Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee erzählt nicht nur von Irrfahrt, Krieg und Heimkehr, sondern auch von einer Welt, in der die Götter fern geworden sind. Im Zentrum steht Athene: als Mentorin, Gewissen und Erinnerung – und Odysseus als ambivalenter Held zwischen Hybris, Schuld und Selbstbehauptung.

Die "Odyssee" ist in aller Munde. Man spricht von einem Sweet-Spot-Phänomen. Das heißt: Der Film taugt für die Massen, "nicht obwohl, sondern weil er so vielschichtig ist", so Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung.

Historiker ziehen christliche Deutungen der Odyssee zu Rate und streiten mit Fans über die ersten Filmworte: wird da Homers Hexameter von dem Rapper Travis Scott nachskandiert? Juweliere geben ihre Meinung zu Penelopes Schmuck zum Besten; der schwedische Wikingerverein kommentierte die maritimen Requisiten des Films; Jugendliche schwärmen von "Auramemnon". Andererseits wird eine vermeintlich verfälschende Modernisierung Homers moniert. Emily Wilson, die Homers Epos 2017 in ein faszinierend zeitgemäßes Englisch gebracht, Odysseus als "complicated man" übersetzt und damit Nolan eine Steilvorlage geliefert hatte, vermisste in der London Review of Books an dem "familienfreundlichen Spektakel" narrative und emotionale Tiefe.

Faszinierend an der aktuellen Odyssee-Verfilmung ist neben der Kunst des Erzählens (Jonas Grethlein, Raimund Schulz) und der Bildgewalt (Luc Ferrys Graphic Novel Die Odyssee) vor allem das Wechselspiel zwischen Göttern und Menschen. Dieser Beziehungsstatus "Nach Gott" (Peter Sloterdijk) hat Nolan besonders interessiert.

Menschen- und Göttergesichter

Schon bei Homer ist das Verhältnis der Menschen zu den Göttern kompliziert genug: Odysseus glaubt an sie. Aber er ist Selbsthelfer, Abenteurer und Aufklärer genug, um den Göttern nicht blindlings zu vertrauen. Lieber lernt er von ihnen, was man falsch machen kann in kritischen Situationen.

Da ist etwa Kirke, pflanzenkundige Zauberin, Herrin der Tiere, Ritualexpertin, die sich in Odysseus verliebt und seine Gefährten in Schweine verwandelt. Odysseus folgt dem Lockruf des Sexus und erkauft damit die Rückverwandlung seiner Mannschaft. Als er den Zyklopen blendet, einen Titanenenkel, beschimpft er ihn zu allem Überfluss, gefährdet damit seine Schiffsbesatzung – und lernt, wie bedrohlich die eigene Hybris ist. Aus der Liebesfalle mit Kalypso befreit sich Odysseus, indem er sich an die eheliche Liebe und die Ordnung des Oikos, des Heims ("Oikos") erinnert. Den Sirenen lauscht er - an den Mast gebunden und von seinen taubgemachten Gefährten nicht gehört - ihren göttlichen Gesang ab. Nur Athene, seine Mentorin, bleibt von Odysseus' Listen verschont.

Damit wird Athene zur wichtigsten Göttin der Odyssee. Von den homerischen Göttern lässt Nolan nur Athene in seinen Film. Ihre exklusive Rolle wird an den Gelenkstellen der Odyssee deutlich. Odysseus steht sie im Krieg gegen Troja, während seiner Irrfahrt (bei Kalypso) und bei seiner Heimkehr nach Ithaka zur Seite. Sie erfindet das Trojanische Pferd, dank dessen die Stadt eingenommen werden kann; Odysseus bleibt bloß der Einsatzleiter des Spezialkommandos.

Odysseus macht meist stoische Miene zum bösen Spiel, das missgünstige Götter und eine vor Hunger meuternde Mannschaft mit ihm spielen.

