Die Überschrift ordnet Psalm 56 den Ereignissen von 1 Sam 21,11-16 zu, als David vor König Saul zu den Philistern nach Gat floh, die ihn aber als den Bezwinger ihres Kriegshelden Goliat wiedererkannten, so dass er auch dort wieder in neue Gefahr geriet. Er stellte sich allerdings geistig verwirrt, so dass der Philisterkönig sagte: "Hab ich denn Mangel an Verrückten (hebr. meschugga‘im, "Meschuggene)?" – und David ziehen ließ. Das Fluchtmotiv von 1 Sam 21 kann man im Umherirren von Ps 56,9 wiederfinden. In 1 Sam 21,13 gerät David in Furcht, da die Philister ihn erkannten und nun noch zusätzliche Feinde wurden (über Saul hinaus). In Ps 56,4.5.12 sagt der Beter, am Tag, der er sich fürchten muss, könne er auf Gott vertrauen. Die Vermehrung der Feinde spricht Ps 56,3 an.
1 Für den Musikmeister: Über die Taube der Verstummung unter den Fernen.
Von David eine Inschrift. Da ihn ergriffen die Philister in Gat.
"Gnade mir, Gott, denn mir stellt nach ein Männlein"
Der Rest der Überschrift will Psalm 56 vor allem verbinden mit den umgebenden Psalmen. Die "Taube" und die "Ferne" bezeichneten in Ps 55,7-8 den in die Ferne fliehenden Beter. Die "Verstummung" in Ps 58,2 ist das, was die Feinde bei ihrem Opfer erreichen wollen (vgl. Böhler, Psalmen 1–50, HThKAT, 50).
Wie Ps 51 und Ps 57, beginnt auch das Gedicht Ps 56 mit "Gnade mir, Gott!"
2 Gnade mir, Gott, denn mir stellt nach ein Männlein,
den ganzen Tag kämpft es und bedrängt mich!
3 Sie stellen mir nach, meine (lauernden) Gegner, den ganzen Tag,
denn viele kämpfen überheblich gegen mich.
4 Am Tag, da ich mich fürchten muss, kann auf dich ich vertrauen:
5 Auf Gott, dessen Wort ich loben darf, auf Gott habe ich vertraut,
ich muss mich nicht fürchten, was könnte Fleisch mir antun?
David stellt dem starken Gott seinen Verfolger Saul als schwaches Männlein gegenüber, denn änosch ("Mensch") kommt von anasch "schwach sein". Der Verfolger ist also vor Gott ein "Schwächling". Er stellt David unausgesetzt nach (1 Sam 19-26), bekämpft und bedrängt ihn (V. 2). Zu Saul gesellen sich aber andere, wie die verräterischen Sifiter (1 Sam 23,19; 26,1) oder eben nun auch die Philister (1 Sam 21,11-16). Hochmütig, im Glauben, dem Flüchtigen überlegen zu sein, stellen sie ihm nach, aber der Verfolgte, der zwar in Furcht gerät (V. 4), vertraut auf Gott (V. 5). Er hat schon früher auf Gott vertraut und indem er dieses bewährte Gottvertrauen wieder aufruft, erlaubt er der Furcht nicht, allein das Feld zu beherrschen. Sein Gottvertrauen, das auf bewährten Zusagen Gottes gründet ("dessen Wort"), macht "den Blick frei … für die wahren Machtverhältnisse" (Zenger, in: Hossfeld/Zenger, Psalmen 51–100, HThKAT, 114).
Der Beter nennt die schwachen Verfolger jetzt "Fleisch", d.h. hinfällige, sterbliche Menschen. Das Vertrauensbekenntnis, in das die erste Strophe V. 2-5 mündet, wird sich mit den üblichen leichten Variationen in den V. 11-12 wiederholen und fungiert so zugleich als eine Art Refrain (ähnlich wie in Ps 46,8.12). Auch die zweite Strophe V. 6-12 mündet in dasselbe Bekenntnis:
6 Den ganzen Tag kränken sie meine Worte,
gegen mich sind all ihre Gedanken zum Bösen.
7 Sie suchen Streit, halten sich versteckt. Die wollen meine Fersen beobachten,
weil sie mir trachten nach dem Leben.
8 Aufgrund der Übeltat sollte es ein Entrinnen für sie geben?
Im Zorn wirf nieder Völker, Gott!
9 Mein Umherirren hast du gezählt, du tu meine Tränen in deinen Schlauch,
sind sie nicht in deinem Zählbuch?
10 Dann müssen zurückweichen meine Feinde, am Tag, da ich rufe.
Das weiß ich, dass Gott für mich ist.
11 Auf Gott, (dessen) Wort ich loben darf,
auf den Herrn, (dessen) Wort ich loben will,
12 auf Gott habe ich vertraut, ich muss mich nicht fürchten,
was könnte ein Mensch mir antun?
