagen musste, ihre Intelligenz und Willenskraft gegen den Feind nicht ankam. Nur Gott konnte ihr wieder festen Boden unter die Füße geben, sie auf den "Felsen führen, der für sie zu hoch war" (Ps 61,3). Sie wurde am 9. August 1942 in Auschwitz ermordet und gab ihr Leben für ihr Volk. Die Kirche hat sie als Märtyrerin heiliggesprochen. Ihr Leben bezeugt die Kraft von Ps 61.  

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