Schmerzglück und Angstlust

Merkwürdigerweise sehen wir von Athene nur ein Gesicht. Kopf und Körper sind kostbar verhüllt. Mehrere Gesichter irrlichtern so durch den Film. Helena, gespielt von Lupita Nyong'o, hat nach der Rückkehr nach Sparta eine vernarbte Gesichtshälfte: ein Kriegstrauma einer Frauenschönheit, die Homer (im dritten Gesang der Ilias) den Göttern gleichstellt. Agamemnon, der griechische Heerführer, zeigt niemals sein Gesicht. Wir sehen ihn, mit Ausnahme der Todesszene im heimischen Bad, während des ganzen Films meist von hinten oder hinter dem Visier seines rabenschwarzen Helms, ein Dunkler Ritter wie Nolans Batman. Odysseus macht meist stoische Miene zum bösen Spiel, das missgünstige Götter und eine vor Hunger meuternde Mannschaft mit ihm spielen. Er verkleidet und verkleinert sich aus List, um den richtigen Moment für Heldengröße zu erwischen. Nur einmal verliert er das Gesicht: Am Mast gebunden, den Sirenen lauschend, schreit er voller Pathos sein Schmerzglück und seine Angstlust heraus.

Im Film sehen wir Athene nur mit Odysseus zusammen. Wenn eine dritte Person die Szene betritt, ist die Intelligenzgöttin verschwunden. Eine Halluzination? Belügt sich Odysseus mit einer Wunschgöttin in gottlosen Nachkriegszeiten? Oder verkörpert Athene das schlechte Gewissen, das Odysseus seit den Gräueln plagt, die seine Krieger im eroberten Troja anrichteten? Dafür spricht, dass Nolan einer Tempelpriesterin, die von dem griechischen Mob enthauptet wird, das gleiche Gesicht wie Athene gibt. Eine Priesterin und Prophetin als Klugheitsgöttin: Dieser Regie-Einfall wird in einer kurzen Schnittfolge im Film beglaubigt. Erst sehen wird ein Schwert über dem Kopf der Priesterin blitzen, dann rollt der steinerne Kopf der Athene-Statue über die Stufen.

So kann man Athene als eine Stimme von innen sehen. Sie sagt dem Irrfahrer, wohin die Reise geht. Dass er sich an seine Heimat erinnern muss, die Familienordnung nicht vergessen darf. Aber sein Schicksal muss Odysseus selbst in die Hand nehmen. Nolans Film sieht ihm beim Lernen zu: Nur die Not lehrt das Beten, er ist sich selbst der beste Helfer, wenn die Götter sich verbergen. Seinem Sohn gibt Odysseus den entsprechenden Rat, besser nicht die Götter in Menschen zu sehen, sonst werde man enttäuscht.

Nolans Film erzählt mit brillantem Handwerk und visueller Opulenz von Schuld und Scham, von Krieg und Heimkehr, von den Narben der Schönheit und dem Furor des Krieges.

Posttraumatischer Held in postheroischen Zeiten

Aber da ist ja noch eine weitere Athene im Spiel. Als Odysseus sich von Penelope verabschiedet, gibt sie ihm eine bronzene Athene-Statuette mit. Sie hat die Form einer Anstecknadel. Odysseus trägt dieses Hero Prop beständig bei sich. Wenn er es zur Hand nimmt, erscheint ihm Athene. Am Ende des Films, als Odysseus Penelope vom Krieg erzählt und ihr die Athene-Brosche zeigt, sehen wir Athene und die Tempelpriesterin als eine Person danebensitzen: stumme Zeugin einer männlichen Erzählung von Kriegsverbrechen.

So wird Odysseus zur ambivalenten Figur: posttraumatisch belasteter Held in postheroischen Zeiten und Super-Migrant, Seeräuber und Plünderer, Trickster und Schauspieler. Und Meistererzähler. Nolans Odysseus ist ein sophistischer Philosoph und ein fabelfroher Erinnerungskünstler, ein furchtloser Selbsthelfer und gefürchteter Städtezerstörer, eine Figur in einer Schwellenzeit zwischen dunklem und archaischem Zeitalter, ein Prototyp des Abenteuers, der sich nicht scheut, die Grenzen der bekannten Welt zu erkunden und zu überschreiten.

Nolans Film erzählt mit brillantem Handwerk und visueller Opulenz von Schuld und Scham, von Krieg und Heimkehr, von den Narben der Schönheit und dem Furor des Krieges. Am Ende sehen wir Odysseus mit Penelope gen Westen segeln, ohne Thron, aber voller Hoffnung auf bessere Zeiten. Seine Geschichte, lässt ihn Nolan am Filmende pathetisch zu Penelope sagen, solle nur besungen werden, "weil der Gesang alles sein wird, was ihnen bleibt, um sich an diejenigen von uns zu erinnern, die schreiben konnten." In diesem Sinne besingt Nolans Film auf imponierende Weise Homers Epos.

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