Auf dass Gott den Schmerz verwandle
"Den ganzen Tag bekämpfen sie mich" hatten V. 2 und 3 gesagt. V. 6 nimmt das auf und konkretisiert es: Sie kränken die Worte des Beters, sei es, dass sie sie verdrehen (EÜ), sei es, dass sie seine Aussagen verspotten (wie in Ps 35,15-16). Sie planen Böses, lauern ihm heimlich auf, agieren nicht mit offenem Visier, sondern hinterhältig. Sie beobachten seine Fersen, d.h. jeden Schritt, den er geht, um ihn zu Fall zu bringen, ihm ein Bein zu stellen. Letztlich trachten sie ihm nach dem Leben. Dieses Vorgehen nennt V. 8 zusammenfassend "Übeltat" und hofft, dass sie nicht ungeschoren davonkommen. Gott soll sich um die Sache kümmern und sie zu Fall bringen, die ihn stürzen wollen. Mit "Völkern" könnten einfach "Leute" bezeichnet sein. In der Davidgeschichte sind eben auch Philister und Edomiter (1 Sam 22,9) beteiligt.
Hatten die V. 6-8 den Blick auf das Treiben der Feinde gerichtet, wenden sich die V. 9-10 dem Leiden des verfolgten Beters zu. Die vielen Fluchtbewegungen, die der Beter machen musste, hat Gott schon länger gezählt. Er weiß um jede einzelne. Nun bittet der Beter Gott, seinen Schmerz, seine "Tränen" in einem Schlauch zu verwahren, auch sie im Gedächtnis zu behalten. Der Beter macht ein Wortspiel zwischen "mein Umherirren" (hebr. nodi) und "deinem Schlauch" (hebr. nodäkha). Fluchtbewegungen und Tränen soll Gott nicht vergessen, sondern registrieren. Er hat sie gewiss schon in seinem Buch verzeichnet. Auch "zählen" (hebr. safar) und (Zähl-)Buch (hebr. sefer) spielen miteinander und rahmen den ganzen Vers.
Der Beter weiß, am Tag, da er Gott um Hilfe ruft, müssen die Gegner zurückweichen, denn Gott hat alles präsent und wird zu seinen Gunsten einschreiten. So erneuert er sein Bekenntnis aus V. 5 in den V. 11-12. Dabei unterstreicht er jetzt doppelt, dass er Gottes Wort, seine Zusagen von früher, loben kann, weil sie sich immer bewährt haben. Nun ersetzt er in V. 11 für einmal das Wort "Gott" durch "Herr", den göttlichen Eigennamen JHWH aus Ex 3,14, weil Gott sich auf jeden Fall als Rettergott zeigen wird, wie damals bei der Befreiung aus Ägypten. Hatte er den Verfolger in V. 2 "Männlein" ("Schwächling") genannt und in V. 5 (hinfälliges) "Fleisch", so sagt er im Refrain V 12 adam ("Mensch"). Dieses erinnert an adamah, den Ackerboden, aus dem der Mensch genommen ist (Gen 2,7): Der Mensch ist nur ein "Erdling". Die beiden Strophen liefen immer auf das Vertrauensbekenntnis zu (V. 5 und 11-12).
Gott wird ihn dem Tod entreißen
In der ersten Strophe kam "Gott" dreimal vor (V. 2 und 5), in der zweiten viermal (V. 8.10.11.12), in der dritten Strophe wird er zweimal vorkommen (V. 13.14). Zu diesen neun Vorkommen des Wortes "Gott" gesellt sich in V. 11 einmal "der Herr" – an siebter Stelle der insgesamt zehn Gottesnennungen. "Sieben" und "zehn" sind biblische Symbolzahlen, "sieben" für die Vollkommenheit oder Vollständigkeit, auch "zehn" steht meist für eine vollendete, abgeschlossene Reihe. Nach dem zweiten Refrain folgt in V. 13-14 die letzte Strophe, das Dankversprechen, das Bittgebete wie dieses oft abschließt:
13 Mir obliegen, Gott, die Gelübde dir gegenüber: Ich will erfüllen Dankopfer für dich,
14 weil du gerettet hast mein Leben aus dem Tod –
nicht (auch) meine Füße vor dem Anstoßen? – zum Wandeln vor Gott im Licht des Lebens.
Der Beter verspricht Gott ein Dankopfer (V. 13), wie es in Lev 7,11-15 vorgesehen ist. Vor den zum Opfermahl Geladenen rühmt der, der sein Gelübde einlöst, die Großtaten Gottes, für die er das Opfer darbringen lässt (vgl. Ps 22,23ff.). Er verspricht Gott also, seinen Ruhm zu mehren, wie er ja bisher schon im Refrain Gottes eingehaltenen Zusagen gelobt hatte. Warum schuldet er Gott Dank? V. 14 fasst den ganzen Rettungsprozess zusammen: Die Verfolger trachten dem Beter nach dem Leben (V. 7), aber Gott wird ihn dem Tod entreißen, sein Leben retten. Mehr noch: er wird ihn nicht einmal straucheln lassen, obwohl die, die ihm nachstellen, seine Füße belauern (V. 7) und hoffen, dass er stürzt.
Was will Gott für den, der ihm vertraut? Dass er wandle vor Gott im Licht des Lebens, nicht in der Finsternis der Unterwelt. Dasselbe sagt Elihu zu Ijob über Gott, der handelt zugunsten des Gerechten, "um fernzuhalten seine Seele von dem Grab, um ihm zu leuchten mit dem Licht des Lebens" (Job 33,30). "Gnade" war das erste Wort des Psalms, "Leben" ist das letzte.
Das "Licht des Lebens" verspricht im Johannesevangelium Jesus denen, die ihm nachfolgen. Dabei knüpft er an unseren Psalm an:
Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh 8,12).
Und der 2. Brief an Timotheus sagt von Jesus:
Er hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium (2 Tim 1,10).